Sinnstifter im Wiederaufbau. Über Axel Schildts „Medienintellektuelle in der Bundesrepublik“

Eine Geschichte der westdeutschen Intellektuellen zu schreiben, schien lange Zeit nicht sonderlich attraktiv. Die alte Bundesrepublik galt als bieder und provinziell, insbesondere im Vergleich zur »Weimar Culture« mit ihren so radikalen wie faszinierenden Kontrasten. Was hatte demgegenüber der kulturell ausgeblutete westdeutsche Teilstaat mit seiner Ausrichtung auf den »Westen« und das eigene wirtschaftliche Wohlergehen schon zu bieten?

(Der Text ist im Aprilheft 2021, Merkur # 863, erschienen.)

Zwar lernte die »historische Zunft« Entwicklung und Stabilität der Bonner Republik als nüchtern-pragmatische »success story« zu schätzen. Geistesgeschichtlich verlegte sich die Forschung hingegen auf andere, spannendere Zeiten – so wie das restaurierte Altbauviertel aus der Kaiserzeit einem urbanen Lebensgefühl heute mehr Raum zu geben scheint (wenn man es sich aussuchen kann) als die funktionalen, renovierungsbedürftigen Gebäude aus den Wiederaufbaujahren.

Auffällig ist, dass die so zusammengefasste Forschungspraxis zeitversetzt ziemlich genau das Bild spiegelt, das auch viele Intellektuelle im Getümmel zeitgenössischer Debatten von der Bundesrepublik und vor allem der Nachkriegszeit gezeichnet haben. Die Reihe der Provinzialismuskritik reicht von Erich Kästner, der die fünfziger Jahre ein »motorisiertes Biedermeier« schimpfte, bis zu Karl Heinz Bohrer, der die »Verspießerung« der politischen Amtsträger im Zuge der Kohl-Ära bemängelte.1 Eine Miniatur mit demselben Befund eines vermeintlich unverbundenen Nebeneinanders von Politik, Geistesleben und Publikumsgeschmack findet sich bereits im Treibhaus-Roman (1953) von Wolfgang Koeppen, der neben dem parlamentarischen Betrieb in Bonn die Schwierigkeiten von sensiblen Künstlernaturen in der Politik satirisch reflektiert.

In Koeppens Roman flaniert die Hauptfigur, ein linker, unglücklicher, feinsinniger Bundestagsabgeordneter, am Rhein und trifft dort auf einen Maler, der ein Landschaftsbild entwirft, »eine deutsche Gebirgslandschaft« mit Edelweiß und »drohenden Wolken« – »eine Natur, die Heidegger erfunden haben und die Ernst Jünger mit seinen Waldgängern beschreiten konnte, und das Volk stand um den Maler herum, erkundigte sich nach dem Preis und bewunderte den Meister«.2 Allerdings funktionierte die Gegenüberstellung von »Geist« und »Macht« auch in der Gegenrichtung. So verglich der konservative Politikwissenschaftler und Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz die unterschiedlichen Kritiker des ersten Bundeskanzlers mit »krächzenden Möwen«, die aufgeregt das Staatsschiff umschwirrten, das vom unbeirrten Staatsmann auf Kurs gehalten worden sei.3

Sowohl gegen die Metapher vom folgenlosen Gezeter als auch gegen das Zerrbild einer geistig trägen Wohlstandsgesellschaft argumentiert nun Axel Schildt mit einer grandiosen, in der Öffentlichkeit als »Opus magnum« gewürdigten Studie über die »Medien-Intellektuellen in der Bundesrepublik«.4 Zur Entstehungsgeschichte des fast achthundertseitigen Texts gehört, dass sein Autor, der langjährige Leiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Jahrgang 1951, im April 2019 verstorben ist und das Manuskript postum publiziert wurde, soweit es fertig war. Daher reicht die Analyse nicht, wie beabsichtigt, bis zum Ende des Ost-West-Konflikts und zur Wiedervereinigung. Etwas unvermittelt bricht die Darstellung im berühmt-berüchtigten Jahr 1968 mit der antiparlamentarischen Theorie des an der Freien Universität lehrenden Politikwissenschaftlers Johannes Agnoli über die »Transformation der Demokratie« ab. Die geplanten Kapitel über die siebziger und achtziger Jahre und ein Ausblick auf die von Intellektuellen ausgerufene »Berliner Republik« fehlen ganz. Schon die Passagen über die späten sechziger Jahre haben vergleichsweise fragmentarischen Charakter. Gleichwohl stellt Schildts Studie die reife Bilanz eines Forscherlebens dar, für die »intellectual history« der Bundesrepublik wird sie inhaltlich und methodisch ein Referenzwerk sein.5

Im Unterschied zur Ideen- oder Begriffsgeschichte interessiert sich die »intellectual history« nicht allein für Bücher und vermeintlich »ewige« Gedanken, sondern kontextualisiert diese in der politischen, sozialen, kommunikativen oder wissensmäßigen Umwelt ihrer Entstehungszeit, um »hinter den zeitgeschichtlichen Details die ideengeschichtlichen Linien zu erkennen, umgekehrt die Ideengeschichte nicht aus den Details der Zeitgeschichte herauszuhalten«.6 Dabei stehen in der Verbindung von Text, Autor, Kontext namentlich die handelnden Personen im Mittelpunkt, ihre Prägungen, Interessen und Versäumnisse. Mit Schildts Synthese von Medien- und Geistesgeschichte der Bundesrepublik erreicht diese zeithistorische Erkenntnis eine neue Stufe – nicht zuletzt, weil neben der großen Orientierungsleistung mit zahllosen kleinen Hinweisen Fährten zum weiteren Nachdenken angedeutet werden.

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.