Politikkolumne. Reflexionen über „Verdienst“ nach Besuch eines Schachturniers

1.

Eine meritokratische Gesellschaft, also eine, in der »Verdienst«, wie auch immer man dieses definiert, der einzige Grund für Status und Erfolg ist, sähe vermutlich nicht wie ein Golfclub aus. Sähe sie vielleicht aus wie ein Schachclub? Den Golfclub stellen wir uns als Verein mit homogener Mitgliedschaft besserer Stände vor. Diese Homogenität wird durch Mitgliedsbeiträge gesichert. Die Mitglieder beanspruchen einen sozialen Status, von dem sie nicht selten glauben dürfen, sie hätten ihn verdient. Jedenfalls tendieren Menschen mit wachsendem Erfolg dazu, diesen für berechtigt zu halten. 1 Erfolg lässt sich zudem einfach darstellen, namentlich in Geld. Verdienst dagegen ist eine unklare und umstrittene Figur. Dazu passt es, dass der Status in einem Golfclub oft nicht von der gut messbaren sportlichen Leistung abhängen dürfte, sondern von anderen Umständen. Den Golfclub verdienen sich manche durchs Golfspiel. Für andere ist er eine Institution, in der externer Erfolg intern abgebildet wird.

 

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

2.

Wie stellen wir uns einen Schachclub vor? Seine Mitglieder drehen sich in heiliger Einseitigkeit um das Schachspiel. Niemand sucht ihn auf, um aus der Mitgliedschaft soziales Prestige zu schöpfen oder nach außen darzustellen, auch nicht, um Beziehungen zu knüpfen, die über das Spiel hinausgehen. Das zeigen schon die Örtlichkeiten, nicht am angelegten See mit Hügel, sondern in Plätzen umhegter Marginalisierung wie Alten- oder Jugendzentren.

Wenn überhaupt, trete ich in den Schachclub ein, um dort etwas zu erlernen, was mir dabei hilft, auch in den Golfclub zu kommen – jedenfalls dann, wenn Schach mich schlauer machen sollte. 2 Im Schachclub geht es zunächst aber nur um Schach. Erfolg und Verdienst fallen insoweit in eins. Diesen Erfolg zuverlässig zu messen ist eine Sache, die kaum eine Institution mit solchem Perfektionismus verfeinert haben dürfte wie die Gemeinschaft der Schachspielenden: Ausgeklügelte Turnierformate und ein System von Leistungskennzahlen (ELODWZ), samt verfeinerter Sekundärkriterien stellen sicher, dass die Qualität aller Spielenden vergleichbar und damit hierarchisierbar wird.

Wenn es zuträfe, dass die Begabung zum Schachspiel Intelligenz indiziert oder gar fördert und dass Intelligenz eine sozial relevante Eigenschaft ist, könnte man sich dennoch wundern, warum Schachclubs nicht die Golfclubs unserer Zeit sind. Anders formuliert: Während im Golfclub sozialer Erfolg von außen nach innen transportiert wird, könnte es beim Schachclub doch umgekehrt sein. Gut Golf zu spielen, dürfte als Indikator für andere Fähigkeiten nur begrenzt aussagekräftig sein, gut Schach zu spielen schon eher. Schließlich ist die Suche nach Talent gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ein großes Thema der allgegenwärtigen Innovationssemantik. Wenn ich in einen Golfclub eintrete, um Beziehungen mit sozialem, finanziellem oder politischem Kapital zu knüpfen, warum gehe ich dann nicht in einen Schachclub, um intellektuellem Kapital zu begegnen oder dieses zu rekrutieren? Warum ist es nicht attraktiver, jemanden mit einem IQ von 140 kennenzulernen als den örtlichen Bankchef?

Beim Besuch eines Nachwuchsschachturniers in Deutschland fallen einige Dinge auf, die eine anekdotische Antwort liefern könnten. Da ist der relativ hohe Anteil an migrantischen Jugendlichen, der freilich nicht repräsentativ für die Verteilung von Migration in Deutschland zu sein scheint: Viele Asiaten, insbesondere Kinder vom indischen Subkontinent und aus China, sowie viele aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wenige aus der Türkei, Italien oder dem vormaligen Jugoslawien sind da.

