Bedarf die Paulskirche einer erinnerungspolitischen Revision? Architekturkolumne

In der Wiederherstellung und Neugestaltung der Paulskirche in Frankfurt/Main in den Jahren 1946 bis 1948 artikulierte sich erstmals nach Kriegsende baulich der demokratische Aufbruchswille. Dem Aufruf der Stadt, die Kirche zum hundertjährigen Jubiläum der Nationalversammlung von 1848 als Haus aller Deutschen »im Stein wie Geiste« gemeinsam wiederaufzubauen, folgten trotz großer Not Hunderte Städte, Vereine, Unternehmen und Institutionen aus ganz Deutschland – Ost wie West – und spendeten Material und Geld.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Was damals geschaffen wurde, ist heute zu einem Stein des Anstoßes geworden. Es fehle die Aura, befanden jüngst die vom Bundespräsidenten bestellten Experten. In seiner radikalen Bußhaltung sei der Bau ein erinnerungspolitisches Desaster, bar jeder Erhabenheit und zugleich ohne »Beipackzettel« unverständlich. 1 »Ein tiefer Bruch mit der deutschen Geschichte ist hier markiert worden«, dekretierte der Historiker Herfried Münkler. 2 Ganz ähnlich äußerte sich die Kulturstaatsministerin, für die die Paulskirche ein Beispiel für das eingespielte erinnerungskulturelle Unvermögen darstellt, »freudigen und hoffnungsvollen, im positiven Sinne prägenden historischen Ereignissen in Deutschland ein Denkmal zu setzen«. 3 Schon drei Jahre zuvor hatte der Zeit-Autor Benedikt Erenz über die »Buß- und Reue-Architektur« der Paulskirche geklagt, der er »Sakro-Existenzialismus« 4 und »sauren Sakrokitsch« 5 vorwarf.

Doppelte Botschaft

Ohne Aura einerseits, Sakrokitsch andererseits. Die Ablehnung ist eindeutig, die Argumente hingegen sind widersprüchlich. Dazu gehört dann auch, dass man den Urhebern überhaupt jeglichen Gestaltungswillen abstreitet. »Eine finanzielle Notlage und ein Mangel an Baumaterialien« hätten – so Herfried Münkler – der Paulskirche ihre heutige Gestalt gegeben, nachträglich habe man dann »Architektenprosa« darüber gegossen. Also eine Art Nissenhütte oder Notbaracke für die Demokratie. So sieht es auch die AfD: Die schlichte Gestaltung sei Resultat von Mittelknappheit und Zeitdruck nach dem Krieg gewesen, doch entspräche dies nicht mehr den »heutigen Bedürfnissen nach einer Identifikationsstätte«. 6

In den Augen ihrer Kritiker manifestiert sich in der Paulskirche exemplarisch ein Manko der westdeutschen Nachkriegsarchitektur überhaupt: »Die alte Bundesrepublik, die Bonner Republik, war ein ausgesprochen symbolarmer Staat«, meint die Expertengruppe des Bundespräsidenten. Ähnlich äußerte sich der rechtslastige Architekturhistoriker Norbert Borrmann bereits vier Jahre zuvor. 7 Die Paulskirche sei »unfestlich« und »ohne Patina« und stelle damit ein Symptom für die »grundsätzliche Misere der Moderne« dar. In ihrer Ablehnung der Tradition habe die Moderne »sich aller Mittel beraubt, die Menschen unmittelbar anzusprechen«, sie erschließe sich nicht ohne weitschweifige Erklärungen und sei »geprägt von emotionaler Leere und symbolischer Impotenz«. 8

Doch trifft dieser überraschende argumentative Gleichklang quer durchs politische Spektrum zu? Die Olympia-Bauten von 1972, die Expo-Bauten von Egon Eiermann 1958 in Brüssel und Frei Otto 1967 in Montreal, der Kanzlerbungalow von Sep Ruf 1964, die Berliner Philharmonie von Hans Scharoun 1963, alles ohne symbolische Kraft? Und der Wiederaufbau der Paulskirche, ein unfreiwilliges Armutszeugnis der Nachkriegszeit?

