Erinnerung im globalen Zeitalter: Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert

Geschichte lebt wieder in Deutschland, ist präsent im öffentlichen Raum wie lange nicht mehr. Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit »Nazihintergrund« und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides. Kein Tag, an dem das Feuilleton nicht bebt, die Twitter-Sphäre ohnehin. Die Dinge, um die es geht, liegen alle lange zurück, sehr lange; manche waren beinahe vergessen. Jetzt sind die Diskussionen gleichwohl so heftig, als ginge es um alles. Warum regen sich gerade alle so auf?

(Dieser Text ist im Augustheft 2021, Merkur # 867 erschienen.)

In dem gegenwärtigen Kampf um die historische Deutungshoheit mangelt es nicht an Kommentaren, Einlassungen, Deutungen. Aber meist geht es dabei um normative Fragen: Soll koloniale Kunst zurückgegeben, Immanuel Kant aus den Lehrplänen verbannt, sollen Straßen umbenannt werden? Sollte die deutsche Gesellschaft auf der Einzigartigkeit des Holocaust bestehen, oder gibt es eine Verantwortung für die Opfer des Kolonialismus? Diese normativen Fragen – was sollen wir tun? – sind wichtig; sie werden die Feuilleton-Öffentlichkeit noch auf absehbare Zeit beschäftigen. Bislang wird jedoch viel zu wenig thematisiert, worin die Gründe für die aktuelle Aufmerksamkeitsexplosion bestehen. Warum jetzt? Was sagt es über die Gegenwart, wenn die Geschichte wieder zum Gegenstand einer erbitterten, häufig polemischen Auseinandersetzung wird?

Was wir im Kern beobachten, sind die Effekte der Ablösung eines Erinnerungsregimes durch ein anderes: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit (Erinnerung I) wird durch einen veränderten Erfahrungshaushalt in der globalisierten Gegenwart herausgefordert oder zumindest ergänzt (Erinnerung II). Die Erinnerungsdebatte ist dabei nur die Oberfläche, unter der grundlegende gesellschaftliche Veränderungen liegen, die keineswegs auf Deutschland beschränkt bleiben.

Erinnerung I – ein transnationales Produkt

Was heißt das? Lange Zeit hatte sich die (west)deutsche Gesellschaft in der Erinnerung I gut eingerichtet: Der Gründungskonsens der Bundesrepublik beruhte auf einer historischen Erzählung, die Deutschland auf dem Weg zu einer demokratischen, westlichen Gesellschaft sah. Seine Kernelemente: Distanz vom Nationalsozialismus, Demokratisierung, Absage an Krieg und Diktatur. Und im Zentrum: die kritische Aufarbeitung der deutschen Schuld, des Holocaust.

Im Rückblick sieht dieses Erinnerungsregime – gemeint ist: die hegemoniale Erinnerung im öffentlichen Raum – allerdings deutlich homogener aus, als es in Wirklichkeit war. Der Begriff »Erinnerung I« wird hier heuristisch gebraucht; er soll nicht davon ablenken, dass Erinnerungsdebatten höchst umkämpft waren. Politische Konflikte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit waren heftig, von den Diskussionen über die Wiedereingliederung belasteter und entnazifizierter Personen in den fünfziger Jahren bis zu der Kritik an der NS-»Vätergeneration« 1968. Der Höhepunkt dieser Erinnerungskriege war der Historikerstreit 1986, der noch einmal das konservative und linke Lager gegeneinander in Stellung brachte. Mindestens so wichtig wie diese ideologischen Gegensätze war aber eine andere Entwicklung: Erst in den achtziger Jahren fand die Erinnerung I im Holocaust ihr unangefochtenes Zentrum. 1

Im Rückblick wird jedoch noch etwas ganz anderes deutlich: Die Erinnerung I war keineswegs nur ein deutsches Produkt. Das wird zu selten gesehen. Gewiss: Die Gesellschaft war stolz auf ihre »Vergangenheitsbewältigung«; der Begriff selbst wurde zum Exportschlager und zwang Übersetzer in anderen Sprachen zu gewagten Neologismen. Durchaus zu Recht: Die kritische Distanz vom Nationalsozialismus hat sich die deutsche Gesellschaft hart erarbeitet (wie viele Widerstände im Spiel waren, kann man am Beispiel von Fritz Bauer oder den Romanen von Ursula Krechel gut nachvollziehen). Aber die Rede vom kollektiven »Lerneffekt«, von der Emanzipation, von einer Gesellschaft, die sich Münchhausen gleich am eigenen Schopf aus dem braunen Sumpf zieht, wie etwa noch Daniel Goldhagen meinte, sie bleibt doch sehr einseitig. 2 Mit etwas Abstand betrachtet ist klar, dass die deutsche »Vergangenheitsbewältigung« eng eingebunden war in transnationale Zusammenhänge – und nur in ihnen möglich.

