Hot Marx. Wie in der Klimakatastrophe aus dem Marxismus wieder eine Theorie des Aufstands wird

In den 1990er Jahren konnte eine Freundin noch scherzen: »Bis Ihr Marxisten die ökologische Katastrophe theoretisch korrekt eingeordnet habt, wird die Menschheit längst vom Planeten verschwunden sein.« Ich habe damals mit ihr gelacht, die Bemerkung aber damit auch ein bisschen als typisch apokalyptische Schwarzmalerei abgetan. In der Zwischenzeit sind die Probleme so offensichtlich drängend geworden, dass selbst die letzten hard boiled marxists einsehen mussten, dass ohne die »ökologische Frage« heute in Sachen kritischer Gesellschaftstheorie kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Ordentliche Marxisten integrieren das lange vernachlässigte Problem natürlich in bewährter Vorne-Verteidigung: Nicht etwa müssen wir einsehen, dass unsere Theorie bisher Lücken hatte; im Gegenteil, wir können sogar zeigen, dass das Problem nicht nur auch, sondern nur marxistisch wirklich verstanden werden kann. Eine radikale Kritik der ökologischen Katastrophe, so wird von marxistischer Seite gesagt, wird nur als Kritik des Kapitalismus zu haben sein.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

Naturwesen und Stoffwechsel: Öko-Marxismus

Die neuere Theoriebildung eines Eco-Marxism setzt um die Jahrtausendwende in der angloamerikanischen Debatte ein; Schlüsselwerke sind Paul Burketts Marx and Nature von 1999 und John Bellamy Fosters Marx’s Ecology von 2000. Im Zentrum stehen hier kategoriale Bestimmungen des Mensch-Natur-Verhältnisses, so wie es bei Marx entlang zweier Achsen entfaltet wird: Beim frühen Marx finden wir eine Bestimmung des Menschen als Natur- und Gattungswesen; die kapitalistische Entfremdung von diesem ist demnach Grund aller ökologischen Verwerfungen. Der reife Marx hingegen geht von der Arbeit als »Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur« aus. Diese Bestimmung setzt eine Differenz und überbrückt sie zugleich; im Kapitalismus aber habe sich die dialektische Beziehung in einen »metabolic rift«, einen Bruch verwandelt, durch den die Einheit der Unterscheidung nicht mehr gedacht werden könne.

Man sieht: Entlang des ökologischen Problems werden erneut Grundfragen des Materialismus, Fragen epistemologischer und ontologischer Natur, gestellt. Dabei gerät die marxistische Debatte in Kontakt zu anderen theoretischen Programmen, die aus der ökologischen Fragestellung heraus motiviert werden: zu Neuen Materialismen verschiedener Couleur, zu General Ecology und Netzwerktheorie oder auch zur Object-Oriented Ontology. Das alles bildet ein – jedenfalls von mir – kaum noch zu überblickendes Feld. Verlässliche Orientierung auf (halbwegs) aktuellem Stand bieten etwa Jason Moores Kapitalismus im Lebensnetz und Kohei Saitos Berliner Dissertation Natur gegen Kapital, deren englische Übersetzung 2018 mit dem renommierten Deutscher Memorial Prize ausgezeichnet wurde. Aktuelle ökologische Kritik erscheint bei Saito im Gewand penibler philologischer Arbeit an entlegenen Bänden der MEGA, die etwa Marx’ späte Exzerpte zu Justus Liebigs Agrikulturchemie versammeln.1

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