Auf den ersten Blick verbindet Schach eher Menschen, die trotz überdurchschnittlich hoher Intelligenz einen ordentlichen, aber nicht überragenden Weg durch die Statushierarchie der bundesdeutschen Gesellschaft zurückgelegt haben. Sicherlich sind die Kinder, die am Schachturnier teilnehmen, privilegiert. Aber dieses Privileg fällt nach Kleidung und Habitus nicht ins Auge. Der Blick auf Kinder und Eltern hinterlässt eher den Eindruck, dass Schach nicht mehr der bürgerliche Sport ist, als den ihn die leider spärliche Schachsoziologie für die Vergangenheit beschrieben hat. 3 Das Bild vom Schachspieler ist heute nicht mehr das des bürgerlichen Mannes mit Pfeife im Wohnzimmer, sondern eher das eines Nerds, der im Rahmen eines festen Regelwerks reüssiert, das ihm vergleichsweise wenige soziale Fähigkeiten, Manieren, keine Konversation, keine Geschmeidigkeit abverlangt, dafür aber eine weitgehend sozial entkleidete Form von Denkfähigkeit, die sowohl analytisch als auch kreativ-synthetisch ansetzen muss und die ihrerseits großen Fleiß voraussetzt, um sich entfalten zu können.

Nun lässt sich das Bild der sozial entkleideten Denkfähigkeit in zwei Richtungen weiterentwickeln: Einerseits erinnert es daran, dass es reine Intelligenz nicht gibt und dass wir uns einen sozialen Gebrauch intellektueller Fähigkeiten immer als Leistung denken müssen, die mit anderen Leistungen verbunden ist, die diese Fähigkeiten vermitteln und anwenden. Kants stellt zur Urteilskraft in der ersten Kritik fest, dass es für sie nicht genüge, die Regeln zu kennen, man vielmehr wissen müsse, wie sie anzuwenden seien. Dieses Wissen erfordere praktische Lebenserfahrung und Kenntnis der Welt. So gesehen ist das Schachspiel sicherlich keine Schule des Lebens.

Auf der anderen Seite fungiert die soziale Einbettung von intellektuellen Fähigkeiten als Einbruchstelle für die Etablierung und Verfestigung eines Systems sozialer Ungleichheit, in dem Umgangsformen mehr zählen als Problemlösungsfähigkeit. Dass sozialer Aufstieg in Deutschland an Sekundärfähigkeiten hängt, die wenig mit Talent oder Fleiß, aber einiges mit sozialer Herkunft zu tun haben, ist oft beschrieben. 4 Immerhin spricht sich die Einsicht, dass man seltsame Talente nehmen sollte, wie sie sind, um sie gesellschaftlich nutzen zu können, langsam herum. Populär wird sie in der Figur der Autistin, die zunächst nicht ernst genommen wird, obwohl sie als Einzige durchblickt. 5

Für die Gemeinschaft der Schachspielenden ist das ein altes Problem. Nicht umsonst strotzt die Welt der Literatur von Nabokov bis Zweig von sozial etwas anstößigen, wenn nicht gestörten Schachspielern. Auf einem Schachturnier zeigt sich dies im spürbaren Gefühl fehlender Anerkennung, das eindrücklich in den Aufdrucken der T-Shirts zum Ausdruck kommt, die verkauft werden: Schach scheint als physische Leistung (zu Unrecht) mangels äußerer Bewegung nicht recht akzeptiert zu werden (»Hochgeistungssportler«), den Schachspielenden fehlt es an einer ästhetischen Dimension der Coolness (»Schach rocks«), selbst in der deutschen Schule, deren Anerkennungsstrukturen ja das Unkörperliche und Unästhetische gerne belohnen, scheint man nicht recht zu landen (»Mein Unterrichtsstoff hat 64 Felder«). Zugleich erwartet den Besucher am Empfang ein Banner mit dem meritokratischen Versprechen schlechthin: »Jedem Talent seine Chance!«

3.

