Die einen nennen es Embargo…: Das kubanische Modell

Am 16. April 2021 trat Raúl Castro als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas zurück. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf die Tatsache, dass nun von den höchsten politischen Ämtern der Insel keines mehr von einem Castro besetzt war – zum ersten Mal seit mehr als sechzig Jahren. Und ein Generationswechsel ist es tatsächlich: Der derzeitige Präsident und erste Sekretär der Partei, Miguel Díaz-Canel, dem Raúl bereits drei Jahre zuvor die Regierungsgeschäfte übergeben hatte, war zum Zeitpunkt der Revolution 1959 noch nicht einmal geboren. Bald wird das System, das die »Bewegung des 26. Juli« unter Fidel Castro errichtet hatte, seine Gründer überdauert haben.

Mit seiner Langlebigkeit hat dieses System alle Prophezeiungen, sein Untergang stünde unmittelbar bevor, Lügen gestraft. Man sollte meinen, dass sich damit auch das hartnäckige Image, es handele sich hier um ein Relikt aus dem Kalten Krieg, allmählich erledigt hätte. Immerhin ist die Zeitspanne von 1989 bis heute inzwischen größer als diejenige, in der das eigenartige staatssozialistische Modell während des Kalten Krieges existierte. Und dennoch hält sich beharrlich das Bild von einem Kuba, das in einer vergangenen Epoche feststeckt. Für Außenstehende verzerrt dies den Blick auf einen Staat, der sich während der ganzen Zeit verändert hat, wenn auch in seinem eigenen Tempo.

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)


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