Moralisierung

Am 27. Februar 2021 publizierte Jacques Schuster, der »Chefkommentator« der Welt, unter der Überschrift Wie Moral zum Totschläger der Debattenkultur verkommt einen Leitartikel in apokalyptischer Tonlage: »Immer schonungsloser wird in politischen Debatten das Gewissen als scharfrichterliche Instanz eingesetzt. Die Folgen sind verheerend: für den Westen, die Meinungsfreiheit und für die offene Gesellschaft.« Nicht nur wenn es um sexuelle Fantasien gehe, so Schuster, sei »political correctness« fehl am Platz. Der gesamte öffentliche Diskurs werde unter zu viel Moral erstickt.

Mit der Überzeugung, moralische Argumentationen drängten in Felder und Sphären ein, in denen sie kategorial fehl am Platz seien und daher nur Schaden anrichteten, steht Schuster nicht allein. Der Gedankenfigur von der unstatthaften »Moralisierung« kann man seit vielen Jahren und zugleich in ganz verschiedenen Kontexten begegnen. Ein Satz wie der Folgende von Jan Grossarth ist nur ein Beispiel von vielen: »Die Grünen moralisieren die Diskussion um Pestizide.«

(Dieser Text ist im Septemberheft 2021, Merkur # 868 erschienen.)

 

 


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