Verfassungspatriotismus oder nationales Erbe: Eine Erwiderung auf Herfried Münkler

ei aller Einigkeit im Vorfeld des 175-jährigen Jubiläums der Frankfurter Nationalversammlung von 1848, dass dieses Ereignis deutscher Geschichte mehr Wertschätzung verdient, hat sich eine Kontroverse über die angemessene Gestalt ihres Tagungsorts entwickelt, die Frankfurter Paulskirche. Schon seit mehreren Jahren wird von verschiedenen Seiten dafür plädiert, das Gebäude im Interesse einer zeitgemäßen Erinnerungskultur erheblich umzugestalten. Angeblich mangele es ihm an einer angemessenen »Aura«.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

Im Maiheft des Merkur habe ich mich kritisch mit solchen Umbauplänen auseinandergesetzt und mich dafür ausgesprochen, an der zwischen 1946 und 1948 realisierten, ostentativ auf nüchterne Strenge setzenden baulichen Konzeption des damaligen Architektenteams um Rudolf Schwarz festzuhalten. In einer polemischen Replik auf meinen Beitrag hat der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, einer der prominentesten Vertreter der Umbauforderungen, meine Überlegungen als »grundlegend falsch« verworfen.1 Dabei vermied er allerdings, auf die Umbaupläne noch einmal ernsthaft einzugehen.

Das ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Tatsächlich ist gar nicht so einfach zu verstehen, was die Befürworter einer Umgestaltung eigentlich konkret anstreben, um dieser Erinnerungsstätte der Demokratie die von ihnen geforderte »Aura«, »Atmosphäre« oder den »emotionalen Bezug« zu verleihen. Die von Münkler zunächst vorgeschlagene Entfernung des Podiums und das Einbringen von Fenstern mit gotischen Rippen haben mit keinem historischen Zustand des Gebäudes etwas zu tun, sondern wären eine willkürliche, mythisierende Neugestaltung, wie ihm auch Patrick Bahners in der FAZ vorhielt.2

Eine Verdeckung der oberen Fensterreihe und des Oberlichts würde der Beleuchtungssituation von 1848 zwar atmosphärisch nahekommen, aber eine solche Verdunklung strebt niemand an. Die Orgel mit dem Gemälde Germania zu verhüllen, würde den nationalen Geist des Orts betonen, aber nicht den demokratischen, und so bleibt diese Forderung einstweilen AfD und FDP vorbehalten. Von den spärlichen Umgestaltungen des Orts der Nationalversammlung bliebe dann nur noch der Einbau der Zentralheizung, mit der die Durchführung winterlicher Plenarsitzungen in der zuvor unbeheizten Kirche möglich wurde. Dieser Eingriff ist in seiner Profanität für die gewünschte symbolhafte Bildlichkeit wenig geeignet, auch wenn er einst für das Funktionieren des Parlaments wesentlich war.

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