Weder die Stadt als Bauherr noch der leitende Architekt des Wiederaufbaus Rudolf Schwarz hatten es seinerzeit an programmatischen Worten fehlen lassen, um die Konzeption des Wiederaufbaus zu begründen. Dessen Ziel war es, die in Gründung befindliche Demokratie zum hundertjährigen Jubiläum der Nationalversammlung in deren demokratische Traditionslinie zu stellen. Zugleich aber verwies der damalige Oberbürgermeister der Stadt Walter Kolb (SPD) darauf, dass die Paulskirche zerstört wurde, »weil wir die sittlichen Gesetze missachteten«. 9 Eindrücklich vermittelte die Kriegsruine damals eine doppelte Botschaft: der bedeutende Ort der Demokratiegeschichte in Trümmern. Der Frankfurter Stadtbaudirektor Otto Fischer sprach vom »großartigen Raumeindruck […], den das Kircheninnere auch heute noch im Zustand der Zerstörung auf empfindsame Beschauer ausübt«. Für den leitenden Architekten Rudolf Schwarz war »die große Ruine […] weitaus herrlicher als das frühere Bauwerk, ein riesiges Rund aus nackten, ausgeglühten Steinen von einer beinahe römischen Gewaltsamkeit. So schön war das Bauwerk noch niemals gewesen und wir erreichten, daß es so blieb.« 10

Die Ruine wurde seinerzeit also als Zeichen des gesellschaftlichen Versagens verstanden. In ihrer elementaren Nacktheit formte sie für die Zeitgenossen aber zugleich einen Kristallisationspunkt für einen geistigen Neubeginn. Entkleidet von allem Überflüssigen orientierte sie auf das Wesentliche. Auf demselben Prinzip beruhte die Szenografie der ersten drei documenta-Ausstellungen (1955–1964), die die moderne Kunst in den Kriegsruinen des Kasseler Friedericianums, der Orangerie und der Neuen Galerie präsentierte. Genau dies war auch die Absicht des Frankfurter Architektenkollektivs. Es verfolgte beim Wiederaufbau der Paulskirche ein doppeltes Ziel: Zum einen wollte es die archaisch-existentielle Ruinenerfahrung als Erinnerung an den Zivilisationsbruch bewahren, zum anderen dem Rückbezug auf die Nationalversammlung architektonischen Ausdruck verleihen und damit einen Ort für neue demokratische Zusammenkünfte schaffen.

Nüchternheit als Programm

1848 hatte die Nationalversammlung den Kirchenbau für ihre Zwecke ein Jahr lang umgenutzt. Die Orgel wurde mit einem Gemälde bedeckt, die Decke des großen Saals aus akustischen Gründen um gut vier Meter abgehängt und eine Heizungsanlage eingebaut; Veränderungen, die nach dem Scheitern der verfassungsgebenden Versammlung weitgehend rückgängig gemacht wurden. Das Parlament hatte die Architektur des Kirchenbaus nicht geprägt, sondern sich provisorisch angeeignet. Und so wollte man 1948 nicht die Situation von 1848 detailgetreu nachbilden, sondern Grundsätzliches fokussieren.

Das Architektenteam um Schwarz gab dem Saal bewusst eine »reine und arme Gestalt«: »Wir hielten den Bau in einer fast mönchischen Strenge, er wurde mehr Kirche als Festsaal, und wir meinten damit die Gesinnung, in der die neue Gründung des Reiches erfolgen sollte. Der Raum ist schneeweiß gestrichen und erhält nur das sehr einfache Gestühl, das Rednerpult, die Regierungsempore und eine Orgel. Der Bau dient heutigen geistigen Dingen von hohem Rang, und er ist von einer solchen nüchternen Strenge, daß darin kein unwahres Wort möglich sein sollte.«

Die Architekten reproduzierten die Proportionen des abgehängten Saals von 1848, lokalisierten ihn allerdings durch die Einfügung eines Foyers im Erdgeschoss knapp vier Meter höher im Gebäude als zuvor. Dadurch konnte die einst blinde obere Fensterreihe wieder genutzt und geöffnet werden, die zugleich die Position der ehemaligen Empore verdeutlicht, auf deren Rekonstruktion man bewusst verzichtet hatte, »um der ungeteilten Größe des Raumgedanken willens«. Die Position der Säulen der Empore wurden nun mit von der Decke abgehängten, kettenartigen Leuchtelementen verdeutlicht, die Position des Rednerpults und der Sitzreihen entsprach weitgehend dem historischen Vorbild.

