Schluss mit der Schuldsteuer. Die Überarbeitung des postkolonialen Kanons

In den Aufsätzen meiner Studierenden ist mir ein Muster aufgefallen. In ihrem Aufbau ähneln sie den Fabeln von Äsop. Am Ende braucht es offenbar immer eine Moral – eine Art Schlusswort wie ein Dankgebet nach einer Mahlzeit oder, wie man’s nimmt, eine Magentablette gegen Sodbrennen. Gelegentlich bemerke ich dasselbe in Gedichten, die abschließenden Zeilen müssen dafür herhalten, die vorangegangenen Zeilen zu rechtfertigen. Ich habe es »Moralitis« getauft. Ohne eine solche Moral von der Geschichte scheinen wir ratlos zu sein, wie sich die Existenz eines Texts legitimieren lässt.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

»Warum seid ihr so misstrauisch gegenüber Genuss und Freude?«, wollte ich von Studenten und Studentinnen bei einer Videokonferenz wissen. Später fragte ich mich, ob das wohl auch wie eine moralische Frage geklungen hatte, aber ein paar von ihnen gaben bereitwillig Antwort. Was sie sagten, verriet, dass ihnen nicht ganz klar war, ob meine Frage als sanfter Tadel oder als Lob gemeint war.

Es ist nicht ihre Schuld. In den meisten – fast allen – Literaturkursen, die sie belegen, haben die Texte, die sie studieren, eine illustrative Funktion: Sie werden benutzt, um eine Spielart eines -ismus auszuleuchten, der vom Dozenten entweder missbilligt oder angepriesen wird. Ich rufe mir und meinen Studenten dann stets ins Gedächtnis, dass die ersten Professoren für Englische Literatur in den Anfängen der Disziplin im 19. Jahrhundert zu einem Großteil aus der Rhetorik und der Theologie kamen und sich vor allem mit der Vermittlung moralischer und religiöser Werte beschäftigten. Erst Jahrzehnte später, mit den Modernisten und vor allem den Formalisten, fing die Disziplin an, unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Schönheit und ihren Hintergrund sowie auf stilistische und ästhetische Fragen zu lenken, die zuvor nicht als Bestandteil des akademischen Studiums gegolten hatten.

Anfänglich ließ sich dies als eine Ergänzung zum von der Wissenschaft abgedeckten Territorium begreifen: »nicht nur« Recht und Moral, »sondern auch« Schönheit und Form. Aber das Hin und Her der literarischen Bewegungen – die britische Romantik im Streit mit dem Neoklassizismus, der Viktorianismus mit der Romantik und dann die Moderne gegen den Viktorianismus und so weiter – hat oft den Eindruck hinterlassen, dass die Schönheit (ich verwende das Wort in Ermangelung eines besseren) in krassem Gegensatz zur Moral stehen muss, auch wenn wir persönlich häufig eine harmonische Koexistenz beider erleben. Heute gibt es eine zu begrüßende Bewegung unter einigen nordamerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Verzauberung und Ergriffenheit als Reaktionen auf die Literatur neu zu betonen, die ebenso Bestand haben wie die moralische Analyse. Dennoch ist mir keine literaturwissenschaftliche Fakultät in irgendeinem Kulturkreis bekannt – und schon gar nicht in einer der indischen Sprachen –, die an einem Übermaß an Vergnügen leiden würde.

Wenn ich dieses Resümee ziehe, tue ich das als Außenstehende. Ich bin weder in Amerika noch in England geboren, und ich war nie an ein anglophones Literaturinstitut gebunden, ich behaupte nicht einmal, ich wäre diesbezüglich besonders up to date. Ich bin eine postkoloniale Bürgerin, die die weiße Welt liest. Ich weiß über das Bescheid, was gut dokumentiert ist: wie die Regionalwissenschaften (die Area Studies) entstanden, die mit Geldern der Geheimdienste der amerikanischen Regierung gefördert wurden, und wie das zur Aufnahme von Literatur aus diesen unbekannten Kulturen in die weißen Literaturinstitute führte. Ich verwende »weiß« in der sachlichsten, selbstverständlichsten Art und Weise, ohne Zorn – das war es, was es war, eine Schar weißer Autorinnen und Autoren, hauptsächlich aber Autoren, die jahrzehntelang auf Lehrplänen hockten. Sie hatten über Dinge geschrieben, die ihnen in den Sinn kamen: Elefanten, Frauen, Berge, Kriege, eine Tasse Tee, ein Tag im Leben eines unscheinbaren Menschen. Die Lehrplanmacher hatten ihr Umherschweifen legitimiert. Alles war in Ordnung, der weiße Schriftsteller konnte über alles schreiben.

(…)


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