Papa, was hast du im Krieg gemacht? Der Algerienkrieg in der europäischen Erinnerungskultur

Ob sich Väter und Großväter im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht und welche traumatischen Erlebnisse sie mit nach Hause gebracht hatten, blieb eine meist unvollständig beantwortete Frage deutscher Kinder und Enkel. Gestellt wurde sie auch in Frankreich, nicht an die Kombattanten der drôle de guerre 1939ff., sondern an die appelés, an Berufssoldaten und Wehrpflichtige, die zwischen 1954 und 1962 im Algerienkrieg gedient hatten. Ehefrauen und Kinder erfuhren wenig von ihren Erlebnissen, oft kam das Gespräch erst mit dem Ableben eines Einberufenen in Gang.

Generell deckte eine kollektive Amnesie »die Ereignisse« zu, die offiziell nie als ein Krieg deklariert worden waren, vom Gros der Franzosen wenig beachtet und von den meisten als zulässige Bekämpfung eines bewaffneten Aufstands bewertet wurden. Anders als retrospektiv bei der deutschen Wehrmacht waren da nach allgemeiner Überzeugung keine unzulässigen Eroberer weitab von der Heimat unterwegs gewesen, sondern Ordnungskräfte auf dem Gebiet der französischen Republik, »une et indivisible«, die nach den Worten von François Mitterrand und Charles de Gaulle »von Dünkirchen bis Tamanrasset«, vom Ärmelkanal bis in die südliche Sahara reichte.

Krieg ohne Namen

Die an der Universität Paris-Nanterre lehrende Zeithistorikerin Raphaëlle Branche hat vor zwanzig Jahren die maßgebliche Bilanz von Folter- und Kriegsverbrechen im Algerienkrieg vorgelegt und sich nun der mündlichen Geschichtsschreibung des »familiären Schweigens« gewidmet. 1 Von 1954 an wurden wehrfähige Franzosen der Jahrgänge 1938ff. für achtzehn Monate einberufen, in der Summe rund 1,5 Millionen conscrits, viele nicht einmal volljährig, bei damals 45 Millionen Einwohnern. Eingezogen zu werden war seinerzeit nichts, wogegen man sich wehren konnte oder sollte, man »machte« Algerien so selbstverständlich wie die Großväter »14/18« und die Väter »39/45«.

Alles andere als normal war hingegen, dass jenseits des Mittelmeers ein Krieg ohne formellen Gegner, ohne Schlachten, ohne Regeln geführt wurde, kaschiert als Polizeiaktion zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Völlig unvorbereitet waren die jungen Männer mit schrecklichen Gewaltakten konfrontiert respektive daran beteiligt; dem Front National de Libération (FLN), einer aus dem Hinterhalt operierenden Guerilla, wollte die Armee mit Folter und Razzien beikommen.

Der Wehrdienst war ein rite de passage für junge, meist unverheiratete Arbeiter oder Studenten, die in der Regel noch bei ihren Eltern wohnten; nach der Demobilisierung würden sie »ins Leben treten«, eine Arbeit oder ein Studium antreten und Familien gründen. So auch hier, doch diese von Scham und Ekel besetzte Passage verschlug den Heimgekehrten die Sprache – es wollte auch kaum jemand davon hören, und da am Ende jeder einzeln entlassen wurde, konnte sich auch keine »Algerien-Generation« bilden und Gehör verschaffen.

Vor allem die letzten Jahrgänge hatten in einem »Nichtkrieg« gedient, den de Gaulle 1960 zu beenden begonnen hatte, womit der Kampf fürs Vaterland vollends sinnlos wurde. Die Appelés verkörperten die Niederlage, nach dem Fiasko von Ðiện Biên Phủ 1954 war in Nordafrika der Rest des Kolonialimperiums verlorengegangen. Die französische Gesellschaft kümmerte sich weder um Schuld noch Trauma und ging 1962 rasch zur Tagesordnung über. Sie wollte absolut modern werden, und das algerische Drama sank in ein kollektives Vergessen, was die von de Gaulle verfügte Generalamnestie noch verstärkte.

