Am Stammtisch der Sachlichkeit: Markiertes Sprechen in Deutschland

Die Deutschen oder besser die Deutschsprachigen diskutieren, seit sie nicht mehr oder nur eingeschränkt vor die Tür gehen können, das, was sie Identitätspolitik nennen. Vorher hatte es das auch schon gegeben, und es hat ähnlich geklungen, aber es hat nicht so viel bewirkt; denn es gab ja noch die so genannte soziale Realität da draußen, in der jede und jeder sich immer schon irgendwie eingerichtet hatte. In der Covid-Zeit, in der es diesen Sicherheitsanker nicht mehr gab, glaubten all die NZZ– und Welt-Leser tatsächlich, sie dürften ihren Lieblingsbeschäftigungen nicht mehr ungestört nachgehen, weil eine woke Kulturpolizei es ihnen verbietet: etwa dem leidenschaftlichen Übersetzen afroamerikanischer Slampoetry. Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken. Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte schwören, dass man Machtworttexte wie die der diversen Chefs von Welt oder FAZ weder in El Pais noch in der New York Times loswerden würde. 1

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)

Neben den Machtworten bestimmen die scheinbar rein formalen Diskursanalysen das Geschehen: Cancel Culture, Spaltung der Gesellschaft, Täter-Opfer-Umkehrung, Whataboutism, Opferkonkurrenz – lauter Slogans, die Debattenteile wegen vermeintlich formaler Merkmale diskreditieren, ohne nach dem jeweiligen Inhalt zu fragen. Ohne dieses und jenen zu canceln, kommt die Menschheit natürlich keinen Schritt weiter, aber auch jeder für sich wird von einem Autor keinen weiteren Artikel lesen, dessen letzte zehn ohne jeden Gewinn waren. Unmögliche Personen und Ideen sind von denjenigen, die ihnen als unmöglich erschienen, schon immer aussortiert worden. Eine gespaltene Gesellschaft ist einer zu 100 Prozent verblödeten ja wohl vorzuziehen. Und welche Identität und gegen wen? »What about« kann eine Frage nach einer geeigneten Vergleichsgröße sein oder ein Ablenkungsmanöver, die Klassifizierung erklärt gar nichts. Nein, aber Markus Lanz ist sehr stolz, dass er alle Tiere aus diesem Bestiarium der Rhetorik benennen und vermeiden kann.

Das Kulturleben der ganzen Welt, man erkennt das an den (überwiegend visuellen) Kunstformen, die tatsächlich auf der ganzen Welt präsent sind und diskutiert werden, macht eine massive, und es ist vielleicht nicht einmal falsch zu sagen: revolutionäre Veränderung durch, die auf zwei bis drei Ebenen läuft, die miteinander verschränkt sind. Auf einem Makrolevel stellt sich in allen kulturellen Bereichen die Frage, was von ihnen legitimerweise übrigbleiben kann, wenn sie im weiteren Sinn ganz dekolonisiert sein werden. Welche Vorstellungen von Geschichte, Fortschritt, Zukunft, Modernität, Ökologie würden eine Revision der eurozentrischen Philosophie und Geschichtsschreibung überleben?

Auf einem Mesolevel betrifft das die Zusammensetzung, Firmenpolitik, Hierarchien, Karrierewege und Autoritäts- und Legitimitätsbegriffe der kulturellen Institutionen – denn das ist ja meistens der wahre Hintergrund von normativen, als »Darf man noch?« übersetzten Fragen; dass diese Debatten institutionelle Konsequenzen haben, die sie früher, als sie an verschiedenen gegenkulturellen und minoritären Orten auch schon geführt wurden, nicht hatten. Und schließlich betrifft es auf einem Mikrolevel Diskussionen um die Legitimität von Personen, wie sie etwa von #MeToo angestoßen wurden: also auch die gerne als besonders lächerlich ausgeflaggten Storys, in denen eine afroamerikanische Jungredakteurin von ihrem Job zurücktritt, weil sie als Fünfzehnjährige in einem High-School-Zine eine antiasiatische Bemerkung gemacht hat, für die sie sich bereits hundertmal entschuldigt hat. Das Besondere und Merkwürdige an dieser gewaltigen Umwälzung ist, dass großflächiges bis utopisches politisches Denken (und Spekulieren) mit Mikro-Battles und vermeintlich kleinlichem Gekämpfe mindestens ko-extensiv ist und dass im selben Maß der gewaltige Entwurf neuer Welten jenseits von Kolonie, Kapitalismus, Maskulinismus und Anthropozentrismus eine Fortsetzung in alltäglicher Realpolitik findet – eine aufregende Verbindung von Groß und Klein, wie es sie zuletzt um 1968 gab.

Im deutschsprachigen Raum ist das nach meinem Eindruck vor Covid nur fragmentarisch oder von Spezialisten rezipiert worden, vor allem auch weil deutsche Institutionen gar nicht daran dachten, dass man sie weniger weiß und weniger deutsch auslegen könnte – allein das ewige Angsthaben, dass man irgendwas nicht mehr darf, was nie ein Mensch verboten hat, zeugte von einer verwirrten Erschütterung. Es blieb also allenfalls beim Makrolevel. Der Verlust dieses deprimierend provinziellen deutschen Alltags durch die Covid-Krise hat vielleicht zu der panischen Erkenntnis geführt, dass die Wiedereinrichtung des Lebens nach dem Ende der Pandemie womöglich grundsätzliche Veränderungen zeitigen könnte. Und tatsächlich gab es hier und dort ein paar personalpolitische Einschnitte, mussten Personen sich rechtfertigen, und das Menetekel der Cancel Culture wurde an die Wand gemalt; ziemlich hilflos. Dann erst dämmerte den Deutschen, dass sie noch einen anderen Pfeil im Köcher hatten, um sich des Ansturms der Dekolonialisierung zu erwehren: den Holocaust. Den kann uns keiner nehmen. Das ist unsere Identitätspolitik.

