Zuwendung und lange Strecke

Ein Gespräch über Wirklichkeit im Radio von Holger Schulze und Ingo Kottkamp

HS: Zuletzt hörte ich eine Radiosendung, Gardians de la Paix (arte radio 2020; Original | Deutsche Fassung), ein französisches Radiofeature, das einen französischen, Schwarzen Polizisten in Rouen den Rassismus unter seinen Kolleginnen und Kollegen entdecken lässt. Als Hörer habe ich durch die Produktion von Ilham Maad an einem verstörenden Prozess der Entdeckung teil. Die Wirklichkeit sackt uns weg unter den Füßen. Rassismus in Institutionen wird immer wieder thematisiert, sowohl in journalistischen als auch filmischen Arbeiten etwa – doch die Intensität dieses kurzen Stückes, im Original knapp 30 Minuten lang, ließ mich nicht los. Warum ist dieses Feature etwas ganz Besonderes in der Radiowirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts?

 

IK: Das entscheidende in diesem Stück ist das Dokument: wir hören Sprachnachrichten aus einer Chat-Gruppe von Kollegen des Polizisten. Sie äußern sich teils nahezu gewalttätig, oft aber eher gewohnheitsmäßig rassistisch: sowohl über ihn, aber auch über Begegnungen während ihrer Arbeit. Dieses Dokument wird nicht etwa kurz angespielt, es entfaltet seine verstörende Wucht – so reden Rassisten wirklich. „If you won’t hear it, you won’t believe it“ sagte Ilham Maad bei einer Diskussion des Features. 1

Im französischen Original sind die tatsächlichen Sprachnachrichten als Dokumente zu hören; in der deutschen Adaption werden sie von Schauspielern nachgespielt. Das Stück wurde justitiabel: die Darstellung der rassistischen Berufswirklichkeit in Messengern wie WhatsApp durch dieses Feature führte zu Disziplinarmaßnahmen. Die Kollegen verloren ihre Posten. Ilham Maads Stück hat Wirklichkeit zwar medial erzählt, doch dieses mediale Erzählen hat zu einem lebensweltlichen Eingriff geführt.

HS: Das Feature erzählt also und kann sogar handeln durch dieses Erzählen. Aber setzen wir etwas früher an: was kann uns das Radiofeature denn insgesamt über unsere Lebenswelt und Medienwirklichkeit erzählen?

 

IK: Genau diese Frage habe ich mir gestellt und bin ihr gemeinsam mit einem Team mehrere Jahre lang nachgegangen – in der Sendereihe und auf der Webseite Wirklichkeit im Radio kann man diesen Suchprozess mit uns zusammengehen, jetzt und in monatlich erscheinenden Updates. –

Zunächst einmal: So wie Filme auf Filme und Bücher auf Bücher verweisen, erzählt auch das Radiofeature immer auch von sich selbst und damit vom Radio. Features und featureartige Sendungen gibt es, anders als oft erzählt, nicht erst seit der Einführung der deutschen Rundfunkanstalten nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern mehr oder weniger seit den Anfängen des Radios. Unterschiedliche Motivationen und Haltungen fließen in diese äußerst dehn- und wandelbare Form ein: Belehrung, Wissensvermittlung; Essays, Feuilleton; Reportage, Welterkundung. Der Gestus „Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer an den Geräten, nehmen Sie sich heute Abend Zeit für …“. Und es gibt die Gegenbewegung: unterschiedlichste Versuche, dass Features gerade nicht belehrend und irgendwie gemütlich klingen, sondern schroff, aufwühlend, heutig – Gardians de la paix ist sicher ein Beispiel dafür.

Und von welcher Lebenswelt erzählt es? Bei unserer Recherche für haben wir gehört, dass es Lieblingsthemen gibt, auf die sich das bundesrepublikanische Radiofeature immer wieder stürzt: Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit, soziale Randgruppen, Reisen in ferne Länder. Aber das Feature kann auch die Kanalisation einer Stadt mit menschlichen Urängsten engführen (Die Ratten von Paris), den Wissenschaftsbetrieb in seinem ausschließenden Habitus zeigen (Zwettls Traum) oder hörbar machen, wie Sektenmitglieder in den gemeinsamen Suizid getrieben werden (Unser Vater, der du bist in der Hölle). Der Stoff, der relevant ist und nicht im Feature erzählt werden kann, muss erst noch gefunden werden.

HS: Mit welchen Techniken erzeugt denn das Feature dann die Begeisterung, nun sich just mit diesen Themen auseinanderzusetzen – und durch dieses Medienprodukt hindurch an der Wirklichkeit teilzunehmen?