Die Jungen waren nicht durchweg traumatisiert, auch sie genossen die trente glorieuses, das französische Wirtschaftswunder. Doch nicht wenige waren arbeitsunfähig, wurden gewalttätig gegen Frauen und Kinder oder versanken in Depression und Trunksucht. Die »Bewältigungsarbeit« hatten die Familien zu leisten. Zaghafte Rückfragen der Kinder und Enkel erhoben Einspruch gegen das Schweigen, Anlässe waren Souvenirstücke, Fotoalben, kulinarische Extravaganzen, auch die exotischen Namen für manche Kinder.

Einberufene hatten aber auch rebelliert, bis hin zur Fahnenflucht. Den einen widerstrebte es, die Ernte nicht einfahren zu können, den gerade begonnenen Job aufgeben zu müssen, Freunde und Freudinnen verlassen zu sollen; andere standen der Kommunistischen Partei (PCF) und der Friedensbewegung nahe oder verweigerten sich aus religiösen Gründen diesem »Krieg ohne Namen«. 2

La guerre sans nom war keine guerre sans non: Je länger er dauerte und je absurder er wurde, desto mehr Franzosen befürworteten einen raschen Waffenstillstand und die Unabhängigkeit Algeriens. Als die von den Unterhändlern im Juli 1962 in Evian besiegelt wurde, war der Kolonialkrieg längst zum innerfranzösischen Bürgerkrieg geworden. Von Algier aus zettelten Militärs den Coup d’état an, die »Organisation de l’armée secrète« (OAS), eine von radikalen Algerienfranzosen gegründete und von abtrünnigen Generälen geführte Terrortruppe, überzog Kolonie und Metropole mit Attentaten, denen de Gaulle zweimal nur knapp entkam. Auch aus diesen Todesschwadronen sammelte sich 1972 die radikale Rechte im Front National, deren Gründer Jean-Marie Le Pen als junger Soldat mutmaßlich ein Folterer gewesen war.

Die OAS, die den Mythos der armée secrète aus der Résistance-Zeit entwendet hatte, nahm vor allem »Verräter« wie die sogenannten porteurs de valises (Kofferträger) ins Visier: Sympathisanten, Logistiker und Brigadisten, die den FLN unterstützten, 3 am auffälligsten das Réseau Francis Jeanson, das im Namen seines Gründers ebenfalls den Mythos der Résistance aufgriff, womit im Übrigen beide Seiten die bürgerkriegsartige Konstellation der 1940er Jahre reproduzierten. Unterstützer rekrutierten sich aus linken, gewerkschaftlichen, kirchlichen, studentischen und intellektuellen Milieus, und mit der Zweigstelle des europäischen FLN-Hauptquartiers in Bonn-Bad Godesberg entstand eine klandestine Unterstützerszene in Deutschland um »Ben Wisch«, den Jungsozialisten und Gewerkschaftssekretär Hans-Jürgen Wischnewski. 4

In Frankreich mehrte sich die kritische Berichterstattung in Tageszeitungen und Wochenmagazinen, Menschenrechtsgruppen und Anwaltskollektive verteidigten Oppositionelle, das Manifest der 121 vom 6. September 1960 proklamierte das Recht auf Desertion und zivilen Ungehorsam. Jean-Paul Sartre verhaftete man (in den Worten Charles de Gaulles) so wenig wie Voltaire, weniger Prominente hingegen wurden angeklagt, verloren ihre Stellung oder gingen ins Ausland.

Das alles erreichte die breite Masse und auch das Gros der Anhänger der Linksparteien PCF und SFIO nicht, die sich im Algerienkrieg ohnehin kompromittiert hatten. Die Ableger der Linksparteien in der Kolonie verstanden sich als Interessenvertreter der weißen Unter- und Mittelschichten, Autonomieforderungen der Araber und Berber berührten sie wenig; die KP stufte nationalistische Befreiungskämpfe von Bauern als reaktionär ein, was noch den Affekt gegen die vom Maoismus beeinflusste Studentenrevolte zehn Jahre später erklären kann. Diese Borniertheit, nicht nur in der Kolonialfrage, stärkte neulinke Strömungen wie den Parti socialiste autonome (PSA), nach Italien oder China blickende KP-Dissidenten und trotzkistische Sekten, ebenso die linkschristliche CFTC-Gewerkschaft und christliche »tiers-mondistes«. Doch das praktische Geschäft der Entkolonialisierung betrieben Gaullisten, die 1958 mit dem Versprechen der Algérie Française an die Macht gekommen waren. 5