Erinnerung ist ja nicht nur, nicht einmal in erster Linie, eine zeitliche Beziehung von der Gegenwart zur erinnerten Vergangenheit, auch wenn es häufig so aussieht; ihre Dynamik erklärt sich vor allem durch den Kontext in der Gegenwart, einen Kontext, der nationale Grenzen stets überschreitet. In der Bundesrepublik kamen viele solcher Faktoren zusammen und trugen zur Entstehung der Erinnerung I bei: die alliierte Besatzung, die Umerziehungsmaßnahmen, die Ansprüche der Jewish Claims Conference, bis hin zum Eichmann-Prozess in Jerusalem oder 1979 die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie Holocaust – die Geschichte der Familie Weiss. Eine ganz zentrale Rolle spielte dabei der allmähliche europäische Einigungsprozess: Die kritische – und das hieß hier: selbstkritische – Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust war die politische und kulturelle Voraussetzung für Deutschlands Wiedereingliederung, für seinen »Weg nach Westen«. 3

Vergleich mit Japan

Wie zentral diese transnationale Einbettung war, macht ein vergleichender Blick nach Japan sehr gut deutlich. Die Ausgangslage war dort ganz ähnlich. Auch wenn es kein Pendant zum Holocaust gab, war die Zeit vor 1945 auch hier zur Negativfolie geworden, von der sich die Demokratie der Nachkriegszeit absetzte: Faschismus, Militarismus, Diktatur, Unterdrückung im Innern und nach außen, Angriffskrieg, zahlreiche Kriegsverbrechen. Der Tokyoter Prozess war nach dem Modell der Nürnberger Prozesse konstruiert. Und auch die amerikanische Besatzung – die ihre Sicht auf die Vergangenheit über Radioprogramme mit dem Titel »Die ganze Wahrheit« verbreitete – war eine Gemeinsamkeit. Deutschland und Japan saßen nach 1945 im selben Erinnerungsboot.

Aber eben nicht ganz. Was anders war: Die Integration in der Region fand in Ostasien nicht statt. Es gab keine Asiatische Union, keine Entsprechung zur Europäischen Gemeinschaft oder heute der EU. Für Japan spielten daher die Nachbarländer für den Umgang mit der Vergangenheit kaum eine Rolle. Im Gegenteil: Die Zweiteilung der Welt im Kalten Krieg löste Japan aus Asien heraus. Nicht nur politisch und ökonomisch, sondern auch erinnerungskulturell war die japanische Gesellschaft fortan beinahe ausschließlich auf die Vereinigten Staaten bezogen. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Die Bundesrepublik legte deutsch-französische Austauschprogramme auf, setzte auf Verständigung mit den Nachbarn (während gleichzeitig die Systemkonkurrenz mit der DDR zu einer Auseinandersetzung mit den sehr viel kritischeren Deutungen aus Ost-Berlin zwang). Solche Stimmen aus den Nachbarländern, so zentral für die deutsche Diskussion, blieben in Japan ungehört. Während die Bundesrepublik immer europäischer wurde, wurde Japan von Asien getrennt.

Ein Beispiel: Der Zweite Weltkrieg wurde, übrigens auf Geheiß der amerikanischen Besatzungsmacht, in Japan als »Pazifischer Krieg« bezeichnet, obwohl doch die Mehrzahl der Kampfhandlungen in China und Südostasien stattgefunden hatte. Der Begriff verschob den geografischen Schwerpunkt: Nicht China, wo japanische Armeen beinahe vierzehn Jahre lang gekämpft hatten (mit fast 20 Millionen Toten auf chinesischer Seite), sondern die Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten galt so als Zentrum des Krieges. Nicht in den Verbrechen auf dem chinesischen Festland lag der kriminelle Gehalt des Krieges verborgen, sondern im »unverfrorenen« Angriff auf die westliche Zivilisation. Man muss sich das einmal vorstellen: Das wäre so, als würde man in Deutschland nur über den Bombenkrieg mit England sprechen: nichts über die Ostfront und die Verbrechen dort; nichts über die Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die in deutschen Lagern umkamen, und so fort. Die asiatischen Nachbarländer waren aus dem japanischen Erinnerungsdiskurs verschwunden – ganz anders als im Fall der Bundesrepublik. Kein Wunder, dass es zum Kniefall Willy Brandts in Warschau kein japanisches Pendant gab: Angesichts der einseitigen Ausrichtung an den Vereinigten Staaten gab es für japanische Entschuldigungen in Korea oder China weder Anlass noch Anreiz. 4

1990 und die Expansion von Erinnerung I

Eine Vergangenheitspolitik, die das Land mit seinen Nachbarn kompatibel machte, setzte in Japan im Grunde erst nach 1990 ein. Dann allerdings mit voller Wucht: Die Grenzziehungen des Kalten Kriegs fielen weg, und Japan wurde wieder zu einem Land in Asien. In jeder Hinsicht: 1993 überstieg der Handel mit China erstmals den Austausch mit den USA. Vor diesem Hintergrund erhielten die Stimmen der asiatischen Opfer der japanischen Expansionspolitik – am bekanntesten die der Sexsklavinnen aus Korea – auch in Japan ein Gewicht, das ihnen jahrzehntelang nicht zugekommen war. Seitdem tobt ein heftiger Konflikt der Erinnerung, eine Art Kulturkampf. An seiner Schärfe lassen sich die Schwierigkeiten ablesen, mit der Veränderung der geopolitischen Lage Japans zurechtzukommen: vom amerikanischen Schutzschild in der Zeit des Kalten Kriegs zur Globalisierung, dem dramatischen Aufstieg Chinas und der Wiederkehr Asiens.5

