Erregungswellen: »Identitätspolitik« mit Lisa Eckhart und Hengameh Yaghoobifarah

Es ist ja so, dass seit einiger Zeit im Grunde ununterbrochen darüber gestritten wird, wer im Denken totalitärer ist, wer falscher liegt, wer den Schuss weniger gehört hat: all jene, die unter den Schlagwörtern »jung«, »woke«, »Identitätspolitik«, »schreibt im Internet und ist kein alter weißer Mann« einsortiert und für verrückt erklärt werden, oder die Gegenseite, also die sogenannten alten, weißen Männer beziehungsweise deren aus den alten Zeitungshäusern heraus produzierten Meinungstexte, die sich besorgt mit dieser »Identitätspolitik« befassen. Debatten, die unter diesem Label laufen, scheinen weniger Vorgänge zum Inhalt zu haben als die Frage, wer was wie gesagt hat, und damit bewegen sie sich auf der Ebene der Zeichen, des Symbolischen, woraus wiederum regelmäßig der Vorwurf folgt, »Identitätspolitik« sei elitär, abgehoben etc.

Und weil all das – Diskussionen über Identitätspolitik, Diskussionen darüber, wie darüber diskutiert wird – permanent auf einem sehr hohen Geht’s-eigentlich-noch-Erregungslevel diskutiert wird, erinnern sich wahrscheinlich die allerwenigsten an den Sommer vor einem Jahr, als einmal zwei Personen zum Austragungsort der Schlacht um zentrale deutsche Heiligtümer wurden. Es ging um Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, Antisemitismus, die Polizei, darum, wie richtiges Linkssein praktiziert werden sollte und schließlich um die Frage – die Gretchenfrage sozusagen, die gerade als Chiffre für all die genannten deutschen Fragen fungiert –, wie man es mit der sogenannten Identitätspolitik und der ihr regelmäßig zugeschriebenen cancel culture hält.

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)

Diese Fragen wurden am Beispiel der Autor*in Hengameh Yaghoobifarah (30 Jahre alt) und der Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart (etwa 28 Jahre alt) in zeitlich recht geringem Abstand verhandelt (die Debatte um Yaghoobifarah begann im Juni, die um Eckhart hatte ihre Hochphase im August), und man könnte nach der Lektüre dieser Verhandlungstexte (beziehungsweise auf der Suche nach einer Twitter-Punchline) auch zu dem Ergebnis kommen, Deutschland sei nicht nur am Hindukusch verteidigt worden, sondern auch an Yaghoobifarah beziehungsweise Eckhart und ihren Körpern (dazu später). 1

Denn mit ihnen standen zwei Personen im Zentrum, die von der Zeitungsöffentlichkeit überwiegend als Frauen gelesen wurden (auch wenn eine von ihnen sich das explizit verbittet) – zwei Personen also, die sich als Zeichen, als interpretierbares Objekt bekanntermaßen seit je her gut eignen (Männer schauen an, Frauen werden angeschaut). Sie wurden gewissermaßen zum Austragungsort zweier identitätspolitischer Schlachten, und es soll nun darum gehen, diese beiden Erregungswellen auf ihre Muster und ihre Funktion hin zu untersuchen.

In der durch eine Kolumne Yaghoobifarahs ausgelösten Diskussion wurde die Autor*in als Repräsentant*in des einen Lagers (»Identitätspolitik«) gedacht, während die Gegenseite (»Identitätspolitik« ist eine Katastrophe) Lisa Eckhart zur Galionsfigur erkor. Dabei folgten beide Fälle einer Choreografie mit Übereinstimmungen: Alles begann jeweils mit einem Skandal, über den sowohl in den alten Medien als auch den sozialen Netzwerken intensiv diskutiert wurde, und danach erschienen beider Debütromane (in Yaghoobifarahs Fall nach etwa einem halben Jahr Pause). Diese Debüts wurden dann in den gedruckten Feuilletons besprochen, wobei es natürlich auch ganz zentral um die jeweiligen Skandale ging, und dabei wirkte es manchmal, als seien die Rezensenten ein wenig enttäuscht darüber, wie wenig skandalös diese Debüts dann im Vergleich zu den Skandalen waren, das heißt, es ging hier meist eher nachgeordnet um Literatur.

Dieser Befund wiederum passt zu dem Eindruck, dass Eckhart beziehungsweise Yaghoobifarah während der Hochphasen ihrer Skandale in den seltensten Fällen ernsthaft inhaltlich kritisiert worden wären, wichtiger war der Vorwurf des – selbstverständlich immer symbolischen – Tabubruchs beziehungsweise die Feststellung, dass sie dies oder jenes noch sagen können müssten (oder eben auf gar keinen Fall), sonst sei es in diesem Deutschland nicht mehr auszuhalten.

