Hier müssen Menschen sein

In der Kriegsgefangenschaft bei den Engländern habe er seinen Geruchssinn verloren. Mein Großvater sei so stark erkältet gewesen – im Winter 1945? Ich weiß es nicht mehr –, dass er in Ermangelung eines Taschentuchs eine leere Konservenbüchse genutzt habe, um sich zu schnäuzen. So lange ich ihn kannte, roch mein Großvater selbst nach CD-Seife, Brisk-Haarcreme und altem Mann. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er all diese verschiedenen Düfte, die vor allem als Nachweis von Sauberkeit und Pflege dienten, nicht selbst wahrnehmen konnte.

(Der Text ist im Aprilheft 2021, Merkur # 863, erschienen.)

Ich fragte nicht danach, ob er seinen Geruchssinn vermisste oder an welche Gerüche aus der Zeit vor der Konservenbüchse er sich besonders gern oder ungern erinnerte. Ich fragte auch nicht nach der Herkunft der Konservenbüchse und dem genauen Weg in die Kriegsgefangenschaft. Ich fand den Verlust eines Sinnes nicht besonders erstaunlich, weil ich ihn dem Alter zurechnete: In so einem Leben passiert halt einiges, die Konservenbüchse war Teil einer normalen Erinnerung.

Dass ich ja auch einmal in die ganz andere Richtung gehen könne, einen neuen Spaziergang ausprobieren, habe ich in den vergangenen Monaten oft gedacht, selten bin ich diesem Gedanken gefolgt. Die immer gleichen Wege bewährten sich insbesondere, seit ich begonnen hatte, eine vollständige Lesung von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit durch den Schauspieler Peter Matić zu hören. Die langen Schachtelsätze zu verarbeiten und dabei der langwierigen Mikrogeschichte der Gefühle des jungen Großbürgers Marcel zu folgen, schien mir erheblich vereinfacht, wenn ich dabei nicht auch noch die Eigenheiten einer neuen Umgebung würde beachten müssen. Der von seiner eigenen Beschreibungskunst nicht unbeeindruckte Text strotzte also in meine Ohren, während ich an den vertrauten Geschäften des Kottbusser Damms vorbeiging, oder (andere Runde) dem Landwehrkanal bis hin zum Halleschen Tor folgte, wo noch in einer Februarnacht ein roter Herrnhuter Stern auf einem verlassenen Schiffsrestaurant leuchtete. Mit diesem Zuspruch im Ohr erneuerte sich auch die Umgebung und ähnelte sich dem eleganten Tonfall an, mit dem Matić Prousts Stimme verlebendigte.

Mit leiser Enttäuschung nahm ich zur Kenntnis, dass schon am dritten Tag meiner nun regelmäßigen Spaziergänge mit Marcel die berühmte Szene mit der Madeleine zu hören war: diesem »gedrungenen, rundlichen Kuchen«, dessen Eintauchen in den Tee einhergeht mit einer unwillkürlichen, niemals durch Zwang erreichbaren Erinnerung an die Kindheit. Mir gefiel die Szene sehr gut, weil sie als Crescendo eines Kapitels stattfindet, das sich zuvor bereits von Reflexionen zu Schlaflosigkeit und Denken in halbwachem Zustand zu den Nöten kindlicher Liebe bewegt hat, immer mit der Perspektive darauf, wie sich eigentlich jede vergangene Erfahrung immerzu entzieht und erst in der Sprache Erinnerung wird. Aber sind dieser Kuchen und die Szene nur berühmt, weil sie schon, wie ich gerade nachschlage, auf S. 57 von über 6000 Seiten auftaucht?

(…)


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