In der Bundesrepublik stellte 1990 erst einmal keine tiefe Zäsur dar – jedenfalls nicht erinnerungspolitisch. Im Gegenteil: Die Erinnerung I wurde bestätigt, galt geradezu als Teil der moralischen Überlegenheit der Bundesrepublik; auch erinnerungspolitisch, so jedenfalls die Selbstwahrnehmung, hatte die Bundesrepublik (Holocaust) gegen die DDR (verordneter Antifaschismus) gesiegt. Der Fall des Eisernen Vorhangs führte zu einem umfassenden Transfer von West nach Ost: Die Volkswirtschaften in Osteuropa kollabierten, die politischen Systeme wurden angepasst – und auch der Umgang mit der jüngeren Vergangenheit gehörte zu den Standards, die nach 1990 nach und nach für ganz Europa, auch für die postsozialistischen Staaten, verbindlich wurden. Die Errichtung des Holocaust-Mahnmals, beschlossen 1999 durch den Bundestag, dokumentierte die Hegemonie der Erinnerung I im Zentrum der deutschen Hauptstadt. Die »Stockholmer Erklärung« aus dem Jahr 2000 deklarierte die Erzählung vom Holocaust als Zivilisationsbruch und die Kritik am Antisemitismus zu Elementen des gemeinsamen europäischen Erbes. Seit 2005 gilt für alle Mitgliedstaaten der EU der 27. Januar als verpflichtender Holocaust-Gedenktag. 6

Im Grunde wiederholte sich hier die Geschichte: So wie die Europäisierung der Bundesrepublik mit der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Krieg und Genozid einhergegangen war, galt das nun für die »neuen« europäischen Staaten auch. Eine Art Strukturanpassungsprogramm: Wer zu Europa gehören wollte, musste nicht nur das Rechtssystem anpassen, sondern auch die Deutung der Vergangenheit. Diese Anpassung an die Erinnerung I war dabei alles andere als konfliktfrei; wie in Japan nach 1990 führte sie auch in Osteuropa zu heftigen Reaktionen, zu einem regelrechten Bürgerkrieg der Erinnerung.

Das beste Beispiel ist die polnische Debatte über Jedwabne, die durch ein im Jahr 2000 erschienenes Buch des polnischen Historikers Jan Gross ausgelöst wurde. 7 Gross argumentierte, dass das im Juli 1941 an den jüdischen Bürgern der Stadt Jedwabne verübte Massaker nicht auf deutsche Befehle, sondern auf die Aktivitäten der polnischen Bevölkerung zurückging. Er stellte damit den Konsens der Zeit des Kalten Kriegs – Polen als Opfer, als Hort des Antifaschismus – grundlegend in Frage. Nicht zufällig wurde die kritische Befassung mit der eigenen Täterrolle im Holocaust während der Beitrittsverhandlungen Polens mit der EU zum Thema: EU-Mitgliedschaft und Erinnerungspolitik gehören zusammen. Das machte die Akzeptanz nicht unbedingt leichter: Zwar ist das 2006 verabschiedete Gesetz, das die Behauptung einer polnischen Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen unter Strafe stellte, inzwischen wieder kassiert. Aber bis heute werden Historikerinnen, die zur Rolle polnischer Akteure an der Judenvernichtung forschen, diskreditiert und gerichtlich belangt. 8

Die neunziger Jahre waren mithin eine Epoche der europäischen Erweiterung, ja zum Teil der Globalisierung der Erinnerung I. Das wurde in Deutschland keineswegs nur mit Beifall bedacht. Dass andere Länder ihre je eigenen Opfergeschichten durch die Holocaust-Rhetorik international salonfähig machen wollten – etwa die Bezeichnung der ukrainischen Hungersnot von 1932/33 als »Holodomor« –, stieß auf Kritik. Und als 1993 in Washington das Holocaust-Museum eröffnet wurde – eines von mittlerweile 22 Holocaust-Museen in den Vereinigten Staaten –, galt das vielen Kommentatoren als Anmaßung, als amerikanische Aneignung einer eigentlich und genuin deutschen Schuld. Ohne Zweifel: Das späte 20. Jahrhundert erlebte eine Stabilisierung und Institutionalisierung der Erinnerung der Nachkriegszeit, die nun weit über Deutschland hinausging. 9 Aber ironischerweise ist es gerade dieses Ergebnis der unangefochtenen Hegemonie von Erinnerung I, das heute den Gralshütern dieser Erinnerung, die auf der Unvergleichbarkeit des Holocaust bestehen, ein Dorn im Auge ist.

