Thomas Bernhard hat doch Recht

Im Sommer 2004 betrat ein Freund in dem Moment die Gleise einer Regionalbahnstrecke, als ein Zug kam. Es war sein zweiter Versuch, jetzt nichts mehr dem Zufall zu überlassen, und dieses Mal führte er ihn bis zum Ende aus.

In jenem Sommer erschien als Lizenzausgabe Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, der von der Freundschaft zweier Männer handelt, die im Salzburger Mozarteum gemeinsam mit Glenn Gould studieren und ihr Leben lang ihre Beziehung und ihr Schaffen an ihrem jeweiligen Verhältnis zum unerreichbaren Pianisten Gould messen. »Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung« ist dem Roman als Motto vorangestellt, dessen einprägsamer »Sagte er, dachte ich«-Drive mich damals so stark in Beschlag nahm, dass ich viel über Bernhard redete und kaum über meinen toten Freund.

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Zu Bernhard hatten mehr Leute etwas zu sagen als zur totalen Selbstzerstörung eines ihnen unbekannten Neunundzwanzigjährigen. Ich schrieb unwillkürliche Bernhard-Pastiches, ich dachte über diese mittelalten Männer und ihre Glücksunfähigkeit nach, ich dachte über meinen Freund nach, der sein Leben nicht zuletzt auch deshalb unerträglich fand, weil es ebenfalls durch jene Glücksunfähigkeit gekennzeichnet war, die entsteht, wenn man ständig überfordernde Vergleiche zwischen sich und anderen zieht. Nein, Bernhards Protagonist Wertheimer wird niemals so gut wie Glenn Gould Klavier spielen, nein, mein Freund würde niemals den Iffland-Ring tragen – er war Schauspieler –, und für die Würde, die durch das Ertragen der eigenen Mittelmäßigkeit zu erringen ist, war er bei seinem Tod wohl noch zu jung; alt genug war er für bodenlose Verzweiflung. Ich vermisse ihn nicht. Unsere Freundschaft konnte nicht alt werden. All das ist lange her. Er steht nun als Porträtfoto in einem silbernen Rahmen in meinem Regal. Daneben liegt eine Muschel, die ich auf Rügen aufsammelte, um sie dem Bild darzubringen, als Erinnerung daran, dass ich mich überhaupt noch an ihn erinnern kann.

Bei einer der vielen Radtouren über das Tempelhofer Feld im vergangenen Jahr sah ich bei zwei Gelegenheiten Frauen, die ich nur vom Spinning her kenne, eine Trainerin, die auch Einzelstunden gibt, erkannte ich von Ferne an ihren grellroten Haaren und eine andere an ihrem militärischen Bürstenschnitt, dem zu Ehren ich Damenhaarschnitte dieser Art ihrem Vornamen nach »Biggi« nenne. Knapp zehn Jahre lang sah ich die beiden manchmal zweimal pro Woche, ohne dass es jemals zu einem längeren Austausch gekommen wäre, ich sah, wenn sie neue Trainingskleidung hatten, oder lieh mir gelegentlich etwas Shampoo von ihnen unter der Dusche. Es war eine sehr verlässliche, weil vollkommen oberflächliche Beziehung, in der ich ihnen möglicherweise ebenso vor allem als Kulisse ihrer Trainingseinheiten samstags und mittwochs diente wie sie mir.

 

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