Betreff: Notaufnahme

Von: Hans Dieter Schäfer

Gesendet: Dienstag, 5. Mai 2020, 17:40

An: Christian Demand

Der Merkur bringt keine Gedichte mehr, schade, aber dass Ihnen Corona in Regensburg als »Privatmensch« ganz gut gefiel, hat mich gefreut. Vor dem Hintergrund der Pandemie möchte ich Ihnen eine Buchbesprechung anbieten, obgleich die Zeitschrift auch Rezensionen kaum noch veröffentlicht. Die Untersuchung von Kyle Harper bezieht eine Vielzahl von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem aus dem Bereich der »mikrobiellen Widersacher« ein, die das Römische Imperium im Zusammenspiel mit anderen Faktoren Ende des sechsten Jahrhunderts ins Inferno stürzten [Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. München: Beck 2020; The Fate of Rome. Climate, Desease, and the End of an Empire. Princeton University Press 2017].

(Der Text ist im Aprilheft 2021, Merkur # 863, erschienen.)

Am frühen Abend vor zwei Wochen kam ich mit tagelang andauernder Schwäche, trockenem Husten, Halskratzen und 38,4° in die Notaufnahme der Uni-Klinik zum Corona-Test. Während der sechs Stunden sah ich ab und zu in den gegenüberliegenden Fenstern die Schweinwerfer landender Hubschrauber. Gegen Mitternacht diagnostizierte der Arzt mit Hilfe einer CT-Untersuchung eine beidseitige Lungenembolie mit beginnender Lungenentzündung. Als er mir eine Bauchspritze gab, riss eine Schwester die Tür auf und rief: »Heroinschock Frau im Wachraum«, schließlich hängte mich jemand an einen Tropf.

Um eins wurde ich auf die Isolierstation verlegt; der Schnelltest verzögerte sich bis zum Abend, er fiel negativ aus. Vor dem Transport zum Trakt B4 wechselte eine Schwester mit Schutzkleidung, Face-Shield und Maske die Infusion, dann schob mich eine andere durch das Krankenhaus in ein Zweibettzimmer der Kardiologie. Dem Patienten dort hatte ein Arzt vor sechs Wochen bei einem Routineeingriff das Herz durchlöchert – Handwerker, 59, aus Vohenstrauß. »Ein Spenderherz hat man mir versprochen, aber keiner will mir eins geben«, sagte er, öffnete kurz den Schlafanzug und zeigte seinen aufgebrochenen Brustkorb. Die Nacht bis zum Morgen kam Musik von ihm herüber mit hohen, feinen Klagetönen, die laut nach unten krachten, aber manchmal war nur so etwas wie das Wischen von Händen über der Bettdecke zu hören.

Für die beiden nächsten Tage bekam ich ein Einzelzimmer. Dort las ich Kyle Harper weiter, der über Rom nach 250 schrieb: »Eine verheerende Dürre und eine pandemische Seuche erschütterten das Reich mit einer Wucht, die gewaltiger war als das Eindringen der Goten und Perser zusammengenommen. Das Silber war aus den Münzen verschwunden, nunmehr primitive dünne Plättchen, die von den Prägestätten massenhaft ausgespuckt wurden.« Es gab Vorwarnungen wie bei uns, die jedoch ignoriert wurden.

Ob das globale System wie das von Rom nach Covid-19 noch eine Weile schwer angeschlagen überdauern wird, wissen wir nicht. Eines ist aber zu vermuten, dass dann das Leben nicht mehr dasselbe sein dürfte. Im Zusammenhang mit der aktuellen Lage würde ich dem Leser gern einige Gedanken über Pandemie, Dürre und Geldmengenvermehrung aus dem Buch über das Schicksal Roms vermitteln. Wäre das nicht etwas für Sie?

Weil die Reservierung von Betten für Corona-Fälle einen Engpass schuf, wurde ich schon nach vier Tagen entlassen – man verschrieb mir für zuhause mit Pradaxa ein neueres Mittel zur Blutverdünnung, bei dem der Gerinnungswert nicht regelmäßig gemessen werden muss. Erst jetzt begriff ich durch Internet-Recherchen, dass meine Lage lebensbedrohlich gewesen war. Ich hatte eine stumme Embolie, keine Atemnot, also nur Symptome wie bei einer Grippe – ohne Corona wäre vielleicht alles vorbei gewesen.

(…)


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