 

IK: Features beschränken sich auf das Hörbare, und sie haben den Anspruch, nicht fiktiv zu sein – was immer das im jeweiligen Einzelfall heißt. Auf diese beiden Eigenschaften lässt sich die Faszination zurückführen. Wo das Bild fehlt, wird der Ton intensiver: Klangfarben der Stimme werden zum Ereignis, weil nichts von ihnen ablenkt. Diese Beschränkung, auf die man sich ja oft eine volle Stunde lang einlässt, hat ihren ganz eigenen Reiz. Ich vergleiche das oft mit einer Tuschezeichnung – aber was akustisch gezeichnet wird, ist der Wirklichkeit entnommen. Eine gut aufgenommene Dokumentarszene, die eben genau nicht studiotechnisch rein ist, die akustischen Schmutz, spontane Interaktion und nicht vorausplanbare Verläufe zeigt, in der man Menschen bei ihren Tätigkeiten hört und nicht etwa Schauspieler bei der Ausübung ihres Berufs – das erzeugt einen Kitzel, eine Spannung zwischen „echt“ und „geformt“. Diese Spannung, dieser „Feature-Moment“, berührt mich immer wieder aufs Neue. Aber das ist nur eine der Techniken. Auch die Auswahl und Montage des Materials kann faszinieren, wenn sie gut gemacht ist: da präsentiert uns jemand ein Stück Wirklichkeit und darin eingebaut gleich ihren oder seinen Blick darauf und zugleich die künstlerische Handschrift, mit der diese Wirklichkeit ins Feature überführt wird. Ein praktischer Aspekt noch: es ist vergleichsweise leichtgewichtig in der Produktion, es verlangt keinen so großen Apparat wie die audiovisuellen Medien. Menschen öffnen sich einem hingehaltenen Mikrofon leichter als einem Filmteam. Und auch die Rezeption ist niederschwellig. Man hat die Augen frei beim Hören, man kann private Dinge dabei tun; das Feature hat es nicht schwer, uns nahe zu kommen. Kurz gesagt: das Radiofeature erlaubt Konzentration und Intensität. Das schafft das gelungene Radiofeature; die schlechten bieten leider viel Geschwätzigkeit.

HS: Auf welche Wirklichkeit konzentriert das Radiofeature dann seine Intensität – ohne geschwätzig zu werden?

 

IK: Hören wir doch einfach in ein paar rein!

Ein extremes Beispiel zeigt Ein weites dunkles Land (SFB 1982) von Klaus Lindemann. Psychiatrische Einrichtungen in Deutschland zur Zeit der Entstehung des Features in den siebziger Jahren werden hier hörbar. Der Titel des Stücks prägt, was wir hören: eine Parallelwelt, in der zeitweilig oder längerfristig diejenigen landen, die in der vermeintlich „normalen“ Welt nicht mehr funktionieren können. Diese Parallelwelt zeigt sich dann als sehr weitläufig; keine Gegend, wo sie nicht anzutreffen wäre. Ausführlich hören wir beklemmende und bedrückende Aufnahmen, in denen Pflegekräfte sich um Patientinnen und Patienten kümmern. Anfangs noch nebenher erläutert und eingeordnet, im Laufe des Features immer mehr unkommentiert. Die Wirklichkeit ist hier der Alltag in diesen Einrichtungen. Wir hören auch die Zeit und Zuwendung des Autors, der diesem Alltag sehr lange zugehört hat. Weder zieht er daraus verfrühte Schlüsse noch treibt er ästhetische Spielchen damit. Die Debatten über psychische Erkrankungen, um Antipsychiatrie und die kranke Gesellschaft, die in den 1970ern wichtig waren, werden im Feature allerdings bewusst nicht weitergeführt oder entschieden. Die Hörenden werden vor allem mit den Situationen in der Psychiatrie konfrontiert; so haben wir überhaupt die Möglichkeit ansatzweise zu begreifen, worum es in den Debatten der Zeit eigentlich geht.