Die zwei Querfronten

Ende 2020 sah ich den Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein in einem Interview der TV-Station »Euronews« vor dem Hintergrund irgendwelcher aufgebrachter Bürger. Er wiederholte darin seine richtige und von vielen geteilte Einschätzung, dass die Corona-Leugner mit Verschwörungstheorien arbeiten, die auf den jahrhundertealten Tropen des europäischen Antisemitismus basieren: Brunnenvergiftung, Kindsmorde und so fort. Dann wies er auf die unscharf gestellten Menschenmengen hinter ihm und erklärte, sinngemäß, dass dort Links- und Rechtsextreme demonstrierten, die Träger dieses zeitgenössischen Antisemitismus. Dessen Neuheit bestehe exakt in dieser Beteiligung linker und rechter Antisemiten. Da dachte ich, nun ist sie komplett, die neue Querfront, die zweite Querfront, die sich hier vor der Silhouette der ersten, schon seit Jahren und lange vor Covid auffälligen Querfront ins Bild schiebt.

Die erste Querfront – Stichworte: Ken Jebsen, Reichsbürger, Xavier Naidoo, versprengte Antiimperialistinnen, Putin-Freunde, Anthroposophinnen, Tier- und Naturfreunde und jede Menge Antisemiten – ist seit den Revivals von Montags- und Kriegsgegnerdemos der frühen und mittleren zehner Jahre aktenkundig. Vulgäre Kapitalismuskritik mischte sich mit Verschwörungstheorie, völkischem Nationalismus und einigen Verbindungs- und Dynamisierungselementen aus dem Arsenal des Action- und Superheldenkinos (Chemtrails, Bill Gates als Ernst Stavro Blofeld etc.). Zur ersten Querfront gesellten sich auch weniger offensichtlich verrückte, aber ähnlich unappetitliche Phänomene wie die Versuche einer rechten Fraktion der Linken um Leute wie Sahra Wagenknecht und Bernd Stegemann und der »Aufstehen!«-Bewegung, sich Zuspruch bei deutschen Arbeitern und AfD-Wählern gegen zu viel Zuwanderung zu holen. Und ihre Ethnografie wäre unvollständig, wenn man nicht die Geister erwähnte, die immerzu von dem Bedürfnis heimgesucht werden, mit Rechten reden zu wollen. Diese ziellose und diffuse erste Querfront musste nicht einmal sehr viel an Personal und Weltanschauung modifzieren, um sich dann mit dem langersehnten großen Thema – Corona – stabil zu formieren.

Die zweite Querfront ist aber nun eine, die über den gemeinsamen Nenner der Antisemitismusbekämpfung zusammenfindet und eine konkrete antisemitische Bedrohung konstatiert, die sie vor allem oder vor allem neuerdings den Linken in die Schuhe schieben will, gerne unter Kriegsnamen wie »Postkolonialismus« oder »Identitätspolitik«. Klein müsste wissen, dass im Herbst 2020 die Wahrscheinlichkeit, einen Linken auf einer Querdenkerdemo zu finden, äußerst gering war. Die gesamte linke und linksliberale Öffentlichkeit hat sich da monatelang recht eindeutig geäußert. Er weiß auch, dass über 90 Prozent aller judenfeindlichen Straftaten von Rechten begangen werden, aber er kann sich – ebenso – darauf verlassen, dass die deutsche Linke im Irrglauben, immun gegenüber Ressentiments und Rassismen zu sein, deutschen Antisemiten lange Zeit Asyl gewährt hat und entsprechend ebenfalls zu Recht in den letzten dreißig Jahren hellhörig und selbstkritisch geworden ist: vom Attentat auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969 über das Unternehmen Entebbe bis zum Pali-Tuch als Accessoire der Autonomenmode. Die aus 1968 hervorgegangene Linke hatte eine Default-Position zu Israel und Palästina, die Israel automatisch dem US-Imperialismus und damit den Feinden zurechnete.

Mittlerweile läuft aber auch die linke Aufarbeitung der antisemitischen Dimension dieser linken Israel-Gegnerschaft schon seit einer Weile. Die seinerzeit überfällige Selbstaufklärung darüber begann zwar spät, erst in den neunziger Jahren, nachdem Wolfgang Pohrt in konkret im März 1991 linksautonome, antiisraelische Golfkriegsgegner-Graffiti zum Anlass nahm, um eine Kontinuität des hinter »Israelkritik« versteckten Antisemitismus der deutschen Achtundsechzigerlinken zu konstatieren. Daraus entstand nach und nach eine Bewegung, die sogenannten Antideutschen. Aus dieser Bewegung sind (mindestens) zwei Flügel und dazugehörige Zeitschriften entstanden. Die ernstzunehmende, überwiegend wertvolle und unterhaltsame Arbeit leistende Jungle World und die eher durchgeknallte Bahamas. Dieser Bewegung verdanken wir nicht nur einen brauchbaren marxistischen Begriff eines linken Antisemitismus: eine auf den Finanzkapitalismus verkürzte Kapitalismuskritik plus das klassische Ressentiment der Judenfeindschaft. Darüber hinaus haben sie einige aberwitzige Ansichten zur Weltpolitik entwickelt, wo die westliche Außenpolitik gerne die Rolle des kleineren Übels spielen durfte – was natürlich auch immer mal wieder stimmte, aber nicht gerade zur Verbesserung der Analyse kapitalistischer Geopolitik beitrug.

