Homestorys (III): Zeige mir, wie du wohnst

In der monatlichen Magazinbeilage der Neuen Zürcher Zeitung erscheint unter dem Titel Wer wohnt da? seit 2005 eine außergewöhnlich langlebige Kolumne. Welchen Stellenwert Redaktion und Verlag ihr beimessen, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sie alle konzeptionellen und formalen Umgestaltungen, mit denen die NZZ auf die im Lauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte auch in der Schweiz chronisch gewordene Krise der Printmedien reagierte, fast unverändert überstanden hat. Wer wohnt da? ist eine unterhaltsam verkomplizierte Homestory, eine Mischung aus Wohlfühlreportage, alltagshermeneutischem Detektivspiel und spätmodernem Wohnknigge. Den Ausgangspunkt jeder Folge bilden drei professionell gefertigte Farbfotos, wie man sie auch in einem Wohnmagazin finden könnte. Jedes davon gibt großzügig Einblick in unterschiedliche Räume – meist Wohnzimmer und /oder Küche, häufig aber auch Schlaf- und /oder Badezimmer – einer Privatwohnung, über die darüber hinaus nichts bekannt ist und deren Nutzer nicht nur unsichtbar, sondern auch ungenannt bleiben.

Die Bilder werden einer Psychologin sowie einem Innenarchitekten »kommentarlos« vorgelegt. Aufgabe der beiden ist es, ausschließlich auf dieser Grundlage möglichst weitreichende Hypothesen in Bezug auf die mutmaßlichen Bewohner, deren Lebensumstände, Charaktereigenschaften, Interessen, Prioritäten, Geschmackspräferenzen aufzustellen sowie zu kommentieren, was ihnen am jeweiligen Interieur außerdem noch bemerkenswert erscheint. Inwieweit sie mit ihren, nach gut helvetischer Tradition meist eher wohlmeinend (mitunter aber durchaus auch versteckt maliziös) formulierten Hypothesen richtig oder falsch lagen, wird auf der folgenden Seite aufgelöst. Dort findet sich ein Porträtfoto der tatsächlichen Bewohner, ergänzt durch einen längeren Text auf Basis der Informationen, die dieser /diese nach der Lektüre der beiden Spontangutachten über sich, die Beziehung zu ihrer Wohnung und ihr Verhältnis zu den sie umgebenden Dingen öffentlich preiszugeben bereit war /waren.

Diese Spielanordnung bringt zunächst einmal eine Selbstverständlichkeit zu Bewusstsein: Die private Wohnung ist ein Ort besonderer Diskretion. Das dürfte für die meisten Gesellschaften der Welt gelten. Seit wann das so ist, lässt sich nicht verlässlich ermitteln. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, das feste Behausungen erfüllen, ist aber derart basal, dass es wohl bis in die frühesten Zeiten menschlicher Siedlungstätigkeit zurückreicht. 1 Ein allgemeines Gebot, das Innere jeder Wohnstätte als den Augen und Ohren aller außerhalb des engsten Familienkreises ausdrücklich entzogene beziehungsweise zu entziehende Arkansphäre zu behandeln, scheint sich zivilisationsgeschichtlich allerdings eher spät ergeben zu haben. In Europa begegnet man ersten Vorboten einer solchen Entwicklung während des 17. Jahrhunderts in einigen wenigen, wirtschaftlich begünstigten Städten. Wirklich durchsetzen konnte sie sich jedoch erst im Zuge der Konsolidierung der bürgerlich-industriellen Gesellschaft, also im Lauf des 19. Jahrhunderts. Das damals entstandene breite gesellschaftliche Einvernehmen darüber, dass die private Wohnstätte als Enklave persönlicher Intimität und familiärer Vertraulichkeit unbedingten Schutz verdiene, hat im Wesentlichen bis in die Gegenwart Bestand.

Dementsprechend reibungslos funktionieren im Alltag die Distanzregeln und Schamreflexe, an denen sich – zumindest ab einem bestimmten Lebensalter – beim Besuch einer fremden Wohnung die wechselseitigen, an die Art des jeweiligen Anlasses und den Grad der gegenseitigen Vertrautheit angepassten Einlassrituale und Verhaltenserwartungen orientieren. »Man dringt nicht leichtfertig in fremde Häuser, erst recht nicht ins Innere fremder Wohnungen ein«, stellt Gert Selle fest, »der zufällige Einblick ist nicht frei von Peinlichkeit und gilt schon als unerlaubte, voyeurhafte Handlung […] Noch bei geöffneter Wohnungstür gibt es […] einen unsichtbaren Vorhang, die psychokulturell verinnerlichte Scheu vor ungehemmtem Eintreten und unvorsichtigem Einlaß.« 2 In Wer wohnt da? wird dieses informelle Regelwerk subtil unterlaufen. Die Fotostrecken simulieren keine reguläre Besuchssituation. Der Aufenthalt in der Wohnung ist zwar angekündigt und findet mit ausdrücklicher Billigung der Bewohner statt, aber zugleich in deren Abwesenheit (wobei anzunehmen ist, dass sie beim Shooting gleichwohl zugegen waren).

Über die genauen Bedingungen und Umstände, unter denen die Aufnahmen gefertigt werden, erfährt man leider wenig. Kandidat kann nach Auskunft der verantwortlichen Redakteurin grundsätzlich jeder werden, der »eine gute Lebensgeschichte zu erzählen hat, dessen Leben in seinem Daheim abzulesen ist«. 3 Im Großen und Ganzen sieht das Teilnehmerfeld so aus, wie sich eine wirtschaftsliberale, bürgerlich konservative Zeitung ihre potentielle Zielgruppe vorstellen dürfte. Die Porträtfotos zeigen überwiegend selbstbewusste Menschen von gepflegtem Äußeren jenseits der dreißig, die einem ebensogut auch in der regulären Abonnentenwerbung der NZZ begegnen könnten. Ein großer Teil der Porträtierten ist überdurchschnittlich hoch qualifiziert und gehört sozialen Milieus an, in denen der persönliche Autonomieanspruch, das Bedürfnis nach standesgemäßer Ausstattung und bewusster individueller Stilisierung der privaten Lebenswelt sowie die Vertrautheit mit unterschiedlichen wohnästhetischen Codes für gewöhnlich, zumindest über kurz oder lang, mit einem entsprechenden Wohlstandsniveau zusammenfinden. Dass sich in diese – nebenbei ethnisch bemerkenswert homogene – Phalanx aus Unternehmern, Juristen, Hochschuldozentinnen, Ärzten, Verlagsleiterinnen, Verwaltungskräften, HR-Managern, Architektinnen, Vermögensberatern, Psychologinnen, Honoratioren im Ruhestand, Künstlerinnen, Kulturschaffenden und Kreativen jeder nur denkbaren Sparte hin und wieder auch mal ein freischaffendes Tattoostecher-Paar, die Betreiberin eines Katzenhotels, ein sammelwütiger Alt-DJ, ein Fernfahrer oder eine kinderreiche, aus der Türkei zugewanderte Schuhmacherfamilie einreihen, kann über die grundsätzliche sozioökonomische wie auch soziokulturelle Unwucht der Kandidatenkür nicht hinwegtäuschen.

