Ortsbesuch in Hambach

»Kennst Du den Hambacher Forst, war das nicht der Ort, an dem Du Rettungsgrabungen gemacht hast?« Dies schrieb ich kurz vor meiner Fahrt in das rheinische Braunkohlerevier einem befreundeten Archäologen, Klaus Hilbert, der heute in Brasilien lehrt. Klaus antwortete sogleich, sandte sogar Fotos von der damaligen Grabung. »Das war Ende der 1970er Jahre. Wir haben die Erdschichten damals Zentimeter für Zentimeter abgezogen, teilweise mithilfe von Baggern, die das ganz vorsichtig abkratzen, zum Teil aber auch mit Maurerkellen von Hand.« Die Archäologen waren fündig geworden, unter anderem entdeckte man das Grab eines römischen Legionärs, der vor rund 1700 Jahren dort beerdigt wurde. Von ihm war nur ein Schatten übriggeblieben, mit wenigen Habseligkeiten und seinem Hund hatte man ihn begraben. »Carpe diem, denk an den Legionär« hatte die Mail von Klaus geendet.

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Nachdem über Hambach sehr viel geschrieben und gestritten worden ist, schien es mir an der Zeit, einmal hinzufahren, nicht um zu argumentieren oder zu streiten oder anzuprangern, sondern zunächst einmal, um mich über vierzig Jahre später mit offenen Augen umzusehen.

Wo einst Klaus vorsichtig Schicht für Schicht von dem oberen Lössboden abgetragen hatte, lag nun der tiefste Punkt Deutschlands, rund 325 Meter unter null. Es ist ein Ort der Superlative, das »größte Loch Europas«, jedenfalls aber einer der größten Tagebaue der Welt, inmitten einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde, nicht weit von Köln. Hier wird Braunkohle abgebaggert, noch bis 2030, dann wird aus dem jetzigen Loch ein See, der, so sieht es der Rekultivierungsplan vor, mit Rheinwasser gefüllt werden soll, dafür soll extra eine Pipeline gelegt werden. Die Befüllung wird mehrere Jahrzehnte dauern. Auch der See wird dann ein Superlativ sein; denn dem Volumen nach – mit voraussichtlich 3,6 Kubikkilometern Wasser – wird es der zweitgrößte in Deutschland sein, größer als der Starnberger See, wenn auch immer noch kleiner als der Bodensee. Den Bodensee und den Starnberger See haben im Laufe mehrerer Jahrtausende Gletscher ausgetieft; Hambach haben wir gegraben, innerhalb von nicht einmal fünfzig Jahren. Die Behauptung, dass die deutlichsten Spuren des Anthropozän die Gruben, Tunnel und Schächte seien, gewinnt in Hambach Evidenz. 1

Wie konnte Hambach möglich werden, wie konnte man jemals ein solches Projekt bewilligen, fragen Klimaaktivisten, doch wenn man den historischen Kontext betrachtet, wird Hambach verständlich. Eingeleitet wurde das Genehmigungsverfahren 1974, ein Jahr nach dem »Ölpreisschock«, der durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelöst wurde. In diesem Krieg kämpften Ägypten, Syrien und weitere arabische Staaten gegen Israel. Aus Protest gegen die Solidarität westlicher Staaten mit Israel beschloss die Organisation der erdölexportierenden arabischen Staaten, die OAPEC, die Fördermenge herunterzufahren. Daraufhin kam es zu einer drastischen Steigerung des Erdölpreises auf den Weltmärkten und einer Wirtschaftsrezession. Erstmals war in der Bundesrepublik ein Nullwachstum zu verzeichnen, die Zahl der Arbeitslosen verdoppelte sich. Die damalige Bundesregierung unter dem neugewählten Bundeskanzler Helmut Schmidt leitete eine Kurswende in der Energiepolitik ein. Wie bei fast allen westlichen Industriestaaten galt von nun an als oberstes Prinzip, die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern. Die Maßnahmen umfassten den Ausbau der Kernenergie sowie die beschleunigte Nutzung von Braunkohle und Erdgas. Auch die Steinkohlenutzung sollte gefördert werden. 2

