Keine Experimente. Über künstlerische Künstliche Intelligenz

Daniel Kehlmann hat kein Buch mit einer Künstlichen Intelligenz geschrieben; darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben.1 In Mein Algorithmus und ich – es ist die Druckfassung seiner Anfang 2021 gehaltenen »Stuttgarter Zukunftsrede« – reist Kehlmann nach Palo Alto, wo er bei einem Startup Zugang zu einem KI-System bekommt, dem Sprachmodell CTRL. Im Dialog mit ihm will er erproben, ob mit KI Literatur zu machen ist. Kehlmann zeigt sich enttäuscht. Zu wenig narrativ kohärent, zu absurd sind die Ergebnisse, auch wenn hier und da Schönes aufscheint. Das Scheitern seines Ausflugs ins maschinelle Lernen ist dann auch die implizite Pointe seines Buchs: Der Mensch muss sich keine Sorgen machen, dass ihm die Literatur bald von KIs abgenommen wird.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Kehlmann, das merkt man, geht technisch nicht naiv an die Sache heran. Er schickt voraus, dass »KI« eigentlich eine Fehlbezeichnung ist, dass das, was man heute so nennt, weder Bewusstsein hat noch in irgendeinem wirklichen Sinn Intelligenz besitzt, sondern als statistisches Modell lediglich auf der Grundlage gelernter Daten Vorhersagen über wahrscheinliche Zustände macht.2 Bei sogenannten Sprachmodellen haben sowohl die gelernten Daten als auch die gemachten Vorhersagen Textform. Diese Modelle funktionieren nicht grundsätzlich anders als die Eingabevervollständigung im Smartphone: Nach »Guten« folgt wahrscheinlich »Morgen«, »Tag« oder »Appetit«.

Dass eine solche »Intelligenz« wenig mit der unseren zu tun hat, besser »künstliche Rationalität« zu nennen wäre, wie Kehlmann in einem Podiumsgespräch mit dem Philosophen Felix Heidenreich anmerkte, führt ihn aber nicht in Versuchung, diese Differenz auch ästhetisch zu erproben. Er bedauert: »Ich habe keine Geschichte vorzuweisen, die ich mit CTRL verfasst hätte und die gut genug wäre, dass ich sie als künstlerisches Werk, nicht bloß als Produkt eines Experiments, veröffentlichen könnte.«

Was aber heißt »gut genug«? Gemessen an welcher Ästhetik? Wenn Kehlmann hier von »Experiment« spricht, scheint er eher die wissenschaftstheoretische Bedeutung des Wortes im Sinn zu haben als experimentelle Literatur: eine kontrollierte Beobachtung, deren Ausgang eine Hypothese stützt, schwächt oder verfeinert. Das aber, nach Thomas Kuhn, immer nur im Rahmen eines bestehenden Paradigmas; neue Paradigmen begründen wissenschaftliche Experimente nämlich nicht. Experimentelle Literatur dagegen will – ihrem avantgardistischen Selbstverständnis nach, mit dem sie etwa von der Wiener Gruppe oder bei Max Bense postuliert wurde – keine Verfeinerung, sondern stellt idealerweise das Paradigma Literatur selbst infrage.

Es ist also gut möglich, dass nicht die Künstliche Intelligenz an der Literatur gescheitert ist, sondern Kehlmann an der Künstlichen Intelligenz – und irgendwie auch an der Literatur. Denn in seiner Gegenüberstellung von vollwertigem »künstlerischen Werk« und bloßem »Experiment« zeigt sich, wie wenig ihm in den Sinn kommt, dass man mit Maschinen anders Literatur machen kann oder vielleicht sogar muss, statt sie über das Stöckchen der eigenen Poetik springen zu lassen. So sind ihm die Entgleisungen und Absurditäten, die CTRL ausspuckt, offensichtlich bug, nicht feature. Was Literatur ist und welcher Ästhetik sie zu folgen hat, steht von Anfang an fest. Für Kehlmann ist ihr perennierender Kern vor allem eines: Erzählung – kohärent und ohne Brüche, dafür mit großen Zusammenhängen und weit geschwungenen Plot-Bögen, die letzten Endes auf eine komplexe Autorintentionalität verweisen. Die freilich geht der Maschine ab, und so hält er das Experiment für misslungen.

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