Die beiden Motive der Ruine und der demokratischen Versammlung wurden in einer »promenade architectural« verbunden, mit der die Architekten »ein Bild des schweren Weges geben [wollten], den unser Volk in dieser seiner bittersten Stunde zu gehen hat«: »Wenn man die Folge der Räume durchschreitet, vollzieht man eine Bewegung aus dem Niedern, Halbdunklen, Ertragenen ins Hohe, Lichte und Freie.« 11 Der Besucher betritt die wiederaufgebaute Paulskirche von Süden über einen überwölbten Torweg, über dem eine Darstellung des seelenwägenden und Satan bezwingenden Erzengels Michael thront. Von hier aus gelangt er in die niedrig gehaltene, nur gedämpft beleuchtete Wandelhalle mit vierzehn schweren Marmorsäulen. Zwei geschwungene Treppen führen in den höher gelegenen, lichtdurchfluteten Saal. In der Neugestaltung reichen die hohen Fenster bis zum Fußboden und öffnen den Raum, die zweite Fensterreihe und das Oberlicht spenden – anders als 1848 – zusätzlich Helligkeit. Der demokratische Versammlungsraum wird in Licht getaucht und damit als Endpunkt eines schwierigen, dunklen Weges zelebriert.

Doch genau diese Erzählung, die gleichermaßen Tradition wie Traditionsbruch zum Ausdruck bringt, ist heute bei manchen nicht mehr erwünscht. Der »damals sinnfällige doppelte Bezug« sei heute nicht mehr zeitgemäß und »viel zu intellektualistisch, um Gedenkort der deutschen Demokratie zu sein« (Herfried Münkler). Die Erinnerung möge doch bitte heroischer, stolzer, ungebrochener ausfallen. Der Bundespräsident verweist positiv auf die ungebrochenen nationalen Gedenkkulturen der Franzosen und US-Amerikaner just in dem Moment, in dem die postkolonialen Debatten deren Legitimation infrage stellen. 12

Steinmeier und Grütters nehmen für sich in Anspruch, mit ihrer erinnerungspolitischen Offensive nicht zuletzt der aktuellen Gefährdung unserer Demokratie durch den Rechtspopulismus entgegenzutreten. De facto jedoch nehmen sie Argumentationsmuster auf und Positionen ein, die in wesentlichen Punkten von denen der Rechtspopulisten nicht zu unterscheiden sind.

Dass die AfD-Bundestagsfraktion ihren Sitzungssaal ausgerechnet »Saal Paulskirche« getauft hat, ist vor diesem Hintergrund mehr als nur eine pikante Randnotiz. Der Raum wird von einem Bilderreigen geschmückt, der zwei Jahrhunderte National- und Demokratiegeschichte idealisierend präsentiert. Sie zeigen das Lützowsche Freikorps von 1813, das Wartburgfest der Burschenschaften von 1817, das Hambacher Fest von 1832, die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848, die Reichsgründung 1871, die Verabschiedung der Weimarer Verfassung 1919 und die Wiedervereinigung 1990. Für die Zeit von 1933 bis 1989: Nichts.

Doch warum stören sich Grütters und Steinmeier daran, dass der Bau der Paulskirche heute nicht allein die Situation von 1848 verkörpert, sondern zugleich auch Zeugnis des demokratischen Aufbruchs von 1948 ablegt? Was ist falsch daran, dass man damals die Erinnerung an die Zeit von 1933 bis 1945 und die damit einhergehende Zerstörung des Bauwerks nicht übergehen wollte? Wieso erscheint die Neugestaltung der Paulskirche in ihrer Fassung von 1948 als revisionsbedürftig, die Neugestaltung des Berliner Doms mit seiner Hohenzollerngruft von 1905 jedoch nicht? Stellt dieser architektonisch zutiefst missglückte Versuch einer brachialen Machtdemonstration nicht viel eher ein erinnerungspolitisches Desaster da? Wäre die millionenschwere Bundesförderung für die Sanierung der Hohenzollerngruft nicht Anlass gewesen, sich auf die vorherige Gestaltung durch Jan Bouman, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Karl Friedrich Schinkel zurückzubesinnen? Nein, hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Und es geht weit mehr um nationale Idealisierung, als man öffentlich einräumen mag.