Richtig ärgerlich wurden aber spätere Entwicklungen wie die über die Bande »Judith Butler« gespielte Nähebehauptung von »French Theory« und »Poststrukturalismus« zu Antisemitismus, die dann bald auch die Queer Theory und andere linke Theoriekomplexe betraf, die ihre Konjunktur in den USA Autorinnen und Autoren verdankten, die sich mit Israel-Kritik nicht zurückhielten und sich an die Selbstverpflichtungen einer jede Israel-Kritik um jeden Preis vermeidenden deutschen Linken nicht gerade überraschenderweise nicht gebunden fühlten. Dass diese Protagonistinnen wie Judith Butler selbst oft jüdische Amerikaner waren, focht die deutschen Antiantisemiten wenig an. Und es mochte ja für Kenner antideutscher Reflexe zumindest noch nachvollziehbar sein, dass man Butler in der guten alten Überreiztheit des deutschen Linksradikalismus vorwirft, sie sei Antisemitin, weil sie angeblich die Hamas verharmloste. Aber denselben Antisemitismus aus ihrer feministischen Philosophie abzuleiten, war denn doch eine Nummer zu blöd. In dieser Lage passierte die Mbembe-Debatte, und es war so weit: Welt, NZZ und die ganze antiidentitätspolitische Rechte und linke Antiantisemiten begannen, sich aktiv die Bälle zuzuspielen. 2 Der neue gemeinsame Befund: Die »Postkolonialen« sind antisemitisch. Die Woken relativieren den Holocaust.

Zwischen zwei Hinrichtungen: Die originale Intersektion

Diese Karte wird seitdem mit einer Penetranz gespielt, dass eigentlich jedem dämmern kann, dass es hier nicht darum geht, tatsächlich Israel zu schützen oder gar eine immer wieder sehr schnell mit Israel und israelischen Interessen gleichgesetzte jüdische Welt, sondern darum, Ansätze eines globalen antikolonialen (und damit verbunden auch antikapitalistischen) Zusammenhalts anzugreifen. Der Kern und das Vorbild dessen, was zur Zeit als Wokeness oder auch als intersektionale und – irreführend – als Identitätspolitik diskutiert wird, ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von aus unterschiedlichen Gründen verfolgten, bekämpften oder auch nur markierten Menschen – gegen ein Regime, das permanent zwischen normal und anders unterscheidet und nur im Tauschwert Platz für einen Begriff von Äquivalenz hat, dessen Verteidigung seine wirtschaftsliberalen Apologeten für Universalismus halten.

Intersektionalität gilt (im deutschsprachigen Raum seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts) vor allem als ein Beschreibungsmodell vielfältig miteinander verbundener, aber sehr unterschiedlicher Benachteiligungen und Marginalisierungen. Es käme darauf an, es als Modell für die Verbindung unterschiedlich geprägter politischer Handlungsfähigkeit einzusetzen. Exemplarisch gelungen ist dies im letzten Jahrhundert immer wieder amerikanischen Jüdinnen und Juden und Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern in der US-Bürgerrechtsbewegung. Geschwächt wurde dieses und damit jedes antikapitalistisch-demokratische Bündnis immer dann, wenn jüdische und schwarze Menschen gegeneinander ausgespielt werden konnten.

Der jüdische amerikanische Kommunist Abel Meeropol verfasste 1937 unter dem Eindruck eines Doppelmords, der 1930 in Marion, Indiana, an zwei afroamerikanischen Männern verübt worden war, ein Gedicht mit dem Titel Bitter Fruit. Die Opfer waren, gemeinsam mit einem weiteren Mann, der dem Mob knapp entkam, des Mordes und der Vergewaltigung angeklagt gewesen (der Vorwurf der Vergewaltigung wurde 1982 zurückgenommen), sie wurden aus dem Gefängnis entführt und gelyncht. Ein Profifotograf hat die Hinrichtung auf einem Bild festgehalten, das Meeropol gesehen hat. Der komponierte dann eine musikalische Begleitung, der Song hieß nun Strange Fruit, und Billie Holiday nahm ihn 1939 das erste Mal mit ihrem Pianisten Sonny White auf – gegen den vielfältigen Widerstand von Nachtclubbesitzern und Schallplattenfirmen.

Meeropol, der sich als Songwriter Lewis Allan, nach den Vornamen seiner beiden totgeborenen Söhne Lewis and Allan, nannte, arbeitete im Hauptberuf als Lehrer (James Baldwin gehörte zu seinen Schülern) und schrieb weiterhin erfolgreich Songs, die unter anderem von Frank Sinatra interpretiert wurden. 1953 wurden trotz heftiger weltweiter Proteste die kommunistischen »Atomspione« Julius und Ethel Rosenberg hingerichtet; auch an dieser ganz anderen, aber lange angekündigten und die öffentliche Diskussion lange bestimmenden Exekution nahm Meeropol also großen Anteil. Nicht zuletzt das Schicksal der Rosenberg-Söhne, die ihre zum Tode verurteilten Eltern regelmäßig im Gefängnis besucht hatten, bewegte ihn. Nach der Hinrichtung schreckten selbst nahe Verwandte aus Angst vor der antikommunistisch aufgeputschten Stimmung in den McCarthyistischen USA davor zurück, die Jungs aufzunehmen. Bei einer Weihnachtsfeier im Hause von – noch so eine proto-intersektionale historische Begegnung – W. E. B. DuBois lernten Meeropol, seine Frau Adele und die Rosenberg-Söhne einander kennen. Das Paar adoptierte sie, und sie nahmen ihren Nachnamen an. Beide wurden Wirtschaftswissenschaftler und gelten noch heute als profilierte Kritiker der neoliberalen Politik.