Kolonialismus und Erinnerung II

Seit Beginn des neuen Jahrhunderts hat nun ein zweites erinnerungspolitisches Thema Konjunktur: der Kolonialismus. Scheinbar wie aus dem Nichts war das Thema plötzlich da – nachdem jahrzehntelang vielen Menschen gar nicht bewusst war, dass Deutschland überhaupt Kolonien besessen hat. Wie konnte es zu solch einem Comeback kommen? Die klassischen Erklärungsmuster der Erinnerungsliteratur helfen da kaum weiter: Trauma, Amnesie, Wiederkehr des Verdrängten. Vielmehr kann man die Aktualität des Themas nur verstehen, wenn man sie als Reaktion auf ganz grundlegende Veränderungen der Gegenwart versteht. Die Erinnerung II – die Erinnerung an koloniale Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt – muss im Zusammenhang neuer sozialer, kultureller und geopolitischer Herausforderungen begriffen werden.

Worum geht es konkret? Vier Felder haben sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, auf denen in der Öffentlichkeit der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit ausgehandelt wird: erstens die 2001 und 2019 eingereichten Klagen der Herero vor einem Gericht in New York mit dem Ziel, die Bundesrepublik zu Entschädigungszahlungen für den 1904 bis 1907 in Namibia (damals: Deutsch-Südwestafrika) verübten Völkermord zu zwingen. Zweitens die in immer mehr deutschen Städten geführten Debatten über die Umbenennung kolonialer Straßennamen, die von den vielen lokal operierenden postkolonialen Initiativen in Gang gebracht wurden. Drittens der öffentliche Konflikt um das Humboldt-Forum, das wiederaufgebaute Hohenzollernschloss in der Mitte Berlins. An der Stelle des Palasts der Republik und damit zunächst als Zeichen des Sieges über die DDR errichtet, sollte es dann ein Symbol für den Kosmopolitismus und die Weltoffenheit des neuen Deutschland sein, um nun zu einem Erinnerungsort für koloniale Herrschaft zu werden. Und viertens, eng damit verbunden, die Diskussion um die Restitution von Kunstobjekten, die in der Zeit des europäischen Imperialismus nach Deutschland gekommen waren.

Diese breitgeführten Diskussionen haben die öffentliche Wahrnehmung von Deutschlands und Europas kolonialer Vergangenheit und die Sensibilität im Umgang mit diesen Themen bereits grundlegend verändert. Man muss sich noch einmal vor Augen führen, wie groß diese Veränderung war: Die Kluft, die uns in dieser Hinsicht von den 1980er Jahren trennt, von der Hochphase der Erinnerung I, lässt sich heute kaum mehr ermessen. Die Perspektivenverschiebung kann man am Beispiel des Herero-Kriegs besonders gut verdeutlichen. Der Krieg gegen die Herero (und Nama) wurde von deutscher Seite mit großer Brutalität geführt und endete in einer dramatischen Dezimierung der Herero-Bevölkerung. Der Herero-Krieg hat insbesondere durch den »Vernichtungsbefehl« General von Trothas traurige Berühmtheit erlangt. Trotha hatte angekündigt, den Krieg bis zur völligen Ausmerzung der Herero zu führen und dabei auch Zivilisten, Frauen und Kinder nicht zu schonen. Ein Großteil der auf sechzig- bis achtzigtausend Personen geschätzten Herero fiel dem genozidal geführten Krieg zum Opfer. Die deutsche Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bat anlässlich eines Besuchs in Namibia 2004 »um Vergebung unserer Schuld«. Die Bundesregierung hat im Jahr 2016 den Herero-Krieg offiziell als Völkermord anerkannt.

In den 1980er Jahren war von dieser kritischen Sicht noch nicht viel zu spüren. Der Erlanger Historiker und FAZ-Leitartikler Michael Stürmer etwa erzählte in seiner Überblicksdarstellung des Deutschen Kaiserreichs den Krieg ganz unbefangen als deutsche Opfergeschichte: »Diese Kriege«, so heißt es da, »ähnelten in nichts dem Kriegsbild, mit dem Soldaten und Offiziere aufgewachsen waren […] Statt begrenzter Kriegsführung blinde Wut, […] Wasserstellen wurden zu Hinterhalten, gefangene deutsche Schutztruppensoldaten wurden qualvoll gemartert.« Von den Ursachen dieses Befreiungskriegs, von den Motiven der Aufständischen ist nicht die Rede; die Perspektive bleibt durchgehend die der Kolonisatoren: »Die Psychologie dieser Kriege war für die Deutschen ein Alptraum.« 10 Kein Druckfehler: Stürmer schrieb tatsächlich: »für die Deutschen«! Stürmer, damals auch außenpolitischer Berater der Regierung Kohl, deckte den von Deutschen verübten Genozid mit rassistischen Formulierungen zu: »Alle taktischen Lehren, alle Strategie Europas war hinfällig, wo der Gegner überall und nirgends war, der Schlacht auswich und aus dem Dunkel der afrikanischen Nacht zuschlug, hilflos und zugleich heimtückisch und grausam. Krieg war in Afrika nicht Krieg, Friede nicht Friede.«