Doch zunächst kurz zu den Skandalen: Skandal 1 begann mit einer von Yaghoobifarah verfassten und am 15. Juni 2020 in der taz veröffentlichten Kolumne. Nach der rassistischen Polizeigewalt in den USA fragte sich die Yaghoobifarah in einem Gedankenspiel, welche Jobs man Polizisten eigentlich noch überlassen könne, wenn die Polizei abgeschafft würde. Die eher schlichte, nicht speziell clevere, kurz: einfach witzlose Pointe war, dass man sie einzig auf der Mülldeponie arbeiten lassen könne, wo sie niemanden schaden würden, da sie dort wirklich nur von Abfall umgeben wären.

Anstoß wurde vor allem an dem darauffolgenden Satz genommen: »Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt am wohlsten.« Yaghoobifarah wies darauf hin, dass damit nicht etwa gemeint sei, dass Polizisten Müll seien, »ihresgleichen« beziehe sich auf die anderen Polizisten, mit denen die zur Mülldeponie abgesandten Polizisten gemeinsam arbeiten würden. Beide Lesarten sind nachvollziehbar, antizipierbar und von Yaghoobifarah mithin sozusagen gekauft, zusätzlich sollte man aber vielleicht noch darauf hinweisen, dass mit »Polizisten« hier keine Individuen, sondern eine Institution und ihre systemischen Probleme gemeint sein könnten, aber es ist im Grunde vollkommen egal, worauf man hinweist, weil die Rezipienten in Abhängigkeit von ihrem gesellschaftlichen Standpunkt (Hallo, Identitätspolitik!) ohnehin das verstanden, was sie verstehen wollten oder schon lange verstanden zu haben glaubten. Folgerichtig erstattete die Deutsche Polizeigewerkschaft Anzeige, und der Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, Anzeige zu erstatten, was wiederum breite Solidaritätsbekundungen aus dem linken Spektrum mit Yaghoobifarah nach sich zog, außerdem gab es Mord- und Bombendrohungen von rechts.

Auch bei Eckhart (Skandal 2) wussten alle, was sie schon immer gewusst hatten, auch bei ihr ging es um Drohungen gegen die Künstlerin, diesmal von wiederum linker Seite, die es aber, wie sich später herausstellte, dann so doch nie gegeben hatte. Eckhart hatte beim Hamburger Harbour Front Literaturfestival auftreten sollen, war aber vorher von den Veranstaltern ausgeladen worden, mit der Begründung, dass man ihre Sicherheit nicht gewährleisten könne, wegen eben jener angeblichen Drohungen (von »der« Antifa oder dem Schwarzen Block, man wusste es nicht so genau).

Außerdem dürfte bei der Ausladung eine Rolle gespielt haben, dass zwei Autoren, die ebenfalls zu dem Festival eingeladen worden waren, sich weigerten, gemeinsam mit Eckhart aufzutreten. Diese Weigerung und die angeblichen Drohungen hatten zu tun mit einem zuvor wiederentdeckten Auftritt Eckharts im WDR aus dem Jahr 2018. Darin hatte Eckhart antisemitische Klischees aufgerufen (Juden seien an Geld und Weibern interessiert), um den »feuchten Alptraum der politischen Korrektheit« dingfest zu machen, der sich – und das ist die, na ja, Pointe – angeblich dann realisiere, wenn etwa Juden wie Weinstein oder Polanski (die wegen des Holocausts angeblich »Unantastbaren«) Frauen antasteten, also ihnen gegenüber sexualisierte Gewalt ausübten.

Das Problem bei dieser Einlage war, dass man nicht wusste, worüber Eckhart-Exegeten und Publikum sich hier mehr freuten: über die Kunstfreiheit, die auf »hochintelligente« Weise wieder einmal durchgesetzt wurde (gemeint ist damit vermutlich insbesondere das Vorrecht, sich im eigenen Land nichts vorschreiben lassen zu müssen, auch und insbesondere nicht in Kunst und Kultur). Oder freuten sie (die Exegeten, das Publikum) sich vor allem darüber, gemeinsam mit Eckhart Urlaub von der politischen Korrektheit zu nehmen, während sich das gegängelte deutsche Wir von den vaterländischen Schuldgefühlen erholen und endlich wieder einmal problemlos antisemitische Witze hören konnte?

