In der Nähe sprechen

Einmal im Jahr, im Frühling, lese ich mit einer Gruppe neunzehnjähriger Zweitsemestlerinnen die Gründungserklärung des Combahee River Collective, eines Verbunds schwarzer Feministinnen aus Boston: ein ganz kurzer Text, zehn Seiten, datiert auf den April 1977, sachlich im Ton, präzise in der Struktur. In den Titeln der vier Abschnitte deutet sich an, wie sich endlich jenes eine historische Unrecht überwinden lassen werde, das die Kollektivistinnen erst zusammengebracht hatte: 1. Die Genese des schwarzen Feminismus. 2. Woran wir glauben. 3. Schwierigkeiten, die sich bei der Agitation schwarzer Feministinnen ergeben. 4. Anliegen und Praxis des schwarzen Feminismus. 1

In dieser zwölften Semesterwoche des Seminars zur Geschichte und Politik des Manifests als literarischer Gattung haben wir uns nach langen Gesprächen über Marx und über die unvermeidlichen Futuristen, dann auch über Hugo Ball und Dada, über Valentine de Saint-Point, über Sergei Eisenstein und Guy Debord längst daran gewöhnt, dass ein Manifest gehört werden wollen muss und deshalb schreien aus vollem Hals und geifern, oft auch Unfug, halb Durchdachtes und nur Empfundenes. Mit seinen letzten Zeilen muss ein Manifest sich dann zu blumigem Pathos hinaufschrauben, und die Manifestierenden müssen wir uns auf einem Balkon vorstellen können, hoch oben, von wo aus sie mit diesen letzten Zeilen die aufzuwiegelnden Massen aufwiegeln, übergeschnappt, im Rausch.

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. The Combahee River Collective, A Black Feminist Statement. In: Zillah R. Eisenstein (Hrsg.), Capitalist Patriarchy and the Case for Socialist Feminism. New York: Monthly Review Press 1979 (Alle Übersetzungen durch den Autor). – Das Adjektiv »schwarz« soll hier und im vorliegenden Text nicht auf die Farbe als solcheverweisen, sondern auf eine Gruppe von Menschen in der afrikanischen Diaspora und innerhalb Afrikas, die sich als »schwarz« identifizieren und historische sowie kulturelle Aspekte miteinander teilen.

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