Frau A. sein

Im vergangenen Dezember warf ich eine kleine Flasche Handdesinfektionsgel gegen das Fenster der Nachbarin im ersten Stock. Es war spätabends an einem Dienstag. Zuvor hatte ich vergeblich versucht, die Tür des Hauses aufzuschließen, in dem ich während meiner Arbeitswochen in Essen wohne. Seit März 2020 war ich kaum je dort gewesen, sondern saß in meinem Berliner Arbeitszimmer fest. Entgangen war mir so eine Wurfsendung der Hausverwaltung, die darüber informierte, dass das Haustürschloss gewechselt worden sei, um die ehemalige Mieterin aus dem Souterrain daran zu hindern, wieder ins Haus zu gelangen, aus dem sie nach einer Räumungsklage hatte ausziehen müssen.

In dem Schreiben stand auch, dass man sich insbesondere abends bei jedem Klingeln überlegen solle, ob man öffnen wolle. Wie ich später hörte, war es zu Ruhestörungen durch Frau A. gekommen, und an diesem Abend im Dezember hielten die anderen Hausbewohner, bei denen ich beschämt, aber entschlossen klingelte, mich vermutlich für Frau A. So öffnete niemand, bis die Nachbarin, an deren Fenster ich mein Desinfektionsgelfläschchen geworfen hatte, sich davon überzeugte, wer hier störte. Nachdem ich meine Lage erklärt hatte, ließ sie mich ins Haus.

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)


1 Kommentare

  1. Mühlhoff sagt:

    Die starken Worte und das Montageverfahren der Kolumne „Frau A.“ lassen vielleicht verschiedene Lesarten zu – aus psychiatrischer Sicht befürchte ich jedoch, dass Distanz und Stigmatisierung eher resultieren als Erkennen der Wahrnehmungsverzerrung oder gar Empathie. Das sollte zu Nachdenken und zu einer Debatte führen!

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