Sofern die Auswahlpolitik die Zusammensetzung der Leserschaft einigermaßen korrekt widerspiegelt, konfrontiert die Kolumne ihr Publikum also nicht etwa mit fremden Lebenswelten. In einer suggestiven Endlosschleife führt ihm Wer wohnt da? vielmehr verlässlich stets aufs Neue die eigene vor Augen, wenn auch, wie durch ein Kaleidoskop, in ständig wechselnden Gestalten. Wobei der Hang zur Selbstbezüglichkeit in der Logik des Spiels bereits angelegt ist. Eine Kolumne, die den Reiz am Dechiffrieren der Semiotik des Alltags auskostet, lebt nun einmal maßgeblich von der Originalität, Elaboriertheit, Reichhaltigkeit, der Varianz und Prägnanz derInterieurgestaltungen, mit denen sie sich auseinandersetzen kann. Für derartige gestalterische Zielsetzungen überhaupt ein besonderes Interesse zu entwickeln, muss man zuvor Gelegenheit gehabt haben; sie systematisch zu kultivieren, muss man sich darüber hinaus auch leisten können und wollen. Das grenzt das gesellschaftliche Spielfeld zwangsläufig erheblich ein, gerade wenn das Spiel dauerhaft am Laufen gehalten werden soll.

Seelenspiegel

Im Unterschied zu den Interieurfotografien in Einrichtungszeitschriften, Designmagazinen und Möbelkatalogen, die, auch wenn sie mittlerweile häufig ebenfalls mit dokumentarischem Anspruch auftreten, zwangsläufig stets unter Inszenierungsverdacht stehen, versprechen die Fotostrecken von Wer wohnt da? einen (weitgehend) ungeschönten Einblick in die private Lebenswelt realer Menschen. Die Erwartung, dass sich auf dieser Basis durch einfachen Sichtbefund (»kommentarlos«) Rückschlüsse nicht nur auf deren materielle Lebensumstände, sondern zugleich auch auf ihre Persönlichkeit ziehen lassen, setzt die stillschweigende Überzeugung voraus, dass Wohnungen für Charakterstudien außergewöhnlich ergiebige Orte darstellen; dass sie mehr, Intimeres und damit zugleich Verlässlicheres über die verraten, die darin leben, als andere Medien des symbolischen Selbstausdrucks, also etwa Kleidung, Schmuck oder Frisuren, die von vornherein absichtsvoll auf den Auftritt im öffentlichen Raum zugeschnitten und zugleich ephemerer Natur sind.

Dieses Credo, mit dem man in der vormodernen Ständegesellschaft zumindest bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein noch weithin verständnisloses Kopfschütteln hervorgerufen hätte, gehört zu den unhinterfragten Grundprämissen einer weitverbreiteten, praktisch nie öffentlich infrage gestellten wohnpsychologischen Alltagspraxis. Im Schrifttum zur Einrichtungs- und Wohnkultur begegnet man ihm auf Schritt und Tritt, ob es sich nun um konsumkritische und gestaltungsreformatorische Erziehungsliteratur handelt, um Wohnjournalartikel, um Ratgeberprosa oder um die Marketinglyrik der einschlägigen Ausstattungsindustrien. Wie jedes Credo wird auch dieses nur selten begründet, sondern meist einfach gesetzt. Seine Autorität beruht im Wesentlichen auf eingelebter Gewohnheit. Für deren Sachangemessenheit sollen in aller Regel bildhafte Vergleiche bürgen. Der Blick in die Wohnung ist demnach deshalb so aufschlussreich, weil deren Bewohner im Interieur »Spuren hinterlassen«; 4 Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab.« Walter Benjamin, Illuminationen. In: Ders., Ausgewählte Schriften. Bd. 1. Ausgew. v. Siegfried Unseld. Frankfurt: Suhrkamp 1977.] weil sie der sie umgebenden Dingwelt ihren »Stempel aufdrücken«; weil sie dem Interieur »ein Gesicht verleihen«, dessen Unverwechselbarkeit aus der Unverwechselbarkeit ihrer eigenen Persönlichkeit resultiert und deshalb zuverlässig über diese Auskunft gibt. 5

Oder wie es in einem Handbuch zur Wohnungsausstattung aus dem Jahr 1924 heißt: »Wohnung ist Selbstausprägung, Spiegelung eines Menschen in dinglichen Ausdrucksträgern, unbedingter Herrschaftsbereich eines Willens, Ausprägung einer Gesinnung, eines Charakters.« 6 Wobei der Autor schon im nächsten Satz den ebenso geläufigen und nicht minder schlüssigen, mit der Entschiedenheit dieser Feststellung allerdings nur schwer vereinbaren Gedanken anfügt, dass es zugleich auch umgekehrt die Wohnung sein könnte, die ihre Bewohner prägt: »Geheimnisvoll weben die wechselseitigen Einflüsse: wirken die Möbel und Einrichtungsstücke auf den Menschen, der in ihnen wohnt.« Übersetzt in die etwas weniger pathetische Diktion der Gegenwart: »Unsere Umgebung ist ein Spiegel der Seele«, und dieser Spiegel »wirkt auf uns zurück«. 7