Das Patchwork ist kein Ponyhof

Das Wort Intersektion oder Intersektionalismus hat eine merkwürdige Karriere gemacht. Es geht zurück auf Aufsätze der Juristin, Rechtsphilosophin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw, die in den späten Neunzigern über Mehrfachbenachteiligungen schrieb, nicht nur und nicht in erster Linie, um politische Frontlinien neuzuzeichnen, sondern um in die amerikanischen Diskussionen über affirmative action und andere Formen des Ausgleichs von Benachteiligung zu intervenieren. Crenshaw zeigte nicht nur, dass eine schwarze Frau mehrfach und unterschiedlich benachteiligt ist (als Schwarze anders als als Frau), aber auch, dass sich Benachteiligungen nicht einfach addieren lassen: Es gibt auch Situationen, in denen eine schwarze Frau weniger benachteiligt ist als ein schwarzer Mann, zum Beispiel bei einer dieser notorischen amerikanischen Verkehrskontrollen. Diese politische Arithmetik der Benachteiligung hat natürlich eine enge Beziehung zu der bürgerrechtlich orientierten, oppositionellen Politik des performativen und politisch korrigierenden Turn der frühen neunziger Jahre (im deutschsprachigen Raum als »Political Correctness« bekannt), die, von Sprechhandlungen ausgehend, die Ungleichheit in ihrer sozialen, rassistisch und sexistisch überdeterminierten Realität angreifen will, statt auf den Materialismus einer Kritik der ökonomischen Basis und ihre Strategie-Empfehlungen zu warten. Mittlerweile kann man diese Entwicklung nicht mehr auf bürgerrechtlich-pragmatische, gewissermaßen reformistische Positionen reduzieren. In Verbindung mit einer dekolonialen Gesamtrevision der westlichen Moderne hat sie eine fundamentale Dimension gewonnen.

Zugleich stellt aber die Intersektionalität eben gerade, weil sie ein Prinzip zur Verfügung stellt, ganz unterschiedliche und unterschiedlich »tiefe« Formen von Benachteiligung zu aggregieren, einen Weg dar, die gefrorenen Alternativen oppositioneller Politik zu überwinden: Minorität oder Klasse, ökonomische oder lebensweltliche sexuelle, kulturelle Benachteiligung etc. Intersektionalismus ist in dieser Fassung als Metastrategie oppositioneller Politik nicht nur eine Alternative zur falschen Alternative. Durchaus im Anschluss an so erfolgreiche wie auch ein wenig abgedroschene Slogans wie »Rainbow Coalition« (Jesse Jackson) oder »Patchwork der Minderheiten« (Jean-François Lyotard) oder »Gorgeous Mosaic« (New Yorks Ex-Bürgermeister David Dinkins) und über deren Gute-Laune-Voluntarismus hinausgehend: Klasse und Gender, transphobe Benachteiligung und Ableismus kommen an Intersektionen zusammen wie der Verkehr an Kreuzungen, auch wenn die jeweilige politische Ontologie der Benachteiligung kaum kompatibel ist und nicht durch eine einzige Sorte von Gegenmaßnahme zu bekämpfen. Intersektionalität wäre eine Nachfolgerin von Solidarität – für komplexere Verhältnisse, weniger vergleichbare Unterschiede und einen Zusammenhalt, der weder identitär noch moralisch noch von einem ökonomischen Primat aus organisiert ist.

Was bringt sie zusammen? Ein Begriff von Benachteiligung. Dieser Umstand wird nun aber oft als »moralistisch« kritisiert. Wenn es nichts als Ungerechtigkeit ist, kann daraus keine in irgendeiner Weise zusammenhangsfähige, politische Bewegung oder gar Partei entstehen, meinen die Moralismuskritiker, erst recht wenn – was diese Kritik als Thema liebt – für manche Beteiligten der Koalition der Benachteiligungsgrund eines anderen Beteiligten komplett akzeptabel sei (Muslime, die sich in der Ausübung ihrer Religion benachteiligt fühlen, seien schlecht als Koalitionspartner von LGBTQI+-Leuten denkbar, der Konflikt zwischen Transfrauen und bestimmten Feministinnen ist ebenso ein Leib- und Magensujet der rechten Mitte, wie es schon vor dreißig Jahren Konflikte zwischen orthodoxen Juden und Black Muslims in Brooklyn waren). Die ebenfalls überwiegend spöttisch gebrauchte Bezeichnung »social justice warrior« verweist auf die Schwäche der Bindemittel in dieser Konstruktion. Sie steht allerdings im Widerspruch zu dem anderen, sehr häufigen Vorwurf, diese Warrior seien identitär und würden damit den teuren gesellschaftlichen Konsens unterminieren. Man kann nur entweder egoistisch im Interesse einer Gruppe identitär agieren oder moralisch überempfindlich an zu viel Gerechtigkeitssinn empathisch leiden.

Zärtlichkeitsdividende und performative Wende

Aber Empathie spielt tatsächlich eine Rolle und ein Für-sich-Sprechen auch. Die Aktivistinnen zumal im globalen Nordwesten sind (nicht nur) in der Mittelschicht die Enkel einer Hippie- und Bürgerrechtsgeneration, deren erlebnisorientierte, oft sensibilistisch zärtliche und antiautoritäre Eltern und Großeltern nicht mehr ödipal abgeschüttelt werden mussten. Stattdessen wurde an ihre politischen Ziele und Empfindlichkeiten angeknüpft. Zugleich blieb den children of the revolution auch nicht verborgen, wie wenig all die lebensstilistischen und gegenkulturellen Bewegungen, deren Bilder seit Jahrzehnten kursieren und Kulturwaren verkaufen helfen, politisch global verändern konnten. Auf die marxistisch-intellektuelle Bewältigung dieser Frustration, die in meiner Generation im Vordergrund stand – wir waren nicht radikal genug, nicht fundamental genug, wir waren zu symbolpolitisch –, folgt nun eine performative; das belächelte Bei-sich-selbst-anfangen-mit-dem-Widersprüche-Abschaffen: Konsumverhalten ändern, vegan leben, Pelztiere befreien. Der Umfang, in dem diese Entwicklung sich mittlerweile verbreitet hat, nötigt mir Anerkennung und Respekt ab. Wichtig scheint mir darüber hinaus aber vor allem die Verknüpfung mit einer anderen Einsicht ins Performative, dem vielleicht zentralen Einsatz intersektionaler Politik, der Hervorhebung der Bedeutung von Sprecherinnenpositionen.

