Neigungsgruppe Zornebock

Meinen Zornebock habe ich im Alter von ungefähr vier Jahren im Schwarzwald verbrannt. Mit »Zornebock« beschrieb man in der Familie jenen Dämon, der offenbar von mir Besitz ergriff, wenn ich vor lauter Wut ausdauernd und mit aller Kraft schrie, bis ich am ganzen Körper zitterte. Um diese unguten Zustände zu beenden, wurde während eines Schwarzwaldurlaubs der Zornebock im Kachelofen eines Ferienhauses verbrannt, was mir allerdings erst hinterher mitgeteilt wurde. Bei der Verbrennung war ich so unerwünscht wie der Zornebock bei einer Wanderung am Schluchsee. Dies alles weiß ich nur aus Erzählungen.

Auf meinem Schreibtisch sitzt ein kleines Schäfchen aus Stoff, es passte in eine Hosentasche, wollte man ihm die große weite Welt zeigen, anhand derer es sicherlich leicht zum Schafszornebock werden könnte. Aber bislang bleibt es stumm. Zornebock ist kein Ausbildungsberuf. Gerade fällt mir ein, dass ich das Plüschi ja mal vor Wut durchs Zimmer feuern könnte, aber mein Animismus verhindert das.

Optimierungsprogramme von Buddhismus bis Boxen zielen darauf, den inneren Zornebock möglichst unschädlich nach außen zu tragen, um ihn damit zu neutralisieren. Zielpunkt ist immer die Zeit des himmlischen Friedens, nachdem er beispielsweise im Kachelofen zu Asche zerfallen ist. Dabei ist die Zeit so schön, in der Raserei einen treibt, das Krachen des Handschuhs auf das Leder der Trainerpratzen oder des Sandsacks, die Idee: Das könnte auch ein Kiefer sein; direkt wieder ausholen.

Lars Gustafssons Roman Die Sache mit dem Hund ist ein Buch voller moralischer Probleme. Es beginnt damit, dass ein älterer Konkursrichter einen Hund erschlägt, der täglich seine Mülltonnen durchwühlt. Das Gefühl, hier im Affekt, in jedem Fall verwerflich gehandelt zu haben, ist für den Protagonisten Erwin Caldwell nicht einmal diffus, und es stößt viele Folgeüberlegungen an, die vor allem um seinen jüngst verstorbenen akademischen Lehrer kreisen, der, wie sich erst nach seinem Tod herausgestellt hat, während des Zweiten Weltkriegs ein Kollaborateur war. Dieser akademische Lehrer heißt im Buch Jan van de Rouwers, und als Die Sache mit dem Hund 1993 erschien, stand dem Publikum dieses verschrobenen Romans unter Umständen noch deutlich die Affäre um den berühmten Literaturtheoretiker Paul de Man vor Augen.

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