So häufig dieses Wechselverhältnis benannt wird, so wenig Genaues erfährt man darüber, was wiederum nicht sonderlich für die Belastbarkeit wohnphysiognomisch begründeter Charakterbefunde spricht. Und zwar umso weniger, als im Vertrauen in den Offenbarungscharakter des Interieurs offenbar zwei gegenläufige Intuitionen aufeinandertreffen: einerseits die, dass hier unterhalb der Grenze der Bewusstheit ein psychologischer Automatismus am Werk ist, der der Wohnumgebung Symptomcharakter verleiht, in der sich fingerabdruckartig Charakterzüge abbilden, die sonst verborgen blieben. Andererseits aber, dass Interieurgestaltung Medium des inszenierenden Selbstausdrucks und damit Ergebnis eines strategisch reflektierten Prozesses ist, der darauf zielt, einen unverstellten Blick auf Tiefenschichten der Persönlichkeit gerade nicht zuzulassen. Dem epistemischen Grundvertrauen in die metaphorische Rede von der Wohnung als untrüglichem Seelenspiegel tut das merkwürdigerweise keinen Abbruch. Zumindest für Seelenkundige, davon war schon der von der eigenen Seelenkundigkeit zutiefst überzeugte Bruno Taut zutiefst überzeugt, sei die Wohnung »der unmittelbarste und grausamste Spiegel jedes einzelnen Menschen«. 8 Er gibt nicht nur Informationen über das Innenleben der Bewohner preis, die diese lieber für sich behalten würden, er verrät mitunter sogar mehr, als sie selbst über sich wissen: »Ich schließe vom Erscheinungsbild der Wohnung auf den Charakter«, lautet das selbstgewisse Leistungsversprechen eines bekannten Wohnpsychologen unserer Tage: »Ich kann in Wohnungen reinschauen und emotionale Bedürfnisse herauslesen, die den Menschen manchmal selbst nicht klar sind.« 9

Im Prinzip haben wir es hier mit demselben Unmittelbarkeits- und Authentizitätsversprechen zu tun, dem sich auch der Impuls verdankt, die Wohnräume bedeutender historischer Persönlichkeiten im Originalzustand zu erhalten oder gegebenenfalls zu rekonstruieren. 10 Auch die Anziehungskraft solcher Personengedenkstätten, zu denen etwa seit 1850 europaweit insbesondere Künstler-, Komponisten- und Dichterhäuser umgewidmet wurden, beruht maßgeblich auf der Verheißung, dass ein Blick in die Wohnräume, in denen deren berühmte Bewohner zu Lebzeiten ihre Spuren hinterlassen haben, »ihre Werte, ihre Wünsche, ihren Geist getreu widerspiegeln«. 11

Dass diese heute selbstverständliche museale Praxis zuvor praktisch unbekannt war, weist noch einmal auf die zivilisatorischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts zurück, die die Bedeutung des privaten Lebensraums neu definierten. Im selben Maß, wie durch die radikale Umformung der Welt außerhalb des Hauses im Zeichen immer umfassenderer rationaler Organisiertheit, wachsender Unüberschaubarkeit und antagonistischer Sozialverhältnisse die Räume für persönliche Autonomie und Spontaneität in allen Lebensbereichen zu schrumpfen schienen, wurden die »eigenen vier Wände« nicht mehr allein als schützende Umfriedung der familiären Intimsphäre, sondern zugleich als der wichtigste Schauplatz der freien Entfaltung des Individuums wahrgenommen. Hinter der Wohnungstür, wo die Möglichkeit sozialer Kontrolle und damit der Druck von Konformitätserwartungen weitgehend aufgehoben ist, kann der /die (erwachsene) Einzelne die eigene Lebensführung zwanglos an den eigenen Vorlieben, Ansprüchen und Interessen ausrichten – vorausgesetzt natürlich, er /sie kann es sich finanziell leisten. Dass das die Erwartung befördert, das Aussehen dieses besonderen Orts, an dem »sich das Eigentliche abspielt, abspielen sollte: der Umgang mit sich selber, mit der Familie, mit den Freunden«, 12 lasse die authentische, von Konventionen unverstellte Persönlichkeit dessen /derer sichtbar werden, die dort »tun und lassen können, was sie wollen«, liegt auf der Hand. 13

»Unsere Wohnung«, brachte der Kunsthistoriker und Gestaltungsreformer Jakob von Falke das im Jahr 1871 in Die Kunst im Hause, dem ersten systematischen Einrichtungsratgeber deutscher Sprache, auf den Punkt, sei nun einmal für »gewöhnlich die einzige kleine Welt […], in der wir Herr und Gebieter sind«. Um in diesem »Mikrokosmos« ein »Gefühl der Befriedigung, der Behaglichkeit, des Glückes« erleben zu können, sei es unabdingbar, ihn so auszustatten, »daß er ganz und gar mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen harmonirt, daß er, gleichsam ein weiteres Kleid, mit seinem ästhetischen Charakter so genau zu unserem eigenen Geiste und Wesen paßt, wie das Kleid zu unserem Körper.« 14 Mit seinem fast vierhundert Seiten starken Kompendium, das sich ausdrücklich an ein Laienpublikum, also nicht an Handwerker und Dekorateure, sondern an deren Auftraggeber richtete und bemerkenswerterweise ohne eine einzige Abbildung auskam, begründete Falke nicht nur das seit mittlerweile einhundertfünfzig Jahren überaus erfolgreiche Genre der Wohnratgeber. 15 Mit dem Credo, es gehe darum, »der Wohnung unseren Charakter aufzudrücken«, und zwar ausdrücklich »unbekümmert um das, was die Leute dazu meinen und sagen«, formulierte er zugleich deren bis heute wichtigstes Leitmotiv. Keine Einrichtungsfibel der Gegenwart, in der nicht die Lehre vom Mut zum »eigenen Stil« gepredigt würde, für die es noch vor jeder gestalterischen Überlegung als essentiell gilt, »die physischen und psychischen Bedürfnisse unserer Persönlichkeit zu verstehen«; 16 keine Möbelbroschüre ohne Beschwörung der individuellen Differenz (»Begleiten Sie uns in vier Wohnungen, so unterschiedlich wie ihre Bewohner«); 17 keine Wohnzeitschrift ohne den dringenden Aufruf, doch bitte zum eigenen Geschmack zu stehen: »Was macht eine Wohnung einzigartig? Wenn sie die Vorlieben und Bedürfnisse ihrer Bewohner widerspiegelt.« 18