Globale und digitale Verhältnisse haben eine klassische Voraussetzung von Diskursproduktion nachhaltig abgeschafft: Man kann nicht mehr über andere reden, ohne dass die mithören. Exotismus und Rassismus können nicht mehr in ihren bürgerlichen safe spaces und an den Stammtischen überleben, und auch nicht in den Nischen der Landessprachen und Nationalliteraturen. Dabei helfen nicht nur globale Kommunikationsnetze, vermehrter Bilderanteil, Deep-L und Google Translate und die damit verbundene Sensibilisierung für Asymmetrien. Das Abgründige am Reden über andere zeigt sich besonders schrill dort, wo seine Prinzipien der Unterscheidung zwischen Bezeichnenden und Bezeichneten zusammenbrechen. Denn tatsächlich – und das wäre eine weitere Makroebene – basiert westliche Schriftlichkeit ja auf der Abwesenheit des Sprechgegenstands, des Bezeichneten. Dazu kommt von der klerikalen bis zur akademischen Wissensproduktion die Anwesenheit der Experten für die Verwaltung dieser Abwesenheit, dem auslegenden Meister des Zeichengebrauchs, der unter lauter Anwesenden über das Abwesende befindet. In der »sekundär oralen« (Walter Ong) Kultur von Fernsehen, Radio und HipHop erodierte dieses System (zugunsten eines Zeigens auf das Anwesende), in der sekundär schriftlichen und visuellen von sozialen Netzwerken ist das Zeigen auf den Abwesenden indes dennoch noch nicht verschwunden und in vielen der neuen Kommunikationsformen mitenthalten.

Das hiergegen in Stellung gebrachte Primat des Sprechens von anwesenden (digital anwesenden, elektronisch anwesenden, anwesend gemachten) Betroffenen, Gemeinten etc. führt nicht zwingend zu identitärem Unmittelbarkeitsterror oder Rousseau’scher Zwangsvergemeinschaftung, wie seine Gegner gerne behaupten. Das ist nur der Fall, wenn ein zum Management von Abwesenheit konstruiertes Zeichen dazu eingesetzt wird, authentizistisch eine Anwesenheit zu beschwören und zu erzwingen (Predigen, Brüllen, Schwitzen, Übergreifen), die nicht gegeben ist. Wenn hingegen ein Anwesender auf sich selbst das Zeichen appliziert, das für den Umgang mit Abwesenden gemacht wurde, entsteht ein distanzierender, abstrahierender, politisierender Effekt. Die fast rituellen und oft ridikülisierten »politisch korrekten« Redeauftritte, die mit »Ich spreche hier als chinesisch-deutscher, männlich identifizierter, schwuler Cis-Mann« beginnen, performen dieses Faktum in noch tastender uneleganter Form, aber sehr viel gewinnbringender als die klassische Leerformel: »Das ist natürlich nur meine subjektive Meinung.«

Das Spektrum der in Intersektionen sich begegnenden, unterschiedlichen Formen von Machtlosigkeit oder Machtasymmetrie und Benachteiligung ist aber immer verbunden durch eine andere große Gemeinsamkeit aller Beteiligten, nämlich sich auf der falschen Seite einer Unterscheidung wiederzufinden, also als Diskriminierte. Auch Diskriminierung wird aber als so verstandene Gemeinsamkeit nur plausibel, wenn man sie von der sozialen Faktizität einer semantischen Operation her betrachtet: als das soziale Leben der Unterscheidung. Die unter digitalen Bedingungen leicht zu ermöglichende (und noch leichter immer vorstellbare) Anwesenheit aller hilft enorm. Das Ziel ist nicht das Ersetzen von Sachlichkeit durch Betroffenheit, sondern die Erkenntnis, dass die Sache nur im Netzwerk der Betroffenen zu haben ist.

Markierung, Diskriminierung und struktureller Rassismus

Diskriminierungen treffen viele. Versteht man das Wort von seiner technischen, nüchternen Bedeutung her, bedeutet es eben nicht mehr als den Akt der Unterscheidung. Dass es in unserer Alltagssprache gewöhnlich Benachteiligung heißt, hat damit zu tun, dass die gesellschaftliche Durchsetzung von Unterscheidung, der (immer auch sprachliche) Unterscheidungsakt, stets auf einer Seite Benachteiligung produziert und auf der anderen Seite Privileg. Dabei wird die Benachteiligung produziert, und das Privileg entsteht gewissermaßen von allein, unbeobachtet auf der anderen Seite der Unterscheidung. Deswegen war es keine moralistische Inquisition, sondern kognitiv geboten, die Forderung zu erheben: »Check your privilege!« Diese Aufforderung generiert einen Blick auf die distanzierte, ergebnisoffene »Sachlichkeit« ermöglichende Funktion des Unmarkierten. Strittig ist, vor allem in Deutschland, ob die Markierung (bis hin zur rassistischen) den Unterschied macht oder ob sie nicht nur dann wirksam ist, wenn es einen vorgängigen wahren Kern der Unterscheidung gibt. Dass die Benennung allein keine Schuld tragen kann, wie ein vulgärer Antinominalismus, der sich auch noch als »materialistisch« ausgibt, nicht müde wird zu behaupten, ignoriert, dass jede materielle Differenz in einem ideologischen Medium (z.B. »Rasse« oder Geschlecht) gelebt wird: Kritik erreicht die Unterbrechung eines solchen Mediengebrauchs.