Umweltpolitische Belange waren zwar bereits auf der Agenda, hatten aber keine Priorität; Klimaschutz war noch kein öffentliches Thema, obwohl der steigende Kohlendioxidgehalt der Luft damals schon seit sechzehn Jahren kontinuierlich gemessen wurde und obwohl manche Klimaforscher bereits warnten, dass der Konzentrationsanstieg eine globale Erwärmung mit sich bringe. Doch damals ging es um Energieunabhängigkeit; es ging darum, dass die Arbeitslosen wieder beschäftigt werden konnten, dass die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt. In diesem Kontext war die Genehmigung für den Tagebau Hambach nicht nur vertretbar, sondern schlüssig, im diskussionsfeindlichen politischen Jargon der Merkel-Zeit würde man sagen: alternativlos.

Heute haben sich die politischen Gewichte verschoben. Zahlreiche Menschen weltweit sind aus guten Gründen der Überzeugung, dass der Klimawandel, ähnlich wie die Existenz von Kernwaffen, eine Bedrohung darstellt. Obwohl Deutschland, das heute nur noch einen kleinen und weiter schwindenden Teil zu den weltweiten Emissionen beiträgt, das Problem allein nicht lösen kann, ist die Bereitschaft zum Wandel hierzulande besonders groß. Nach jahrelangem öffentlichem Druck und Fridays-for-Future-Protesten kam der »Kohlekompromiss« zustande, der auch für den Tagebau Hambach Konsequenzen hat. 1,1 Milliarden Tonnen Braunkohle, die ursprünglich noch hätten abgebaggert werden sollen, bleiben nun unter der Erde, der Tagebau wird vorzeitig stillgelegt. Damit kann zum Beispiel der Ort Morschenich, der heute schon eine Geisterstadt ist, erhalten bleiben; wenn auch nicht nur zur Freude der dort noch Wohnenden, von denen zumindest einige lieber umgesiedelt werden würden und deshalb auch gerichtlich gegen die RWE vorgehen.

Ich besuche den Ort gemeinsam mit Ulrich Lieven, dem Abfallbeauftragten für die Tagebaue, zugleich ein ausgewiesener Paläobotaniker, der zu fossilen Pflanzen forscht und publiziert. 3 Sein Hobby und sein Beruf ergänzen sich, denn jeden Tag ist er in einem gewaltigen fossilen Archiv unterwegs, in dem die Schaufelradbagger immer wieder neue Seiten aufschlagen und neue Schichten freigelegen. So werden neue Funde möglich, mal sind es ganze Baumstämme in großartiger Erhaltung, mal verbrannte Hölzer als Spuren von Waldbränden, Zapfen und Früchte von Bäumen oder auch Blätter.

Ich habe schon viele Industriebetriebe und Minen besichtigt, aber selten war eine Führung so freundlich und zugleich so kompetent, so aufschlussreich in jeder Hinsicht. Die Gegend ist mir bekannt, in der Nähe bin ich aufgewachsen. Schon als Zehnjähriger war ich mit meinem Bruder und unserem Vater in dem nicht weit von Hambach gelegenen Tagebau »Zukunft« unterwegs, wo wir nach Fossilien suchten und reichlich fündig wurden. Die damals aufgesammelten Zweige, Zapfen und Früchte hatte mein Vater mit Klarlack konserviert und auf einem beiliegenden Zettel beschriftet, der im Lauf der Jahre selbst braun wurde. Als er starb, habe ich die Funde, die er im Deckel einer jener Dosen mit englischem Konfekt, die meine Mutter sehr liebt, arrangiert hatte, sorgsam verpackt und mitgenommen. Sie liegen direkt vor mir in meinem Bücherregal.