Autorschaft

Die allermeisten der im Lauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte für Wer wohnt da? dokumentierten Innenräume erfüllen diese Erwartung. Von ihrer absichtsvollen Aufgeräumtheit einmal abgesehen, ist das mit Abstand augenfälligste gemeinsame Merkmal eine stilistische Vielfalt, die sich nur sehr schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Dabei sind die Wohnungen zwar größtenteils durchaus individuell, in den seltensten Fällen allerdings spektakulär oder auch nur überraschend ausgestaltet – die Experimentierfreude beschränkt sich weitgehend auf Einzelstücke (selbst der im Wohnzimmer geparkte, knallorange Porsche der Augustausgabe 2007, das wohl exzentrischste Schauobjekt aller Folgen, steht in einem darüber hinaus wenig bemerkenswerten Ambiente). Es handelt sich im Wesentlichen um die handelsübliche, bei allem Variantenreichtum doch zugleich repetitive Formenfülle, der man in den wirtschaftlichen Komfortzonen Mitteleuropas zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch begegnet, wenn man durch die Möbelkataloge und Einrichtungszeitschriften für das gediegenere Publikum blättert: ein staunenswert breites Spektrum verschiedenartigster, höchst unterschiedlich stringent gestylter wohnästhetischer Arrangements, die eher selten sklavisch kohärent ausfallen, allerdings auch selten ostentativ unkonventionell. Man kann auf ausgesuchte Antiquitäten ebenso treffen wie auf Ikea-Möbel, Designklassiker, Bauernschränke, Industrieregale, Selbstgebautes oder slickes Hotel-Lounge-Mobiliar. Wobei letztlich alles mit allem im selben Interieur zusammenkommen kann – oder auch nicht. (Ganz selten trifft man auch auf Wohnungen, die offenbar vor Jahrzehnten eingerichtet und danach nicht mehr wesentlich modifiziert wurden.)

Abb. 1: Deutschlands häufigstes Wohnzimmer (© Jung von Matt AG)

Das gestalterische Ethos, dem diese Vielgestaltigkeit Ausdruck verleiht, ist nichtsdestoweniger erstaunlich uniform. Man muss die Interieurs nur einmal mit dem ästhetisch deutlich weniger artikulierten, ungeschickt mit sperrigen, profillosen Konfektionsmöbeln vollgestellten Musterwohnzimmer vergleichen, das die Werbeagentur Jung von Matt vor Jahren in einem Raum ihres Hamburger Firmensitzes installiert hat, um den eigenen Mitarbeitern die Lebenswelt einer Familie mit Durchschnittseinkommen vor Augen zu führen. 19 Ein solches Ensemble mag den ästhetischen, emotionalen und praktischen Bedürfnissen und Wünschen seiner Bewohner nicht weniger entgegenkommen als das bei Wer wohnt da? der Fall ist. An die physiognomische Spielidee der Kolumne ist es dennoch nicht anschlussfähig. Dafür fehlt ihm das unverwechselbare »sprechende« Gesicht, das die dort präsentierten Räume auszeichnet, die persönliche Handschrift, der Ausdruckscharakter einer Formgebung, die sich auf »eine Ordnung, einen Generalnenner, einen Gestaltungswillen zurückbuchstabieren lässt« 20 und so zwingend nahelegt, das Interieur nicht als mehr oder weniger zufällige Ansammlung zu betrachten, sondern als Sammlung; als Summe bewusster – wenn auch keineswegs notwendigerweise stets ästhetisch gleichermaßen überzeugender – gestalterischer Entscheidungen, an denen idealerweise »eine gute Lebensgeschichte« abzulesen ist, kurz: als Ergebnis individueller Autorschaft.

Und damit wären wir dann doch wieder zurück im 19. Jahrhundert. Denn die zentralen Maximen, an denen dieses spezifische Verständnis von Wohnungsgestaltung sich orientiert, sind bei Falke und seinen direkten Nachfolgern allesamt schon ausformuliert. Die wichtigste besteht in der selten eigens thematisierten, sondern vielmehr stillschweigend vorausgesetzten Erwartung, dass man bei der Einrichtung der eigenen Wohnung besondere Sorge für symbolisch ästhetische Selbstpräsentation überhaupt aufzuwenden bereit ist. Dass man Interieurgestaltung also als umfassende Aufgabe begreift, die auf eine kohärente Gesamtwirkung abzielt, für die man etwa ein gesteigertes Interesse am »schönen Zusammenklange des Verschiedenen und Mannigfaltigen« zu entwickeln hat. Man müsse, so fordert Falke, ein Zimmer »wie ein Bild betrachten« können, »in welchem alles zu gemeinsamer, künstlerischer Wirkung vertheilt und zusammengestellt ist«.

Dieser Anspruch ist alles andere als selbstverständlich. Allein aus der Prämisse, das Interieur habe das »Gefühl der Befriedigung, der Behaglichkeit, des Glückes« seiner Bewohner zu befördern, folgt er ebenso wenig wie aus dem Imperativ, der Wohnung den eigenen »Charakter aufzudrücken«. Was, wenn diesem Charakter der Drang, Einrichtungsentscheidungen als ganzheitliches Gestaltungsprojekt anzugehen, fremd ist? Was, wenn das gewünschte Wohlgefühl sich einstellt, auch wenn das Interieur nicht als Tableau funktioniert? Falke ist sich des Problems schmerzlich bewusst: »Bei uns, ganz insbesondere aber in Paris«, klagt er an einer Stelle, »ist es Regel, daß die Salons oder Gesellschaftszimmer allerdings nach Möglichkeit glänzend geschmückt und ausgestattet sind, die Familienräume und die Schlafzimmer dagegen vernachlässigt werden.« Gegen eine solche Inkohärenz lässt sich offensichtlich nicht binnenästhetisch argumentieren. Also wechselt Falke kurzerhand das Register: Verwendet man bei der Ausgestaltung des eigenen Heims nicht überall die gleiche Mühe, »ist der Schmuck nur ein äußerer Prunk, nur Schein, nur Convenienz, er ist nicht Lebenssache, nicht Lebensgenuß, nicht eine Nothwendigkeit der Bildung«.