Privilegien sind nicht nur die andere Seite der Diskriminierung, sie sind auch jene andere Seite jeder Markierung, die Offenheit und Entwicklungsmöglichkeiten garantiert. Wir nennen dieses Privileg der Unbeschriebenheit oder Zuschreibungslosigkeit: Normalität. Denn normal zu sein bedeutet nicht, auf einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Zuschreibung, eine bestimmte Rolle festgelegt zu sein, sondern dass alles möglich ist, dass einem das Leben offensteht. Dass jede im Schutz der Unmarkiertheit, der Normalität von Männlichkeit eingenommene Default-Position eine ganz bestimmte ist und ganz bestimmte spezifische Interessen verfolgt, über Schatten nicht springen kann, scheinen die vielstimmigen Beschwerdeführer partout nicht begreifen zu können, die sich reduziert fühlen: »In jener Welt« (der der Identitätspolitik), klagt etwa Ingo Meyer, Korrektor des Verlags der Berliner Zeitung, »bin ich kein Ostdeutscher, kein Fußballfan, kein Tangotänzer, kein Journalist, kein Liebender, kein Sohn und Bruder. Dort bin ich ein ›weißer Cis-Mann‹«. 3

Solche weißen Cis-Männer meinen noch immer, sie seien wegen eines ganz bestimmten, mit ihrer Position notwendig verbundenen Inhalts gegendiskriminiert – sofern das in der ewig überschätzten Macht so genannter Identitätspolitiken steht – oder zumindest gegenmarkiert und damit um die hyperindividuellen Einzigartigkeiten ihrer Person betrogen worden (»Fußballfan«, »Tangotänzer«). Natürlich geht es nicht um ihren Inhalt, sondern um die Form der Normalität, des nicht Markierten, sich nämlich ständig neu für alles Mögliche halten zu dürfen, ohne dass jemand ruft: Schau mal, da drüben geht ein Tangotänzer. Dass »weißer, alter Mann« ein bestimmter Inhalt sei und dass die so bezeichneten sich nun ihrerseits diskriminiert fühlen dürfen, gehört zu den hartnäckigsten Denkfehlern dieses Sommers (und der letzten dreißig Jahre). Der weiße, alte Mann ist der Verursacher des strukturellen Rassismus der Normalität, aber nur solange er nicht seinerseits markiert worden ist.

Deutsche Übersetzungen

Auch weiße, junge Deutsche wollen woke sein, und viele von ihnen haben Markiertheitserfahrungen (als Frauen, Transpersonen, Provinzler, Ostdeutsche etc.). Doch kommt keine Identifikation, keine Sprechposition an dem Spezialfall vorbei, dass Deutschland nicht einfach nur ein Teil des Westens ist und damit in Deutschland und gegen Deutschland dasselbe helfen könnte, was anderswo gegen den Westen und sein Modell von Sachlichkeit hilft. Erstens wird der Einsicht, dass Deutschland etwa eine Kolonialvergangenheit hat und dies mit anderen Westländern teilt, immer noch viel Widerstand entgegengesetzt; zweitens beansprucht Deutschland, mit seinem ganz eigenen Menschheitsverbrechen außerhalb der anderen Prozesse von Dekolonisierung, Reparatur und Reparationen zu stehen – man hat ja seine weltberühmte Gedenkkultur.

Nichts gegen die diversen Selbstverpflichtungen, die aus dieser hervorgehen, aber Jüdinnen und Juden sind in Deutschland trotzdem sehr abwesend. Nicht weil man sie am Sprechen hindert, sondern weil sie, wann immer sie sprechen, in den auf ihrer Abwesenheit basierenden deutschen Diskurs über Deutschland eingespannt werden. Sie leisten immer vor allem Beiträge zum deutschen Selbstverständnis, gewissermaßen als ganz besondere expert witnesses. Dabei sind deutsche, israelische, amerikanische und viele andere Jüdinnen und Juden selbstverständlich in Deutschland anwesend und interessiert daran, auch in »eigener Sache« zu sprechen – und das sind sehr verschiedene Sachen. Tun sie genau dies, werden sie aber gnadenlos in die Fraktionen einsortiert, die sich in diesem Land ziemlich betoniert haben: sei es die, die als einzige Konsequenz aus der deutschen Schuld die unbedingte Unterstützung des Staates Israel ableitet unter Ausschluss jeder Erwägung zum Schicksal anderer Bewohner der Region; sei es die, die aus dem Umstand, dass der deutsche Mord an den Juden vor allem ein Völkermord war, schließt, dass vor allem zukünftige Völkermorde verhindert werden müssen – und sei es durch den Einsatz der Bundeswehr. Oder sei es die, die sich besonders heftig mit allen Opfern des Imperialismus identifiziert und »die Juden« zu diesen Imperialisten zählt.

Zur Kehrseite der woken Empathiefähigkeit wird im Amalgam mit weißer Normalität auch oft das Bedürfnis deutscher Menschen, sich besonders heftig zu identifizieren, wenn man selbst nicht markiert ist. 4 Das reicht von der Liebe zur afroamerikanischen Kultur bis zur erträumten israelischen Ehrenstaatsbürgerschaft oder zum palästinensischen Befreiungskämpfer; gerne den Gegenständen der eigenen Projektion auch noch Vorschriften machend.

