Sklaverei, Moral und Kapitalismus. Geschichtskolumne

Nach gängiger Lehrmeinung leitete das Verbot des Sklavenhandels zu Anfang des 19. Jahrhunderts – gesetzlich besiegelt zuerst in Dänemark, Großbritannien und den USA – das Ende einer prosperierenden Kolonialwirtschaft ein, die in den an dem Geschäft beteiligten Staaten in zunehmendem Maß politisch und moralisch als nicht mehr länger tragbar empfunden wurde. So prangerte die mehrheitlich von Evangelikalen getragene, auch international einflussreiche Abolitionsbewegung in Großbritannien Sklaverei als Sünde und Verbrechen gegen die göttliche Vorsehung an. Der Appell an das Mit-Leiden mit den Versklavten war dadurch mit der Verheißung eines reinen Gewissens verbunden. Der Erfolg der britischen Antisklavereibewegung stand überdies im Einklang mit einem nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien neuformulierten nationalen Interesse. Abolitionismus wurde typischerweise als Emblem nationaler Tugend verstanden, als Ausdruck der scheinbar grenzenlosen Freiheitsliebe der Briten.1

(Der Text ist im Märzheft 2021, Merkur # 862, erschienen.)

Die historische Forschung hat sich intensiv mit den ethischen, religiösen und moralischen Argumenten auseinandergesetzt, die in den öffentlichen Debatten um die Ächtung des Sklavenhandels eine so prominente Stellung einnahmen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Studien, die die ökonomische Dimension der Abolition betonen und von dieser Frage aus interessante Perspektiven eröffnen. So zeigen sie, wie »freie Arbeit« in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend zu einem Dogma des Abolitionismus, sondern auch zu einer Kernideologie der sich massiv entfaltenden kapitalistischen Ordnung wurde. Die abolitionistische Doktrin half in der nordatlantischen Welt, innenpolitisch die neue industriegesellschaftliche Ordnung abzusichern, indem sie dafür grundlegende soziale und moralische Werte wie freie Marktwirtschaft und Selbstverantwortung anpries. Zugleich spielte die Antisklavereibewegung eine wichtige Rolle dabei, Lohnarbeit im Rahmen der atlantischen kapitalistischen Ökonomie ideologisch als Normalfall zu privilegieren. Die Praxis sah häufig jedoch anders aus. Der eng mit der Baumwollproduktion verbundene Aufstieg des Kapitalismus in den Vereinigten Staaten etwa basierte bis zum amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) vor allem auf Sklavenarbeit.2

Wie eng ökonomische und ideelle Kräfte im Kampf gegen den Sklavenhandel ineinander verzahnt waren, zeigt ein Blick auf den moralisch motivierten Konsumboykott Anfang des 19. Jahrhunderts, der spätere Praktiken etwa im Kontext der Anti-Apartheid-Bewegung vorwegnahm. »Die Sklaverei war in jenem Moment dem Untergang geweiht, als mit jedem Löffelgriff in die Zuckerdose das Seufzen des fernen und unsichtbaren Sklaven hörbar schien.«3 Auf vielen dieser Dosen stand bald »Nicht von Sklaven produzierter Zucker«. Auf diese Weise manifestierte sich, wie die in Cambridge lehrende Historikerin Bronwen Everill herausgearbeitet hat, die Marktmacht der Konsumenten, die dazu beitrug, die globale Ökonomie zu verändern. Abolitionisten in Europa, den Vereinigten Staaten und in Westafrika nutzten neue Vorstellungen von Angebot und Nachfrage, Konsumentenkrediten und branding, um einen »ethischen Kapitalismus« zu etablieren.4

Sie verwiesen darauf, dass der Konsum von Zucker, Tabak oder Baumwolle aus Sklavenwirtschaft zur Verfestigung der bestehenden Verhältnisse beitrage. Einigen schien daher der völlige Verzicht auf diese Güter der beste Weg, das System zu ändern. Andere hingegen plädierten dafür, auf »freier Arbeit« basierende Alternativen zu fordern. Aus diesem Grund experimentierten die Abolitionisten mit verschiedenen Zollregelungen und Produktionsmethoden, um die Preise für auf ethisch vertretbare Weise produzierte tropische Waren nach unten zu treiben. Sie waren davon überzeugt, dass die Plantagenbesitzer von selbst auf Sklavenarbeit verzichten würden, sobald die gleichen Produkte aus freier Arbeit billiger angeboten würden.