Der Kontrast zwischen dem Schachclub, dem Golfclub und der Gesamtgesellschaft mag aufschlussreich für die Frage sein, wie eine Gesellschaft, die Verdienst honoriert, aussehen könnte. Bevor man den Begriff von Fairness selbst zum Problem macht, lohnt es sich aber, die Schachgesellschaft noch etwas genauer anzuschauen. Diese ist in ihrer Buntheit und Pluralität wie in der skurrilen Kombination aus speziellem Talent und gesamtgesellschaftlich durchschnittlichem Erfolg auch wegen der selbstlos wirkenden Obsession für das Spiel entzückend, und dieser Charme wurde beeindruckend ethnologisch beschrieben. 6

Zugleich wirkt eine Gesellschaft, die Leistung so genau messen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten belohnen kann, aber beschränkt und mitunter gnadenlos. Die reine Meritokratie, auch daran erinnert der Besuch eines Schachturniers, führt in die Welt des Leistungssports. Sie beginnt bei dem Vater, der auf die Frage, wie es läuft, darüber klagt, wie enttäuschend sein Siebenjähriger bisher gespielt habe, um dem Kind beim Frühstück noch ein paar Stellungen einzubimsen. Sie geht über die dauernd wechselnden Ranglisten, in denen nach jedem Spiel auch die Kleinsten sehen können, ob sie auf- oder abgestiegen sind und wer vor und hinter ihnen steht, bis zu der Anekdote, in der ein internationaler Großmeister den Shuttle vom Hotel zum Turnierort verpasst, deswegen sein nächstes Spiel zu verlieren droht, aber Glück hat, weil ihn Weltmeister Magnus Carlsen in der Limousine, die die Veranstalter allein ihm zugedacht haben, mitnimmt. 7

Die Welt des Schachs ist eine meritokratische Monarchie, eine Welt, in der aber fast niemand, auch nicht diejenigen, die ganz weit oben stehen, von ihrem Sport leben können. Auf der Website des erfolgreichsten deutschen Nachwuchsspielers, Vincent Keymer, eines gerade Achtzehnjährigen, der in der absoluten Weltspitze spielt, findet sich ganz oben die Angabe: »Vincent Keymer sucht weiteren Sponsor!« Unter diesen Bedingungen arbeiten geniale Spieler als Zuarbeiter noch größerer Spieler. Es entsteht eine Struktur, in der es ein Privileg für Spitzenkräfte ist, den Weltmeister vorzubereiten.

Die Welt der fairen Vergeltung von Verdienst erweist sich als steile Pyramide. In ihr wird Anerkennung vor allem symbolisch verteilt, namentlich über ein System von Titeln: »Großmeister«, »Internationaler Meister« »FIDE-Meister«, deren Angemessenheit Gegenstand von Diskussionen ist. Oben wird heute informell von Super-Großmeistern gesprochen, um das Feld der international konkurrenzfähigen Spieler gegenüber den sehr guten Großmeistern abzugrenzen, deren Zahl sich seit 1950 mehr als verfünfzigfacht hat. Solche Inflation erfordert neue Distinktionen. Unten hat der Weltverband FIDE den Titel des »Candidate-Master« erfunden, vielleicht um mehr Spieler an der Hierarchie teilhaben zu lassen, vielleicht, wie manche vermuten, um an den Gebühren zu verdienen. Eine solche Titelwirtschaft dürfte im Weltsport einmalig sein, ebenso der Umstand, dass man den einmal erworbenen Titel nicht verlieren kann.

4.

Wettbewerb ist ein altes Phänomen, dessen Beurteilung heute maßgeblich durch seine Verbindung mit dem Kapitalismus geprägt ist, obwohl das eine mit dem anderen nicht notwendig etwas zu tun hat. 8 Das gilt selbst für sportlichen Wettbewerb, dessen Attraktion aus einer ästhetischen Erfahrung von Spannung und Auflösung stammen dürfte, der aber nolens volens vor allem als kommerzielles Phänomen diskutiert wird. Dabei ist erstaunlich, welch geringe Rolle bei dieser Wahrnehmung Härte und Fairness des Wettbewerbs um die goldenen Plätze spielen.