Zur Ehrenrettung der algerischen Jahre sind zwei Appelés hervorzuheben: Pierre Bourdieu und Michel Rocard. Bourdieus epochales soziologisches Werk wurzelt in seinen Erfahrungen als Soldat, dann als Forscher Ende der 1950er Jahre, inhaltlich im Blick auf die Pauperisierung und Proletarisierung einer ländlichen Gesellschaft, methodisch mit der Ausarbeitung seiner ethnografischen Studien zu einer »Theorie der Praxis«. 6

Hierzulande weniger bekannt ist, dass Michel Rocard, der spätere Premierminister Frankreichs, 1958 als Finanzbeamter nach Algerien abgeordnet war und einen kritischen Bericht über die dortigen camps de regroupement verfasst hatte. 7 Zwei Millionen aus ihren Dörfern deportierte Algerier, fast die Hälfte der algerischen Landbevölkerung, waren unter Zurücklassung ihrer Habe, Tiere und Vorräte vertrieben und eingesperrt worden, um sie dem Einfluss des FLN zu entziehen und die verlassenen Landstriche freizumachen für Luftangriffe, auch mit Napalm-Einsätzen. 200 000 Menschen, darunter Kleinkinder, sollen den Ermittlungen Rocards zufolge regelrecht verhungert sein. Presseveröffentlichungen führten nicht zur Auflösung der Lager, verbesserten aber die Lage der Internierten und verstärkten die Kriegsmüdigkeit. Rocard zählte zu den dreyfusards, deren Algerien-Engagement sich vor allem der Sorge um die Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich verdankte. Nach der Fusion des PSA mit linkskatholischen Kriegsgegnern und Exkommunisten zum Parti socialiste unifié (PSU) wurde er deren wichtigster Repräsentant neben Pierre Mendès France. Genau wie dieser ein Verfechter des »parler vraie«, stach der 2016 verstorbene Rocard stets aus der Pariser classe politique hervor.

Krieg der Erinnerungen

Nach buchstäblich Tausenden von Büchern und Aufsätzen über »die algerischen Jahre« und nach eindrücklichen TV-Dokumentationen kann man nicht länger behaupten, das Drama sei unbekannt und werde mit Schweigen bedacht. 8 Doch auch wenn die kollektive Erinnerung aus der Familien- und Privatsphäre in die öffentliche Debatte übergegangen ist, hat Benjamin Stora an der französischen (ebenso wie an der algerischen) »Aufarbeitung der Vergangenheit« zu Recht deren antagonistische Versäulung kritisiert. 9 Das heißt: Opfer wie Täter führen ihre Kämpfe weiter, streben keinen Konsens und keine wirklich plurale Erinnerung an, obwohl doch klar ist, dass es in der »algerischen Tragödie« keine eindeutig »Guten« und »Bösen« gegeben hat (was weder die Berechtigung des Kolonialaufstands leugnen noch den individuellen Mut der Protagonisten schmälern soll).

Für die umfassende Aufarbeitung muss man weitere minoritäre Parallelgruppen würdigen, denen nach 1962 ebenso wenig Gerechtigkeit und Genugtuung widerfahren ist wie den Appelés. Schlüsselakteure sind die Harki, dazu die aus Algerien vertriebenen Juden und cum grano salis die Nachfahren der Pieds-noirs, die das unabhängige Algerien unter dem Eindruck der an ihnen verübten Massaker Hals über Kopf verlassen mussten. Der etymologisch unklare, seit Mitte der 1950er Jahre gebräuchliche Sammelbegriff »Schwarzfüße« bezeichnet die heterogene Gruppe in Nordafrika lebender Siedler, von denen viele aus Elsass-Lothringen, Korsika und anderen Mittelmeerregionen stammten; im Verhältnis zur arabischen und berberischen Mehrheit waren sie privilegiert, doch gemessen am Wohlstandsniveau im »Mutterland« lebten sie in eher bescheidenen Verhältnissen und relativer Armut. Diese kulturelle und ethnisch-soziale Distinktion stärkte noch den Beharrungswillen der Algérie française und nährte die spätere Nostalgie.