Diesem alten deutschen Wir, dessen Feindbild der spätmoderne, verweichlichte, immer unaufrichtige Deutsche ist, der, egal wie sehr er sich anstrengt, niemals so gut werden wird, wie er es gerne wieder werden würde oder gar behauptet bereits geworden zu sein – diesem alten deutschen Wir, das genervt davon ist, sich ständig zurückhalten zu müssen und das sich, ob es Eckhart passt oder nicht, hinter ihr versammelt, steht ein neues deutsches Wir gegenüber, das sich in Abgrenzung zu dem Eckhart-Wir formuliert und das sich auch anhand der Yaghoobifarah-Rezeption zeigen lässt.

Das zentrale Anliegen dieses neuen Wir ist es, dass alle Bewohner Deutschlands unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und davon, ob sie einen migrantischen Hintergrund haben oder nicht, im bundesdeutschen Kapitalismus die gleichen Wettbewerbschancen erhalten (wobei sich natürlich sofort der Gedanke aufdrängt, dass damit auch immer die Chance auf einen leeren Teller einhergeht und die Frage, wer es denn dann am Ende sein soll, der davor sitzt). So oder so kann aus der Forderung nach gleichen Chancen natürlich nur etwas werden, wenn das alte Wir etwas von seinen Vorrechten abgibt, wenn es sich zurückhält, woraus bis zu diesem Punkt erst einmal folgt, dass in Debatten wie den hier skizzierten um Platz und Pfründe gekämpft wird.

Betrachtet man nun die nach Skandal 1 und Skandal 2 in den Papierzeitungen erschienenen Texte, dann fällt zunächst vor allem auf, dass sich hier – Überraschung – die sogenannte weiße Mehrheitsgesellschaft mit sich selbst darüber unterhält, wie sie mit dieser Forderung nach Platz und Teilhabe umgehen möchte (was daran liegt, dass in den Papiermedien vor allem Teilnehmer der weißen sogenannten Mehrheitsgesellschaft veröffentlichen). Je nach politischer Ausrichtung gibt es bei diesen Selbstgesprächen unterschiedliche Strategien, aber sie zielen im Grunde alle auf das Gleiche ab: mit der Verschiebung der Machtverhältnisse umgehen und dabei die eigene Berechtigung sichern.

Wertet man die zu beiden Debatten erschienenen Texte aus, dann lässt sich außerdem sagen, dass es bei Skandal 1 am Anfang eine Tendenz eher gegen Yaghoobifarahs Polizei-Text gab, der mitunter Artikel nach sich zog, die wirkten, als gelte es, die Grundfesten dieses Landes zu verteidigen (»Nichts gegen Klicks, aber nicht auf Kosten der Aufklärung«, taz). Die Idee, dass der Innenminister Anzeige erstatten könnte, wurde dagegen überwiegend für verrückt gehalten, und Yaghoobifarahs Roman Ministerium der Träume (2021) wurde dann wiederum sehr positiv aufgenommen.

Bei Skandal 2 verhielt es sich genau umgekehrt: Eckharts Kunst wurde in den Feuilletons teilweise enorm engagiert verteidigt, dagegen wurde ihr Roman Omama (2020) eher skeptisch aufgenommen. Noch eine Idee, auf die man nach der etwa zweihundert DIN-A4-Seiten umfassenden Eckhart-Yaghoobifarah-Lektüre kommen kann: Nach dem Abebben von Skandal 1 Ende Juni entlud sich bei Skandal 2 einige Wochen später ein derart enormer Energieüberschuss, als gelte es, all das, womit Yaghoobifarah vorher identifiziert worden war (die Beleidigung der Polizei, die Verächtlichmachung weißer Deutscher, »Identitätspolitik«), einmal scharf zurückzuweisen und zu zeigen, was alles noch möglich ist. Eine in ihrer Beschreibungs-Opulenz fast barock anmutende Payback-Time, deren Objekt Eckhart war, die mit Beginn ihres Antisemitismus-Ausladungs-Skandals scheinbar unausgesetzt von Journalisten getroffen wurde (insgesamt waren es acht, davon eine Journalistin).