Der Tagebau »Zukunft« ist schon lange Vergangenheit. Der Ort, an dem wir damals auf sandigen Schichten gesammelt hatten, liegt heute einige zehn oder zwanzig Meter unter Wasser, denn aus dem Tagebau wurde im Rahmen der Rekultivierung der »Blausteinsee«, der inzwischen aufgrund seiner sehr guten Wasserqualität nicht nur zum Erholungsort geworden ist, sondern auch zum wichtigen Refugium für Tiere und Pflanzen. Teile des Sees hat man zum Naturschutzgebiet erklärt. Zumindest für wasserlebende Organismen hat der Braunkohletagebau nicht etwa Natur zerstört, sondern einen neuen Lebensraum geschaffen, der ökologisch viele Vorzüge hat gegenüber der vormaligen intensiven Nutzlandschaft. Die häufig und meist pauschal vorgebrachte Behauptung, durch den Braunkohletagebau würden »Flächen verbraucht«, stimmt offensichtlich nicht; langfristig können die Flächen vielmehr ökologisch aufgewertet werden. Schon während des Abbaus bilden die renaturierten Gruben Refugien und Asyle für nicht wenige Tier- und Pflanzenarten.

Hambach ist der größte Tagebau im Rheinischen Braunkohlerevier, betrieben wird er von der RWE Power AG, einer Firma, die in den letzten Jahren so oft ihr Logo geändert hat, dass die Mitarbeiter schon gar nicht mehr mitzählen. Auf dem weißen Schutzhelm, den Lieven mir bei der Einfahrt in die Grube reicht, steht jedenfalls noch das Logo »voRWEg gehen«. Es habe das alte Logo mit der weißen Hand auf blauem Grund ersetzt, erläutert Lieven. Damals galt das Motto »One Group. Many Utilities«, doch das habe bei der RWE kaum jemand korrekt aussprechen können. Ohnehin sei die Firma dann restrukturiert worden, und aus den alten fünf Bereichen, die durch die Hand symbolisiert wurden, seien drei geworden. Doch auch »voRWEg gehen« sei schon wieder Geschichte, weil sich nach längerer Diskussion herausstellte, dass »vorweg gehen« in der deutschen Sprache nicht existiert. Aktuell gelte daher als neues Logo der Schriftzug RWE. Dieses Herumeiern zeigt eine Unsicherheit über die eigene Identität, die so tief ist wie der Tagebau selbst.

RWE ist bekannt für die Produktion von Kohlestrom – und daher Hauptfeind der im Rheinland sehr aktiven Klimaaktivisten. Andererseits ist das Unternehmen heute schon einer der größten Produzenten für CO2-freien Strom, weltweit die Nummer zwei für erneuerbaren Strom aus Offshore-Windenergie, in Europa steht »RWE Renewables« als Energieerzeuger an dritter Stelle. In zwanzig Jahren will man klimaneutral sein.

Aber noch ist es nicht so weit. Etwa ein Drittel der gesamten Kohlendioxidemissionen von Nordrhein-Westfalen kommen aus den Kraftwerken rund um Hambach. Rund 14 Prozent des deutschen Stroms wurden auch 2020 aus der Verbrennung von Braunkohle gewonnen, in früheren Jahren war der Anteil oft doppelt so hoch. Von der Aussichtsplattform am Rand der Grube kann man sie sehen: Hinter einem Windrad steht das Kraftwerk Niederaußem, in der Ferne sieht es klein aus, dabei ragt sein Kühlturm zweihundert Meter in die Luft und ist damit deutlich höher als der weiter nordöstlich gelegene Kölner Dom. Bis 2012 war dieser klobige Zylinder aus Stahlbeton der höchste Kühlturm und Schornstein der Welt. Dann baute man in Indien das Kohlekraftwerk Kalisindh mit 202 Metern Höhe. Indien ist heute der drittgrößte Emittent von Kohlendioxid, nach China und den Vereinigten Staaten.

Nach Niederaußem wird die in Hambach geförderte Braunkohle transportiert, sie wird getrocknet, pulverisiert und kommt in den Ofen, wo rund um die Uhr ein gewaltiges Feuer brennt. Dieses Feuer erzeugt Dampf, der seinerseits einen stromerzeugenden Generator bewegt. Im Grunde ist ein Kohlekraftwerk eine große Dampflokomotive, die hochtourig läuft und gewaltige Dampf- und Rauchwolken erzeugt, die noch aus hundert Kilometern Entfernung gut sichtbar sind. Allerdings fährt diese Lokomotive nicht, sondern sie befindet sich in rasendem Stillstand und erzeugt unterdessen Strom: Kohlestrom. Aus jedem Kilogramm Braunkohle lassen sich vier Kilowattstunden Strom herausholen, zudem entsteht etwa ein Kilogramm Kohlendioxid, hinzu kommen Wasserdampf sowie ungefähr 30 Gramm Asche und etwas Schwefeldioxid, das aus den Abgasen herausgewaschen und zu Gips weiterverarbeitet wird. Heute wird in Deutschland weitaus mehr Gips aus solchen Anlagen gewonnen als aus natürlichen Vorkommen. Die gesamte in Deutschlands Schulen seit Jahrzehnten verwendete »Kreide« hängt mit Hambach und den anderen deutschen Braunkohlegruben zusammen.

