Literatur als Klartext. Wie Rechte lesen

Ellen Kositza mag keine abgefuckten Texte. Abgefuckt sind Texte, die die Welt so zeigen, wie sie nicht sein soll. Solche Literatur macht ihre Leser »böse« und »schlecht«. Nur wenn sie einen »kritischen Mehrwert« hat, kann man ihr etwas abgewinnen. »Hochzufrieden« ist die neurechte Publizistin vor allem mit Texten, die Klartext sprechen.1 Wenn Autorinnen und Autoren sich trauen, die Dinge beim Namen zu nennen. Wenn sie eine Figur als Sprachrohr nutzen, um Wahrheiten auszusprechen, die ein vermeintlicher Mainstream leugnet. So eine Autorin ist für Kositza Monika Maron.

(Der Text ist im Märzheft 2021, Merkur # 862, erschienen.)

Maron gilt als kontroverse Autorin. Und das nicht erst, seitdem der Fischer-Verlag sich im Oktober 2020 nach neununddreißigjähriger Zusammenarbeit von ihr trennte. Als Grund dafür gab der Verlag einen Essayband an, den Maron im Frühjahr 2020 in der Reihe »Exil« des Dresdner Buchhaus Loschwitz veröffentlicht hatte. Von Marons »politischer Unberechenbarkeit« soll nach Angaben der Autorin die Rede gewesen sein.2

Das Buchhaus Loschwitz wird von Susanne Dagen zusammen mit ihrem Ehemann geleitet. Dagen ist einer breiteren Öffentlichkeit spätestens seit 2017 ein Begriff, als sie nach Protesten gegen rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse als Initiatorin der Charta 2017 dem Börsenverein des deutschen Buchhandels vorwarf, einer »Gesinnungsdiktatur« Vorschub zu leisten.3 Schon vor der Publikation in der Exil-Reihe wurde über Marons jüngere Romane, in denen gesellschaftliche Debatten von Gender- und Identitätspolitik bis hin zur Flüchtlingskrise aus der Warte exzentrischer Figuren beobachtet und oft polemisch kommentiert werden, in den Feuilletons viel diskutiert. Dass die einstige DDR-Dissidentin sich darüber hinaus seit etwa zehn Jahren öffentlich kritisch zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung äußert, macht sie für die neurechte Literaturkritik zu einer interessanten Figur.

In dem seit 2018 auf Youtube abrufbaren Video-Format Aufgeblättert. Zugeschlagen, in dem Kositza und Dagen mit einem wechselnden Gast nach dem Vorbild des Literarischen Quartetts populäre Literaturkritik betreiben, wurden Texte von Maron bisher zweimal besprochen. Die Romane Munin oder Chaos im Kopf (2018) und Artur Lanz (2020) wurden insbesondere von Kositza dafür gelobt, dass ihre Verfasserin zwischen sich selbst und ihren Protagonistinnen Mina Wolf beziehungsweise Charlotte Winter keinen Unterschied mache: »Hier spricht natürlich Monika Maron«, betont Kositza. Dagen ist in dieser Hinsicht etwas vorsichtiger: Als Kositza von »Charlotte Winter alias Monika Maron« spricht, wirft sie relativierend ein »Nein, nicht alias« und verweist auf die Gefahr, dass sich die Literaturkritik stärker mit der Persönlichkeit der Autorin als mit ihrer Kunst befasse.

Doch Kositza übergeht diese Bedenken schlicht: »Ja, Frau Maron irritiert wahnsinnig«, lautet ihre Antwort auf Dagens Einwurf. Auch wenn in beiden Sendungen vereinzelte Hinweise auf die komplexe Erzählstruktur und die wechselnden Erzählperspektiven in den Romanen fallen, sind sich die Gastgeberinnen und ihre Gäste – in der Munin-Folge die neurechte Publizistin Caroline Sommerfeld, in der Sendung zu Artur Lanz der Karikaturist und Autor Bernd Zeller – generell einig, dass die Qualität der Bücher vor allem darin liege, dass hier jemand »frei von der Leber« spreche. Besonders begrüßenswert findet Kositza, dass Maron auch in Interviews keinen »Rückzieher« mache: »dass sie sich also überhaupt nicht zurückzieht […] und sagt: Nein, so habe ich es doch gar nicht gemeint, das legen Sie mir jetzt in den Mund, sondern sie bleibt bei dem, was sie sagt«.4

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