Die Situation hat sich seit damals grundlegend verändert. Michael Stürmers Text wäre heute so nicht mehr denkbar. In den Nachkriegsjahrzehnten wurden vor dem Hintergrund der europäischen Integration antisemitische Äußerungen nicht mehr sagbar; ganz ähnlich stehen heute rassistische Äußerungen außerhalb des legitimen Diskurses. Man muss allerdings festhalten, dass die Erinnerung an koloniale Herrschaft und Gewalttaten immer noch ganz am Anfang steht; von einer breiten Akzeptanz und Institutionalisierung, die auch im Fall der Erinnerung I mehr als dreißig Jahre gedauert hat, ist sie noch weit entfernt. Dennoch lohnt sich die Frage, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass koloniale Themen so stark in den Vordergrund gerückt sind und zunehmend als Bedrohung der Erinnerung I wahrgenommen werden. Und: Muss man sich zwischen beiden entscheiden?

Von Erinnerung I zu Erinnerung II

Der Historiker Charles Maier hat einmal von den beiden »moralischen Narrativen« gesprochen, die miteinander um die Deutung des 20. Jahrhunderts wetteifern: Holocaust /Stalinismus vs. Kolonialismus; eine westliche Erzählung gegen das Narrativ des globalen Südens. 11 Aber um eine einfache Gegenüberstellung handelt es sich nicht: Eine einfache Abgrenzung von erster, zweiter, dritter Welt bildet die Komplexität der Situation nicht mehr ab. Man sollte Holocaust und Kolonialismus nicht als zwei gegensätzliche, inkompatible Paradigmen wahrnehmen. Sie lösen einander auch chronologisch nicht einfach ab. Schon früh haben etwa Hannah Arendt oder Aimé Césaire dafür plädiert, beide Phänomene nicht getrennt voneinander zu betrachten. In den 1950er und 1960er Jahren befruchteten sich die Diskurse von Holocaust und Dekolonisation – etwa in der Kritik am Algerienkrieg, am Vietnamkrieg, die nicht nur in Deutschland als Vergleich zur Shoah formuliert war – gegenseitig. 12

Dennoch war es so, zumal in Deutschland, dass die Hegemonie der Erinnerung I es schwierig bis unmöglich machte, andere Opfernarrative zu formulieren. Angesichts der Ungeheuerlichkeit der Shoah verblasste die kurze Zeit der deutschen Kolonialherrschaft zu einer Fußnote. 13 Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Kolonialismus zunächst nur über den erinnerungspolitischen Umweg als Thema salonfähig werden konnte. Der Holocaust fungierte dabei als »Türsteher«: Um Einlass in den Kreis der legitimen Fragestellungen zu erhalten, mussten koloniale Fragestellungen ihre Relevanz gewissermaßen durch den Bezug auf die Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus unter Beweis stellen. Das konnte zu Verrenkungen führen. Ein Produkt dieser Konstellation war beispielsweise die Kontinuitätsthese: der Herero-Genozid als Vorläufer des Holocaust, ja sogar in direkter kausaler Ursachenkette. Von dieser These ist in der Forschung nicht viel übriggeblieben. Aber sie zeigt, wie schwer es koloniale Themen hatten, gegen die Dominanz der Erinnerung I anzukommen und überhaupt Gehör zu finden. 14

Seit der Jahrtausendwende, verstärkt noch nach dem 11. September 2001, treten die beiden Erinnerungen I und II immer mehr nebeneinander, beeinflussen sich gegenseitig. Während sich vorher koloniale Themen über den Holocaust definieren mussten, wird heute der Nationalsozialismus bisweilen geradezu als eine Ausprägung des Imperialismus interpretiert. 15 Das ist bislang eine wissenschaftliche Debatte, die in der breiteren Öffentlichkeit noch wenig Resonanz hat. Aber daran sieht man: So wie sich nach 1945 der internationale Rahmen gewandelt hat, innerhalb dessen die deutsche Vergangenheitspolitik zu verorten war, bringen auch heute tiefgreifende gesellschaftliche und geopolitische Verschiebungen das Bedürfnis nach einer erinnerungspolitischen Neuausrichtung mit sich. Die europäische Integration brachte die Erinnerung I mit sich; die Globalisierung, um es verkürzt zu sagen, die Erinnerung II.

Der hier verwendete Begriff der »Erinnerung« ist dabei eine Chiffre, hinter der sich ganz unterschiedliche Aspekte verbergen. Diese »Erinnerung« kann persönliche Erfahrungen ebenso einschließen wie Familienerinnerungen, bezieht sich jedoch vor allem auf den öffentlich geführten Vergangenheitsdiskurs. Zynisch könnte man sogar einwenden, dass es sich zum Teil um eine Form des »nation branding« handelt, um Mahnmale und Gedenkreden, die von der lebensweltlichen Erinnerung partiell abgekoppelt sind und vor allem den Zweck haben, eine Nation »europafähig« (Erinnerung I) oder globalisierungskompatibel (Erinnerung II) zu machen. Hier geht es jedoch nicht darum, wie erfahrungsnah und genuin diese Erinnerungen ausfallen, sondern um die Frage, wie ein veränderter Kontext sich im Gebiet der public memory niederschlägt und welche Widerstände dieser Paradigmenwechsel mit sich bringt.