Unvermeidbares Nebenprodukt der Stromerzeugung in Kohlekraftwerken ist das Kohlendioxid. Der Stoff wird in solch riesigen Mengen freigesetzt, dass man eigentlich vom Hauptprodukt sprechen müsste. Allein Niederaußem etwa hatte 2015 einen Kohlendioxidausstoß von 27,3 Millionen Tonnen. In Kubikmeter umgerechnet sind dies ungefähr 1,4 Kubikkilometer; damit könnte man den Ammersee bei München schon beinahe auffüllen.

Der Tagebau Hambach, in den ich mit Lieven in einem schneeweißen Geländewagen einfahre, der im Laufe des Tages etwas staubig werden wird, ist ein stiller Ort, die Bagger hört man praktisch nicht. Es ist eine eigentümliche, urtümliche Landschaft, sie hat, sobald man unten ist, etwas Labyrinthisches, es gibt Schluchten, Hügel und Täler, dazwischen immer wieder riesige technische Strukturen, Förderbänder und Pipelines, die Fahrt geht vorbei an Pfützen und Tümpeln immer weiter bergab. Dunkle Kohleschichten wechseln sich mit hellen Sand- und Tonlagen ab. Immer wieder brechen kleinere oder größere Wasseradern hervor, die abfließen, versickern oder abgepumpt werden, manche sprudeln feurig rot von Ockerausfällungen aus gelöstem Eisen. Auch regelrechte Wasserfälle plätschern von einigen der schwarzen Flöze herab.

Schaufelradbagger graben die Kohle ab. Sie sind etwa zweihundert Meter lang und 100 Meter hoch, die größten selbstfahrenden Arbeitsmaschinen, die es auf der Welt gibt. Sie sind das eigentliche Werkzeug, mit dem die Kohle herausgefördert wird. So ein Bagger, erläutert Lieven, kann 13 000 Tonnen wiegen, gebaut wird er aus Stahl. Und damit kenne man auch die Kosten, denn fertig verbauter Stahl koste ungefähr so viel wie gute Butter. Ich gebe zu, dass ich nicht behalten habe, welchen Butterpreis Lieven zugrunde legt, aber der Vergleich gefiel mir trotzdem. Es dürfte keine größeren und teureren Maschinen geben als diejenigen, mit denen wir Brennstoffe für unsere Feuer gewinnen.

Wir halten schließlich an einem frisch aufgeschlossenen Kohleflöz. Er ist braunschwarz; man erkennt in den Massen schon aus der Ferne einzelne Baumstämme, die sich beim Näherkommen als richtiges, allerdings braunschwarzes Holz erweisen, bestens erhalten, als wäre es gestern erst abgestorben und dann eingefärbt worden, ohne Mühe kann man alle Jahresringe erkennen, Zeichen längst vergangener Jahre. Ungefähr vor vierzehn Millionen Jahren bildete sich der unterste Flöz Frimmersdorf aus Bäumen und Pflanzen eines sumpfigen Walds. Auch wenn man diese Jahre nicht so genau datieren kann wie etwa das Jahr 1933 oder das Jahr 1989, waren sie zweifellos genauso konkret und wirklich wie die jüngere Vergangenheit. Nur Menschen waren damals noch nicht unterwegs. Aber Bäume wuchsen, Vögel sangen, Herden großer Tiere zogen durch die Wälder. Nachfahren dieser Bäume wachsen auch heute noch auf der Erde, die sogenannten Küstenmammutbäume, die Sequoias, die an die tausend Jahre alt werden und von denen einige Restbestände – die weitaus meisten wurden von europäischen Siedlern gefällt – noch in einem kalifornischen Nationalpark stehen.

