• Hört die Signale

    Auf Alufolie hatte ich nie besonders geachtet. Als ich aber im Sommer 2016 nach mehrmonatiger Abwesenheit nach Berlin-Neukölln zurückkehrte, fiel sie mir auf einmal überall auf. Ich lernte, dass die Unterlage, auf der man Heroin erhitzt, um es zu rauchen oder in eine Spritze zu ziehen, »Blech« heißt und dass Bleche oft aus Alufolie gebaut werden, da sie hitzebeständig und günstig ist. Seitdem ich das wusste, sah ich Alufolie in den U-Bahnhöfen, in den Hauseingängen, in Fahrstühlen.

    (mehr …)
  • Das Adjektiv »alttestamentarisch«: Zum Verhältnis von Sprachpolitik und historischer Semantik

    Im deutschen akademischen und journalistischen Sprachgebrauch ist das Adjektiv »alttestamentarisch« allgegenwärtig. Germanistinnen untersuchen alttestamentarische Motive. Kunsthistoriker beschreiben alttestamentarische Figuren. Musikwissenschaftlerinnen erklären, dass Opern auf alttestamentarischen Sagen beruhen. Religiöser Fanatismus folgt ebenso wie die Militärtaktik des israelischen Staates laut deutschen Medienberichten dem »alttestamentarischen Vergeltungsprinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn«, und Akteure aus Politik und Wirtschaft legen mitunter »alttestamentarische Härte« an den Tag. Noch die entlegensten Themen gewinnen durch das Adjektiv an Drastik. So erklärt beispielsweise Martin Zips in der Süddeutschen Zeitung vom 29./30. Mai 2021, der Maikäfer werde mitunter als eine »geradezu alttestamentarische Bedrohung für den Pflanzenwuchs« angesehen.

    (mehr …)
  • Lesen (Proust-Bots)

    @ProustBot, 27. März 2020, 20:00 Uhr: »Autrefois, j’ai planté des salades de bonne heure«, einst habe ich frühmorgens Salat gepflanzt. @ProustBot, 28. Juni 2020, 14:57 Uhr: »Toute mon enfance, j’ai fait du poney trop tard«, während meiner ganzen Kindheit bin ich zu spät auf dem Pony geritten. Seit Mai 2016 veröffentlicht der @ProustBot ungefähr alle sechs Stunden auf Twitter eine neue Variante des ersten Satzes von Marcel Prousts Roman A la recherche du temps perdu (1913–1927). Er hat bisher 7408 Tweets publiziert (Stand: 28. Juni 2021), sich dabei allerdings einige Male wiederholt. (mehr …)

  • Versehentlich unsterblich Nachleben im Anthropozän

     

    We kehr for you.

    Berliner Straßenreinigung

    Im Anthropozän erfüllt sich aus Versehen der Wunsch des Kulturmenschen, eine bleibende Spur zu hinterlassen, ein Denkmal »dauerhafter als Erz«. Ironischerweise wird die Art und Weise, über den eigenen Tod hinauszuwirken, weniger in großen Werken bestehen, sondern in Zerstörungen, Emissionen oder Müll. Die menschlichen Hinterlassenschaften werden also letzten Endes kein Schwarzes Quadrat, keine Venus und keine Pyramide sein, sondern eine geologische Schicht aus Radionukliden, Flugasche, Mikroplastik und Kunstdünger. Diese aber fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Kultur- und Geisteswissenschaften. Für menschliche Erzeugnisse von derart langer Haltbarkeit ist die Geologie zuständig. [1.Etwas, von dem sich nicht einmal ein Foucault etwas träumen lassen wollte, der lediglicheine Archäologie, aber keine Geologie der Humanwissenschaften entwickeln wollte: MichelFoucault, Archäologie des Wissens [1969]. Aus dem Französischen von Ulrich Köppen. Frankfurt: Suhrkamp 1973. Für denVorschlag einer »Geologie der Moral« vgl. aber immerhin Gilles Deleuze /Félix Guattari, Tausend Plateaus [1980]. Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Berlin: Merve 1992.]

    (mehr …)

  • Die Philosophie in der Pandemie – ein Totalausfall

    Erneut rollt eine Infektionswelle durch die Welt und bringt Unerfreuliches wie die Einführung von Impfpässen mit sich, während die Gesellschaft von einem leider nur allzu bekannten Zusammenschluss aus Uninformierten, Falschinformierten, Fehlgeleiteten und Misanthropen in Schach gehalten wird. Sie sind es, die die Impfpässe, die eigentlich niemand will, zu einer Zwangsmaßnahme machen, um die wir wohl kaum noch herumkommen werden. Ohne ihren Lärm und ihren Narzissmus wären die Impfraten so hoch, dass es die Pässe vielleicht gar nicht bräuchte.

    (mehr …)
  • Rechtskolumne: Zur Zukunft der parlamentarischen Minderheitenrechte

    Zu den Eigenarten der Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik gehört, dass der Bundestag es seit 1953, seit der politischen Verdrängung und dem gerichtlichen Verbot der KPD, über viele Jahrzehnte hinweg nur mit loyalen Oppositionen zu tun hatte. Auch beim Einzug der Grünen in den Bundestag war, gut fünf Jahre nach dem Deutschen Herbst, die Deradikalisierung von Milieu und Partei weit fortgeschritten. Die PDS spielte als ideologisch wenig aggressive ostdeutsche Regionalpartei stets eine Sonderrolle. Der bundesweite Erfolg einer Anti-System-Partei bei der Wahl 2017 war deswegen eine politische ebenso wie eine parlamentsgeschichtliche Zäsur. Sie ist mit dem Beginn der 20. Wahlperiode und dem Wiedereinzug der AfD auf Dauer gestellt. Das politische Gesicht und die parlamentarische Taktik der Opposition haben sich verändert; jedenfalls mittelfristig.

