Halluzinierende Systeme. Generierte Literatur als Textverarbeitung

Die Auswirkungen des jüngst entdeckten Kreativitätspotentials Künstlicher Intelligenz sind für die Literatur bisher nur wenig und wenn, dann oft eher kenntnisarm diskutiert worden. Ein Grund dafür ist sicherlich technischer Natur: Mit deep learning hat in den letzten Jahren ein Zweig der KI-Forschung Fortschritte gemacht, der bessere Ergebnisse in der Bilderkennung und -bearbeitung als in der Erzeugung zusammenhängender, gar narrativer Texte nachweisen kann. Zuverlässig befüllen Künstliche Intelligenzen deshalb derzeit nur standardisierte Textformate wie Wettervorhersagen und Sportberichte. Die Anwendung in der Königsdisziplin des erzählenden Romans aber – und selbst noch beim Verfassen einer Kurzgeschichte – gestaltet sich problematisch. So konnte auch avancierte Sprachgenerierungssoftware wie das GPT-3 des kalifornischen OpenAI-Labors bisher keinen großen Verlagsvertrag landen. Erst das würde wohl einem jener spektakulären Momente aus den anderen Künsten nahekommen, etwa wenn bekannte Auktionshäuser künstlich generierte Porträts versteigern oder unvollendete Symphonien der Musikgeschichte vollendet werden.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Und doch findet KI, genauso wie das klassische Computerprogramm, in der Literatur der Gegenwart bereits Verwendung. Dies allerdings experimentell und vor allem im US-amerikanischen Raum, was beides die Entstehung hitziger Feuilletondebatten auf dieser Seite des Atlantiks eher nicht begünstigt hat. Auf der Braunschweiger Tagung »Automation and Creativity« im Herbst 2020 wurde aber nun dankenswerterweise eine Diskussion über das Potential der »generierten Literatur« begonnen.

Zwei Extrempunkte der Bewertung bildeten dabei einerseits das pragmatische Machertum des Autors und Programmierers Nick Montfort, der klassische Computerprogramme und autonomere Systeme als literarische Experimentaltechniken begreift, deren Erprobung und Erweiterung schon in sich selbst genug Sinn und Zweck besitzen, und andererseits die Erneuerung von John Barths Abgesang auf Fluxus und Oulipo in den 1970er Jahren durch den Literaturwissenschaftler Florian Cramer. Letzterer hegt den Verdacht, die Verfahren der Produktion digital generierter Texte wären immer »interessanter«, also innovativer und für Leser anregender, als diese Texte selbst.1

Für die Masse der Beiträge zum jährlich stattfindenden National Novel Generation Month, einer Art literarischem hackathon und die gegenwärtig größte Plattform für generierte Literatur, ist Cramers These nicht ganz von der Hand zu weisen. Dort finden sich etwa alle Sätze aus Moby Dick rückwärts zu einem neuen Roman angeordnet, Versatzstücke von Träumen aus viktorianischen Tagebüchern zu neuen Träumen zusammengefügt und Reiseführer zu fiktiven Orten aus Fantasy-Romanen extrapoliert. Das provoziert häufig eher die Frage, wie es gemacht wurde, als lustvolle Leseerlebnisse. Es könnte aber auch sein, dass im insistierenden Verweis auf ihre Machart die entscheidende Qualität dieser Texte liegt. Denn spätestens seit Nietzsches »Schreibzeug, das mitschreibt an unseren Gedanken«, ist die Reflexivität der Literatur auf das Schreiben, seine Instrumente und seine Praktiken wesentlich für ihre »Interessantheit«.

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