Die Wiederkunft der Information

Am Beginn des neuen Millenniums war das Wort »Information« zu einer Schlüsselkategorie der Ideen- und Mediengeschichte avanciert. Das Internet war zum Massenphänomen geworden, der Zenit des Informationszeitalters schien erreicht und die Zeit reif für eine historische Spurensuche. Das erste Jahrzehnt der 2000er Jahre wurde zur »Information History Decade« ausgerufen.1 Doch der neue Begriff zeigte rasch Abnutzungserscheinungen, und es wurde ruhig um die Informationsgeschichte. Umso überraschender ist das Erscheinen des Bands Information. A Historical Companion in diesem Frühjahr.2 Das Buch ist ein üppiger mehrhundertseitiger Wälzer in blauem Leineneinband mit goldener Gravur. Dreizehn Essays führen von der antiken Seidenstraße bis ins 21. Jahrhundert. Aber der Companion ist mehr als ein klassisches Handbuch. Mit 101 Einträgen zu einschlägigen Stichworten von Algorithmus bis Schriftrolle ist er zugleich Nachschlagewerk.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

Information wird als globalhistorisches Alternativangebot zu einer anderen Superkategorie der Nullerjahre in Position gebracht: Wissen. 2005 lancierten die Universität und die ETH Zürich ein gemeinsames Zentrum für die Geschichte des Wissens, und spätestens mit der Publikation von Peter Burkes Einführung in What is the History of Knowledge (die deutsche Übersetzung trägt den Titel Die Explosion des Wissens) zehn Jahre später war das neue Forschungsparadigma auch in der anglophonen Welt allgegenwärtig geworden. Die Geschichte des Wissens umfasste grundsätzlich alles, was Menschen in der Vergangenheit gedacht, geschrieben und anderweitig hervorgebracht hatten. Sie richtete besonderes Augenmerk auf die Zirkulation von Wissen außerhalb der Universität. Und sie war um Blickpunkte jenseits der Galileis, Newtons und Darwins bemüht – auch wenn am Ende doch zumeist weiße Männer aus Europa dafür den Referenzrahmen bildeten.3

Die neue Informationsgeschichte hat denselben umfassenden Anspruch. Sie bleibt zugleich ähnlich vage, wenn es um die Beschreibung ihres Untersuchungsgegenstands geht. Paul Duguid hütet sich in seiner Einleitung davor, eine allgemeingültige Definition von »Information« voranzustellen und betont stattdessen, dass die einzelnen Beiträge unterschiedliche Zugänge verfolgten. Auch wenn es um die Positionierung gegenüber dem bisherigen Forschungsstand geht, bleibt der Companion erstaunlich zurückhaltend. Hat die Informationsgeschichte keine Geschichte?

Konkreter wird es dort, wo es um die Unterscheidung von Information und Wissen geht. Information, schreibt Peter Burke, sei Rohware – und Wissen das fertig verarbeitete Produkt: Informationen werden gesammelt, Wissen wird produziert. Die Trennlinie zwischen den beiden Kategorien verlief aber nicht immer so deutlich. Im Mamluken-Sultanat in Ägypten und Syrien im 14. Jahrhundert etwa lag der entscheidende Unterschied darin, zu welchem Zweck etwas aufgeschrieben oder aufbewahrt wurde: Die Produktion von Informationen war ein bürokratischer Akt im Dienst der Politikgestaltung, während Wissen der Gelehrtenwelt entsprang. Der europäische Informationsstaat dagegen benutzte gerne Werkzeuge aus den spätmittelalterlichen Universitäten: Indizes, Register und Seitenlayout machten große Mengen an Information übersichtlicher für die administrative Kontrolle. Schließlich standen Gelehrte und Beamte gleichermaßen vor der Herausforderung, in einem Meer von Papier mit unterschiedlich interessanten Inhalten Nachprüfbarkeit herzustellen.

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