Die rund 800 000 Pieds-noirs, die Algerien in einer wahren Massenflucht verließen, wurden als »rapatriés« registriert, obwohl die große Mehrheit nicht aus Frankreich stammte oder seit Generationen in Nordafrika gelebt hatte. Frankreich bot ihnen weder Heimat noch Vaterland und kümmerte sich wenig um die materiellen und emotionalen Verluste der Pieds-noirs. Eher fungierten sie, darin den deutschen Heimatvertriebenen ähnlich, summarisch als Sündenböcke.

Da in dieser frankoalgerischen Parallelgesellschaft das übliche Rechts-links-Spektrum ausgebildet war, gab es auch sogenannte pieds-rouges, die zu Tausenden in Algerien blieben. Dort fehlten aber auf einen Schlag rund zehn Prozent der Bevölkerung in den fruchtbaren und urbanisierten Küstenstreifen und klafften große Lücken im Wirtschaftssystem des unabhängigen Landes. Erst Jahre und Jahrzehnte später ist auf beiden Seiten des Mittelmeers ins Bewusstsein gedrungen, wie divers die algerische Siedlergesellschaft war, welchen kulturellen Reichtum sie aufwies und wie beide Nationen von einer postkolonialen Kooperation hätten profitieren können.

Noch mehr zwischen alle Fronten und Stühle gerieten die Harki, »muslimische« Aushilfskräfte der französischen Armee verschiedener Rangstufen, das arabisch-berberische Pendant der Appelés. Ihre Beweggründe zur Kollaboration reichten von der Loyalität mit der französischen Nation über das beachtliche Salär bis zu Gewalterfahrungen durch den FLN. In zivil-administrativen und militärisch-polizeilichen Funktionen waren Anfang der 1960er Jahre rund eine halbe Million überwiegend männlicher Algerier tätig, ungefähr so viele wie Kombattanten des FLN. Dies demonstriert die Dimension des inneralgerischen Bürgerkriegs.

In dem chaotischen Sommer des Jahres 1962 dienten die Harki als Kontrastfolie des FLN-Mythos: hier die glorreichen moudjahidin und shahid, dort die verachtenswerten Harki. Weil sie sich an Folter und Razzien beteiligt hatten, waren sie wilden Säuberungen und Racheakten ausgesetzt; manche wurden durch standrechtliche Volkstribunale hingerichtet oder verbrachten viele Jahre hinter Gittern, andere setzte die Armee bei riskanten Minenräumoperationen an den Grenzen zu Marokko und Tunesien ein.

Noch 1999 entzog ein algerisches Veteranengesetz »Personen, deren Positionen während der Revolution zur nationalen Befreiung gegen die Interessen des Vaterlands verstießen und deren Verhalten würdelos war, ihre zivilen und politischen Rechte«. Diese Unversöhnlichkeit trifft auch die nächsten Generationen; das Stigma, Sohn oder Tochter eines Harki zu sein, kommt in einem Land, in dem Posten über persönliche Beziehungen verteilt werden, oftmals dem sozialen Tod nahe. 10

Rund 25 000 Harki waren nach Frankreich geflohen, wo sie in der Regel ähnlich schlechtangesehen waren und in Notunterkünften hausen mussten; die Staatsbürgerrechte wurden ihnen per Dekret von Frankreich entzogen. So galten sie in Frankeich als Algerier und vielen dortigen Algeriern als collabos – Verräter. Auch in Frankreich ließen Anerkennung und Entschädigung lange auf sich warten, und in das entsprechende Gesetz von 2005 war ein Artikel eingeschleust worden, der die Anerkennung der »guten Seiten« der französischen Kolonialherrschaft postulierte, die im Schulunterricht durchgenommen werden sollten. 11 Die mittlerweile besser organisierten Harki blieben Projektionen eines kolonialen Revisionismus und mussten sich etwa von Marine Le Pen als »patriotische Muslime« loben lassen. Die zweite und dritte Generation sucht nun aber den Konsens mit Migranten im gemeinsamen Kampf gegen den Rassismus, der beide Gruppen unterschiedslos trifft.

