Versehentlich unsterblich Nachleben im Anthropozän

 

We kehr for you.

Berliner Straßenreinigung

Im Anthropozän erfüllt sich aus Versehen der Wunsch des Kulturmenschen, eine bleibende Spur zu hinterlassen, ein Denkmal »dauerhafter als Erz«. Ironischerweise wird die Art und Weise, über den eigenen Tod hinauszuwirken, weniger in großen Werken bestehen, sondern in Zerstörungen, Emissionen oder Müll. Die menschlichen Hinterlassenschaften werden also letzten Endes kein Schwarzes Quadrat, keine Venus und keine Pyramide sein, sondern eine geologische Schicht aus Radionukliden, Flugasche, Mikroplastik und Kunstdünger. Diese aber fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Kultur- und Geisteswissenschaften. Für menschliche Erzeugnisse von derart langer Haltbarkeit ist die Geologie zuständig. [1.Etwas, von dem sich nicht einmal ein Foucault etwas träumen lassen wollte, der lediglicheine Archäologie, aber keine Geologie der Humanwissenschaften entwickeln wollte: MichelFoucault, Archäologie des Wissens [1969]. Aus dem Französischen von Ulrich Köppen. Frankfurt: Suhrkamp 1973. Für denVorschlag einer »Geologie der Moral« vgl. aber immerhin Gilles Deleuze /Félix Guattari, Tausend Plateaus [1980]. Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Berlin: Merve 1992.]

(Dieser Text ist im Oktoberheft 2021, Merkur # 869 erschienen.)

Bei den geläufigen Debatten zum Anthropozän stehen meist die Gefahren für das Leben im Mittelpunkt. Und so redet man über schwindende Artenvielfahrt, ein drohendes sechstes Massenartensterben oder davon, dass menschengemachte Veränderungen am Erdsystem zur Auslöschung der Menschheit führen könnten. Weitaus seltener wird thematisiert, was es eigentlich heißt, dass wir »Effekte produzieren, deren Dauer die Lebensspanne, einschließlich der kollektiven oder mitunter gar der Menschheit selbst, weit übersteigt«.2 Wir werden uns, auf Millionen Jahre hin, verewigt haben. Und erstmals wissen wir auch, dass unsere Einschreibung in das »Archiv der Welt« keine aristokratische Angelegenheit ist, bei der einzelne große Namen überdauern, während dem großen Rest der Menschheit das Schicksal beschieden ist, in die Vergessenheit zu sinken. Die Effekte des Anthropozän sind anonymes Menschenwerk, ohne dass man in aufwändiger Weise für den »Tod des Autors« argumentieren müsste. Brechts »lesender Arbeiter« kann aufhören, seine Fragen zu stellen.


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