Die Feststellung, Fußballer würden »zu viel Geld« verdienen, gehört jedenfalls in Deutschland zum Plattitüden-Repertoire selbst von Fußballfans. Dabei ist diese Feststellung in vielerlei Hinsicht anfechtbar. Zum Ersten wird das Geld, das hier verdient wird, ja tatsächlich erwirtschaftet. Es beruht weder auf Subventionen noch auf ausbeuterischen Strukturen. Zum Zweiten erzeugt es auch keine nennenswerten gesamtgesellschaftlichen Schäden – eine Feststellung, die sich nicht von vielen Wirtschaftszweigen behaupten lässt, und macht zum Dritten ohne Zweifel vielen Menschen Freude. Zum Vierten sind die Spieler eng an der Produktion dessen beteiligt, was den Fußball attraktiv macht. Wer sollte das viele Geld auch sonst verdienen? Noch mehr für Manager, Funktionäre, Schiedsrichter und Sportvermarkter?

Wenn überhaupt, dann könnte man sagen, dass manche Fußballer zu viel im Verhältnis zu anderen Fußballern verdienen, aber solche Differenzierungen sind selten. Zum letzten und vor allem aber ist Reichtum im Fußball das Ergebnis eines unfassbar harten Wettbewerbs, dem sich so kaum eine der ordentlich bezahlten bürgerlichen Funktionseliten stellen musste, die in die Klage über Spielergehälter gerne einstimmen. Der Weg von der Dorfjugendmannschaft in die Profiliga ist Ergebnis eines permanenten brutalen Auswahlprozesses nach nachvollziehbaren Kriterien. Natürlich werden auch im Fußball Genies verkannt. Kein Philipp Lahm ohne Hermann Gerland. Aber durch Schummeln oder Blenden kommt man eben schneller in den Vorstand, die Fakultät, den Bundestag oder auf eine Trainerbank denn als Spieler in die Bundesliga.

Es gibt viele Gründe gegen eine solche rigorose Form der Auslese. Aber bemerkenswert ist doch, wie selektiv und mit wie wenig Begründungsaufwand sie gegenüber anderen, undurchsichtigeren Formen gesellschaftlicher Verteilungsmechanismen abgewertet wird. Kritik an Sportlergehältern ist dann vielleicht vor allem bürgerliches Unverständnis dafür, dass physische Fähigkeiten so honoriert werden können. Letztlich erweist sie sich als Verachtung gegenüber körperlicher Arbeit.

5.

Eine faire Gesellschaft können wir uns heute nur als geschlechtergerechte vorstellen, und es ist bemerkenswert, dass an dieser Stelle die Analogie von Gesellschaft und Sportclub entweder versagt oder noch komplexer wird. Im Sport wird die Frage zumeist durch die Trennung nach Geschlechtern gelöst. Fairen Wettbewerb soll es nur innerhalb von Geschlechtergruppen geben. Auf Dauer dürfte diese Trennung mehr und mehr auf die Probleme stoßen, die sich bei der Zuordnung einer eindeutigen Geschlechteridentität überall zeigen.

Im Schach ist die Struktur anders. Hier werden weibliche und offene Wettbewerbe ausgespielt. Frauen können gegen Männer spielen, Männer nicht gegen Frauen. Diese Unterscheidung entsteht aus der Verlegenheit, die unterschiedliche durchschnittliche Qualität von Frauen und Männern im Schach wegen der Art des Spiels nicht auf physische Unterschiede zurückführen zu können und nicht auf intellektuelle Unterschiede zurückführen zu dürfen. Die Frage, warum es Frauen bisher nur sehr selten in die Weltspitze des Schachspiels geschafft haben, treibt denn auch mehr und mehr Beobachter um. Der Wunsch, dass es anders sei, hat eine ganze Fernsehserie inspiriert. 9 Zugleich zeigt die Ursachenforschung interessante Zusammenhänge. Die Ungleichheit scheint nicht zuletzt mit dem Maß an intellektueller Einseitigkeit zu tun zu haben, das eine Karriere im Schach erfordert. Zu dieser scheinen Männer besser in der Lage zu sein als Frauen. 10 Wenn die Nerdisierung Grund und Grenze der gesellschaftlichen Relevanz von Schach darstellt, dann entpuppt sich diese Bedingung nicht als geschlechterneutral.

