Von wegen Anthropozän

Noch in diesem Jahr dürfte es die International Commission on Stratigraphy amtlich machen: Wir leben in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Bisher hatten wir uns im Holozän befunden, jener Ära, die am Ende der letzten Eiszeit begann, vor rund 12 000 Jahren, und in der sich alles abgespielt hat, was als Menschheitsgeschichte im engeren Sinn gelten kann, die Sesshaftwerdung, die Städtegründung, die Erfindung der Landwirtschaft und der Schrift: alles, was irgend den Anspruch erheben darf, Kultur zu sein.

(Der Text ist im Juniheft 2021, Merkur # 865, erschienen.)

Das Holozän war aber vor allem eine geologische Epoche: In dieser Zeit schmolzen die Gletscher, die mehr oder weniger das nördliche Viertel der Erdkugel bedeckt hatten, und stieg zugleich das Meer um mehr als hundert Meter an, ungeheure Tiefländer verschlingend; die bislang grünende Sahara wurde zur Wüste, und dafür verwandelte sich Europa, das bis dahin zum größten Teil unbewohnbar gewesen war, in jene klimatisch bevorzugte Region, den Garten der Welt, der es bis heute geblieben ist. Die Bilanz der für Pflanze, Tier und Mensch nutzbaren Fläche war also ungefähr ausgeglichen – eine Feststellung, die jedoch davon absieht, wie katastrophisch dieser Tausch ablief. Es war so etwas wie ein gigantischer Stuhlwalzer, bei dem zwar zum Schluss alle, die noch übrig waren, wieder auf einem Stuhl saßen, aber auf einem anderen als zuvor.

Auch schon die Proklamation des Holozän war eigentlich eine perspektivische Täuschung gewesen; eine verzeihliche, weil Dinge, die dicht vor unserer Nase liegen, uns in ihrer scheinbaren Größe mehr beschäftigen als das scheinbar Kleinere im Hintergrund. Ein hochgehaltener Daumen genügt, um die Sonne abzudecken. Das sagt viel über unsere Wahrnehmung und nichts über die Sonne. Die letzte Eiszeit und ihr gegenwärtiges Nachspiel stellen nur den kleinen Abschnitt einer sehr viel längeren Ära dar, des Eiszeitalters überhaupt, des Pleistozän, das vor knapp zwei Millionen Jahren begann und gekennzeichnet war durch den Wechsel der immer wieder in den Kältemaxima vorstoßenden und in den Wärmeintervallen sich zurückziehenden Gletscher. Was wir gerade jetzt haben und was dann hinter uns liegt, ist nur die bislang letzte Scheibe einer Salami, von der schon viele Scheiben abgeschnitten worden sind und wahrscheinlich auch künftig noch werden.

Indem die Wissenschaft vom Holozän redet, verkauft sie im Grunde die Scheibe als Wurst. Wenn sich gegen diesen offensichtlichen Tatbestand kaum Widerstand geregt hat, dann liegt das einerseits an einem fortdauernden Erstaunen und Erschrecken über die spät, erst im 19. Jahrhundert, erkannte Gewaltsamkeit der Vorgänge; zum anderen an der Schwierigkeit, mit der Tiefe der geologischen Zeit in ein echtes Verhältnis zu treten. Es hieß, das kurzatmige menschliche Vorstellungsvermögen zu schonen, wenn man auf solche Weise das Jüngste gegenüber dem Älteren privilegiert. Im Übrigen spricht für das Holozän als Epochenbegriff die ganz praktische Überlegung, dass die gewaltigen Umräumaktionen, die es vorgenommen hat, unsere heutigen Landschaften und Wirtschaftsräume prägen. Mitteleuropa, wie es sich uns darbietet, ist vor allem durch die glaziale Serie geprägt, die den Seen ihr Bett, den Flüssen ihren Lauf angewiesen und die Qualität der Böden bestimmt hat, von den fruchtbaren Lößflächen, gletscherfern ausgeweht, zu den fast wertlosen Schotterebenen, die gletschernah liegen geblieben sind. Natürlich haben auch schon die früheren Eisvorstöße das Land entsprechend umgestaltet, wobei jeder rücksichtslos über das Werk seines Vorgängers hinwegschrammte.

Das Holozän als Erdzeitalter auszuweisen war also schon ein Zugeständnis an die menschliche Bedingtheit und Schwäche gewesen. Weitere Zugeständnisse sollte man ihr nicht machen, das ginge allzu sehr auf Kosten der Wahrheit und der Verhältnismäßigkeit. Schon das Holozän sollten wir nur pragmatisch, nicht im kategorischen Ernst als Erdzeitalter gelten lassen. Dem Anthropozän aber fehlt es vollends am Wichtigsten, der Dignität der Dauer. Denn wann hätte es angefangen? Vor zweihundert Jahren, mit den Abraumhalden der jungen Steinkohlenförderung, hätte es sozusagen hervorgespitzt, vor siebzig Jahren sich das Trittsiegel des radioaktiven Mülls zugelegt, aber seine wirklich gravierenden Auswirkungen zeigt es erst seit einem Menschenalter.

Was heute geschieht, mag einen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte darstellen; aber Menschheitsgeschichte ist nicht Erdgeschichte und ein Wendepunkt keine Wegstrecke. Das Anthropozän ist noch nicht einmal, um im Bild zu bleiben, eine Wurstscheibe; es ist ein histologischer Schnitt, so dünn, dass er fürs Mikroskop vom Licht durchdrungen werden kann.

Und selbst wenn, was sich heute ereignet, das Gesicht der Erde in noch in Jahrmillionen spürbarer Weise verändern sollte: Es bliebe vor allem ein Punkt. Das Massensterben vor 65 Millionen Jahren war gewiss eine Katastrophe, deren Folgen bis heute anhalten; doch es machte Epoche, es war keine. Nicht einmal das Äußerste an Destruktivität könnte jener hauchdünnen Zeitschicht der modernen Menschheit den Adel der Ära verleihen, der sich allein durch Alter, nicht durch Taten beglaubigt, seien sie noch so sensationell.

Möglicherweise tut die Menschheit dem Planeten ja doch noch einen Atomkrieg an, der ihn auf lange verödet, und wenn er endlich, viel später, wieder ein lebendiges Gesicht zeigt, wird es ein anderes sein, wie das Zeitalter der Säugetiere und Vögel ein anderes war, nachdem die Saurier zugrunde gegangen waren. Doch wenn ein solcher Krieg ausbleiben sollte, dann wird, wer in ein paar Millionen Jahren zu graben anfängt, kaum auf Überreste des Anthropozän stoßen und in seinen Befunden zwischen den petrifizierten Überresten eines Cro-Magnon-Menschen und Albert Einsteins nicht den mindesten Unterschied feststellen. Die radikale kulturelle Veränderung der letzten Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte würde so gut wie kein geologisches oder paläolontogisches Zeugnis hinterlassen.

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