Wie im Brennglas führt schließlich das Schicksal der algerischen Juden die Lücken der Erinnerung an den Algerienkrieg vor Augen. Seit der Antike in Nordafrika ansässig, komplettiert durch die vor der Reconquista geflohenen Sepharden und im Osmanischen Reich als dhimmi (schutzbefohlene Untertanen) geduldet, erlangten die in der Kolonie lebenden Juden mit dem wegweisenden Crémieux-Dekret von 1870 die rechtliche Gleichstellung, was sie allerdings nicht vor Pogromen und dem Entzug ihrer Rechte unter dem Vichy-Regime bewahrte.

Traditioneller Antijudaismus und moderner Antisemitismus hielten Juden in einem prekären Status, auch wenn sie häufig in freien Berufen vertreten waren und in Teilen zur Siedlerelite zählten. Säkulare arabische Nationalisten luden die Juden ein, sich dem antikolonialen Aufstand anzuschließen, doch die meisten blieben an der Seite Frankreichs oder in einer abwartenden Neutralität. Während des Kriegs wurden Friedhöfe zerstört und Synagogen in Moscheen umgewandelt, es schwand der Einfluss jüdischer Menschen im Alltagsleben, in den Bildungsstätten und in der populären Kultur.

1962 übersiedelten die meisten mit den Pieds-noirs nach Frankreich, nur wenige gingen nach Israel; in der Metropole wurden sie von aschkenasischen Gemeinden aufgenommen, die dadurch ihren Charakter veränderten. Algerien erklärte sich in der Verfassung von 1976 zur »islamischen Nation«, in der nur noch wenige Hundert Juden leben. Eine Goodwill-Tour von Enrico Macias, einem beliebten algerisch-jüdischen Chansonnier, dessen Schwiegervater vom FLN ermordet worden war, wurde zweimal auf Druck von Islamisten abgesagt.

Nachbar Algerien

Die Studie von Raphaëlle Branche zeigt, wie die »Aufarbeitung der Vergangenheit« mit einer synchronen Selbstkulpabilisierung und Selbstviktimisierung in die Privatsphäre abgedrängt war. Die transgenerationelle Weitergabe des Schweigens, der Lügen und der Traumata hat auch die Nachgeborenen belastet. Das gilt auch für Algerien. Spiegelbildlich zu seiner Selbstheroisierung pflegt das FLN-Regime das Schwarz-weiß-Bild eines rein frankoalgerischen Antagonismus, kaum korrigiert durch eine freie Debattenöffentlichkeit oder eine selbstbewusst gewordene Zeitgeschichtsschreibung. 12

