Das pandemische Ende der Digitalisierung. Digitalkolumne

Erinnern Sie sich noch an die lange Digitalisierungsdebatte des letzten Jahrzehnts? Damals gab es keine Reden ohne die ernstgemeinten Hinweise auf »Daten als das Erdöl der Zukunft«, keine Kolumnen ohne ein bewegendes Zeugnis von raffinierter und deshalb auswegloser »(Selbst)Überwachung« auf dem Handy, keine Strategiepapiere und keine Podiumsdiskussionen, die sich nicht mit frisch aufgetauter »Künstlicher Intelligenz« oder gründlich reanimierten »Vernetzungsgefahren« des neu erfundenen »Plattformkapitalismus« beschäftigt hätten.

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Der Hype-Cycle

Dazu gab es auch noch wunderbar ausdifferenzierte, ja nachgerade selbstreflexive Beobachtungsformen des Digitalisierungshypes. Nehmen wir zum Beispiel »Gartner’s Hype Cycle for Emerging Technologies«. Als technoökonomische Beobachtung erster Ordnung untersuchte dieses Tool das Hype-Geschehen mit der Lupe und stellte es als Kurve dar. Zahlreiche Zukunftstechnologien wurden darauf mit unterschiedlich farbigen Punkten eingetragen, je nachdem wann eine Technik produktiv umgesetzt werden würde. Allen Technologien war gemeinsam, dass sie zuerst so richtig gehypt wurden. Dann ging es für alle runter in die Phase der Desillusionierung. Aber selbst die totgeglaubten kamen wieder, erholten sich gut und erreichten einen annehmbaren mittleren Hype-Level, der mit ihrer produktiven Umsetzung einherging.

Im August 2018 war der Hype-Cycle voll von digitalen Anwendungen, die gerade ihrem Erwartungshoch entgegenrasten. Dazu gehörten der Biochip, das Brain-Computer-Interface und der autonome mobile Roboter. Aber auch sogenannte Deep Neural Networks und der »Level 5« des autonomen Fahrens, bei dem die Fahrzeuge weder einen fahrtüchtigen Lenker noch Bremspedale brauchen werden, schienen flott unterwegs zu sein. Nach einer dramatischen Talfahrt durch die kritische Desillusionszone würden sie, so die Marktforscher, auf ein anständiges Produktivitätsplateau fahren.

Immerhin hatten es ja die Augmented Reality, die intelligenten Textilien und das autonome Fahren (noch im gemäßigten Level-4-Modus) auch bald geschafft. Nur theoretisch gab es bei Gartner Technologien, die sich unterwegs verirrten und die Produktivitätsphase gar nie erreichten. Sie hätten gemäß Legende mit »obsolete before plateau« angeschrieben werden müssen. Aber den Analysten kamen partout keine treffenden Beispiele in den Sinn.

Die Pandemie

In meiner Erinnerung dauerte der Hype für all das, was mit »Digitalisierung« zusammenhing, unerträglich lange und war nur selten differenziert. Dann kam ganz unerwartet die Pandemie und mit ihr eine Fülle ebenso unerwarteter Probleme. Sie rückte nicht etwa das soeben noch herbeigeredete Avenir ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern – wer hätte das gedacht – sehr präsente digitale Technologien.

(…)


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