Kontext ist alles. Kenneth Goldsmith und UbuWeb

Der in die Jahre gekommene Dirigent Nicolas Slonimsky, bekannt für seine überaus experimentellen Kompositionen, setzte sich 1988 ans Klavier, um ein Liedchen über ein Medikament gegen Verstopfung aufzunehmen. Die Musik stammte von ihm, aber den Text hatte er – wortwörtlich – aus einer Reklame übernommen, die einige Jahre zuvor in der Saturday Evening Post erschienen war. »Kinder quengeln um Castoria!«, trällerte Slonimsky, damals schon weit über neunzig Jahre alt. »O sanftes, unbedenkliches Abführmittel, das stets den Magen beruhigt und den Darm befreit.« Es war ein surrealer Moment in einem Spätwerk, aufgenommen für eine Gratis-Flexidisc einer Zeitschriftenbeilage, also wenig aussichtsreich, in den musikalischen Kanon der Moderne Eingang zu finden.

(Der Text ist im Juliheft 2021, Merkur # 866, erschienen.)

Aber genau aus diesem Grund ist die Aufnahme auf UbuWeb zu finden, der digitalen »Akzeptanzstelle für die Avantgarde« von Kenneth Goldsmith (www.ubu.com). Slonimskys Ersteinspielungen von Charles Ives und Edgar Varèse finden sich auf der Website unter dem Schlagwort »Sound«, aber auch in der Sektion »Outsiders« stößt man auf ihn und auf andere Kuriositäten, wie zum Beispiel auf Louis Farrakhans unerwartet fröhliche Calypso-Songs. UbuWeb ist ein Ort, an dem sowohl dem Verkopften wie dem Albernen, dem Ephemeren wie dem Gewichtigen die gleiche Bedeutung beigemessen wird.

UbuWeb ist eine umfassende Quelle für alles von Kathy Acker bis Frank Zappa. Es gibt keine systematische Sammlungspolitik, kuratiert wird die Website lediglich durch den Spürsinn, den Enthusiasmus und die scheinbar grenzenlose Energie von Goldsmith. Der Dichter und Dozent an der Universität von Pennsylvania gründete UbuWeb 1996, er ist außerdem leitender Redakteur des PennSound-Archivs. In den Anfängen konzentrierte er sich auf Konkrete Poesie, scannte und lud alte Anthologien aus seinem eigenen Bücherregal hoch oder wo immer er sie sonst auftreiben konnte. Um die Jahrtausendwende – sobald die Bandbreite Audio- und Videostreaming erlaubte – wandte sich Goldsmith auch der Lautpoesie, der experimentellen Musik und der Videokunst zu, die er von anderen Seiten übernahm. Heutzutage schicken ihm Menschen aus aller Welt ganze Festplatten voller Filme, Bilder und Bücher – zu solch einer Institution hat sich seine Seite entwickelt.

Im Vergleich mit dem übrigen Internet ist UbuWeb vorsintflutlich – die Seite stammt noch aus der Ära von Einwahlmodem und Altavista. Erstaunlicherweise ist die Seite noch dazu im Grunde unverändert geblieben. Sie ist immer noch in einfachem, altem HTML programmiert und hat den Verlockungen von fortschrittlichen Schnittstellen, ausgefallenen Grafiken und Cloud-Speicherplattformen von Drittanbietern widerstanden. Solche Plattformen – Flickr zum Beispiel – kommen und gehen, aber UbuWeb hat sie alle überdauert. UbuWeb hat mit Zähnen und Klauen an seiner Unabhängigkeit festgehalten, sich mit nichts und niemandem verflochten, außer mit Goldsmith.

UbuWeb hat sich die Demokratisierung der Avantgarde zur Aufgabe gemacht, indem es die Art von Material, die in nischigen Filmarchiven oder Forschungsbibliotheken lagert, für jedermann zugänglich macht. Es ist der einzige Ort, an dem man zum Beispiel eine komplette Ausgabe von Aspen durchstöbern kann, dem kultigen und sehr seltenen »Multimedia-Magazin in einer Box«, das Arbeiten von Andy Warhol, John Cage, John Lennon und Roland Barthes versammelt. Es gibt keinen Mangel an großen Namen, die sich unter das obskure Zeug mischen – aber sie machen oft etwas ganz anderes, als man erwarten würde. Neben Slonimskys Ode an Castoria gibt es Radiohörspiele von Samuel Beckett, Videokunst von Richard Serra, Kriminalromane von Maurice Blanchot oder auch eine Werbeschallplatte von Salvador Dalí aus dem Jahr 1971 für die Bank Crédit Commercial de France. Die B-Seiten und Raritäten, die sonst im Schatten der größten Hits eines Künstlers oder einer Künstlerin verschwinden, sind die Spezialitäten von UbuWeb. Fündig wird ebenso, wer das Gedicht von Claude Closky sucht, das die Zahlen eins bis tausend in alphabetischer Reihenfolge auflistet, wie die, die das Musical Jesus Christ Superstar von Anfang bis Ende als Sologesangsstück hören will. Das ist Avantgarde, nur von der etwas anderen Art.

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