Warum die Vergangenheitsdebatte immer noch explodiert

Die Debatte um die öffentliche Erinnerung in Deutschland geht Woche für Woche in die nächste Runde. »Warum jetzt?« habe ich in meinem Beitrag für den Merkur im August gefragt. Warum intensiviert sich die Diskussion über koloniale Erinnerung in Deutschland gerade heute, wie lässt sich die Heftigkeit der Debatte erklären? Ich habe argumentiert, dass wir heute am Übergang von zwei Erinnerungsregimes stehen: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit (Erinnerung I, mit Schwerpunkt auf dem Holocaust), das von der Zeit des Kalten Kriegs geprägt war, wird gegenwärtig durch einen veränderten Erfahrungshaushalt in der globalisierten Gegenwart ergänzt (Erinnerung II, mit Schwerpunkt auf Kolonialismus). Martin Schulze Wessel hat nun, ebenfalls im Merkur, eine kritische Replik auf meinen Aufsatz verfasst.1

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

Warum nun erneut eine Antwort darauf? Diese Frage stellt sich schon deshalb, weil die Kritik auf einem Missverständnis aufsetzt. Ich hatte zu Beginn meines Aufsatzes festgestellt, dass es in der bisherigen Diskussion vor allem um normative Aspekte ging, dass also häufig gefragt werde: »Sollte die deutsche Gesellschaft auf der Einzigartigkeit des Holocaust bestehen, oder gibt es eine Verantwortung für die Opfer des Kolonialismus?« Das war aber nicht meine eigene Frage. Mir ging es vielmehr darum, zu klären, warum aktuell so oft von einem Entweder-Oder die Rede ist, warum diese Fragen gerade jetzt »zum Gegenstand einer erbitterten, häufig polemischen Auseinandersetzung« geworden sind.

Also nur ein Missverständnis? Nicht ganz. Denn Schulze Wessels Kritik ist zugleich symptomatisch für eine Tendenz in der gegenwärtigen Erinnerungsdebatte, in der regelmäßig zwei unterschiedliche Ebenen miteinander vermengt werden. Diese Vermengung macht die Debatte unübersichtlich (und manchmal unerfreulich); daher lohnt es sich, darauf einzugehen.

Geschichte und Erinnerung

Im Kern geht es, vereinfachend gesagt, um die Überlagerung von »Geschichte« und »Erinnerung«. Das Verhältnis dieser beiden Begriffe ist komplex, und es gibt dazu eine breite theoretische Literatur. Beide Ebenen beeinflussen sich gegenseitig, man kann sie daher nicht säuberlich voneinander trennen. Einerseits reichen die Ereignisse und Entwicklungen der Vergangenheit in die Zukunft hinein, prägen häufig auch noch die Gegenwart; sie beeinflussen somit die Bedingungen, unter denen wir uns der Vergangenheit wieder annähern und sie erinnern. Andererseits können sich auch Historiker und Historikerinnen den Fragen ihrer Zeit nicht ganz entziehen, sie sind von den Problemstellungen ihrer Gegenwart geprägt. Daraus erklären sich auch manche Schwerpunktsetzungen der Forschung; das gegenwärtige Interesse an der Geschichte von Flucht und Vertreibung, des globalen Finanzkapitalismus, des Populismus oder des Anthropozäns beispielsweise ist ja ganz offenkundig eng mit heutigen politischen Herausforderungen verknüpft.

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