Sportlicher Wettbewerb ist bis auf weiteres also keiner zwischen allen Menschen, sondern zwischen nach Alter, Geschlecht und Behinderungsform sortierten Gruppen. Der Zuschnitt dieser Gruppen ist so wenig naturgegeben wie die Unterscheidungen selbst. Sie könnten anders aussehen, und diese Einsicht wäre auch für die Welt außerhalb des Sports von Interesse. Man könnte sich eine (Sport)Welt vorstellen, in der Leistung nur noch innerhalb gemischter Mannschaften verglichen würde oder in der die Kategorien, innerhalb derer verglichen wird, offener diskutiert würden. Dies setzte voraus, Leistungskriterien auch im Individualsport nicht mehr wie selbstverständlich als individuelle zu verstehen, wofür einiges spricht.

Am Ende der Serie Queen’s Gambit dämmert es den amerikanischen Protagonisten, dass einer der Erfolge der sowjetischen Spieler darin liegt, dass sich ihre Spieler auch im Turnier gegenseitig helfen. Diese Einsicht hat es fast gleichzeitig in amerikanische Bestsellerregale geschafft, 11 für Europäer sollte sie eigentlich nicht so neu sein. Hier könnte ein Weg liegen, das Denken in Verdienstkategorien weiterzuentwickeln. Dies setzte aber die Bereitschaft voraus, über wettbewerbliche Formen sehr grundsätzlich nachzudenken. Die Separierung des Behindertensports könnte dieses Problem noch verschärft haben, da es neben der großen Unterscheidung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten noch die vieler verschiedener Typen behinderter Sportler gibt. Dass die Schachverbände damit beginnen, Schach auch für geistig Behinderte anzubieten, böte eine Gelegenheit, andere Formen zu entwerfen.

6.

Eine Ordnung, die für sich in Anspruch nimmt, meritokratisch zu sein, müsste zwei Probleme lösen: Zum Ersten müsste sie Verdienst plausibel messen und vergleichen können, zum anderen müsste sie überzeugend erklären, was aus der so gemessenen Leistung für die Verteilung von Gegenleistungen folgt. Im Schach ist die Messung der Leistung, wie gesehen, weitgehend perfektioniert. Die Frage der Verteilung der Früchte ist damit aber nicht beantwortet. Die Ressourcen sind knapp und werden oben konzentriert, der Fußball nährt mehrere Ligen, wenn auch seinerseits nach oben verteilt, Schach sehr viel weniger Individuen.

Während es in der Bildungsforschung und der Ökonomie große Debatten um Chancengleichheit und soziale Mobilität gibt, hat die begrifflich systematische Beantwortung solcher Fragen ausgerechnet in der liberalen politischen Philosophie der Gegenwart wenig Interesse erregt. Ein Grund dürfte darin liegen, dass die Vorstellung von Verdienst selbst so anfechtbar wirkt. Wer hat in einem moralischen Sinn schon irgendetwas verdient? Rawls kritisiert die Vorstellung einer »Meritokratie« in seiner Theorie der Gerechtigkeit ausdrücklich.John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit (1971). Frankfurt: Suhrkamp 1975 (§§ 14, 17). Dabei bezog er sich freilich auf einen Begriff, der mehr mit Elitenherrschaft als mit einem offenen Wettbewerb zu tun hatte. 12 Seine Theorie zieht sich in der Folge auf den Begriff der Chancengleichheit zurück, auf den sich alle einigen können, weil er praktisch alles offen lässt. 13 Im Ergebnis soll die Unterscheidung zwischen Talent und Arbeit keine selbstständige Rolle mehr spielen, wenn die Gesellschaft strukturell den Kriterien der Gerechtigkeit entspricht. 14 Das bedeutet im Ergebnis, dass solche Probleme sich nur durch eine Änderung der Ordnung im Ganzen lösen ließen – eine politisch durchaus entmächtigende Vorstellung.

