Berliner Zimmer (2017)

Ein Bekannter und seine Freundin sind in eine Kreuzberger Vorderhauswohnung gezogen, um die zweihundert Quadratmeter groß, Zimmer auch im Seitenflügel, Blick auf den Kanal. Wir sind zum Housewarming eingeladen und kommen zu fünft.

»Ist ja eine Traumwohnung«, sagt Hanna, die selbst in einer Traumwohnung lebt.

Die Schuhe sollen wir anscheinend ausziehen. In dem riesigen Berliner Zimmer – Wände wurden herausgerissen, eine schlichte dunkle Küchenzeile und eine Kochinsel eingebaut – unterhalten sich bereits viele Gäste. Alle stehen in Socken oder in Strumpfhosen auf dem Parkett.1

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Sind wir zu spät? Nein, die vielen Briten, die sich hier versammelt haben, sind einfach sehr pünktlich erschienen.

Wir begrüßen und werden begrüßt, versorgen uns mit Getränken und sprechen über die Wohnung. Worüber sonst. Über diese Wohnung, Wohnungen im Allgemeinen und das Wohnen an sich.

Mir fallen andere, weniger prächtig renovierte Kreuzberger Wohnungen ein, Brittas in der Eisenbahnstraße zum Beispiel. Mit ihren einfachen, verzogenen und daher schlecht schließenden Vorkriegsfenstern. Britta heizt mit elektrischen Radiatoren, die mit vor dem Zähler abgezapftem Strom betrieben werden. Ihre Öfen hat sie seit Ewigkeiten nicht mehr befeuert.

Albrechts Wohnung fällt mir ein. Aus seinem Wohn- und Arbeitszimmer schaut er über den Heinrichplatz, Tag und Nacht ein Kreuzberg-Diorama vor den Fenstern, live. Das Haus, vor Urzeiten einmal ein besetztes Haus, gehört einer Genossenschaft, die vor einigen Jahren wegen Misswirtschaft fast pleite war. Jetzt ist alles wieder gut. Albrecht hat so viele Bücher in jedem Zimmer, dass er sich Sorgen um die Statik machte, bis ihn jemand beruhigte, dass die Decken und Böden der Berliner Wohnungen, in denen einst schwere Kachelöfen standen, sehr viele Bücher tragen können.

Isoldes Wohnung am Erkelenzdamm fällt mir ein, jenseits des Kanals und ein kleines Stück weiter. Ihr Haus ist ungewöhnlich schmal für einen Berliner Altbau. So schmal, dass es auf jeder Etage nur eine Wohnung gibt, und folglich wenig Treppenhausverkehr. Wurde deshalb schon bei allen Parteien eingebrochen? Das Kottbusser Tor mit seiner offenen Drogenszene ist nicht weit. Auf ihrem Balkon wächst eine Birke, die mittlerweile, Isolde wohnt bald ein Vierteljahrhundert in ihrer Wohnung, viel zu groß für ihren Balkon ist.

Wir stoßen an, Hanna, Nora, Friederike, Jan und ich. Und ich erzähle von Herrn Rutschkys Wohnung in der Wartenburgstraße. Sie ähnelt dieser, deren Einweihung wir jetzt feiern, sehr. Nur, dass Herrn Rutschkys Wohnung unsaniert ist. Und seit dem Einzug des Ehepaars Rutschky im Jahr 1984 nur sehr behutsam renoviert wurde. »Eher gar nicht«, sage ich. »In ihrer Küche gibt es noch den Hängeboden über der Kochmaschine, auf dem das arme Dienstmädchen ihren Schlafplatz hatte.«

»Und, nutzt er den noch?«, fragt Jan.

»Soweit ich weiß, wurde der zuletzt genutzt, als die Mieter dieser Offizierswohnungen glaubten, sich Personal halten zu müssen. Im vorletzten Jahrhundert.«

»Ein Schlafplatz über dem Herd? Ich weiß nicht«, sagt Nora.

»In Rutschkys Vorderhauszimmern mit Flügeltüren, üppigen Stuckdecken und Intarsienparkett stehen die Bücher lustigerweise in Regalen, die sie in den frühen siebziger Jahren aus heute antik wirkenden hölzernen Apfelsinenkisten zusammengestapelt haben.«

»Wohnt er jetzt alleine dort?«

(…)


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