Denn in der Tat geht dieser Prozess nicht reibungslos über die Bühne, ruft heftige Gegenreaktionen hervor. Im Kern handelt es sich dabei nicht um einen Erinnerungs-Widerstand, sondern um ein Unbehagen an den Veränderungen, die die Gesellschaft gegenwärtig erfassen. In Deutschland äußert sich dieses Unbehagen aktuell in den Breitseiten, die in den Feuilletons gegen den Postkolonialismus abgefeuert werden; im Beharren auf der »Einzigartigkeit« des Holocaust; in den Warnungen, Antisemitismus und Rassismus in einem Zusammenhang zu sehen; und generell in dem verklärten Rückblick auf eine »Atmosphäre […] der Freiheit«, als die erinnerungspolitischen Pflöcke noch am gewohnten Ort eingeschlagen waren. 16

All das kommt einem bekannt vor. Japan nach 1990, Polen nach 2000, und nun die gegenwärtigen Diskussionen in Deutschland: Stets ging es darum, den Übergang zu einem globalisierten Erinnerungsrahmen zu bewältigen – und stets sahen die Verteidiger des Bewährten die nationale Identität in Gefahr. In allen diesen Fällen hatte sich der Kontext, in dem Erinnerung verhandelt wurde, grundsätzlich geändert: Die national formatierte, bequem binär strukturierte Welt des Kalten Kriegs – Ost vs. West, Frauen vs. Männer, CDU vs. SPDARD vs. ZDF – ist inzwischen Geschichte, und viele tun sich schwer, mit der neuen, unübersichtlicheren Realität zurechtzukommen. Allerdings wird der beschwörende Blick zurück kaum dabei helfen, den heutigen Herausforderungen zu begegnen.

Strukturelle Veränderungen

Was ist anders heute? Vor allem ist die Globalisierung fortgeschritten: Die Welt reicht immer tiefer nach Deutschland hinein, während umgekehrt Deutschland, keineswegs nur wirtschaftlich, immer enger mit der Welt verflochten ist. Transnational geführte Debatten – Black Lives Matter, George Floyd, der Sturz der Colston-Statue in Bristol mögen als Stichworte genügen – wirken unmittelbar auf die Deutung der Gegenwart und Vergangenheit ein. Die deutsche Vergangenheit wird längst nicht mehr nur in Deutschland verhandelt – und umgekehrt wird in Deutschland auch gegen den Rassismus in den USA, die Übergriffe der türkischen Regierung, die Vertreibung der Rohingya in Myanmar demonstriert. Eine rein nationale Erinnerung ist so kaum mehr denkbar.  17

Damit hängen unmittelbar die Effekte von Mobilität und Migration zusammen. Schon vor dem Flüchtlingssommer 2015 hatte ein Viertel der in Deutschland lebenden Bevölkerung einen migrantischen Hintergrund; für viele ist die herkömmliche Nationalgeschichte nicht mehr der selbstverständliche Bezugspunkt. Verschiedene Organisationen wie die Initiative »Schwarze Menschen in Deutschland« oder die zahlreichen postkolonialen Gruppen in deutschen Städten trugen dazu bei, den Forderungen nach kolonialer Erinnerungsarbeit Gehör zu verschaffen. Häufig sind die Debatten über koloniale Straßennamen oder das Humboldt-Forum dabei eine Art Ersatzarena, ein Stellvertreterkonflikt: Es geht dabei stets auch um den aktuellen und alltäglichen Rassismus, der beispielsweise zu dem Anschlag in Hanau im Februar 2020 geführt hat; ein Rassismus, der erinnerungspolitisch vor der Folie des Kolonialismus verhandelt wird.

Darüber hinaus, und schon schwieriger zu fassen, hat die Erinnerung II auch mit der veränderten Form des postindustriellen Kapitalismus zu tun. Parallel zur Deregulierung von Märkten kann man auch von einer Deregulierung des Erinnerungsdiskurses sprechen. Zunehmend wird die eine, möglichst einheitliche kollektive Nationalerinnerung von den Ansprüchen abgelöst, die ganz unterschiedliche Gruppen – ethnische, religiöse, weltanschauliche, queere Gruppen etc. – an die Vergangenheit stellen. Diese Deutungen der Geschichte lassen sich dann wiederum »verpacken«, konsumieren und zu Kapital machen, wie man etwa am »Karneval der Kulturen« oder der Pride-Parade sehen kann.