Geschichtssanierung

Denkmale sind eigensinnig und nicht zuletzt gerade darin kulturell relevant, dass sie aus der Zeit gefallen sind. Über Ästhetik und Gestaltung lässt sich streiten. Aber Denkmale müssen nicht gefällig sein. Dass die Paulskirche manchen ästhetischen Erwartungen des heutigen Zeitgeists nicht entgegenkommt, spricht nicht gegen ihren baukünstlerischen Rang und ihren Wert als historisches Zeugnis. Ein Denkmal dem Zeitgeist anzupassen, nimmt ihm das Wesentliche: die Kraft, Dinge anders zu sehen, einen Schritt aus der omnipräsenten Gegenwart zu ermöglichen. Man muss die Architektur von Rudolf Schwarz nicht lieben. Aber unstrittig ist, dass er ein Meister seines Fachs war und der Wiederaufbau der Paulskirche ein Werk von Relevanz und Prägnanz.

Ein jeder Bau muss erhalten und aktualisiert werden, und dies nicht nur rein technisch. Aber die Konzeption der Paulskirche von 1948 gilt es nicht zu korrigieren oder gar zu konterkarieren, sondern weiterzuentwickeln und zu schärfen. Denn längst wurde sie verwässert und geschwächt. Vor vierzig Jahren, im Kontext der »geistig-moralischen Wende« der frühen Ära Helmut Kohls und dem blamablen Versuch einer erinnerungspolitischen Revision 1985 auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg, wollte der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU), unterstützt von seinem persönlichen Referenten Alexander Gauland, die Paulskirche im Rahmen einer Sanierung auf den Stand von 1848 zurückbauen lassen.

Der eigentliche Plan scheiterte zwar am Widerstand von Denkmalpflege und kultureller Öffentlichkeit. Doch Wallmann ließ nicht nur Ernst Jünger 1982 den Goethepreis der Stadt in der Paulskirche verleihen. Bei der in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre vollzogenen Sanierung der Paulskirche wies der Magistrat an, die »ungeteilten Fenster durch die historischen Maßstabsfenster« zu ersetzen, womit die irritierende, an die Ruinensituation erinnernde Nacktheit der großen Öffnungen beseitigt wurde. Die Orgel und der Kernraum wurden postmodern, das Untergeschoss lieblos neugestaltet. Gemeinsam mit den neuen, recht unbeholfen wirkenden Vitrinen der Wandelhalle schwächen sie die Gestaltungskonzeption von 1948 deutlich, denn die karge Architektur lässt diese geistlosen Änderungen empfindlich ins Auge springen.

Doch es sind nicht diese Mängel, die jetzt behoben werden sollen, im Gegenteil. Die Bundespolitik bringt zwar nicht den Mut auf, in logischer Konsequenz ihrer Argumentation eine vollständige Rekonstruktion des Zustands von 1848 vorzuschlagen, da dies angeblich nicht möglich sei. Aber ihre Experten raten, die Schwarz’sche Konzeption noch weiter zu verwässern und zu konterkarieren. Die Neugestaltung der Wände, der Bestuhlung und das Einbringen zusätzlicher Elemente sollen wieder etwas von der »1848er Atmosphäre« zur Geltung bringen. Wie sehr diese Sehnsucht nach »historischer Aura« (Grütters) von einer Aversion gegen die Gestaltung von 1948 geprägt ist, zeigen die Äußerungen von Herfried Münkler, der etwa fordert, »in die Fenster wieder die gotischen Rippen« einzusetzen, die es allerdings bei dem klassizistischen Bau nie gegeben hat. Soll er nun mittels eines gotischen Nationalstils germanisiert werden? Ebenso befremdlich ist Münklers Forderung, das steinerne Podium zu beseitigen. Anders als er meint, ist dies nicht eine wesensfremde Zufügung der Nachkriegsarchitekten, sondern eine recht präzise Nachbildung der Gesprächssituation von 1848.

