Der Club ist voll

Das Video zeigt ein Neujahrskonzert im Festsaal Kreuzberg. Der Entertainer Erobique spielt seinen Song Urlaub in Italien. Seine selbstgedrehte Zigarette ist schon halb aufgeraucht und eher zerfleddert, und er schwitzt, es ist voll, und das Konzert läuft anscheinend schon eine Weile. Die Musik ist elektronisch, biedert sich aber nostalgisch durch Synthie-Sounds an, die man hörte, als Clubs noch Disco hießen. Die Gäste, die in dieser Epoche entweder selbst gerade noch Kinder waren oder diese als die Zeit kennen, in der sich ihre Eltern kennenlernten, sind im Glück: Kindergeburtstag, aber dieses Mal nach 18 Uhr und mit Drogen.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Im Hintergrund wehen silberfarbene Heliumballons, die die Jahreszahl 2018 formen, sanft in der Luft. An der Schlichtheit der Verse des Songs kann ich mich nicht sattfreuen. »Urlaub, im Urlaub in Italien, mit den Eltern, 86«. Über diese Ferien wird nicht mehr berichtet, als dass sie stattfanden, sie haben nur einen historischen Index, und das ist Geschichte genug. Das gilt auch für den Satz: Der Club ist voll. Was für eine gute Idee, eine ausgelassene Party mitzuschneiden, solange sie noch läuft.

Wenn ich es dem Medium (Twitter), aus dem ich die meisten Informationen über Tagesgeschehen und halbwegs private, manchmal intime Befindlichkeiten mir unbekannter Menschen habe, richtig entnehme, gehören Urlaub in Italien und volle Clubs zu den Dingen, die Menschen, die mit ihren Eltern 1986 oder »am 14. Juli 1974 – so ehrlich muss ich immerhin zu euch sein« verreisten, am meisten fehlen.

Solche Bekenntnisse werden in vielen Fällen mit der Einordnung als »Luxusproblem« oder »first world problem« versehen, also als nicht wirklich solide Probleme. Gerichtet ist die entschuldigende Einschränkung an all diejenigen Mitlesenden, die vielleicht ebenfalls keine soliden Probleme haben und sich deshalb vor Ort in besonderer Weise der Thematisierung von -ismen, Privilegien (meist die anderer Menschen, aber auch eigener) verpflichtet sehen.

»Ich könnte mein ganzes Leben lang reisen und dabei immer in Hotels schlafen und in Restaurants speisen«, schreibt der niederländische Autor Maarten Biesheuvel zu Beginn seiner Erzählung Reise durch mein Zimmer aus dem Jahr 1984. »Ich könnte Tausenden mir noch unbekannten Menschen die Hand schütteln und sagen: ›Guten Tag, hier bin ich, Maarten Biesheuvel‹ […] Das alles steht mir frei und ich frage mich, warum ich’s denn nicht tatsächlich in die Tat umsetze.« Der Grund dafür war in seinem Fall, dass er an schweren Depressionen litt. Teil der Erzählung ist ein Abschnitt, der davon berichtet, wie seine Frau und eine Freundin beratschlagen, wie sie ihn von seinen suizidalen Gedanken abhalten könnten, die massiv dadurch gefördert wurden, dass er gerade Flauberts Erziehung der Gefühle gelesen hatte und zusätzlich zu allem anderen unter dem Gefühl litt, niemals ein vergleichbar gutes Buch schreiben zu können.

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