Dieser Zusammenhang lässt sich an der Veränderung der Medienlandschaft besonders gut beobachten. Konnte man 1979 noch davon ausgehen, dass die Nation bei der Ausstrahlung der Serie Holocaust gemeinsam vor dem Bildschirm saß, ist das heute nicht mehr der Fall. Das Kollektivmedium Fernsehen wurde von der individualisierten Medienlandschaft der sozialen Medien abgelöst, die je spezifische Angebote der Gemeinschaftsbildung, der historischen Bezüge und der Memorialkultur bereitstellen. All das hat eine kulturelle Matrix hervorgebracht, die Andreas Reckwitz als Suche nach Singularitäten bezeichnet hat: Selbstentwürfe, die individuelle oder partikulare Gruppenidentitäten samt ihrer Genealogien und Vergangenheitsbezüge konstruieren, die sich nicht mehr einfach in einem kollektiven (nationalen) Deutungsrahmen einfangen lassen.  18

Die Herausbildung des neuen Erinnerungsregimes ist mit diesen Veränderungen untrennbar verbunden. Im Rückblick wird man auch die gegenwärtigen Konflikte als Geburtswehen betrachten können und sich über die Schärfe wundern, mit der die Rückzugsgefechte bestritten wurden. Das Ergebnis muss dabei keineswegs eine Konkurrenzsituation sein, die Verdrängung einer Erinnerung durch eine andere. So hat ja auch die Bundestagsresolution zum Genozid an den Armeniern im Jahr 2016 nicht zu einer Relativierung oder Verharmlosung des Holocaust geführt. Es kann nicht darum gehen, ob der Holocaust oder der Kolonialismus das schlimmere Übel waren; ein vergleichender Opferwettstreit steht nicht auf der Tagesordnung. 19 Was aber in einer historischen und vergleichenden Perspektive deutlich wird: Die grundlegenden und strukturellen Veränderungen, die mit Globalisierung und digitalisierter Wissensökonomie einhergehen, bringen auch ein verändertes Erinnerungsregime hervor, überall, auch in Deutschland. Die Frage ist nicht mehr, ob – sondern wie man sich darauf einlässt.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Peter Reichel, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Politik und Justiz. München: Beck 2007.
  2. Daniel Jonah Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust. London: Little, Brown & Company 1996.
  3. Daniel Levy /Natan Sznaider, Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust. Frankfurt: Suhrkamp 2001.
  4. Sebastian Conrad, The Quest for the Lost Nation. Writing History in Germany and Japan in the American Century. Berkeley: University of California Press 2010; Christoph Cornelißen /Lutz Klinkhammer /Wolfgang Schwentker (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945. Frankfurt: Fischer 2003.
  5. Sebastian Conrad, Remembering Asia: History and Memory in Post-Cold War Japan. In: Aleida Assmann /Sebastian Conrad (Hrsg.), Memory in a Global Age. London: Palgrave Macmillan 2010.
  6. Aleida Assmann, The Holocaust – a Global Memory? Extensions and Limits of a New Memory Community. In: Assmann /Conrad (Hrsg.), Memory in a Global Age.
  7. Jan T. Gross, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. München: Beck 2001; Antony Polonsky /Joanna B. Michlic (Hrsg.), The Neighbors Respond. The Controversy over the Jedwabne Massacre in Poland. Princeton University Press 2004; Anna Bikont, Wir aus Jedwabne. Polen und Juden während der Shoah. Berlin: Suhrkamp 2020.
  8. VHD verurteilt das Gerichtsverfahren gegen Barbara Engelking und Jan Grabowski. Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands vom 8. Februar 2021 (www.historikerverband.de/mitteilungen/mitteilungs-details/article/vhd-verurteilt-das-gerichtsverfahren-gegen-barbara-engelking-und-jan-grabowski.html).
  9. Jan Eckel /Claudia Moisel (Hrsg.), Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive. Göttingen: Wallstein 2008.
  10. Michael Stürmer, Das ruhelose Reich. Deutschland 1866–1918. Berlin: Siedler 1983.
  11. Charles S. Maier, Consigning the Twentieth Century to History: Alternative Narratives for the Modern Era. In: American Historical Review, Nr. 105/3, Juni 2000.
  12. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1955; Michael Rothberg, Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford University Press 2009; Christoph Kalter, Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Frankfurt: Campus 2011.
  13. Sara Friedrichsmeyer /Sara Lennox /Susanne Zantop (Hrsg.), The Imperialist Imagination. German Colonialism and Its Legacy. Ann Arbor: University of Michigan Press 1998.
  14. Schon früh: Horst Drechsler, Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus 1884–1915. Ost-Berlin: Akademie 1966. Vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Münster: LIT 2011. Besonders populistisch: David Olusoga /Casper W. Erichsen, The Kaiser’s Holocaust. Germany’s Forgotten Genocide and the Colonial Roots of Nazism. London: Faber & Faber 2010. Kritisch zu der Kontinuitätsthese: Robert Gerwarth /Stephan Malinowski, Der Holocaust als »kolonialer Genozid«? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg. In: Geschichte und Gesellschaft, Nr. 33, 2007.
  15. Mark Mazower, Hitler’s Empire. How the Nazis Ruled Europe. London: Penguin 2008; Shelley Baranowski, Nazi Empire. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler. Cambridge University Press 2010; Volker Langbehn /Mohammad Salama (Hrsg.), German Colonialism. Race, the Holocaust, and Postwar Germany. New York: Columbia University Press 2011.
  16. Horst Bredekamp, Warum der identitäre Wahn unsere größte Bedrohung ist. In: FAZ vom 8. März 2021.
  17. Michael Rothberg, Comparing Comparisons: From the »Historikerstreit« to the Mbembe Affair. In: Geschichte der Gegenwart vom 23. September 2020.
  18. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp 2017.
  19. Marianne Hirsch, The Generation of Postmemory. Writing and Visual Culture after the Holocaust. New York: Columbia University Press 2012.