 

Ein anderes Beispiel ist Mirjam (RB 1975) von Werner Meyke. Ein O-Ton-Hörspiel, das offiziell erstmal gar kein Feature ist. Über die Unterscheidung von beidem wurden In den 1970er und 1980er Jahren wurden heftige Debatten darüber geführt, worin denn genau der Unterschied liegt. 2 Die Qualitäten, die dieses Stück aber stark machen, so scheint mir, sind ziemlich genau auch die Qualitäten, die ein gutes Feature hat. Mirjam zeigt die Wirklichkeit der damaligen Partnerin des Autors. Wir lauschen einem wechselnden Strom von Gesprächen, die oft viel zu persönlich wirken. Es wird unangenehm: Was habe ich als Hörer hier eigentlich verloren?, fragte ich mich beim Hören. Doch das Stück ist sorgsam komponiert: die gewählten Ausschnitte zeigen Mirjam in ihrer Suche, Verletzlichkeit, ihrer Nachdenklichkeit, manchmal Albernheit, oft auch tiefen Enttäuschung, fast Bitterkeit. Im Gespräch hören wir, wie Fragen der Klassen- und Geschlechterzugehörigkeit überdeutlich durchschlagen auf das Leben der Sprecherin. Doch der Autor ordnet auch hier weder ein, noch portioniert oder deutet er alles mundgerecht entsprechend seiner Agenda. Wir hören Mirjam. Das alles kehrt dann wieder in Gardiens de la Paix, über das wir eingangs sprachen. Die schiere Darstellung, auditiv, von Personen in ihrem Handeln und Sprechen, ihrem Selbstverständnis und ihren Selbstzweifeln und mangelnden Selbstzweifeln – das alles ermöglicht uns Einblicke in die Wirklichkeit, die wir sonst mutmaßlich niemals hätten.

 

HS: Aber tut das der Zeitungsjournalismus, die Fernsehdokumentation und viele andere Dokumentarformate und -bewegungen in Literatur oder bildenden Kunst nicht auch?

IK: Ich glaube, diese Frage führt auf eine falsche Fährte, denn sie suggeriert, dass Features ein Alleinstellungsmerkmal hätten und man das durch eine bestimmte Machart herausarbeiten muss. Aber es gibt nicht die eine bestimmte Technik oder den einen Klang, den man bieten muss, damit es ein ordentliches Feature wird. Eher sind die Features interessant, die mit dem routinierten Erzählen brechen. Das Feature wurde, etwas behäbig, früher gerne als ‚Königsdisziplin‘ im Radio bezeichnet – aber gleichzeitig gab es genug Freiheit und Offenheit, um Pfade abseits des vermeintlichen Königswegs zu gehen. Wozu das Radiofeature in Konkurrenz zu anderen Formen nobilitieren? Wir sehen es als unsere Aufgabe, dass es erstmal entdeckt wird.

HS: Ein Medienformat wie das Radiofeature ist nicht denkbar ohne die jeweils neuesten Apparaturen oder Institutionen – von Stereophonie über Digitalisierung bis zur aktuell andauernde Podcastbegeisterung. Welchen Einfluss hatte und hat das auf das Feature als darstellende Form?

 

IK: Alles, was um das Feature herum passierte, hat seine Form beeinflusst. Die kleiner, handlicher und erschwinglicher gewordenen Mikrofone und Aufnahmegeräte der 1960er Jahre haben das Rausgehen ins Feld erstmal ganz normal gemacht und den Zugang dazu erleichtert. Die Stereophonie kann dann mit der Einführung des Farbfernsehens verglichen werden: sie gab dem Feature eine viel realistischere Anmutung und erzeugte eine kraftvolle Unmittelbarkeit. Ein weiterer Meilenstein war dann in den 1990ern die Möglichkeit, Features am persönlichen Laptop zu produzieren. Aktuell erleben wir die Auswirkungen des Podcastbooms: eine veränderte Ansprache der Hörenden, andere Erzählhaltung, auch der Trend zur Featureserie. Institutionell mindert das auch den Einfluss der ARD; es sind nun Podcastfirmen und -plattformen, vor allem Spotify, die Hörerwartungen und Ästhetik prägen. Und es geht noch weiter: Dokumentarisches Material ist in viel größerer Menge verfügbar und kann digital gesucht und erschlossen werden. Programme transkribieren inzwischen O-Töne mit ziemlicher Genauigkeit, die bislang in tage- und wochenlanger Arbeit von Hand abgetippt wurden. Zu einem Podcast gehören heute eigens gestaltete Cover, durch die das Hörmedium dann doch ein bisschen visuell wird. Das alles transformiert das Feature und treibt es an. Aber ich halte es für ein Missverständnis, dass diese Neuerungen frühere Formen restlos ersetzen oder obsolet machen. Die Features, von denen ich eben ein bisschen erzählt habe, mögen für den ersten Eindruck altmodisch oder zeitverhaftet erscheinen. Hört man ihnen aber wirklich zu, zeigen sie sich als innovativ und liefern Stoff und Ideen für den weiteren Transformationsprozess.

 

HS: Das Feature kann also viel; aber was kann das Feature denn dann überhaupt gar nicht – oder nur sehr schlecht?