Aber auch mit einer Überschreibung der Gestaltung von 1948 durch reelle Elemente von 1848 wäre in Hinsicht auf die Vermittlung demokratischer Traditionen nichts gewonnen. Nicht nur, weil damit ein authentisches Zeugnis des demokratischen Aufbruchs nach 1945 verlorenginge. Wie bitte sollen Elemente einer umgenutzten Kirchengestaltung von 1833 Ideen der deutschen Revolution von 1848 zum Ausdruck bringen? Oder soll die nationalistische Dekoration von 1848 rekonstruiert werden, wie es AfD und FDP vorgeschlagen haben? 13 Dann wäre es doch nötig, der neuen Berliner 1848-Begeisterung etwas kritischer zu begegnen.

Geschichtsvergessenheit

Wer die Erinnerung an die Nationalversammlung für die Gegenwart fruchtbar machen will, darf nicht übersehen, dass der Mehrzahl der Abgeordneten die nationale Einheit wichtiger war als demokratische Werte. So zog der Historiker Eckart Conze in seinem aktuellen Buch Schatten des Kaiserreichs eine etwas ernüchternde Bilanz von Wartburgfest, Hambacher Fest und Nationalversammlung. Die deutsche Einigungsbewegung verfolgte mehrheitlich eine Abgrenzung von allem Undeutschen, grenzte die Juden aus der Gemeinschaft der Deutschen aus, artikulierte einen Hass auf Frankreich und sprach den Polen das Recht auf einen eigenen Staat ab. 14 Als Preußen dann nach drei blutigen Kriegen die Gelegenheit zur Gründung eines Reichs unter preußisch monarchischer Hegemonie ergriff, begrüßte dies die Mehrzahl der einstigen Abgeordneten der Nationalversammlung. Sicherlich, auch anderswo waren die Demokratiebewegungen alles andere als makellos und offenbaren bei genauerem Hinsehen manche Abgründe. Doch wieso sollen wir im Jahr 2021 die Geschichte unserer Nation idealisieren und genau jene Ambivalenzen aussparen, die Zeichen der fortwährenden Gefährdung von Demokratien sind?

Die Paulskirche bedarf ohne Frage der Sanierung und Weiterentwicklung, es gibt aber keinen triftigen Grund, weshalb die erinnerungspolitische Konzeption von 1948 dabei nicht in aktualisierter Form fortgeschrieben werden sollte. Als Ort der freien Rede hat sie sich mit den Festakten für die Verleihungen des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Goethepreises erfolgreich etabliert. Als Ort der Gründung der Frankfurter Buchmesse 1949 und von gelegentlichen Ausstellungsprojekten zur deutschen Geschichte – ob zu Auschwitz, der Wehrmacht, zerstörten jüdischen Gemeinden oder der Reichsgründung 1871 – gingen weitere wichtige historische und kulturelle Impulse von ihr aus.

Ihre Nutzung sollte intensiviert werden, das Haus nicht nur repräsentativen Zwecken dienen, sondern auch für verschiedene Formen demokratischer Bildung und Praxis offenstehen. Ein ordentliches Programmbudget wäre hierfür erforderlich, aber davon ist bislang nicht die Rede. Dass es überzeugendere Möglichkeiten gibt, die Geschichte dieses Ortes zu erzählen, als die derzeitige Schaukastenlösung im Foyer, dürfte weitgehend unstrittig sein. Um dies zu ermöglichen, bedarf es ergänzender und unterstützender Funktionen in einem unmittelbar benachbarten Bau. Doch ein neues »Haus der Demokratie«, wie es nun in Berlin propagiert wird und mit dem in restaurativem Geist auch gleich noch die 1975 erfolgte Gestaltung des Paulsplatzes durch Rückgriff auf historische Stadtstrukturen entsorgt werden soll, ist hierfür nicht vonnöten. Das eigentliche »Haus der Demokratie« ist die Paulskirche selbst und sollte es bleiben.