Dieses neuerfundene Männer-treffen-Lisa-Eckhart-und-schreiben-dann-mit-sehr-viel-Platz-darüber-Genre (»Eine Begegnung in Leipzig«) wies vor allem eine Auffälligkeit auf, nämlich die oft faszinierte, beinahe lustvolle Beschreibung seines, man kann es nicht anders sagen, Gegenstands: Im Spiegel wurde Eckhart als »Venusfliegenfalle« bezeichnet, wer über sie lache, sei ihr bereits »in die Falle gegangen«. »Was ist los mit dieser Frau? Was treibt sie? Und wohin wird sie es noch treiben?« Dem Autor der Welt wiederum fielen Eckharts »Raubkatzen-Nails« und »ihre langen Finger« auf, »die jedem Gemälde von Matthias Grünwald zur Ehre gereichen würden«, während ein Autor der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift »Blondes Gift« angab, vor dem Treffen mit Eckhart beinahe nervös gewesen zu sein. »Das platinblonde Köpfchen, die Versace-Kleider, die Flamboyanz, der Domina-Blick, der einem sofort das Gefühl gibt, etwas falsch gemacht zu haben.«

Weiter sorgte er sich um den Zustand dieser »zarten Person«, und es ließen sich noch andere Beispiele für die an Eckhart ausagierte, komisch sexuell aufgeladene Beschreibungslust nennen. Aber um darauf hinzuweisen, dass diese Lust natürlich nicht zufällig perfekt zu Eckharts Angebot passt, dass sich der gegängelte moderne Mensch bei ihr nicht mehr verstecken muss, sondern wieder Land gewinnen kann, sind die genannten Zitate ausreichend. Interessant ist in diesem Zusammenhang außerdem, dass die in ihrem Erscheinungsbild sehr inszenierte Eckhart keiner klassischerweise Frauen zugeschriebenen Inszenierungsform entspricht: Sie wirkt eher androgyn, eher »knäbisch« (Die Zeit), und die sie Beschreibenden sind vollkommen aus dem Häuschen darüber.

Das wiederum könnte mit einer männlich geprägten, homoerotisch aufgeladenen und ziemlich georgekreishaften Idee des Künstlers zusammenhängen, die Eckhart hier implizit aufruft: Der Künstler ist der Geschlechtlichkeit und der Fortpflanzung enthoben, er entkommt der Mutter und diesem ganzen alltäglich-matschigen Zeug, das ihn an der Erde festbindet. Er lebt nur für die Schönheit, die Erotik, die reine Kunst, perfekt und formvollendet. Bei Eckhart ist diese Kunst ein Ort der Freiheit – sie befreit von Moral (obwohl Eckhart selbst zutiefst moralisch ist, denn sie will ja ständig anderen ihre Doppelmoral nachweisen) und ist frei von aufgeblasenen Albernheiten wie der modernen Idee des Selbst. Es gehe ihr, sagte Eckhart gegenüber dem Spiegel, um die Erschaffung einer Kunstfigur, »die nichts mit Identität oder Befindlichkeiten zu tun hat«, und damit ist ein gegenwärtig offenbar recht heftig begehrtes Desiderat beschrieben, das sich natürlich scharf von all dem abgrenzt, wofür Yaghoobifarah steht.

Liest man die Romane der beiden, so findet sich exakt jene letztlich programmatische Differenz auf ästhetischer Ebene wieder: Eckhart wählt eine bewusst alte, ziseliert und völlig überladen wirkende Sprache voller Oscar-Wilde-hafter Sentenzen, die jedes Gefühl und auch jedes Ich erdrückt. Dagegen formuliert sich bei Yaghoobifarah ein verzweifeltes, beteiligtes Ich in Alltagssprache, das so nah am Geschehen ist, dass es für kunstvolle Formulierungen gar keine Zeit zu haben scheint.

In ihren öffentlichen Auftritten ist Yaghoobifarah jedoch ebenfalls eine sehr inszenierte Person, die sich, wie Eckhart, der Einordnung in eine binäre Geschlechterlogik entzieht. Der Unterschied zu Eckhart aber ist, dass Yaghoobifarah viel seltener von Journalisten und Journalistinnen getroffen wurde (in den hier ausgewerteten Papiermedien nur zweimal) und dann wesentlich zurückhaltender beschrieben. Man könnte auch sagen: Yaghoobifarah wurde überhaupt nicht beschrieben, verschwand hinter Zuschreibungen (Geschlecht, migrantischer Hintergrund, sexuelle Orientierung) und dem Versuch von Vertretern der sogenannten weißen Mehrheitsgesellschaft, beim Beschreiben keine Fehler zu machen. Und natürlich ist das nur die Kehrseite des Eckhart-Beschreibungsexzesses, nämlich eine Strategie im Umgang mit der Forderung nach Platz und Teilhabe verschiedener diskriminierter Gruppen, um selbst weiterhin problemlos teilhaben zu können.