Kunst und Leben

Der Bildungsbegriff wird hier in der umfassenden Bedeutung verwendet, die auch Wilhelm von Humboldt in der berühmten Textstelle im Sinn hat, in der er (im Anschluss an Schiller) als den Zweck des Menschen die »höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen« bestimmt. 21 Und so, wie die Formgebung des Menschen idealiter nicht auf ein Publikum berechnet, sondern Selbstzweck ist – jeder hat dabei sein eigenes kritisches Publikum zu sein –, verhält es sich nach Falke auch mit der Formgebung der Wohnung. In Die Kunst im Hause sind Gestaltung der Persönlichkeit und Gestaltung des Interieurs zwei Seiten derselben Medaille. Das Buch ist, was der Verzicht auf Bildbeispiele unterstreicht, deshalb auch nur vordergründig ein Einrichtungsratgeber. Es geht Falke nicht vorrangig um einzelne vorbildliche Gestaltungslösungen, es geht ihm ums Prinzip, und dieses Prinzip konkretisiert sich nicht in einem bestimmten Stil, sondern in »Stil überhaupt«. Tatsächlich ist Die Kunst im Hause eine wohnkulturelle Orthologie in systematischer Absicht, eine allgemeine Lehre vom Normalen, Wünschenswerten, Angemessenen, bei der die Sorge, die jede /r Einzelne der Einrichtung und Pflege seiner /ihrer Wohnung angedeihen lässt, als Abbild der Sorge um sich selbst verstanden wird, der ganzheitliche Charakter der Wohnung also eine ganzheitliche Ausformung der Persönlichkeit verbürgt. Auf die kürzestmögliche Formel gebracht: »Zeige mir wie du wohnst, und ich will dir sagen, wer Du bist.« 22

Der Forderung nach einer dezidiert individuellen Wohnraumgestaltung widerspricht dieses normative Element nur scheinbar. Falkes Individualisierungsappell ist schließlich nicht als uneingeschränktes wohnkulturelles Toleranzedikt zu verstehen. Wenn die Wohnung schon der Spiegel der Seele ist, so soll sich darin gefälligst auch eine schöne Seele spiegeln. Die unverwechselbare Individualität, die sich in der Wohnungsgestaltung aussprechen soll, ist also keine empirische, sondern eine ideale Größe. Gemeint ist nicht der Mensch, der, wie es Bruno Taut zwei Generationen später ausdrücken wird, »in Filzpantoffeln und in Hemdärmeln durch seine Wohnung latscht« 23.] und sich um Falkes »decorative Harmonie« nicht weiter schert. Und auch nicht der, der seinen idiosynkratischen Geschmack umstandslos zum Gesetz erklärt. 24 In einem anspruchsvollen Sinn individuell ist die innengeleitete, Ich-starke, durch mühevolle Arbeit am Selbst kultivierte und damit in eine auch für andere erstrebenswerte Form gebrachte und zugleich permanent in Form zu haltende Persönlichkeit. Falke bindet das Recht auf Individualität, verstanden als Anspruch darauf, »unsere Neigungen zu befriedigen«, deshalb ausdrücklich an die Pflicht zur Individualität, also den Auftrag zur höchsten und proportionierlichsten Kultivierung dieser Neigungen. Dass er die kunstsinnige Gesellschaft des italienischen Cinquecento hierfür als das Maß aller Dinge preist, ist angesichts der Renaissancebegeisterung seiner Zeit wenig überraschend. Dass der wohlinformierte Kulturhistoriker sie umstandslos aus »hochgebildeten Menschen« bestehen lässt, »die mit Rafael und Tizian lebten und an ihrer Kunst und ihrem Umgange sich erfreuten«, interessiert an »Philosophie, Wissenschaft und Dichtung«, aufgeschlossen für »Musik und Tanz« sowie die »Schönheiten der Natur«, lässt erahnen, wie unzufrieden er mit den Kultivierungsanstrengungen der Gesellschaft seiner Gegenwart war, deren Geschmacksbildung er sich zur Aufgabe gemacht hatte.

Wie wirkungsvoll die Drohkulisse, man könnte die nächste Renaissance verpassen, zu Falkes Zeiten war, ist schwer zu beurteilen. Der Diskurs über die richtigen Wohnstandards hat sich schon derart lange von dem zu Fragen der Hochkultur abgekoppelt, dass ein solches Manöver mittlerweile unfreiwillig komisch wirkt. An wenigen anderen Stellen von Die Kunst im Hause scheint die Distanz zur Vorstellungswelt des späten 19. Jahrhunderts so fühlbar wie hier. Dabei ist das Anliegen, das das Buch verfolgt, tatsächlich alles andere als aus der Zeit gefallen. Als Kustos eines Kunstgewerbemuseums war Falke schon vor einhundertfünfzig Jahren klar, dass mit der beispiellosen gestalterischen Horizonterweiterung, die die Verfügbarkeit der zivilisatorischen Ausdrucksformen aller Völker und Zeiten für seine Gegenwart bedeutete, sowie mit der ebenso beispiellosen Erweiterung der produktionstechnischen Möglichkeiten durch die Industrialisierung die Zeit traditionaler Verbindlichkeit in der Interieurgestaltung ein für alle Mal vorüber sein würde.

Künftig würde jeder aus unzähligen Optionen auswählen können und müssen – wodurch nennenswerter Bedarf an Ratgebern wie Die Kunst im Hause überhaupt erst entstand. Zugleich war er sich der Tatsache bewusst, dass die Lebensverhältnisse seiner Zeit sich von denen der Vergangenheit bereits zu weit entfernt hatten, als dass man ihnen durch die Fortschreibung historischer Einrichtungsstile, die Renaissance ausdrücklich eingeschlossen, noch hätte gerecht werden können. Angesichts dessen plädierte Falke gar nicht erst für eine bestimmte Formensprache bei der Einrichtung der Wohnung, sondern lediglich für deren insgesamt kohärentes Erscheinungsbild. Als Muster für die Gegenwart empfahl er die Renaissance insbesondere deshalb, weil die Epoche ihm überzeugend zu dokumentieren schien, dass freie wie angewandte Künste nur dann ein vorbildhaftes Niveau erreichen können, wenn sie von einer Gesellschaft getragen werden, der an der höchstmöglichen Kultivierung des Individuums gelegen ist. 25