Diese Abstinenz gegenüber Kategorien des Verdiensts hat tiefere Wurzeln, ist der Begriff doch gerade in einer christlichen Tradition problembeladen. Bis heute konstituiert die Frage, ob ein Mensch etwas Eigenes zu seiner Erlösung beitragen kann, den zentralen dogmatischen Streitgegenstand zwischen Protestanten und Katholiken. 15 Rawls stand unter dem Einfluss einer protestantischen Gnadentheologie, die dies ausdrücklich verneint. Unvermeidlich entsteht an diesem Punkt ein systematisches Problem. Wie kann eine Gesellschaftstheorie, die auf individuelle Freiheit als einen ihrer fundamentalen Ausgangspunkte setzt, auf die Klärung der Frage verzichten, wie bei der Güterverteilung individuelle Beiträge zu berücksichtigen sind?

Dieser Widerspruch ist erst erstaunlich spät und nicht zufällig von einer konservativen Kritik aufgedeckt worden. 16 Aber auch wenn man diese letzten Fragen offen lässt, bleibt es dabei, dass die gesellschaftliche Praxis kaum Alternativen zu Leistungskriterien gefunden hat und dass diese mit Beginn der Schulzeit quasi wie selbstverständlich weitergegeben werden. Theoretisch mag viel dagegen sprechen, Leistung und Verdienst ins Zentrum einer gerechten Verteilungsordnung zu stellen; die Versuche, andere Kriterien zu finden oder auf Leistungsmessung ganz zu verzichten, sind Legion. Praktisch müsste man Schülerinnen oder Sportlern aber ein alternatives Verfahren bieten, das nicht flagrant ungerecht wirkt. Das geringe Interesse der politischen Theorie an diesem Thema hat etwas von der Realitätsverweigerung, für die sie nach Rawls berüchtigt wurde. Es hat auch eine soziale Note, wenn erfolgreiche Vertreter einer politischen Theorie, die ausschließlich an elitären Institutionen entwickelt wurde, 17 dasjenige Kriterium nicht verarbeiten, das für andere der entscheidende Anstoß für die Hoffnung auf sozialen Aufstieg der nächsten Generation ist. 18 Den Verzicht auf Leistungskriterien muss man sich leisten können. Man kann es, wenn man sich durch Leistung einen sozialen Vorsprung erarbeitet hat, den die eigenen Kinder kaum noch verspielen können. 19 Selbst dann nicht, wenn sie zu viel Schach spielen.

7.

In der politischen Auseinandersetzung werden Fragen des Verdiensts offensiv, wenn auch mit wenig begrifflichem Unterbau behandelt. Der liberale Slogan, dass sich »Leistung wieder lohnen« müsse, bezieht sich ebenso wie die sozialdemokratische Forderung nach »gerechter« Besoldung auf diesen Ausgangspunkt. Hier werden keine Urzustände beschworen, aus denen etwas herzuleiten wäre, sondern es wird auf den Status quo verwiesen, in dem so gut wie alle Leistungen erbringen, so dass sich die Frage nach der angemessenen Gegenleistung permanent neu stellt.

Die Argumente, die dabei entwickelt werden, bleiben intuitiv. Die marktliberale Seite kann – ganz wie die Mitglieder des Golfclubs – auf den Status quo der Güterverteilung verweisen, damit Leistung mit Erfolg identifizieren und jede Abkehr von dieser Gleichung, etwa durch Steuern, als ungerecht kritisieren. Selbst Wirtschaftswissenschaftler, also Personen, die über solche Fragen einmal hätten nachdenken sollen, sprechen von »Leistungsträgern«, wenn sie eine Gruppe meinen, die sie allein über die Höhe ihrer Einkünfte bestimmen. Umgekehrt kann eine linke Kritik, die dann übrigens zwingend linksliberal argumentiert, viel suggestives Gegenmaterial anführen, von der schlechten Bezahlung der Pflegekräften im Allgemeinen und in der Corona-Krise bis zum schlichten Vergleich der Gehälter von Personen, die im selben Unternehmen arbeiten.