Exemplarisch dafür stand ein umfangreiches Porträt Yaghoobifarahs in der Süddeutschen Zeitung, das sich las, als sei es von einer PR-Agentur für critical whiteness verfasst worden und als gehe es vor allem darum, sich zu entschuldigen (also im Wortsinn: sich von Schuld zu befreien). Eine andere Rezensentin schien Yaghoobifarahs Buch nicht so richtig toll zu finden, was sie aber auch nicht so richtig sagen wollte, stattdessen erklärte sie das Prinzip der diskursiven Militanz und zeigte sich verständnisvoll. Ein Spiegel-Autor wiederum schien genau diesen Eindruck der Vorsicht und Befangenheit vermeiden zu wollen und erledigte Yaghoobifarahs Roman auffällig kalt und ohne einen einzigen Beleg in einem Nebensatz, ganz so, als wollte er beweisen, dass er sich hier gar nichts verbieten lasse.

Das heißt: Das Schreiben über Yaghoobifarah (und das über Eckhart) bedeutete immer auch eine politische Positionierung zu der Frage, wem in diesem Land in Zukunft was gehören sollte. Sie (und ihre Körper) waren die Austragungsorte, anhand derer darüber gestritten wurde: Yaghoobifarah stand für den Kampf um Platz in Deutschland, Eckhart für deutsche Besitzstandswahrung. Genau dieser Streit wird im Bereich des Symbolischen diskutiert (Gendern, Trennung von Werk und Autor, wie sollte gesprochen werden, wer darf was übersetzen) und deswegen als realitätsfern und elitär bezeichnet.

Aber das eigentliche Thema ist ein sehr handfestes: Zugang zu Möglichkeiten. Nicht ganz zufällig verschwindet es aber regelmäßig hinter dem Buzzword »Identitätspolitik« und seinen negativen Konnotationen (fanatisch, religiös etc.). Das ändert jedoch nichts daran, dass es im Kern um Verteilungsfragen geht. Wie man dazu steht, hängt naturgemäß maßgeblich davon ab, wie man in der Gesellschaft positioniert ist. Insofern, könnte man sagen, betreibt eigentlich jeder, der seine Interessen vertritt, »Identitätspolitik«, nur mit dem Unterschied, dass bestimmte Positionen lange mit dem Privileg versehen waren, als selbstverständlich zu gelten und nicht benannt zu werden.

Anders gesagt: Alle wollen irgendetwas, weil sie sind, wer sie sind, und sie sind aus ganz bestimmten Gründen, wer und wo sie sind. Dort wollen sie entweder bleiben, oder eben nicht, und damit treten sie (ihre Identitäten) in Konflikt mit anderen, die etwas anderes wollen. Sie konkurrieren miteinander. Das war auch im Land des alten Wir schon immer der Deal, und dagegen sagt im Grunde ja auch das neue Wir nicht ernsthaft etwas. Es wollen nur mehr mitmachen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Die Autor*in identifiziert sich als nonbinär, also weder als Mann noch als Frau, washier durch ein Sternchen signalisiert wird.

4 Kommentare

  1. Michael Koeppel sagt:

    Die Autorin hat leider nicht berücksichtigt, dass sich Frau Lasselsberger hinter einem Künstlernamen versteckt und schon damit mit ihrer Identität Katz und Maus spielt (zusätzlich zu ihren verkaufsfördernden äusseren Merkmalen), wohingegen Yaghoobifarah ihre echte Identität mit all ihren Angriffspunkten dem Publikum auf dem Silbertablett serviert. Auf deutsch: Frau Lasselsberger hat eine Marktlücke entdeckt und verkauft sich nach Lehrbuch. Yaghoobifarah hingegen trägt ihre Botschaften ohne Blingbling in die Welt.

    1. Edgar sagt:

      Und das macht jetzt welchen Unterschied?

  2. Laubeiter sagt:

    wenn ein Artikel über eine Person gesehen wird dem Schreiben von PR-Agenturen entlehnt, ist das eine Kritik, oder? ich fand, dass der besagte Artikel geschrieben war nicht über diese Person, sondern mit ihr. man kann darüber streiten, ob die Aufgabe der Presse ist, mit oder über jemand zu schreiben. doch PR-Agenturen erzählen ja Kappes. was an dem Artikel über die Person war Kappes?

  3. Cornelius Schober sagt:

    Zu diesem Thema gibt es m.E. einen sehr grundlegenden Beitrag in dem Buch: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde; von Bernd Stegmann.
    Mir scheint ist es immer wieder wichtig zu sein zwischen der individuellen Identität einer Person, so kontingent sie auch immer sein mag und der von Gruppen zu unterscheiden.

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