Zwar haben sich die Vorstellungen darüber, wie Statur und Profil einer derart ideal geformten Persönlichkeit auszusehen haben, seit Falke ebenso massiv verändert wie der Ton, in dem sie vorgetragen werden. Und doch: Die Unterscheidung zwischen dem Recht auf beziehungsweise der Pflicht zur Individualität, in der die Sorge des Einzelnen um sich selbst stillschweigend mit der Sorge um das soziale Ganze kurzgeschlossen wird, ist für die Wohnliteratur seither konstitutiv. Und so trifft man in Einrichtungsratgebern nach wie vor regelmäßig auf Äußerungen des Unwillens angesichts eines Publikums, das, indem es kauft, was ihm gerade gefällt oder was ihm imponiert, nur weil es Andere haben, seine faktische Individualität auslebt, statt eine ideale zu kultivieren. Und so beschäftigen sich Wohn- und Designzeitschriften noch immer besonders gern mit den Häusern und Wohnungen von Künstlerinnen, Architekten, Designern und anderen Kreativen – in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch verstärkt mit denen von Sammlerpaaren und Galeristinnen, wo anstelle des Tizian heute eher ein Richard Prince die Wand veredelt –, weil von der Kunst im Hause offenbar noch immer auf gesteigerte kulturelle Verbindlichkeit, sprich: maximale Individualität bei minimaler Willkür, geschlossen wird. Und so wird dort, ganz wie zu Falkes Zeiten, auch weiterhin für die Herstellung und Pflege einer Wohnumgebung geworben, die in ihren charakteristischen Zügen auf entsprechende Persönlichkeitsmerkmale projiziert und deshalb als kohärenter Selbstausdruck gelesen werden kann.

Wohnen in diesem normativen, charakterprägenden und zugleich charakterbeglaubigenden Sinn duldet keine Indifferenz, weshalb die Wohnung idealerweise eigenständig eingerichtet worden sein sollte. Die Verantwortung für die Arbeit an sich selbst lässt sich nun einmal nicht an andere delegieren. Schon Falke warnte ausdrücklich davor, »aus Mangel an Verständnis selbst bei guter Absicht« die Ausstattung des Hauses »auf Gnade und Ungnade hin dem Handwerker« anzuvertrauen. Das schließt professionelle Hilfe keineswegs aus, weist ihr aber von vornherein majeutische Funktion zu. Gerade weil der gestalterische Einsatz kontinuierliche Anstrengung erfordert, findet es besondere Anerkennung, wenn deren Spuren zum Verschwinden gebracht sind. Denn dass dem kunstvoll organisierten Interieur die darauf verwendete Mühe nicht mehr anzusehen ist, kann als Zeugnis dafür gelten, dass dem Individuum die Selbstbildung zur zweiten Natur und damit selbstverständlich geworden ist.

Ein wichtiges Indiz dafür ist die souveräne Geste, sich mit Nonchalance gerade so weit über gängige Vorstellungen vorbildhafter Gestaltung hinwegzusetzen, dass man nicht in Heteronomieverdacht gerät, dabei aber die Berechtigung gehobener Ansprüche an die Wohnkultur erst recht bestätigt. Auch deshalb argumentierte Falke gegen die »Selbstbeschränkung«, die konsequent stilrein gehaltene Interieurs der persönlichen gestalterischen Freiheit auferlegen. Aus demselben Motiv musste er das Modell der perfekt gestylten Wohnung verwerfen, die keine Veränderung mehr duldet (er nennt es »die monumentale Wohnung«), und plädierte für ein im Zweifelsfall veränderten Lebensphasen angepasstes Wegwerfen und Umarrangieren: »So wird die Geschichte unseres Lebens in der Geschichte unserer Wohnung sich reizend und anmutig spiegeln.«

Geld und Geist

Sämtliche Elemente dieses Kanons finden sich, in unterschiedlicher Durchmischung und angepasst an die veränderten Rahmenbedingungen unserer zeitgenössischen Geschmacks-, Verhaltens- und Konsumkultur (in der die Filzpantoffeln mittlerweile bei Manufactum gehandelt werden), in den informellen Kurzgutachten wieder, die das Rätselspiel in Wer wohnt da? antreiben. Auch wenn diese in einem Ton gehalten sind, dessen betonter Jovialität deutlich anzumerken ist, dass der Eindruck, die Kommentare könnten womöglich belehrend gemeint sein, unbedingt vermieden werden soll, verrät schon die Auswahl der Professionen, dass hier sehr wohl normative Vorstellungen im Spiel sind. Wenn ausgerechnet eine Psychologin und ein Innenarchitekt zu Wort kommen – und nicht etwa Mitarbeiter eines Möbelmarkts oder auch Freunde, Nachbarn, Kollegen, Geschwister, Seelsorger, Sozialarbeiter usw. –, also Angehörige eines akademisch ausgebildeten, vielfältig institutionalisierten Berufsstands, markiert deren Votum natürlich bereits einen gehobenen Verbindlichkeitsanspruch.

Abb. 2: Wache Geister. In: NZZ-Folio, September 2019 (© NZZ /Daniel Winkler)

Die Kandidaten, die ihrer Sympathie und Zustimmung sicher sein können, leben zwar nicht mit Raffael und Tizian. Das von ihnen geschaffene Ambiente lässt sie gleichwohl als vielseitig kultivierte Persönlichkeiten in Erscheinung treten. Es sind »arrivierte, aber nicht für die Ewigkeit etablierte Menschen«, vorzugsweise »weit herumgereist« und mit »gutbürgerlichem Fundament«. Sie zeichnen sich durch einen »souveränen Überblick über das Ganze« aus, »Geld und Geist« sind bei ihnen »ohne Prätention ineinander verschränkt«, sie leben »trotz Grandezza eine stilvolle Zurückhaltung«, pflegen eine »entspannte Tafelkultur« oder doch zumindest »eine Art reichhaltige Genügsamkeit«. Gern werden sie auch als »Lebenskünstler« identifiziert, die »ohne Attitüde« durch »gekonnte Nonchalance« bestechen, was sich im »leise und unauffällig inszenierten« Interieur »mit zeitlosem Mobiliar« ohne »Chrom-Nickel-Alu-Schnickschnack« in »unaufgeregter Eleganz«, »dezenter Farbgestaltung«, »lässiger Gemütlichkeit« oder auch darin niederschlägt, dass bei ihnen »die Räume von bewahrtem Wissen und gepflegter Kultur« sprudeln: »Nichts drängt sich in den Vordergrund, die einzelnen Materialschichten verweben sich gekonnt ineinander.«