Wenn man einen Brocken von dem schwarzbraunen Stoff aufhebt, in den der Stamm eingebettet ist, dann finden sich darin meist Pflanzenreste, aber auch dünne, orangefarbene Linien, das seien Harzkanäle, erklärt Ulrich Lieven, eine Art Bernstein. Hier hätten im mittleren Miozän, vor rund 14 Millionen Jahren, Sumpfwälder gestanden; die toten Baumstämme versanken im Morast und blieben gewissermaßen als Moorleichen erhalten. Es war ein sehr regenreiches Klima. Nicht weit von Hambach lag damals das Meer; das auch heute noch im Westen liegt, allerdings deutlich ferner und mit niedrigerer Wassertemperatur. Damals grenzte es mehr oder weniger unmittelbar an die Sumpfwälder, es war subtropisch warm, Haie und Rochen waren unterwegs, vermutlich auch in manchen Brackwasserbereichen des Waldes; manchmal überschwemmte das Meer die Sumpfwälder.

Man weiß, dass in den Wäldern damals viele Tiere lebten, aber man fand jahrzehntelang keinerlei Reste, bis eines Tages Mitte der 1980er Jahre ein 13 Millionen Jahre alter Flussarm angebaggert wurde. Im Kies entdeckte man Knochen, sie hatten sich durch den Schutz der kalkigen Kiesel erhalten, und eine ungeheuer reiche Tierwelt erschloss sich: Es gab Fledermäuse, Flughunde, durch die Bäume sprangen Affen, im Wald waren Hirsche, Nashörner, Urelefanten unterwegs. Außer an diesem Ausnahmeort haben sich in der Braunkohle keinerlei Tierreste erhalten; und wenn, dann nur in winzigen molekularen Spuren. Alle Knochen wurden in dem Moor, genau wie in heutigen Mooren, durch Säuren aufgelöst, lediglich Pflanzenreste blieben erhalten. Auch sie zeugen vielfach von Tieren, denn es gibt zum Beispiel Nüsse oder Früchte, die Bissspuren aufweisen, in manchem Holz finden sich dicke Bohrlöcher von Käfern. Das Holz bildet die mächtigen Flöze, derentwegen der Tagebau besteht. Sie werden abgebaggert, dann an einen zentralen Ort, den sogenannten Kohlebunker, gebracht, um später weitertransportiert zu werden zu den großen Öfen.

Wohl nur an sehr wenigen Orten erkennt man so deutlich wie in Hambach das moderne Feuerparadox. Überall brennt es, aber nirgendwo sieht man Feuer. Feuer scheint es in Hambach nicht zu geben. Nichts und niemand raucht, nirgendwo riecht es auch nur brenzlig. Und wenn sich an den Maschinen doch einmal das eine oder andere Teil überhitzt, ist die Werksfeuerwehr sofort zur Stelle. Noch nie gab es größere Brände in der Kohle. Und auch in den umliegenden Kraftwerken – natürlich lodern dort täglich, stündlich, jede Sekunde ungesehene und doch ungeheure Feuer, deswegen stehen ja die Kraftwerke da – hat »es« nur ganz selten einmal gebrannt, zum Beispiel 2006 in Niederaußem, als die Bekohlungsanlage Feuer fing, was sich zu einem Großbrand auswuchs, den man nur mit Mühe in den Griff bekam. Hambach zeigt wie nur wenige Orte, dass auch die modernen Menschen in den Industriestaaten echte Feuermacher sind. 4 Doch die Feuer brennen verkapselt, sind gewissermaßen in die industrielle Struktur eingewachsen. Könnten wir die Feuer rund um Hambach sehen, sie würden uns Angst machen.

