Sinneskolumne. Wahrnehmung unter Hygieneregimen

Viren entziehen sich der menschlichen Wahrnehmung; sie machen sich erst durch Symptome bemerkbar. Die Zumutung, die aus dieser Nichtwahrnehmbarkeit resultiert, findet nicht nur in der lautstark artikulierten »Corona-Skepsis« ihren Ausdruck, die teils einen radikalen Sensualismus in Anschlag bringt, der sich weigert, Phänomene, die der eigenen Anschauung nicht unmittelbar zugänglich sind, als real zu akzeptieren: von der Aussage, man kenne persönlich keine Infizierten, bis zur Behauptung, die von offizieller Seite vorgelegten wissenschaftlichen Visualisierungen des Pandemiegeschehens gingen an der Realität vorbei.1 Auch in zahlreichen Zeitungsüberschriften, in denen von der »unsichtbaren Bedrohung« die Rede ist, schwingt das Staunen mit, eine Gefahrenquelle, die man »mit bloßem Auge« nicht sehen kann, könne lebensbedrohlich sein.2 Wie also sehen wir das Virus?

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Das Virus sehen

In der Regel als stachlige Kugel, meistens in Rot. Dieser Umstand ist bemerkenswert, denn Viren haben keine Farbe. Sie sind kleiner als die Wellenlänge sichtbaren Lichts und können nur unter dem Elektronenmikroskop betrachtet werden, das allerdings Bilder in Graustufen liefert. Farbige Abbildungen kommen durch eine Nachkolorierung zustande.

Auch auf den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Mikroskopien des Sars-Cov-2-Virus sind die Viren zumeist rostfarben oder gelblich eingefärbt.3 Häufig wird das Virus auch gelb animiert, eine Farbe, die oft im Zusammenhang mit China verwendet wurde, etwa auf dem berüchtigten Spiegel-Titel aus dem Jahr 1978: China, die gelbe Gefahr. So wurde das Virus sowohl semantisch als auch semiotisch zur äußeren Bedrohung nicht nur der Körper, sondern auch der Nationen erklärt.

Von der »Orientalischen Pest« des 17. Jahrhunderts über die »Asiatische Cholera« und die als »Chinesische Krankheit« bekannte Syphilis im 19. Jahrhundert über die »Spanische Grippe« nach dem Ersten Weltkrieg bis zur »Hongkong-Grippe« um 1970 (in bundesdeutschen Medien auch als »Mao-Grippe« adressiert) wurden epidemische Bedrohungen immer wieder nationalisiert, politisiert und ethnisiert, besonders häufig als »asiatisch«, wie vor allem Susan Sontag herausgestellt hat.4

Das hat medizingeschichtliche Wurzeln. So schrieb der schwedische Naturforscher Carl von Linné schon 1748 den Chinesen die Farbe Gelb zu, nicht etwa weil er ihre Hautfarbe als gelb las; er ordnete China pauschal der Melancholie und dem Merkantilen zu, denen in der älteren Körpersäftetheorie die grünlich-gelbliche Galle entsprach – eine Zuschreibung, die sich ebenfalls in den Zuschreibungen zu Neid und Geiz erhalten hat und auch eine antisemitische Ausprägung kennt.5 Die Darstellung der Viren unserer Tage schreibt damit de facto eine lange Tradition ethnisierten Farbensehens fort. Dass es auch anders geht, bewies das Cover von Newsweek schon im Februar 2020, auf dem die Viruskugel hellblau getönt ist, in einer weniger spezifisch codierten Färbung, die sich medial zuletzt immer mehr durchsetzte.

Wahrnehmungskrise

Die Erforschung von Viren und Bakterien hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer regelrechten Wahrnehmungskrise geführt. Sie fiel zusammen mit dem wissenschaftlichen Nachweis anderer unsichtbarer Kräfte: Strahlen, Schallwellen, elektrischen Spannungen und Strömen. Erkenntnisse über Existenz und Wirkmächtigkeit dieser dem Auge verborgenen Faktoren zeigten die natürlich begrenzte Leistungsfähigkeit der menschlichen Sinnesorgane auf und markierten zudem einen Bruch mit der neuzeitlichen Sinneshierarchie.6

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.