Wie schon bei Falke ist ihre Wohnung vorzugsweise eine »Oase des kontemplativen Verweilens«, ein Ort der Entspannung und des unproblematischen Einvernehmens: »Man rückt hier gerne nahe zusammen, zur gemeinsamen Teestunde und auch sonst.« Gestalterische Harmonie wird vornehmlich als Indiz für soziale Harmonie gelesen, Spannung beziehungsweise Dissonanz hingegen eher »auf dem harten Pflaster der Businesswelt«, also im Leben außerhalb der Wohnung, verortet. Die Diszipliniertheit, die die Idealbewohner dort durch den Erfolg beweisen, der sich wiederum in ihrer Wohnungsausstattung spiegelt, sichert ihnen umgekehrt ein besonderes Recht auf häusliche Lässigkeit und Bequemlichkeit. 26« Einrichtungsstücke werden gerügt. Alle Textausschnitte sind dem Buch von Gudrun Sachse (Hrsg.), Wer wohnt da? Eine Reise durch Schweizer Wohnungen (Sulgen: Benteli 2012) entnommen, das vierzig Homestorys aus dem Zeitraum zwischen 2006 und 2012 versammelt.]

Idealtypisch verdichtet sich dieses Wohn- beziehungsweise Persönlichkeitsideal in einer Folge von Wer wohnt da? aus dem September 2019, in der unter dem Titel Wache Geister die Wohnung eines Ehepaars mit zwei kleinen Kindern vorgestellt wurde: »Die hohen Räume«, schwärmt der Innenarchitekt, »sind persönlich eingerichtet, wollen aber keiner Wohnzeitschrift gefallen. Gerade deswegen entsteht ein persönlicher Stil. Dahinter stehen Personen, die wohl so wenig schubladisierbar sind wie ihr Zuhause. Einige Designklassiker aus verschiedenen Zeiten kommen hier vor. Nie aber wirkt es angestrengt. Es bleibt, wie das Leben selbst, etwas unergründlich und keineswegs linear. Manchmal streng, zäh und trocken wie das Errex-Regal neben dem Esstisch. Oder bunt und flauschig wie Toshiyuki Kitas Sessel, der seine Nähe zu Mickey Mouse nicht verleugnen kann. Im blechernen Regal stehen ein paar tolle zeitgenössische Klassiker aus der Welt der Kochbücher. In dieser Wohnung werden Gäste empfangen und bekocht. Hier wohnen wache Geister. Kultur nimmt Raum ein, in der Wohnung wie im Leben.« Interieurbeschreibung als Charakterstudie, »Kultur« als Ausweis einer schönen Seele – womöglich ist das 19. Jahrhundert noch immer präsenter, als wir das wahrhaben wollen.

 