Der großindustrielle Braunkohleabbau im Rheinland begann vor rund einhundertzwanzig Jahren. Das Holz aus lebenden Wäldern war in Europa schon im 17. Jahrhundert knapp geworden, ohne das versunkene Holz aus der Tiefe hätte es die Industrialisierung nicht gegeben, weil ihr der Brennstoff gefehlt hätte. Fossile Kohle ist bis heute der wichtigste Energieträger, trotz der seit 1900 wachsenden Bedeutung von Erdöl und später auch von Erdgas, dann von Kernenergie und heute von erneuerbaren Energien. Auch 2020 stammten rund 90 Prozent der weltweit erzeugten Energie aus Verbrennungsprozessen, der überwiegende Teil davon aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe.

Durch den Kohlekompromiss von 2019 ist festgelegt, dass in Deutschland 2038 Schluss sein soll mit der Kohleverstromung. Damit werden dann immerhin in Deutschland die Emissionen sinken, inwieweit sich auch andere Länder diesem Beispiel anschließen werden, bleibt abzuwarten. Im internationalen Vergleich ist der aktuelle Beitrag Deutschlands zum stetig steigenden Kohlendioxidspiegel der Luft ohnehin gering; in Deutschland, vor allem rund um Hambach, sind 43 Gigawatt Kohlestrom installiert; in China ging kürzlich das 1000ste Gigawatt ans Netz. In Deutschland wäre noch genug Braunkohle für weitere Jahrhunderte mit Kohlestrom vorhanden, aber der Widerstand gegen den Tagebau wächst. Im Hambacher Forst leben Aktivisten in Baumhäusern, Ulrich Lieven hat hier, wie alle Mitarbeiter der RWE, ein Betretungsverbot, das von der RWE, der das Gelände gehört, erlassen wurde, nachdem Fahrzeuge mit Steinen beworfen wurden. Hambach ist zum symbolischen Ort geworden; selbst in Augsburg, am Klimacamp neben dem Rathaus, verweist ein mahnendes Schild auf die 460 Kilometer Luftlinie entfernte Grube.

Für Lieven führt der Kohleausstieg nicht unbedingt in eine Zukunft aus grünem, erneuerbarem Strom, sondern in neue, komplexe Abhängigkeiten: »Natürlich wird man weiter in erneuerbare Energien investieren, RWE tut das seit vielen Jahren, wir sind schon heute einer der größten Produzenten in Europa. Also statt Kohlestrom erneuerbare Energien. Das wird aber nicht reichen. Deshalb brauchen wir dann zum Beispiel noch mehr Erdgas aus Russland. Dann werden die Amerikaner protestieren, und wir werden zusätzlich noch Fracking-Gas aus den USA beziehen.« Lieven räumt ein, dass seine Sicht möglicherweise durch über vierzig Jahre Arbeit im Braunkohlenbergbau beeinflusst sei. Das bedeutet aber noch nicht, dass das Argument deshalb keine Substanz hätte. 5 Der immer verfügbare Kohlestrom lässt sich nicht vollständig durch Windenergie oder Solarstrom kompensieren, weil nicht immer Wind weht oder die Sonne scheint. Die Alternative zur Kohle ist einstweilen Erdgas, bei dessen Verbrennung deutlich weniger Kohlendioxid entsteht. Da es in Deutschland aber praktisch keine Erdgasvorkommen gibt, muss es wohl oder übel importiert werden. Der alte Grundsatz, dass Politik darin besteht, drängende Missstände zu lösen, indem andere, diffusere, weniger sichtbare Missstände geschaffen werden, dürfte also auch auf den Kohlekompromiss zutreffen.

Je tiefer die Grube wurde, die RWE, die letztlich wir alle in Hambach gegraben haben, umso mehr verdeutlichte sie, wie randständig wir in der Erdgeschichte sind. Nahezu lückenlos sind ungefähr 15 Millionen Jahre dokumentiert – von den Moorwäldern des heißen und niederschlagsreichen mittleren Miozän bis hin zum immer noch warmen Pliozän und zum Pleistozän, der Eiszeit, die vor ungefähr 10 000 Jahren endete. In den obersten Metern und Zentimetern, im Löss, finden sich dann die Reste dessen, was wir Menschen unsere Geschichte nennen.

