Verseuchtes Verhalten

Die Amerikaner haben dafür die griffigste Formel gefunden: »Wash your hands, wear your mask, watch your distance.« Dann kann, so das Versprechen, das tödliche Virus euch nichts anhaben. Gibt es ein attraktiveres Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag?

Und dennoch: Vom Händewaschen abgesehen, über das öffentlich nicht Buch geführt werden kann, haben diese Kulturtechniken, ihrer spektakulären Banalität und Effektivität ungeachtet, der Volksseele in den USA so zugesetzt wie nirgendwo sonst. Es hat sie fast zerrissen. Mit dem Maskengebot schien für viele das Ende jeder Freiheit gekommen, derweil ein Verlust der Nähe entweder als unerträglich galt (Bars, Feiern etc.) oder sogar zur Blasphemie (Gottesdienste) erhoben wurde.

(Der Text ist im Maiheft 2021, Merkur # 864, erschienen.)

Wahre Amerikaner wollten sich, bestärkt durch gleichgesinnte Machthaber und Rechtshüter, die doppelte Wertminderung nicht gefallen lassen. Andernorts – etwa hierzulande – ist der Wahnsinn nicht ganz so eskaliert, gleichwohl hat er auch da eine erstaunliche Intensität erreicht. Dies gilt für den sogenannten Maskenkrieg ebenso wie für das ungesunde Bedürfnis, sich aus gegebenem Anlass zu »vermassen«: 38 000 Menschen kamen in Leipzig zusammen, um gegen die Corona-Politik der Bundesregierung zu demonstrieren.

Die Frage drängt sich auf: Gibt es ein »verseuchtes Verhalten« in dem Sinn, dass Menschen ihren Verstand verlieren, wenn sie mit einer Epidemie konfrontiert sind? Oder anders ausgedrückt: Gehört zur unbeherrschten Seuche auch der »verrückte Augenblick« (Aristide Zolberg)?

»Weder Gottesfurcht noch Menschensatzung«

Von einem dieser Augenblicke handelt Thukydides’ Schilderung des Athener Pestausbruchs 430 v. Chr.1 Er erzählt von Leiden und Leidenschaften, deren grässlicher Verlauf sich durch keine Kur hätte aufhalten lassen: Nachgerade sachgesetzlich haben sie den »dünnen Lack der Zivilisation abgesprengt«.2 Denn das »Furchtbarste an dem ganzen Übel« sei »die Mutlosigkeit« gewesen, »sobald sich einer krank fühlte«. Denn alle überließen sich gleichermaßen »der Verzweiflung, gaben sich völlig auf und leisteten keinen Widerstand«, weshalb sie einer nach dem andern »wie das Vieh dahinstarben«. Aber was hätten sie tun sollen? Waren doch schon die allgemeinen Umstände so, dass an ein vernünftiges Verhalten nicht zu denken war: Eine kriegsbedingte Landflucht brachte gerade diese Neuankömmlinge in besondere Bedrängnis: »Denn da nicht genug Häuser vorhanden waren und sie den Sommer in stickig-heißen Hütten zubringen mussten, starben sie in wüstem Durcheinander dahin: Tote und Sterbende lagen übereinander«, wer noch ein letztes Stückchen Leben verspürte, wälzte »sich auf den Straßen und bei allen Brunnen, in wildem Verlangen nach Wasser«.

Im Gefolge des Chaos zerfielen die ordnungsstiftenden Rituale der Athener: »Alle Gebräuche, an die sie sich früher bei Begräbnissen gehalten hatten, wurden in der allgemeinen Verwirrung erschüttert; jeder begrub, wie er konnte.« Besonders skandalös: »Auf einen fremden Scheiterhaufen legten sie ihre Toten, bevor noch die, die ihn aufgeschichtet, dazukamen, und zündeten ihn an; andere warfen die Leichen, die sie trugen, auf eine schon brennende oben drauf und gingen fort.« Auch andere Hemmschwellen konnten sich unter solchen Umständen nicht halten. So plünderte der arme Schlucker, dem noch ein Tag zu leben blieb, das Haus des reichen Nachbarn, den die Seuche schon dahingerafft hatte.

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