Der Text entstand im Rahmen einer Fellowship des Autors am Archiv der Avantgarden (AdA), Staatliche Kunstsammlungen Dresden (archiv-der-avantgarden.skd.museum). Er ist Teil des interdisziplinären Forschungs- und Publikationsprojekts »Private-Un-private /Homestorys«.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Dass in der antiken Welt das Haus als »geheiligter Bezirk, Stätte der Hausgötter« galt und das griechische, römische und germanische Recht genaue Regelungen vorsahen, unter welchen Umständen Bestohlenen zur Aufklärung eines Diebstahls der Zugang zum Anwesen anderer gewährt werden muss, zeigt, »dass bereits in einfachen Gesellschaften ein gesamtgesellschaftliches Interesse existiert«, in der eigenen Wohnstätte »nicht behelligt zu werden«. Vgl. Knut Amelung, Grundrechtstheoretische Aspekte der Entwicklung des Grundrechts auf Unverletzlichkeit der Wohnung. In: Günter Birtsch (Hrsg.), Grund- und Freiheitsrechte von der ständischen zur spätbürgerlichen Gesellschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1987.
  2. Gert Selle, Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern. Berlin: form + zweck 2011.
  3. www.gudrun-sachse.ch/wer-wohnt-da
  4. »Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont […
  5. Idealtypisch formuliert in einer Werkbundschrift von 1965: »Es gibt geprägte, geordnete, harmonische, gutgearbeitete Gesichter, in denen man lesen kann wie in einem klargeschriebenen, klargedruckten Buch; und es gibt wirre, verwirrte, verschwommene, unfertige, niemals fertig werdende Gesichter – von Menschen und von Wohnungen.« Erich Pfeiffer-Belli, Vom Abenteuer des Wohnens. In: Die Wohnung. Hrsg. v. Deutschen Werkbund Bayern. Heft 2: Wohnräume. München: Peter Winkler Verlag 1965.
  6. Willy Frank, Das eigene Heim. In: Alexander Koch (Hrsg.), Das schöne Heim. Ratgeber für die Ausgestaltung und Einrichtung der Wohnung. Zweite verbesserte Ausgabe. Darmstadt: A. Koch 1924.
  7. Barbara Arzmüller, Dein Zuhause als Spiegel deiner Seele. Wie du mit kleinen Veränderungen dein Leben in Schwung bringst. Darmstadt: Schirner 2019.
  8. »Sage mir, mit wem du umgehst – zeige mir, wie du wohnst! Laß mich sehen, wie du ißt, wie du zu Bett gehst, wie du aufstehst – o danke! ich will nicht mehr sehen. Die Wohnung und ihr Aussehen, die Art, wie sie bewohnt wird, dies alles ist uns tatsächlich näher als unser – Hemd.« Bruno Taut, Ein Wohnhaus (1927). Berlin: Gebr. Mann 1995.
  9. Uwe Linke im Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 10. Januar 2019 (www.sueddeutsche.de/stil/wohnen-psychologie-einrichtung-moebel-1.4281959).
  10. Eine instruktive Darstellung des Phänomens in seinem historischen Kontext bietet der Band Häuser der Erinnerung. Zur Geschichte der Personengedenkstätte in Deutschland. Hrsg. v. Anne Bohnenkamp /Constanze Breuer /Paul Kahl /Stefan Rhein. Leipzig: Ev. Verlagsanstalt 2015.
  11. Sam Lubell, Life Meets Art. Inside the Homes of the World’s Most Creative People. London: Phaidon 2020. Auch für diesen opulenten Fotoband, der die Interieurs von 250 »creative geniuses« von der Renaissance bis heute präsentiert, ist das Versprechen, Wohnungsschau sei zugleich Seelenschau, konstitutiv: »In this book we explore living spaces belonging to extraordinary creative people, both past and present. From obscure furniture designers to Pulitzer Prize-winning novelists to international pop stars, they’ve each created inspiring, sometimes revolutionary homes, imbued with their inspired spirit, outsized skill, thirst for experiment, and passion for beauty.«
  12. Erich Pfeiffer-Belli, Vom Abenteuer des Wohnens.
  13. Genau so argumentiert auch Ingrid Feigl, die für Wer wohnt da? die psychologischen Kurzgutachten verfasst. Auf die Frage, ob die Wohnung ein Spiegel der Seele sei, lautet ihre Antwort: »Ja. Eine Wohnung ist etwas Ur-Privates, etwas Essenzielles, Persönliches. Man hat das Copyright und Carte blanche für alles, was man macht. Viel mehr noch als bei der Kleidung, die etwa den Regeln in einer Firma unterliegt. In der Wohnung können Sie tun und lassen, was Sie wollen.« Ingrid Feigl: »Bühne oder Wohnhöhle, das ist die Frage«. Interview der Hochschule Luzern vom 13. Februar 2017 (www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/medien/magazin/archiv/2017/02/13/interview-ingrid-feigl/).
  14. Jakob Falke, Die Kunst im Hause. Geschichtliche und kritisch-ästhetische Studien über die Decoration und Ausstattung der Wohnung. Wien: Carl Gerold’s Sohn 1871. Falke ist eine verlässliche Quelle, wenn man sich ein Bild über das Bemühen um eine (groß)bürgerliche Wohnkultur zwischen Berlin und Wien im späten 19. Jahrhundert verschaffen möchte. Er schrieb für die anspruchsvolle, bildungsstolze, wohlhabende, großbürgerliche Klientel im Wien der Ringstraßenära, der der historistische Stilpluralismus schier unendliche Möglichkeiten der Interieurgestaltung eröffnete. Anders als das in dem Genre schon wenig später üblich werden sollte, enthält Die Kunst im Hause nur spärlichste konkrete Handreichungen zur dekorativen Praxis. Das Buch war dadurch weniger ein wohnästhetischer als vielmehr ein wohnmoralischer Ratgeber – gerade damit aber erwies es sich als zukunftsträchtig.
  15. Wie alle kulturhistorischen Prioritätszuschreibungen gilt auch diese unter Vorbehalt. Tatsächlich reicht die Vorgeschichte der Ratgeberliteratur bis ins 18. Jahrhundert zurück. So wurde in Zeitschriften wie dem Journal des Luxus und der Moden (Weimar: F. J. Bertuch 1786–1827) bereits regelmäßig geschmackvolles zeitgenössisches »Ameublement« vorgestellt. Auch kann man darüber streiten, ob mit Joseph Friedrich Freiherr von Racknitz’ Darstellung und Geschichte des Geschmacks der vorzüglichsten Völker in Beziehung auf die innere Auszierung der Zimmer und auf die Baukunst (Leipzig: Göschen 1796) Falkes Projekt nicht schon teilweise vorweggenommen ist.
  16. Frida Ramstedt, Fühl Dich wohl in deinem Zuhause. Einrichtung und Gestaltung – die Grundregeln für die eigenen vier Wände. Berlin: Ullstein 2020.
  17. Vitra Prospekt Home Stories. Deutschland 2020 (Art. Nr. 09189601).
  18. Pars pro toto: Simone Knauss, 5 Schritte zum persönlichen Stil. In: Schöner Wohnen, Nr. 7/2019.
  19. Deutschlands häufigstes Wohnzimmer. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20–21/2014 vom 5. Mai 2014 (www.bpb.de/apuz/183452). Der Raum wurde 2004 erstmals öffentlich vorgestellt, ist aber mittlerweile zweimal, 2009 (siehe Abbildung) sowie 2016, aktualisiert worden. Jung von Matt hat mittlerweile auch in der Schweiz eine entsprechende Modellwohnung eingerichtet. Wie man unter www.srf.ch/sendungen/dok/zu-hause-beim-durchschnittsschweizer nachprüfen kann, unterscheiden beide sich nicht wesentlich voneinander.
  20. Vgl. Andreas Urs Sommer, Sammeln als Lebensform. In: Ders. /Dagmar Winter /Miguel Skirl, Die Hortung. Eine Philosophie des Sammelns. Düsseldorf: Parerga 2000.
  21. Wilhelm von Humboldt, Ideen zu einem Versuch die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (1851). In: Ders., Werke in fünf Bänden. Bd. I.
  22. Falke selbst benutzt die Formel nicht, die Vorstellung als solche ist für sein Buch allerdings zentral. Die älteste mir bekannte Stelle, an der sie wörtlich auftaucht, ist F. Böttcher, Kunstgewerbliche Betrachtungen. In: Fachblatt für Innen-Dekoration, Nr. 12, Darmstadt Juni 1890.
  23. Bruno Taut, Ein Wohnhaus [1927
  24. Daher auch Falkes (von vielen seiner Nachfolger, etwa Georg Hirth, geteilte) Empörung über die »Rococogesellschaft«, die »alles Gesetzmäßige verspottete und der bizarren Laune huldigte«.
  25. »Wenn das Haus und seine Ausstattung der Größe jener Kunst entsprachen«, heißt es an einer Schlüsselstelle des Buchs, »so entsprach dem einen wie dem anderen auch die Gesellschaft, so entsprachen ihnen die Menschen, die unter diesem Schönen wohnten und lebten. Sie trugen die Kunst aus ihrer Höhe in das Haus, in das Leben, aber sie erhoben das Leben auch wieder auf die Höhe einer Kunst.«
  26. Irritiert hingegen zeigt sich das Gutachterpaar erwartungsgemäß, wenn die Wohnung »ein bisschen angestrengt« oder auch »behäbig« oder »bieder und sittsam« wirkt oder wegen ihrer »spitalähnlichen Atmosphäre« nur wenig über die Persönlichkeit der Bewohner verrät, was diese »unnahbar« erscheinen lässt. Auch das »Fehlen von Akzenten« sowie »konventionell und traditionell im Möbelhaus eingekauft[e

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