Wiederkehr als politisches Motiv

Christian Dietrich Grabbe hat 1829 ein fünfaktiges Drama publiziert, betitelt Kaiser Friedrich Barbarossa. Als der Titelheld nach gewonnener Schlacht wieder heimkehrt, empfängt ihn seine treue Gattin Beatrice voller Überschwang: »Christi Auferstehung freut mich nicht wie deine!«

Der Text ist im Juliheft 2021, Merkur # 866, erschienen.)

Von dem Stück oder diesem Passus weiß heute niemand mehr. Immerhin lernt man, dass das Motiv der Wiederkehr Grenzen überschreitet und Felder miteinander verbindet: Christus kehrt wieder, Friedrich tut es ihm nach. Beide Gestalten gleichen einander darin, dass sie Menschen aus tiefer Not »erlösen« (von Sünden oder Sorgen). Es geht um viel. Kommt einer spätnachts vom Wirtshaus zurück, wird man kaum von »Wiederkehr« sprechen.

Ein drittes Exempel, dieses Mal politischer Natur: Zig Millionen Amerikaner bauen darauf, dass Donald Trump sein Versprechen wahrmacht, sich nicht aufs Altenteil oder in den Schmollwinkel zurückzuziehen, sondern alles, was seine übermenschlichen Kräfte vermögen, unternimmt, um die (ihrer festen Meinung nach) manipulierte Wahlschlappe auszumerzen. Also wiederkehrt: »We will be back in some form.«1

Beim Hoffen ist es nicht geblieben. Am 6. Januar 2021 hat ein wilder Haufen aggressiver Trumpistas das Kapitol gestürmt, die heiligen Hallen entehrt und den (gewählten) Volksverrätern Beine gemacht. Kolportiert wurde in Verschwörungszirkeln zudem, »dass sich Präsident Trump auf einer Militärbasis in Texas aufhält, um einen massiven Gegenschlag gegen den laufenden Staatsstreich«, sprich Bidens Wahlsieg, »zu koordinieren«. Danach werde eine Militärregierung etabliert, die »Untersuchungen durchführt und Tribunale veranstaltet«, um das intrigante Gesindel der gerechten Strafe zuzuführen (»we’ll get all kinds of executions«). Habe man dies alles hinter sich gebracht, werde Trump zurückkommen und seine Alleinherrschaft installieren.2 Fürs Erste herrsche »die Ruhe vor dem Sturm«.

»The Antipope of Mar-a-Lago«?

Weil dieser Sturm ausgeblieben und ihr Idol, anstatt Washingtons Bastionen niederzureißen, ins sonnige Florida abgereist ist, hat viele Hitzköpfe tiefe Ratlosigkeit befallen. Einen schwachen Trost konnte man immerhin darin finden, dass Trump, wie gemunkelt wurde, gegen alle Usancen eine Art Gegenregierung etablieren würde, um seine zweite Machtübernahme vorzubereiten.

Diese Sachlage legt eine Parallele nahe: Trump, heißt es, sei der »Gegenpapst von Mar-a-Lago«. Damit gliche er jenen Kirchenführern, die im mittelalterlichen Avignon dem Marktführer »Vatikan« Konkurrenz gemacht haben. Amerika, so die Botschaft, stehe daher vor einer Phase der Doppelherrschaft, markiert durch klargezeichnete, weitgehend stabile Grenzen: hier »Papst« Bidens Herrschaftsgebiet, dort »Gegenpapst« Trump.3 Allerdings hinkt der Vergleich. In erster Linie deshalb, weil es sich damals um zwei unabhängige Imperien gehandelt hat – wer in Avignon regiert hat, war nicht von dem Gedanken besessen, bei nächstmöglicher Gelegenheit Rom zu übernehmen. Eine »Heimkehr« stand nie zur Debatte.

Der Vergleich mit Avignons mittelalterlichen Päpsten lässt jedoch erahnen, dass Trumps Regime völlig aus dem Rahmen (»westlicher Demokratien«) fällt. Wer nach Vergleichbarem sucht, schlägt daher besser einen weiten Bogen. Dafür spricht auch Trumps selbstherrliche Ankündigung: »I alone can fix it«,4 die an das »L’état c’est moi« des Sonnenkönigs erinnert.

Freilich ist es seit Hegels Einlassungen eine Selbstverständlichkeit, dass der moderne – institutionalisierte – Staat den Glanz und die Gloria selbstherrlicher Herrscher unwiderruflich eliminiert hat. »Individuen von großem Charakter«, heißt es in seiner Philosophie der Geschichte, »behaupteten den Thron, wie Friedrich Barbarossa, in welchem sich die kaiserliche Macht in ihrer größten Herrlichkeit darstellte« – aber »diese Herrlichkeit war nur momentan«, also schon sehr lange nichts mehr für die Dauer.

(…)

 


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