 

IK: Man kann dem Feature in der Tat viel zutrauen. So bedeutet seine Bilderlosigkeit nicht, dass visuelle Themen unmöglich wären. Peter Moritz Pickshaus etwa produzierte Features über Joseph Beuys 3, Ingeborg Lüscher 4 oder Robert Gernhardt 5 ziehen mich als Hörer direkt und über eine außerordentlich lange Strecke hin in die Konflikte und Ästhetik dieser Künstler hinein. Diese lange Strecke ist dann vermutlich die wichtigste Eigenheit des Features. Denn das Feature kann eines ganz sicher nicht: in kürzester Zeit maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Jedes Feature und auch jeder Podcast, wie mir scheint, braucht einen großzügigen Kredit des Zuhörenwollens auf Seiten der Hörerinnen und Hörer. Das meint nicht unbedingt die exklusive Versenkung wie im Konzertsaal. Denn es gibt viele Arten des Zuhörens, die stärker mit dem Alltag der Hörenden verwoben sind; dieses Verflochtene des Zuhörens ist vielleicht ja sogar ein Merkmal des Radiohörens mittlerweile. Aber Menschen zu erreichen, die im ersten Moment sofort eine starke Hörbefriedigung brauchen – das wird schwierig.

HS: Aber können Podcasthörerinnen zu Featurefans werden? Anders gefragt: Welche Produktionstechniken oder Rhetoriken des Podcasts könnten das Feature revitalisieren?

 

IK: Oder umgekehrt? Was könnten Podcasts vom Feature lernen? Denn die großen und erfolgreichen Podcasts sind sehr vom erzählenden Gastgeber und seiner Stimme, seinem Interesse, seiner öffentlichen Persönlichkeit sogar angetrieben. Die akustische Erzählweise guter Features kann hier Vielschichtigkeit und klangliche Direktheit des Erzählens lehren. Das markante Storytelling in Podcasts und ihre kalkulierte Spannungsdramaturgie kann sich auch klanglich verwirklichen. Von dieser charakteristischen Dynamik können dann auch Features wieder lernen. Denn ein Dauerthema ist die Ansprache im Radiofeature: die Ansprache der Hörerinnen im Feature sei ganz von oben herab, wird oft geklagt, es spricht der Staatssender; die Podcastansprache dagegen sei informell, eher niedrigschwellig, wie unter Freunden. Das Ergebnis sind aber oft eher verkrampfte bis peinliche Anpassungsversuche des Features. Vermeintliche Erfolgsmodelle lassen sich nicht formelhaft Kopieren. Die neuen Autorinnen und Autoren müssen ihre Rolle in dieser Medienumwelt finden. Sie müssen die Dringlichkeit ihres Erzählanliegens vermitteln.

Hier ein Beispiel für einen Podcast-Feature-Hybrid, den ich gelungen finde: die sechsteilige Serie „SCHULE – Eine Bestandsaufnahme“ 6. Hier gibt es podcast-typische Elemente wie serielles Erzählen, Cliffhanger, lockere und persönliche Ansprache, auch persönlich hinterlegt durch die Autorin und den Autor. Zugleich haben wir die erwähnten Qualitäten eines Features: klangliche und dokumentarische Erzählweise, die auf szenischen O-Ton setzt; Verzicht auf die dramatische Herausarbeitung einer story, stattdessen ein Nebeneinander von vielen Geschichten mit Betonung auf der vor Ort aufgenommenen Sprache.

 

HS: Du bist ja Profihörer. Wie hörst Du denn ein Radiofeature? In welchen Situationen, Umgebungen, in welchen Rhythmen und Strukturen des Alltags?

 

IK: Bei mir gibt es fünf Formen. Eins: Radiohören während alltäglicher Verrichtungen wie Kochen etc., dabei kriege ich ein gerade laufendes Feature so mit und wenn es gut ist, bleibe ich dran. Zwei: Die gesteigerte Form davon: spätabends nach Hause kommen und noch mal das Radio einschalten; wenn dann ein Feature läuft, kann das eine sehr intensive Erfahrung sein. Drei, allzuoft von mir betrieben – aber doch nicht sehr befriedigend: das Abhören von Features am Schreibtisch zu beruflichen Zwecken. Vier, sehr selten, aber dann meist besonders: vorsätzliches Anhören eines Features im Radio zur festgesetzten Sendezeit. Und zum Schluss, fünf, die häufigste und für mich schönste Gewohnheit: das Feature runterladen und bei Spaziergängen hören. Bestimmte Orte, an denen ich hörend spazierenging, sind jetzt für mich regelrecht überschrieben mit den Features, die ich dort gehört habe.


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