Das Adjektiv »alttestamentarisch«: Zum Verhältnis von Sprachpolitik und historischer Semantik

Im deutschen akademischen und journalistischen Sprachgebrauch ist das Adjektiv »alttestamentarisch« allgegenwärtig. Germanistinnen untersuchen alttestamentarische Motive. Kunsthistoriker beschreiben alttestamentarische Figuren. Musikwissenschaftlerinnen erklären, dass Opern auf alttestamentarischen Sagen beruhen. Religiöser Fanatismus folgt ebenso wie die Militärtaktik des israelischen Staates laut deutschen Medienberichten dem »alttestamentarischen Vergeltungsprinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn«, und Akteure aus Politik und Wirtschaft legen mitunter »alttestamentarische Härte« an den Tag. Noch die entlegensten Themen gewinnen durch das Adjektiv an Drastik. So erklärt beispielsweise Martin Zips in der Süddeutschen Zeitung vom 29./30. Mai 2021, der Maikäfer werde mitunter als eine »geradezu alttestamentarische Bedrohung für den Pflanzenwuchs« angesehen.

(Dieser Text ist im Oktoberheft 2021, Merkur # 869 erschienen.)

Mal explizit, mal implizit wird mit dem Adjektiv auf ein vermeintlich jüdisches, angeblich auf die hebräische Bibel zurückgehendes Verhalten angespielt. In der Nürnberger Zeitung etwa heißt es am 16. Januar 2014 in einem Kommentar zum Organspende-Skandal: »Wären alttestamentarische Rachegedanken nicht mit der christlichen Prägung unserer Zivilgesellschaft unvereinbar, man würde den Betrügern von Herzen wünschen, selbst eines Tages vergeblich auf eine Organspende zu warten.« Für Theologen ist dieser Gebrauch des Adjektivs ein rotes Tuch. Wie sie nicht müde werden zu betonen, gilt nur das Adjektiv »alttestamentlich« als fachsprachlich korrekt.

Wer etwas auf seine (theologische) Bildung hält, weiß das – und lässt es auch andere wissen. So berichtet Andreas Rosenfelder in der Welt vom 9. Mai 2010, wie er Tilman Jens »unschuldig auf alttestamentarische Motive« in seinem Buch Vatermord angesprochen habe. Tilman Jens sei hochgefahren und habe den »beschwörenden Tonfall« seines Vaters Walter Jens imitiert, der ihn bei genau dieser Formulierung immer gemaßregelt habe: »Wie kannst du! Es heißt alttestamentlich, nicht alttestamentarisch!« Was genau aber ist dabei das Problem? Woher die Empörung?


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