Solche Hinweise können aber nur der Anfang einer Diskussion sein, die Verdienstkriterien und Mechanismen zu seiner Honorierung entwickeln sollte, die sich beide nicht auf Geldeinheiten und Geldtransfer beschränken dürfen. So richtig es ist, Anerkennung nicht gegen Einkommen, einen Blumenstrauß für den Krankenpfleger nicht gegen eine Gehaltserhöhung, auszuspielen, so wichtig ist auch die Einsicht, dass sich ein angemessenes Verständnis von Leistung nicht nur durch ein einziges Kriterium und eine einzige Form der Honorierung erreichen lassen wird. Perverserweise findet sich diese Einsicht in einem der verrufensten politischen Mechanismen der Gegenwart umgesetzt: dem chinesischen Sozialpunktesystem, das eine nichtmonetäre Einheit gesellschaftlichen Verdiensts errichtet, wohl auch um nicht allein ökonomische Erfolgskriterien zum Erfolg zu bringen. Die skurril anmutende Titelordnung im Schach gewinnt von daher vielleicht doch etwas Weises.

Die Frage bleibt, ob eine Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, Gerechtigkeit zumindest anzustreben, auf Wettbewerb und Vergleich verzichten kann, ohne doppelzüngig zu werden, indem sie Praktiken des Leistungsvergleichs beklagt, um gesellschaftlichen Aufstieg nach undurchsichtigen Kriterien zu verteilen. Vielleicht ist das Einzige, was schlimmer ist als eine ungerechte Gesellschaft, eine gerechte Gesellschaft. Vielleicht sollte man aber auch nicht die Hoffnung aufgeben, dass es umgekehrt ist.

8.

All das müsste dafür sprechen, auch theoretisch mehr über Verdienst nachzudenken, wenn auch nicht unbedingt affirmativ. Vielmehr ginge es darum, einige der ungelösten Rätsel unserer eigenen Praxis zu verstehen. Da wäre das Rätsel des Verhältnisses von Talent und Mühe. Denn offensichtlich belohnen Leistungskriterien immer beides, auch wenn sich nur eines rechtfertigen lässt – oder geben wir dem Talent den Platz, den in der Theologie die Gnade einnimmt, jenes erfreuliche Phänomen, für das sich keine Gründe anführen lassen, dass aber dennoch honoriert wird? Da wäre auch das Rätsel, wie sich unterschiedliche Formen von Leistungen zueinander ins Verhältnis setzen. Vielleicht ist das Problematische am Kapitalismus ja weniger, dass er Wettbewerbe inszeniert, als dass er nur eine Art von Leistung und eine Art von Gegenleistung kennt, die geldwerte Entlohnung geldwerter Arbeit.