In der Praxis war dieses Ziel allerdings gar nicht realisierbar. Die Produktions- und Handelsbedingungen der Zeit sahen die Möglichkeit, internationale Warenströme so zu kanalisieren, dass man jede Charge eindeutig freier oder unfreier Arbeit hätte zuordnen können, schlicht nicht vor. Schon zeitgenössische Kritiker diffamierten die Bewegung deshalb als heuchlerisch und borniert. Und auch Everill kommt zu dem Schluss, die Abolitionisten seien, wie ernst es ihnen mit ihrem philanthropischen Engagement auch immer gewesen sein mag, letztlich vor allem daran interessiert gewesen, die kapitalistische Wirtschaftsordnung moralisch zu legitimieren.

Atlantische Odysseen

Das 19. Jahrhundert wird gerne als »Zeitalter der Emanzipation« charakterisiert. Der Handel mit Menschen boomte allerdings trotz seiner gesetzlichen Ächtung weiter, auch im Atlantik.5 Insbesondere die Karibikinsel Kuba profitierte davon, sie wurde, indem sie Sklaverei, Schmuggel, avancierte Technologie und Wissenschaft eng verknüpfte, in diesem Zeitraum zur reichsten und wohl auch technologisch modernsten Kolonie der Welt.

2005 stieß die Historikerin Rebecca Scott im Nationalarchiv Kubas auf den Brief eines Tabakkaufmanns namens Edouard Tinchant (1841–1915). Der Mann mit haitianischen Wurzeln hatte ein bewegtes Leben hinter sich – unter anderem als Infanterist des Staates Louisiana im amerikanischen Bürgerkrieg –, dessen Mittelpunkt mittlerweile in Antwerpen lag. Von dort aus suchte er im Jahr 1899 Kontakt zu General Máximo Gómez, einem der Protagonisten des im Vorjahr siegreich beendeten kubanischen Unabhängigkeitskriegs. Tinchant bat darum, das Konterfei des Generalissimo für seine feinsten Zigarren benutzen zu dürfen, die er schlicht »Máximo Gómez« nennen wollte. Er stellte sich als Bewunderer des »Großen Mannes« vor, den er als Verfechter des »Antirassismus« pries und dessen »besondere Betonung der würdevollen Männlichkeit« er hervorhob, verwies auf seine eigene militärische Karriere, seine finanziellen Zuwendungen für die kubanische Unabhängigkeit sowie seine Beteiligung an der verfassungsgebenden Versammlung Louisianas (1867–68). Tinchants Einsatz war vergebens. Gómez folgte dem etablierten Protokoll und lehnte das Ansinnen höflich ab.

Für Rebecca Scott wurde der Brief zum Ausgangspunkt einer aufwändigen siebenjährigen Forschungsodyssee, die schließlich in der Veröffentlichung – zusammen mit Jean M. Hébrard – von Freedom Papers kulminierte.6 Diese bemerkenswerte, hierzulande nur von einer kleinen Schar von Spezialisten wahrgenommene Studie stellt die Biografie der 1767 in Senegambien in Westafrika geborenen Rosalie und mehrerer ihrer Nachfahren vor, deren Lebensgeschichten eng mit Freiheitskämpfen während der haitianischen Revolution, dem amerikanischen Bürgerkrieg und dem kubanischen Unabhängigkeitskrieg verbunden waren. Das Buch steht nicht allein für den biographical turn in der Sklavereiforschung,7 sondern bietet überdies ein Musterbeispiel für eine »Mikrogeschichte in Bewegung«, die sorgfältig die mobile Familienhistorie der Tinchants mit der Geschichte der atlantischen Welt verbindet.

(…)

 


1 Kommentare

  1. Anton Gutwein sagt:

    Die breite Ablehnung der Sklaverei kann man auch als Folge der Industrialisierung und damit des Kapitalismus sehen. Denn einerseits hatten die „Lohnsklaven“ ein Interesse daran, dass die billige Konkurrenz verschwand und andererseits hatte die in Europa ansässige Industrie, kein Interesse an der billigen Konkurrenz der Sklavenhalter in den Kolonien. Dieser Konflikt wiederholt sich gerade wieder. Zum Beispiel in den USA, mit den „Buy American“ Kampagnen, schon unter Ronald Reagan und in Europa. An Stelle der Kolonien, der Sklavenstaaten, treten heute China und Billiglohnländer der 2. und 3. Welt. Eine Verbesserung wird aber nicht durch Antikapitalismus erfolgen, sondern durch ertragen der für manche bitteren Medizin des Kapitalismus. Auf längere Sicht gesehen, wird auch in China und den anderen Ländern, ein Arbeitskräftemangel eintreten, bei gleichzeitig immer steigenden Wohlstand. Dann werden Inder und Vietnamesen die gleichen Löhne verlangen können, wie Europäer, oder sie werden von der ausgebauten staatlichen Wohlfahrt leben.

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