Jüngste Annäherungsversuche zwischen den Präsidenten beider Länder werden konterkariert durch die fehlende Legitimität des algerischen Amtsinhabers Abdelmadjid Tebboune und die deutlich antifranzösische, gegen Emmanuel Macron persönlich gerichtete Note des seit 2019 laufenden Volksaufstands (Hirak). Und die französische Rechte hält sich mit Belehrungen nicht zurück: »Die algerischen Führer fordern Pardon für die Vergangenheit, um von der Gegenwart abzulenken: eine Volkswirtschaft in Trümmern, eine vernachlässigte Jugend, ein Land im Niedergang. Es wird Zeit, dass sie sich dem Ergebnis von sechzig Jahren Unabhängigkeit stellen.« 13 Hier identitärer Nationalismus, dort islamistischer Fanatismus: Das Erbe des Algerienkriegs bleibt toxisch und überschattet ganz Europa.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Raphaëlle Branche, La torture et l’armée pendant la guerre d’Algérie 1954–1962. Paris: Gallimard 2001; dies., »Papa, qu’as-tu fait en Algérie?« Enquête sur un silence familial. Paris: La Découverte 2020.
  2. Vgl. Patrick Rotman /Bertrand Tavernier, La guerre sans nom. Les appelés d’Algérie 1954–1962. Paris: Seuil 1992.
  3. Hervé Hamon /Patrick Rotman, Les porteurs de valises. La résistance française à la guerre d’Algérie. Paris: Albin Michel 1979; Charlotte Gobin, Genre et engagement. Devenir »porteur-e de valises« en guerre d’Algérie. Diss. Universität Lumière-Lyon 2017.
  4. Claus Leggewie, Kofferträger. Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland. Berlin: Rotbuch 1984.
  5. Pierre Vidal-Naquet, Une fidélité têtue. La Résistance française à la guerre d’Algérie. In: Vingtième Siècle, Nr. 10, April-Juni 1986.
  6. Pierre Bourdieu, Algerische Skizzen. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs u.a. Berlin: Suhrkamp 2010; ders., Images d’Algérie. Une affinité élective. Arles: Actes Sud 2003. Kritisch dazu Kamel Chachoua, Pierre Bourdieu et l’Algérie: Le savant et la politique. In: Remmm, Juni 2012 (journals.openedition.org/remmm/7522).
  7. Michel Rocard, Rapports sur les camps de regroupement. Paris: 1001 Nuits 2003.
  8. Mohammed Harbi /Benjamin Stora (Hrsg.), La Guerre d’Algérie. La fin de l’amnésie. Paris: Laffont 2004
  9. Benjamin Stora, La guerre d’Algérie quarante ans après. Connaissances et reconnaissance. In: Modern & Contemporary France, Nr. 2/2, 1994.
  10. Pierre Daum, Le Dernier Tabou. Les »harkis« restés en Algérie après l’indépendance. Arles: Actes Sud 2015; Lydia Aït Saadi-Bouras, Les harkis dans les manuels scolaires algériens. In: Les Temps Modernes, Nr. 5, 2011.
  11. Stefan Brändle, »Wir haben den Status von Aussätzigen«. In: Frankfurter Rundschau vom 21. September 2018. Vgl. Anna Laiß, »Verräter« oder »Opfer«. Die Diskussion über algerische Hilfssoldaten an der Seite des kolonialen Frankreich. In: iz3w, Nr. 336, 2013.
  12. Benjamin Stora, La gangrène et l’oubli. La mémoire de la guerre d’Algérie. Paris: La Découverte 1992; Sylvie Thenault, France-Algérie. Pour un traitement commun du passé de la guerre d’indépendance. In: Vingtième Siècle, Nr. 85, Januar-März 2005. Im Januar 2021 nahm Staatspräsident Macron den von Stora vorgelegten Rapport sur la colonisation et la guerre d’Algérie entgegen, der konkrete Vorschläge für eine gemeinsame Aufarbeitung enthält (www.lefigaro.fr/histoire/rapport-sur-la-colonisation-et-la-guerre-d-algerie-benjamin-stora-un-historien-entre-deux-rives-20210120).
  13. Marine Le Pen, zit. n. Le Monde vom 10. Juli 2020.

3 Kommentare

  1. János Riesz sagt:

    Sehr klarer, gut strukturierter und rücksichtsvoll bewertender Aufsatz über ein sehr delikates Thema, sowohl von Frankreich wie von Algerien aus.

  2. Brigitte Müller sagt:

    Dies ist ein wunderbarer Artikel, denn mit der Geschichte des antikolonialen Algerienkrieges kann man besser verstehen, warum Frankreich heute so tickt, wie es tickt. Die Verlierer des französischen Kolonialismus führen ihren Krieg nun weiter gegen die Franzosen aus den ehemaligen Kolonien, wie sie heute in den Armenvierteln der „banlieue“ leben. Sie nennen es verlogen den Kampf für Laizismus in der Republik.

  3. Reiner Girstl sagt:

    Das kann man so, alles viel unterhaltsamer bei Izzo in der Marseilles Tribologie lesen, wo die ganzen Spannungspunkte der französischen Gesellschaft beschrieben werden und natürlich bei Fanon und bei Mbembe in „Politik der Feindschaft“. Aber um bei Izzo zu bleiben, aus Romanen kann viel mehr über die Wirklichkeit lernen, als aus gelehrten Abhandlungen, so hat es Richard Rorty schon vor Jahren auf den Punkt gebracht.

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