Offen bleibt, ob uns die Untersuchung solcher Fragen mit einer meritokratischen Konzeption von Gerechtigkeit versöhnen kann, auch wenn meritokratische Elemente im Moment ohnehin nur als Inseln in eine im Ganzen verkastete Form der Güterverteilung hineinragen. Der Blick auf die Welt des Schachs zeigt, dass die Herrschaft des Verdiensts keine angenehme Welt sein muss. Sie zeigt uns aber auch, wie die Kombination aus Wettbewerb und Spiel selbst die bereichert, die in ihr erfolglos sind, und wie ein Wettbewerb seine eigene Welt samt Ästhetik schaffen kann. Wenn man einmal siebenhundert Kindern in einer Halle zugeschaut hat, die selbstvergessen um den Sieg spielen und denen noch in den Spielpausen nichts Besseres einfällt, als ein weiteres kleines Spielchen einzuschieben, so wird man zögern, Wettbewerb für eine schlechte Idee zu halten.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Michael W. Kraus /Paul K. Piff u.a., Social Class, solipsism, and contextualism: How the rich are different from the poor. In: Psychological Review, Nr. 119/3, 2012.
  2. Vgl. ein Bremer Schulprogramm mit einem solchen Titel (www.schachmachtschlau.de).
  3. Lars Clausen, Hypothesen zu einer Soziologie des Schachs. In: Ders., Krasser sozialer Wandel. Wiesbaden: Springer Fachmedien 1994. Die Diagnose einer Entbürgerlichung findet sich bei Michael Ehn, »Eine lebenslange Leidenschaft«. Schachklubs in Wien und ihre Besucher/innen. In: Ernst Strouhal (Hrsg.), Schach und Alter. Passagen des Spiels III. Wien: Springer 2011.
  4. Vgl. etwa Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt: Campus 2002.
  5. Namentlich die Heldin in Stieg Larssons Millennium-Trilogie.
  6. Robert R. Desjarlais, Counterplay. An Anthropologist at the Chessboard. Berkeley: University of California Press 2011.
  7. www.schachbundesliga.de/der-hamburger-wm-kandidat-sind-maechtig-stolz-auf-janek
  8. Jacob Burckhardt zufolge scheint sich der »agonale« Charakter des antiken Griechenland auf alles Mögliche bezogen zu haben, aber nicht auf das Wirtschaften. Ich danke Luca Giuliani für diesen Hinweis.
  9. The Queen’s Gambit. Netflix 2020. (Nach einem 1983 erschienenen gleichnamigen Roman von Walter Tevis.)
  10. Louisa Thomas, Hou Yifan and the Wait for Chess’s First Woman World Champion. In: The New Yorker vom 26. Juli 2021.
  11. Daniel Coyle, The Culture Code. The Secrets of Highly Successful Groups. London: Penguin Random House 2018.
  12. Dazu Ansgar Allen, Michael Young’s »The Rise of the Meritocracy«. A Philosophical Critique. In: British Journal of Educational Studies, Nr. 59/4, Dezember 2011.
  13. Knappe Kritik bei Christoph Möllers, Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik. Berlin: Suhrkamp 2020.
  14. Für eine solche Deutung: Rainer Forst, Die Pointe der Gerechtigkeit. Zur paradigmatischen Unvereinbarkeit von Rawls’ »Gerechtigkeit als Fairness« mit der Theorie des Glücksegalitarismus. In: Ders., Die noumenale Republik. Berlin: Suhrkamp 2022.
  15. Eberhard Jüngel, Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. Eine theologische Studie in ökumenischer Absicht. Tübingen: Mohr Siebeck 2011.
  16. Eric Nelson, The Theology of Liberalism. Political Philosophy and the Justice of God. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 2019.
  17. Katrina Forrester, In the Shadow of Justice. Postwar Liberalism and the Remaking of Political Philosophy. Princeton University Press 2019.
  18. Dass jetzt in den USA eine Literatur zur Kritik des Verdiensts anhebt (siehe auch nächste Anmerkung), ist auch deswegen irritierend, weil mit dieser Kritik und der Empfehlung anderer Grundsätze wie Solidarität auch insinuiert wird, die Ordnung sei so, wie sie ist, meritokratisch, und damit die Stellung der eigenen Person und der eigenen Hochschule zwar vielleicht nicht gerecht, aber eben doch verdient. Michael Sandel, The Tyranny of Merit. What’s Become of the Common Good. New York: Farrar, Straus and Giroux 2020.
  19. Daniel Markovits, The Meritocracy Trap. How America’s Foundational Myth Feeds Inequality, Dismantles the Middle Class, and Devours the Elite. London: Penguin 2019.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Zum Thema wie man zum Verdienst kommt, hat Dahrendorf ein wunderbares Buch geschrieben. Das sich mit den gleichberechtigten Zugang von Menschen zu Tätigkeiten beschäftigt. Sozusagen mit der Chancen Gleichheit. Das kann man auch so sehen das man das Leben Gottfried von Gramms mit dem von Boris Becker vergleicht, bezüglich der Möglichkeiten ins Finale von Wimbeldon zu kommen. Was damit klar zu sehen ist, ist das in den 30 Jahren schon ein gewisses gesellschaftliches Kapital die Grundlage dafür war, 1985 war das dann nicht mehr nötig.

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