Aby Warburgs Serendipity

Der Bilderatlas Mnemosyne, den Aby Warburg bei seinem Tod im Jahr 1929 unvollendet hinterlassen hat, zählt zu den großen Mythen der Kulturwissenschaft. Im Herbst 2020 sind die 63 Bildtafeln, auf denen das Layout des als Buchprojekt geplanten Atlas erprobt wurde, zusammengesetzt aus den nahezu tausend Reproduktionen, die sich aus Warburgs Besitz im Bildarchiv des Warburg Institute in London haben ausfindig machen lassen, im Berliner Haus der Kulturen der Welt erstmals wieder montiert worden. Beworben wurde die Ausstellung mit dem Zusatz »Das Original«.1

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Eine Vokabel, die, so überwältigend und aufschlussreich die Ausbreitung dieses dem Nachleben der Antike gewidmeten fragmentarischen Bildkorpus war, nicht wenig in die Irre führt. Die konkrete Arbeit am Bilderatlas, der die Summe von Warburgs Forschungen hätte darstellen sollen, setzt zwar erst Mitte der zwanziger Jahre ein; Warburg aber hat einen stabilen Bestand von etwa 2000 Abbildungen von früh an immer wieder temporär zu neuen Konfigurationen zusammengestellt. Was anfänglich noch ganz der gängigen kunsthistorischen Praxis der vergleichenden Bildbetrachtung gehorchte, hat sich freilich erst in der ganz eigenen Kombinationslogik und Kühnheit der Verknüpfungen der Tafeln des Atlas zu einer neuen Methode entwickelt.

Martin Warnke hat bereits vor zwanzig Jahren im Rahmen der Gesammelten Schriften Warburgs dessen bis heute maßgebliche Dokumentation vorgelegt und dabei eine Lektüreanweisung vorgegeben, die Warburgs ikonischen Denkbewegungen nicht linear-chronologisch folgt, also Zeile für Zeile von links nach rechts und von oben nach unten, sondern gelegentlich auch vertikal, manchmal springend oder in Kreise ausgreifend durch die Tafeln mäandert. Aber selbst diese dynamischen Richtungswechsel müssen reine Spekulation bleiben. Denn abgesehen vom Bruchstück einer Einleitung hat sich von Warburg keine Handreichung zur Lesart seiner Assemblagen erhalten – die vorgesehenen Bildlegenden sind ebenso ungeschrieben geblieben wie die geplanten ein oder sogar zwei Bände mit Erläuterungen und Kommentar.

Warburg hat sein Projekt unter das Patronat der griechischen Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, Mnemosyne, gestellt. Vielleicht aber hat er dabei noch mehr den namensgleichen Fluss der Unterwelt im Sinn gehabt, in dessen nie versiegendem Wasser die Erinnerung floss – mit allen unwägbaren Stromschnellen. So unabschließbar der Atlas daher strukturell bleiben musste, so wenig erfüllen die rekonstruierbaren Bildtafeln die Kriterien eines »Originals«. Als Versuchsanordnungen bleiben sie offen für jede neue Kombinatorik – es herrscht in ihnen die pure serendipity.

Gute Nachbarschaft

Den Namen Aby Warburgs mit solch einem genuin britischen Begriff zu parallelisieren,2 könnte fast so erscheinen, als anglisierte man die auf ihn zurückgehende Methode noch vor der Zeit, also vor der erzwungenen Emigration der von ihm gegründeten Bibliothek nach London im Jahr 1933. Gleichwohl darf man sich dazu ermutigt fühlen. Aus reiner Serendipität, sozusagen. Beides nämlich, eine Studie zum Paradigma »Serendipity« und eine weitere zur Warburg-Tradition, findet sich in einem Band mit gesammelten Schriften von Carlo Ginzburg. Die Artikel waren zwar separat und unabhängig voneinander erschienen (der erste im Jahr 1979, der andere bereits 1966) und sind auch nicht aufeinander bezogen; aber in der sehr populär gewordenen deutschen Übersetzung und Ausgabe einiger von Ginzburgs Schriften, erschienen unter dem Titel Spurensicherung, eröffnen und beschließen sie eine Serie von Aufsätzen, die von den Unwägbarkeiten wissenschaftlicher und kriminalistischer Praxis handeln.3

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