Mit der Berufung einer Expertenkommission unter Ausschluss der Denkmalpflege hat das Kulturstaatsministerium vor kurzem die Federführung für die Planung der Zukunft der Paulskirche an sich gezogen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier träumt von einer zentralen Kontrolle nationaler Erinnerungsorte analog zu der in den Vereinigten Staaten. An die Entscheidung des Stadtparlaments Frankfurt, das sich mit Ausnahme der Rechtspopulisten für eine Bewahrung der Gestaltung von 1948 ausgesprochen hat, sieht der Bund sich nicht gebunden.

Dieses Vorgehen ist geschichtsvergessen. Bis heute unterlag die Paulskirche niemals dem Einfluss nationaler Regierungsgewalt. Von der freien Bürgerstadt Frankfurt einst erbaut, wurde sie von dieser auch nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiedererrichtet und in den 1980er Jahren saniert. Sollte die Bundesregierung über die Geschicke des Ortes künftig tatsächlich maßgeblich mitentscheiden, wäre dies ein Bruch mit einer zweihundertjährigen Tradition, die zugleich Teil von zweihundert Jahren deutscher Demokratiegeschichte ist.

Auch sonst gibt es für eine solche Vermessenheit wenig Anlass. Die regierende Große Koalition hat bei der Gestaltung nationaler Gedenkorte bislang noch in keinem Fall eine glückliche Hand bewiesen: ob Berliner Schloss, Garnisonkirche Potsdam oder Einheitswippe – keines dieser Projekte hat intellektuell überzeugt, keines hat Akzeptanz in einer breiteren Öffentlichkeit gefunden.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Herfried Münkler / Hans Walter Hütter / Peter Cachola Schmal, Der Paulskirche fehlt die Aura. In: FAZ vom 26. Oktober 2020 (www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/symbolort-der-demokratie-gestaltung-der-frankfurter-paulskirche-17017139.html).
  2. »Die Paulskirche geht an einem vorbei«. Herfried Münkler im Gespräch mit Claus-Jürgen Göpfert. In: FR vom 2. November 2020 (www.fr.de/kultur/gesellschaft/herfried-muenkler-die-paulskirche-geht-an-einem-vorbei-90088115.html).
  3. Monika Grütters, Das Ringen um Freiheit zeigen. In: FAZ vom 24. November 2020 (www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-ringen-um-freiheit-zeigen-neugestaltung-der-paulskirche-17067085.html).
  4. Benedikt Erenz, Was wird aus der Paulskirche? In: Zeit vom 11. Oktober 2017 (www.zeit.de/2017/42/frankfurt-paulskirche-parlament-grundrechte-sanierung).
  5. Benedikt Erenz, Der Platz für das Volk. In: Zeit vom 23. Mai 2018 (www.zeit.de/2018/22/paulskirche-frankfurt-am-main-rekonstruktion).
  6. Antrag der AfD-Fraktion an die Stadtverordnetenversammlung Frankfurt Nr. 860 vom 8. Mai 2019.
  7. Vgl. Stephan Trüby, Eine »Neue« Rechte gibt es nicht. In: Arch+, Nr. 235, 2019.
  8. Norbert Borrmann, Identität & Gedächtnis. Denkmäler und politische Architektur von 1800 bis zur Gegenwart. Graz: Ares Verlag 2016.
  9. Rede Kolbs bei der Grundsteinlegung am 17. März 1947.
  10. Rudolph Schwarz, Kirchenbau. Welt vor der Schwelle. Heidelberg: Kerle Verlag 1960.
  11. Die Neue Stadt, Nr. 3, 1948.
  12. Frank-Walter Steinmeier, Deutsch und frei. In: Zeit vom 13. März 2019 (www.zeit.de/2019/12/demokratie-nationalismus-tradition-gedenktage-geschichtsunterricht).
  13. Erst beantragte die FDP-Fraktion, 2019 die AfD-Fraktion in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, Philipp Veits Gemälde Germania von 1848 zurück in die Paulskirche zu bringen.
  14. Eckart Conze, Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe. München: dtv 2020.

2 Kommentare

  1. Max Gutbrod sagt:

    Ein wundervoller Artikel, vielen Dank. Möge er oft gelesen und bedacht werden!

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