Philister, Autodidakten, Parrhesiasten. Bildungsfiguren im Diskurs der Neuen Rechten

Die Inszenierung des Bildungsbürgerlichen gehört zum guten Ton der Neuen Rechten. Ihre intellektuellen Galionsfiguren treten gern als aufrechte Kämpfer gegen das kulturelle Vergessen auf. Götz Kubitschek etwa lässt sich dafür feiern, »Homer im Original« gelesen zu haben.1 Der »Kosmos rechten Denkens«, von dem er in seinem Buch Provokation spricht, ist vor allem ein Kosmos aus Texten und Lektüren, die den Autor nach eigener Auskunft bei der »Suche nach dem rechten Maß« angeleitet haben (»Romane sogar noch besser als theoretische Schriften«). Ein von ihm mitherausgegebener Sammelband, der die »je prägenden Lektüren« wichtiger Figuren der Neuen Rechten präsentiert,2 wird als Beleg dafür reklamiert, »wie tief, breit und gründlich die Neue Rechte liest und denkt«.

(Der Text ist im Märzheft 2021, Merkur # 862, erschienen.)

Eine solche Selbststilisierung erfolgt natürlich nicht ohne strategisch-politische Absichten. Bildung hat, folgt man dem Latinisten Manfred Fuhrmann, wesentlich den »Zweck, Tradition zu sichern«.3 Die Orientierung an der Tradition ist das Antidot gegen die »Neophilie«4 von Gesellschaftsreformern und Fortschrittsenthusiasten. Nicht umsonst ist der Titel des erwähnen Sammelbands Ray Bradburys Fahrenheit 451 entliehen.

Der Roman erzählt von der Kraft der Mnemopoetik in Zeiten der Vernichtung kultureller Überlieferungstechniken. Die Figuren memorieren die Texte, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Am Ende der Geschichte trifft der Protagonist Guy Montag auf eine Gruppe aus ehemaligen Akademikern: »Fred Clement, früher Inhaber des Lehrstuhls für Literaturgeschichte an der Harvard-Universität«, ein »Ortega-y-Gasset-Forscher« und ein ehemaliger Pfarrer, dem »die Gemeinde abhanden kam«. »Wir bestehen«, lässt Bradbury ihren Anführer Granger sagen, »aus lauter Bruchstücken von Geschichte und Literatur und Völkerrecht, Byron, Tom Paine, Machiavelli, Christus, alles vorhanden. Und höchste Zeit dazu. Der Krieg ist ausgebrochen. Wir sind hier draußen, und dort ist die Stadt, hübsch eingewickelt in ihren kunterbunten Mantel.«5

Das Szenario von Fahrenheit 451 eignet sich wunderbar als Projektionsfolie für das Selbstbild der Neuen Rechten als Kulturbewahrer in barbarischen Zeiten. Der Lesekreis besteht aus Leuten, die aus verschiedenen Gründen mit dem Projekt der Neuen Rechten in Zusammenhang stehen: Martin Sellner, dem Gründer der Identitären, Erik Lehnert, dem Geschäftsführer des Instituts für Staatspolitik, Caroline Sommerfeld und anderen. Das Buch im Haus nebenan ist ein der Mündlichkeit enthobener Lesekreis. Der Text evoziert das romantische Genre »Gespräch über Poesie«. Nicht umsonst versteht sich die Neue Rechte als Wiedergängerin der deutschen Romantik: »In der deutschen Romantik finden wir Deutschen zu uns selbst. Die deutsche Romantik ist die Entdeckung des Volksgeistes und die Entdeckung der Nationalkultur, was erklärt, weshalb sie an Schulen und Universitäten heute kaum noch eine Rolle spielt. Umso wichtiger sind Institutionen außerhalb des staatlichen Bildungsbetriebes, die sich der Romantik annehmen.«6

Zwar ist es geradezu aberwitzig zu behaupten, die Romantik spiele an Schulen und Universitäten heute nur noch eine marginale Rolle. Für das neurechte Narrativ, demzufolge die »wahre« Romantik nur außerhalb des staatlichen Bildungsbetriebs zu finden sei, ist diese Behauptung gleichwohl konstitutiv. Was dabei unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass es ausgerechnet die Romantiker waren, deren Bildungsdenken und deren institutionelle Reformfähigkeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine enge Verbindung mit der neuformierten Staatlichkeit eingingen. »Was man daher höhere wissenschaftliche Anstalten nennt«, schreibt Wilhelm von Humboldt über die Universität, sei zwar »von aller Form im Staate losgemacht«, soll aber durch staatliche Mittel alimentiert werden. Der Staat muss »das innere Wesen vor Augen haben«,7 das die Universität ausmache, sonst versagt er. Der Zweck des Staates aber liegt, so kann man Humboldt als Gegenrede gegen jede neurechte Aneignung der Romantik zitieren, in der »Förderung der Humanität, d.h. der Zweck des Staates ist der Mensch«. Adresse der Humanitätsanstrengungen ist der Mensch, nicht der deutsche Mensch. Das Humanitätsideal bezieht sich nicht auf eine Nation, sondern auf das Menschengeschlecht. Der wahre Zweck des Menschen wiederum ist die »höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen«. Zu dieser Bildung des Einzelnen zu sich selbst ist »Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung«.8

Die Funktion der »Welterschließung und Daseinsaufschlüsselung«, die Kubitschek und Kositza dem Lesen zusprechen, ist eine Erfahrung von Herkunft und Heimat, die ihnen die offizielle Kultur gerade verweigert. Die Neurechten verfolgen das Projekt der Neuformierung des kulturellen, politischen und literarischen Gedächtnisses und der Wiederherstellung von Verbindlichkeit jedoch auf eine Weise, die jegliche Rückbindung von Bildung an Ideale von Humanität und Gleichheit konsequent unterläuft. Dabei kristallisieren sich drei für den politischen Charakter der neurechten Bildungsprogrammatik entscheidende Bildungsfiguren heraus: der Autodidakt, der jenseits der Institutionen sein intellektuelles Glück findet; der Philister, der um die Wahrheit weiß, wobei er Differenzen und Zwischentöne hartnäckig verleugnet; und schließlich der Parrhesiast im Sinne Foucaults, der eine offensive Politik der Wahrheit betreibt.9

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