Globaler Kommunismus

Prolog: Kleinbürger, Großbürger

Im Herbst 1932 reiste Jomo Kenyatta, kenianischer Aktivist und Repräsentant der Kikuyu Central Association, die sich etwa für die Rückgabe ihres von den britischen Kolonialherren enteigneten Landes einsetzte, von London nach Moskau. Begleitet wurde er von seinem Freund, dem aus Trinidad stammenden George Padmore, der zum Führungszirkel der Kommunistischen Internationale (Komintern) gehörte. Kenyatta verbrachte das folgende akademische Jahr als Student an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens (KUTV), einer der internationalen Kaderschulen der Komintern, die sich nicht zuletzt an Revolutionäre aus den afrikanischen und asiatischen Kolonien richtete. Padmore beschrieb das Curriculum später als ein Programm in »Geschichte, Fremdsprachen, Ökonomie, Politikwissenschaft, Partei- und Gewerkschaftsorganisation, Techniken der Propaganda und Agitation, öffentlicher Rede und Journalismus […] alles von einem marxistischen Standpunkt«. 1

Die Ausstattung der KUTV war mehr als bescheiden, und für Kenyatta erwies sich das Jahr in Moskau insgesamt als frustrierendes Erlebnis. In den Akten der Komintern erscheint er als einer der Sprecher einer Gruppe von afrikanischen, karibischen und afroamerikanischen Studierenden, die sich bitter über das schlechte Essen, die heruntergekommenen Unterkünfte und das unzureichende Englisch der Lehrenden beschwerten. Die Komintern sah in ihm bald einen hoffnungslosen Fall, da er wegen seiner dezidiert antimarxistischen Haltung für die Rekrutierung in die Partei ungeeignet schien. Als künftiger Agent kam er auch deshalb nicht in Frage, weil er den britischen Behörden aufgrund seiner antikolonialen Aktivitäten bereits zu gut bekannt war. Ein südafrikanischer Mitstudent bezeichnete Kenyatta als den »größten Reaktionär«, den er je getroffen habe, und berichtete später: »In Moskau pflegten wir ihn einen Kleinbürger zu nennen. Er antworte darauf indigniert: Ich mag dieses ›klein‹ nicht. Warum nennst Du mich nicht einen Großbürger?« 2

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. George Padmore, Pan-Africanism or Communism. The Coming Struggle for Africa. London: Dobson 1956.
  2. Woodford McClellan, Africans and Black Americans in the Comintern Schools, 1925–1934. In: International Journal of African Historical Studies, Nr. 26/2, 1993.

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