Ulrich Lieven will mir noch einen Ort zeigen, an dem, in Ton eingeschlossen, Blätter von Bäumen erhalten sind. In Serpentinen geht es den steilen Hang aufwärts. Die Kohleflöze liegen unter uns, vor uns krümelige Tonblöcke, halbversteinert. Lieven hält an, geht auf einen der Blöcke zu und holt seinen Geologenhammer heraus. Er schlägt den Block auf, und in diesem Moment wird an der Schnittfläche etwas sichtbar, das vor rund vier Millionen Jahren im Lehm eines Tümpels versank. Sofort erkenne ich Buchenblätter, auch ein Eichenblatt, sogar der Mittelnerv ist noch, leicht verkohlt, erhalten, er ragt aus der Platte empor, als sei das Blatt letztes Jahr erst hineingefallen. »Natürlich gibt es bei den Blättern auch die einen oder anderen Exoten, weil es damals hier deutlich wärmer war als heute, aber insgesamt sind das schon die Bäume, die wir kennen.«

Was war das für ein Jahr, als dieses Eichenblatt wuchs? Welche Vögel sangen in den Zweigen jener Eiche? Welche Tiere rieben ihr Fell an ihrem Stamm? Wie duftete jener Wald im Frühjahr? Das Pliozän, in dem diese Eiche lebte, war eine warme Zeit. Zwar nicht so heiß wie das Miozän, in dem die in der Grube tieferliegenden Schichten entstanden, aber immer noch deutlich wärmer als heute. Oft wird das Pliozän herangezogen, um zu verdeutlichen, wie die vor uns liegende, menschengemachte Warmzeit aussehen könnte; denn damals war bei einem Kohlendioxidgehalt von etwa 0,04 Prozent in der Atmosphäre das Klima ungefähr 4 Grad Celsius wärmer als heute. Deshalb gab es damals in den Wäldern, die sich dort ausbreiteten, wo heute die Braunkohlegruben betrieben werden, solche exotischen Arten wie den Ginkgo oder den Zimtnelkenbaum.

In dem Jahr, in dem dieses Eichenblatt im Frühjahr grün aus seiner Knospe hervorkam, sich entfaltete, sich im Wind wiegte, sich im Herbst verfärbte, von Stürmen abgerissen wurde und niederfiel, lebten in Afrika zwar schon aufrechtgehende Affen, die zu den Vorfahren der modernen Menschen zählen. Sie verfügten allerdings weder über Sprache noch konnten sie mit Feuer umgehen, auch wenn sie es zweifellos kannten von Savannen- und Waldbränden, die in einer sich selbst überlassenen Natur nicht selten sind.

Stellt man sich vor, dass eine Eiche im Durchschnitt 500 Jahre alt wird, ehe sie in einem natürlichen Urwald stirbt, dann liegen zwischen jenem Blatt, das wir im Ton gefunden haben, und uns ungefähr 8000 Eichenalter. 28 000 Eichenalter trennen uns von jenen Bäumen im untersten Flöz der Grube. Nur 82 Eichenalter trennen uns von jenen Neandertalern, deren Knochen man in einer heute nicht mehr bestehenden Höhle auf der anderen Rheinseite gefunden hat, nicht sehr weit von Hambach entfernt.

Die moderne Menschheitsgeschichte ist erst in die alleroberste Schicht, in die obersten Zentimeter, in den staubigen Löss, eingeschrieben, wie der Schatten jenes Legionärs, der wenige Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches dort beerdigt wurde. Nur vier Eichenalter liegen zwischen uns und jenem römischen Soldaten, der einem Imperium diente, das kurz vor seinem Untergang stand.

Eichen, die schon lebten, als vor zweihundert Jahren die Industrialisierung mit Dampfmaschinen, Lokomotiven und Gaslicht begann, stehen in den Wäldern rund um die Braunkohlegrube Hambach auch heute noch. Diese kurze Zeit hat den Menschen gereicht, auf dem Planeten beispiellose Wandlungen herbeizuführen, die Atmosphäre zu verändern, Löcher und Gruben, Kanäle und Tunnel von kaum vorstellbaren Ausmaßen zu schaffen, mehr als die Hälfte der eisfreien Landfläche für eigene Zwecke zu verwenden, ein Viertel aller je katalogisierten Tier- und Pflanzenarten ganz oder fast ganz auszurotten und Lebensgemeinschaften und Stoffkreisläufe umzuwerfen, die sich über Jahrmillionen eingespielt hatten.

