Ehrlichkeit, Glauben, Vertrauen – Zeitung aus dem 17. Jahrhundert

Die Dichterin Sibylla Schwarz, an deren 400. Geburtstag im Februar erinnert wurde, schrieb ein bemerkenswertes Trostgedicht für Christina Maria von Seebach, weil die Nachricht ankam, deren Mann sei in Kriegshandlungen gestorben.1 Die Überschrift des Gedichts verdeutlicht die Kommunikationssituation: »An || Christina Maria von Seebach || etc. Weiland || u. Herrn Alexanders von Forbusch || u. Obersten || u. Hertzgeliebte Gemahlin || als die traurige Zeitung kam: dieser ihr Liebster sey gestorben.« In diesem Gedicht versucht Schwarz, Trost zu spenden mit dem Hinweis darauf, dass die Nachricht vom Tod des Ehemanns falsch sein könnte. Im Gedicht verweist Schwarz auf die Unzuverlässigkeit solcher Nachrichten und setzt auf die Hoffnung, der geliebte Ehemann von Christina Maria von Seebach könnte bald zurückkehren.

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Etwas später verfasst Schwarz dann ein Gedicht, das den Untertitel trägt: »Als die traurige Zeitung || leider! || allzuwahr war.« Die Hoffnung, den Mann lebend wiederzusehen, hat sich zerschlagen. Das erste Trostgedicht dagegen kennt diese Hoffnung noch, und es weiß um die Unzuverlässigkeit von Nachrichten.

Wer wil doch auff ein Wort so grossen Glauben legen,
Daß ihm dasselbe soll zur Traurigkeit bewegen?
Hier hört man offtmahls was, das kaum geschehen kan,
Vielweniger ist geschehn, drüm kehrt euch hier nicht an,
Denn das gemeine Volck macht todte von den krancken,
Von Frieden lauter Streit, wer darum wolte wancken,
Der würde nimmermehr auff was gewisses sehn,
Weil die gemeine Schar mit Lügen üm pflegt gehn.

Diese Verse lassen sich nicht als Medienkritik bezeichnen – und die »Zeitung« bedeutet im frühen 17. Jahrhundert zunächst schlicht eine Nachricht –, aber es existiert ein Bewusstsein, dass jede Nachricht falsch sein kann. Auf ein »Wort« sollte Christina Maria von Seebach sich keinesfalls so sehr verlassen, dass sie deshalb um ihren Mann trauert. Die Kontrolle der Affekte folgt hier aus dem Wissen, die Nachrichten seien unzuverlässig. Damit ist das Wissenkönnen prinzipiell nicht angezweifelt. Selbstverständlich nicht. Wir befinden uns schließlich im Dreißigjährigen Krieg, nicht in der Moderne, die die Erkenntnis grundsätzlich infrage stellen wird.

Doch die Möglichkeit, den Nachrichtenwert kritisch zu beurteilen, ist gegeben. Schwarz fordert genau das sogar ein, und zwar ohne Kierkegaard, Nietzsche oder ein poststrukturalistisches Thesenpapier. Die Nachricht bringt die Reflexion auf ihre mögliche Unglaubwürdigkeit mit sich. Das bedeutet, die Medialität impliziert bereits die Schwierigkeit, dass mitbedacht werden muss, die furchtbare Nachricht könnte falsch, sie könnte ja eine Lüge oder Täuschung sein. Hier formuliert Schwarz einen Vorbehalt, der im Nachdenken über Nachrichten bedeutsam ist. Er findet sich ähnlich in anderen Texten wieder.

Am Ende des 17. Jahrhunderts denkt Kaspar Stieler in seinem wichtigen Buch Zeitungs Lust und Nutz – nun ist das Medium Zeitung gemeint – über die Probleme nach, die die Zeitungen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit mit sich gebracht haben.2 Erschienen am Anfang des Jahrhunderts die ersten gedruckten Zeitungen in Straßburg und Wolfenbüttel, haben sie sich am Ende des 17. Jahrhunderts längst durchgesetzt, wenn auch nicht jeder von ihrem Nutzen überzeugt ist. Stielers Buch ist beides, eine Verteidigungsschrift und eine systematische Beschreibung des Mediums. Umsichtig geht er auf den Vorwurf ein, die Zeitungen verbreiteten Lügen. Die Parallele zu den Medien heute liegt hier auf der Hand, wenngleich überall Differenzen zu bedenken sind: im Medium selbst, in der Verbreitung des Vorwurfs, in den Konnotationen etc.

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