Dass die Anti-BDS-Beschlüsse des Bundestags gerade auch (in meiner Bekanntschaft vor allem in Deutschland lebende israelische und amerikanische) Juden daran hindern, sich kulturell zu betätigen, ist schon oft bemerkt worden. 5 Die eigentlich ganz anders gelagerte Debatte, ob es eine Relativierung des Holocaust darstelle, wenn man in der deutschen Kolonialgeschichte Vorläufer sehe, wird entlang derselben Frontlinien diskutiert: Dabei hängt das Erste mit heutiger israelischer Politik zusammen, Letzteres betrifft die deutsche Geschichtswissenschaft und -philosophie. 6

Diese Frontlinien sind nicht intersektional, sie sind Querfronten aus linken und rechten Komponenten, die sich nach und zu Machtzentren orientieren und im Grunde um die kulturelle Hegemonie im zu Ende gehenden relativen Kulturfrieden der Merkel-Ära kämpfen und dafür frech das in Deutschland ja in der Tat massive Problem des Antisemitismus instrumentalisieren. Traditionell ist Antisemitismus (wie teilweise auch Homophobie) weniger um einfache Markierungen gebaut als um Verdächtigungen, Projektionen auf das geheime Leben der zu Markierenden. Daher ist die ständige Indienstnahme jüdischer Debattenbeiträge für die im besten Fall bräsige deutsche Selbstverständigung so unerträglich: Sie setzt das Spiel mit den Projektionen und Instrumentalisierungen fort. Die beste Lektion der frühen Antideutschen war ja, dass Deutsche mal eine Weile den Mund halten sollten über alles, was Juden betrifft oder im Nahen Osten läuft. Leider läuft aber dieses Schweigen immer Gefahr, als stille Zustimmung zur Springer-Presse instrumentalisiert zu werden.

Auch solche Deutschland-Schelte ist ein rhetorisches Genre oft sehr niedrigen Niveaus geworden: Wo ist die Fallhöhe? Dennoch fällt auf, dass man in Berlin an manchen Orten tatsächlich auf der Höhe der internationalen Diskursverläufe ist – und von dort aus in Abgründe schaut. Paul Gilroy ist ein Autor, ohne den viele der zur Zeit laufenden dekolonialen Debatten nie so schnell so weit gekommen wären: Das Haus der Kulturen der Welt hat seinem Hauptwerk The Black Atlantic schon 2004 ein ausführliches Veranstaltungsprogramm gewidmet, samt fettem Katalog, und vor zwei Jahren noch einmal daran erinnert. Das Budget war üppig. Dennoch ist das Buch, um das es ging, bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden. Wo wäre der Verlag, der nicht nur endlich Gilroy, sondern auch Hortense Spillers, Sylvia Wynter, Denise Ferreira da Silva, Saidiya Hartman, Christina Sharpe, Frank Wilderson III, Reynaldo Walcott und all die anderen ins Deutsche übersetzt? Die visuelle Kultur ist einigermaßen auf der Höhe dieser Diskussionen, die schriftliche nicht. Einstweilen bleibt es indes wohl in jeder Sprache ein Traum, dass von diesen Autoren einerseits und jüdischen Intellektuellen andererseits wieder eine Verbindung gestiftet wird, deren sedimentierte historische Erfahrung das Rückgrat bildet für einen Intersektionalismus als zeitgemäße Realisierung universellen Widerstands. Aber man sollte diesen Traum wenigstens häufiger benennen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Thomas Schmid, Politik der Feindschaft. Der Historiker Achille Mbembe ist in Deutschland preisgekrönt.Hat denn niemand sein perfides Werk gelesen? In: Welt vom 28. August 2020; Jürgen Kaube, Wer hat Achille Mbembe gelyncht? In: FAZ vom 10. Mai 2020.
  2. Zur Mbembe-Debatte vgl. Cristina Nord, Einig, uneins zu sein. In: Merkur, Nr. 854, Juli 2020.
  3. Ingo Meyer, Gendern ist eine sprachliche Katastrophe. In: Berliner Zeitung vom 15. Mai 2021.
  4. Was ist ihre Lieblingsminderheit. Wen beneiden Sie am meisten (Martin Kippenberger, 1985–86).
  5. Die von dem BDS nahestehenden Personen vorgenommene Bezeichnung Israels als »settler colonialist« oder als Apartheid-Staat teile ich nicht. Ich bin kein BDS-Anhänger, aber mit einigen sehr ernstzunehmenden (überwiegend jüdischen) (Teil)Unterstützernbekannt oder befreundet. Diese Personen »antisemitisch« zu nennen, ist komplett absurd,erst recht wenn deutsche Behörden dies aussprechen oder Ausstellungen oder ein Projekt wie »Unlearning Zionism« an der Weißenhof-Akademie (Anmerkung der zerknirschten Redaktion nach Redaktionsschluss: Das war nicht an der Weißenhof-Akademie, sondern an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin) behindern.
  6. Vgl. Sebastian Conrad, Erinnerung im globalen Zeitalter. In: Merkur, Nr. 867, August 2021.

5 Kommentare

  1. DANKE sehr für diesen klugen und produktiven Beitrag zur Debatte. Als Info: Frank Wilderson’s AFROPESSIMISM erscheint diesen Herbst bei Matthes & Seitz. Ein guter Anfang!
    Besten Gruss
    Sabine Broeck, Bremen

  2. Tom Lamberty sagt:

    … vermutlich ist Rinaldo Walcott gemeint

  3. Laubeiter sagt:

    ich checke nicht, wo die dritte Ebene diskutiert wird, die angekündigt wird im ersten Abschnitt als „auf zwei bis drei Ebenen läuft, die miteinander verschränkt sind“.