Beim Abschied reicht mir Lieven die Funde, auch seine eigenen, auch den alten Stamm mit den Jahresringen. In schönem rheinischem Klang sagt er: »Nehmen Sie alles mit.« »Alles?«, frage ich. »Ja. Ich sach bei meinen Führungen immer: Wat Sie nicht mitnehmen, wird verbrannt.«

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Jan Zalasiewicz /Colin N. Waters /Mark Williams, Human bioturbation, and the subterranean landscape of the Anthropocene. In: Anthropocene, Nr. 6, Juni 2014.
  2. Die hier zusammengefassten historischen Kontexte entnehme ich einem noch unveröffentlichten Manuskript von Eva Oberloskamp, das als Teil ihrer Postdoc-Studie Aufbrüche zur »Energiewende« im Rahmen unseres gemeinsamen Forschungsprojekts »Geschichte der Nachhaltigkeit(en)« geschrieben wurde.
  3. Beispiele für Funde aus der Braunkohle finden sich auf der Seite www.geo-lieven.com. Vgl. Ulrich Lieven, Paläoontologischer Exkursionsführer durch den Tagebau Garzweiler. München: Documenta naturae 2016; Paläobotanische Funde aus dem Tagebau Hambach. In: World of Mining, Nr. 72/3, Mai /Juni 2020.
  4. Vgl. Jens Soentgen, Wir Feuermacher. In: Ders. /Ulrich M. Gassner /Alexandra Manzei /Julia von Hayek (Hrsg.), Umwelt und Gesundheit. Baden-Baden: Nomos 2020; Andrew Y. Glikson /Colin Groves, Climate, Fire and Human Evolution. The Deep Time Dimensions of the Anthropocene. Cham: Springer 2016.
  5. Vgl. Thane Gustafson, The Bridge. Natural Gas in a Redivided Europe. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 2020; Tom Stevenson, Erdgas für Europa. In: Merkur, Nr. 860, Januar 2021.

1 Kommentare

  1. Thomas Mock sagt:

    Ein sehr guter und nüchterner Bericht über Hambach.

    Da ich nur wenige Kilometer vom Heimatort des Autors entfernt aufwuchs und den Hambacher Forst in meiner Jugend gut kannte (u.a. als Bau-und Brennholzforst für die Römer im nahen Köln aufgrund der mitten hindurch führenden römischen Via Belgica von Köln nach Aachen), kann ich die geschilderten Eindrücke und geschichtlichen Rückblicke in jeder Hinsicht unterstreichen.

    Einen von vielen weiteren ergänzenden Gedanken möchte ich hier einbringen:
    Die Rekultivierung solcher Tagebaue ist erst durch RWE entwickelt worden und war für Ostdeutschland als verlassene Wüstenei sehr ungemein hilfreich. Dieses Vorbild ist durch die Klimaaktivisten nun massiv beschädigt. Obwohl weltweit immer mehr und grössere Tagebaue, häufig in Regenwaldgebieten, für den Konsum unserer Gesellschaft erschlossen werden, war Rekultivierung immer ein signifikanter Kostentreiber, insb weil die Rekultivierung schon mit dem Aufschluss eines Tagebaus beginnt.
    Durch das Zerstören dieses Vorbildes im Zuge der deutschen Klimastreitigkeiten wird die global zurückhaltende Neigung Tagebaue biodiverditätsnah zu rekultivieren absehbar stark schwinden und damit auch das Wissen.

    Den gerade dadurch konkludent für das Klima, die Biodiversität und den Artenschutz angerichteten und in den nächsten Jahrzehnten zu erwartenden weiter wachsenden Schaden schätze ich erheblich höher ein, statt wenn man den Tagebau wie geplant 2045 hätte auslaufen und dann wie geplant ohne öffentliche Beschädigung rekultiviert hätte.
    Der um nur wenige Jahre vorgezogene Kohleausstieg ist ein Rebound und könnte die Klima-und Biodiversitätsproblematik noch verschärfen.

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