2 Kommentare

  1. Christoph Hochhäusler sagt:

    Sehr guter Text, der mir die aktuellen Debatten plausibel gemacht hat. Danke. Zu den Unterschieden des japanischen Erinnnerungsregimes nach dem 2. Weltkrieg scheint mir der Rassismus der westlichen (amerikanischen) Perspektive erwähnenswert, der die Vernichtungspolitik der Japaner in China gewissermassen als „typisch asiatisch” verharmlost, während der pazifische Kriegsschauplatz (in dem westliche Soldaten die Opfer waren) völlig disproportional Beachtung gefunden hat. Umgekehrt hatte der größere Ernst der Amerikaner gegenüber den deutschen Verbrechen sicher auch damit zu tun, dass man die Deutschen prinzipiell als „Gleiche” wahrgenommen hat, und sich in Tätern wie Opfern „erkannt” hat. Worauf ich hinauswill: auch wenn sich Zahlenspiele verbieten gibt es de facto eine Opferkonkurrenz, die stark rassistisch gefärbt ist.

  2. Dr. Ulrich Schaefer sagt:

    Ein interessanter Beitrag, der eine bedenkenswerte Sicht auf die identitätsstiftende Deutung jüngerer deutscher und europäischer Geschichte aufzeigt.

    Schade nur die Plattitüde, das Stürmer-Zitat als „rassistisch“ zu bezeichnen. Man mag Stürmer anderweitig des Rassismus überführen. Man mag zurecht die zitierte Aussage als – angesichts von Gräueltaten an der Zivilbevölkerung – verlogene Referenz auf eine „Soldatenehre“ kritisieren. Eine derartige Klage, wie sie Stürmer formulierte, wurde aber hinsichtlich der kriegerischen Auseinandersetzung vielerorts und mit aller Art Ethnien, sowohl fremden wie auch verwandten, geführt, wenn die „klassische“ Kriegführung durch Armeen, mit „Feldschlachten“ unf Frontkriegen, auf neuartigen (?) Widerstand in Form von „Partisanen-“ bzw. „Guerilla-“Kriegführung traf. Eine Begründung der von Schirmer getroffenen Aussage im ethnischen Anderssein enthält das Zitat definitiv nicht.

    Das menschliche Dasein ist einer Vielzahl von Zumutungen und Anfeindungen ausgesetzt. Jede Zumutung, Desavouierung, Anfeindung, die sich gegen einen Menschen oder eine Menschengruppe dunklerer Hautfarbe richtet und (!) von einem Menschen oder einer Menschengruppe hellerer Hautfarbe ausgeht, als „Rassismus“ zu etikettieren, ist ein denklogischer Kurzschluss, der keinerlei Erkenntnis- oder Deutungswert hat. Die Bedingungsverknüpfung „gegen ´Farbige(n)´ gerichtet“ mit „von einem ´Weißen´ ausgehend“, deren Erfüllung für das Vorliegen von Rassismus als ausreichend behandelt wird, ist vielmehr selbst – unter umgekehrtem Vorzeichen – rassistisch. Bei Weitem nicht alles, was sich, ausgehend von einem „Weißen“ gegen einen „Farbigen“ richtet, hat seinen Grund in dessen ethnischem Anderssein. Ferner gibt es vielerlei, was mit Fug und Recht als rassistisch bezeichnet werden kann, das aber weder von einem „Weißen“ ausgeht, noch sich gegen einen „Farbigen“ richtet.

    Ein genau dem entsprechender verbaler Missbrauch findet – nebenbei gesagt – regelmäßig bei der Verwendung des Wortes „sexistisch“ statt.

    Zurecht konstatiert Sebastian Conrad, dass sich Haltungen und Äußerungen außerhalb des legitimen Diskurses befinden können. Wissenschaftliche Seriosität erfordern aber, dass die – im Kern als solche problematische – Ausgrenzung des für den Diskurs nicht Legitimen sorgfältig vorgenommen und ebenso begründet wird, ferner immer wieder kritisch zu hinterfragen ist, zumal in der politischen Diskussion vom Ausschuss aus dem Diskurs zum Ausschluss aus der Meinungsfreiheit nur ein Schritt ist.

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