    (mehr …)
  • Schwindel der Gegenwart: Leben in Shenzhen

    Bis Mitte des 21. Jahrhunderts werden die Megacitys Shenzhen und Hongkong voraussichtlich zu einer einzigen Megalopolis verschmelzen – mit dann mehr als 20 Millionen Bewohnern. Und doch wird dieser urbane Riesenkomplex nach den Plänen der chinesischen Regierung selbst Teil einer noch größeren Einheit sein: eines zusammenhängenden Wirtschaftszentrums, das nicht nur Hongkong und Shenzhen umfasst, sondern Macau, Guangzhou, Zhuhai, Foshan, Zhongshan, Dongguan, Huizhou, Jiangmen und Zhaoqing noch dazu. Es gibt nicht nur die sichtbaren Investitionen in die Gegenwart dieser »Greater Bay Area«; die ganze Kultur der Region ist auf das Versprechen glorreicher Zukunftsaussichten hin orientiert.

    (mehr …)
  • Zum Diktieren in den Geisteswissenschaften 1800–1989

    Es lässt sich ein Trend beobachten, Leben und Werk von Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern analytisch stärker aufeinander zu beziehen. So macht sich Thomas Etzemüller in der Einleitung seines Bands zur Performanz in der Wissenschaft Gedanken über die Selbstdarstellung im akademischen Betrieb, zu der paradoxerweise eine Schweigepflicht über die eigene Person gehöre. Auch Paul Nolte hat in seinem Buch Lebens Werk solche Bezüge herzustellen versucht: Es ist der Biografie der Deutschen Geschichte 1800–1918 gewidmet, also der 2700 Seiten umfassenden Gesamtdarstellung des Historikers Thomas Nipperdey, die zwischen 1983 und 1992 erschien. Nolte analysiert diese vor dem Hintergrund eines Desiderats. Anders als bei den Laborwissenschaften wissen wir wenig über die Entstehungsprozesse geisteswissenschaftlichen Wissens, vor allem aber über die Geschichte seiner Darstellungsformen, und das, obwohl der Darstellung in diesen buchfixierten Fächern besonders große Bedeutung zukommt und obwohl Wissenschaftshistoriker wie Hans-Jörg Rheinberger wiederholt darauf hingewiesen haben, dass sich auch das Schreiben als Experimentalsystem begreifen lässt. Was Nolte anhand von Verlagskorrespondenzen, mit Blick auf Schreibzeiten, die im universitären Alltag erkämpft werden müssen, aber auch auf die Funktion des nationalgeschichtlichen Opus magnum als »Geste der Dominanz« beschreibt, mag einem noch vertraut erscheinen. Aber hinsichtlich von Nipperdeys eigentlicher Arbeit am Text stellt sich nicht nur bei Nolte spürbar ein Befremden ein – ein Fremdheitsgefühl, das neugierig macht.

    (mehr …)
  • Zur Singularität des Holocaust: Eine Antwort auf Sebastian Conrad

    Koloniale Gewalt und Rassismus sind lange verdrängt worden, weltweit und speziell in Deutschland. Das Postulat, die Geschichte der Kolonialverbrechen aufzuarbeiten, ist unabweislich. Aber weshalb soll das Paradigma des Kolonialismus mit dem des Holocaust verbunden werden? Ein wirkungsvoller Anstoß zu einer Diskussion über den fraglichen Zusammenhang ging 2009 von dem Buch Multidirectional Memory des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Michael Rothberg aus, hierzulande wurde die öffentliche Debatte jüngst durch den polemischen Essay Der Katechismus der Deutschen des australischen Genozid-Forschers Dirk Moses angefacht. Das Holocaust-Gedenken, für Moses eine Ausprägung »deutscher Staatsräson«, macht er dafür verantwortlich, dass andere Massenverbrechen, speziell koloniale Gewalt, in Deutschland marginalisiert wurden. Im Hintergrund sieht er amerikanische und israelische »Eliten« am Werk.

    (mehr …)
  • Wie viel Geschichte braucht die Zukunft?

    1998 veröffentlichte der Historiker Eric Hobsbawm eine Sammlung von Essays aus dreißig Jahren. Der Titel seines Buches lautete On History. Der Übersetzer Udo Rennert hat sich für die deutsche Fassung etwas anderes einfallen lassen: »Wie viel Geschichte braucht die Zukunft?« Die Frage ist gerade hochaktuell, deshalb nehme ich sie hier noch einmal auf. Dabei nehme ich Bezug auf eine Debatte in den deutschen Medien, die vor mehr als einem Jahr begann und noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist. Was zunächst wie ein klar umgrenzter Skandal erschien, nämlich die Ausladung eines kamerunischen Historikers von der Ruhr-Triennale, setzte sich fort und wuchs dabei auch bald über die Grenzen dieses Landes hinaus. Freiwillig oder unfreiwillig kamen dabei neue Protagonisten ins Spiel – mit dem Ergebnis, dass die Debatte noch immer anhält und in neuen Konstellationen weitere Mutationen hervorbringt. Wir haben es längst nicht mehr mit einem thematisch klar umrissenen Disput zu tun. Die Erregung breitet sich weiter aus, und ein Ende des Prozesses ist vorerst nicht in Sicht. Nachdem ich mir bereits voreilig einen Rückblick auf die Mbembe-Debatte erlaubt hatte, versuche ich nun eine allgemeinere Standortbestimmung, die diese Entwicklung in einen größeren Rahmen einordnet.

    (mehr …)