  4. Adam Gutwein sagt:

    Schon früh ist die Haltung des Autors klar. Links. Dann braucht man eigentlich nicht mehr weiterlesen, denn dann folgen nur noch Rechtfertigungen der eigenen, immer linken Haltung und Kritik an einer rechten Haltung. 90% der antisemitischen Gewaltaten sind rechts? 90% der 90% sind Gewalttaten von Migranten, was nach Logik der Autors bedeutet, Migranten sind Nazis.
    Was sich verändert hat? Ich muss heute zu einem Arbeitsvertrag lange Erklärungen unterschreiben, niemanden wegen seiner Rasse, Geschlecht usw. usw. zu diskriminieren. Kann sein, dass es der Autor für sich selbst gut findet, dass ihn das vor flaschen Verhalten bewahrt. Ich empfinde es als Beleidigung, so als ob in einem Mietvertrag stehen würde, nicht neben die Toilette zu kacken. Gleichzeitig lehnen es Linke als beleidigend ab, wenn man von Migranten fordert, dass sie sich vor Einreise explizit zur deutschen/europäischen Verfassung bekennen sollen.

    Die Querdenker sind eine Folge von Vorurteilen, die einerseits die Linken durch ihre marxistisch/leninistschen Theorien geschaffen haben, andererseits die Migranten aus ihrem islamischen Kulturkreis mitbringen. Bill Gates, Soros als Weltverschwörer, ist eine typische sozialistische Erzählung, basierend auf den angeblichen Zwängen des Kapitalismus. Nach Marx kann es gar keinen guten Kaptalismus geben, also können auch Bill Gates und Soros keine anderen Absichten als Gewinnmaximierung haben. Dass die anderen Sozialisten, die nationalen, diese Erzählung gerne übernehmen und durch eigene Vorurteile ergänzen, ist nur logisch. Man kann die Querdenker nicht verdammen, wenn man selbst an deren Vorurteilen Schuld ist und Neoliberalismus in die gleiche Schublade wie den Nazi steckt. Was für die Rechten gilt, dass man vorsichtig sein sollte mit allgemeinen Schuldzuweisungen, gilt auch für die Linken. Noch schlimmer. Während die AfD, die Nazis für die einen, sämtliche Parteien für Links halten, halten die Andern, sämtliche Parteien für Diener das Kapitals und letztendlich für Rechts. Wie in Weimar, scheint man die Demokratie retten zu wollen, indem man den Anderen abspricht Demokraten zu sein. Putin braucht gar keine Trolle mehr, um die Demokratie zu diskreditieren. Das erledigen „wir“ schon selber und gründlicher, als russische Trolle es könnten.
    Vielleicht bräuchten wir mehr direkte Demokratie, wie die Schweiz, dann könnte man einer Regierung weniger vorwerfen der Spielball gekaufter Parteien zu sein. Dann würde deutlicher, dass die Parteien den Willen eines Teils der Wähler vertreten, nicht „nur“ irgendein Programm, das man leicht ändern kann. Dann würde man mit dem Bürger reden müssen, mit ihm diskutieren, statt zu glauben, wenn man eine Partei zu einer Richtungsänderung zwingt, auch deren Wähler ihre Meinung automatisch mit ändern. Das klappt im Kindergarten, mit der Erzieherin noch ganz gut. Mit dem Wähler nicht. Nein, der Wähler sucht sich dann eine neue Partei, oder gründet eine Partei, die seine Meinung vertritt.

    1. Reiner Girstl sagt:

      Das aller erste ist man sollte wissen wer der Autor ist, welchen Namen sich Rainald Goetz für ihn mal einfallen lassen hat, ist eine ganz andere Frage. Man muß das ganze mal in dem Licht sehen, was die „neue Linke“ in den 70 Jahren erzählt hat und mit wem sie da solidarisch war und was sie heute erzählt. Das andere ist, nachdem die revolutionären Träume dieser Menschen gescheitert sind, haben sie das erfunden was man politische Korrektheit nennt und vor allem die Tatsache das man eben alles was unerwünscht ist, eben dann auf das Papier packt und unterschreibt. Im Prinzip ist das ganze nur eine Geschichte des Scheiterns, wo einzelne einfach die Guten sein wollen. Man kann diese Aufklärungs Fußnoten Diskussion eigentlich gar nicht mehr so führen, weil man den Fortschrittsglauben der 70 Jahre, mit den Folgen der konservativen Revolution von 1979 gar nicht mehr verknüpfen kann, genauso wie das Ende der Industriegesellschaft die klassische Sozialdemokratie beendet hat. Der Humanismus muß einfach neu gedacht werden. Die Begriffe der Aufklärung, der französischen Revolution und das alles hat sich verbraucht. Man muß die Welt einfach neu denken, statt immer weiter in Fußnoten zu diskutieren. Nationalismus gehört eben nun mal zur der Ära nach 1789 und genauso der Kampf um die Religion, aber auch der Rassismus und das sortieren von Menschen. Aber eine andere Vorstellung von Menschen und von Toleranz gab es schon vor 1789. Man sollte nicht vergessen das das Zeitalter der Menschlichen Vernunft das Zeitalter der Lager und der Vernichtung ist. Gerade der Westen bezieht ja nur seine Überlegenheit aus Vorurteilen und Werten die die Abwertung anderer und anderer Wertvorstellung enthalten und genauso handelt er. Was der ehemalige Pop Papst hier will um noch einmal seine Aufmerksamskeitsspanne zu erhöhen weis nur er selbst, nur für die Welt an sich hat das keine Aussage.

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