Wenn schon wieder alles gleichzeitig passiert

In diesem Sommer schwamm ich zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder im Meer, und zum ersten Mal seit Ende 2019 überhaupt wieder. Ich hatte nicht erwartet, es verlernt zu haben, aber ich war schon Wochen vorher voller Vorfreude darauf, meine Arme und Beine gegen den Wasserwiderstand zu bewegen, das warme Wasser so genau wie möglich an jedem verfügbaren Millimeter Haut zu spüren und den Kopf voran unter Wasser in Richtung Unendlichkeit vorzustoßen. Das wäre doch ein gutes Kolumnenthema, dachte ich, ozeanisches Gefühl trifft körperliche Ertüchtigung, trifft einen spezifischen Moment einer seit eineinhalb Jahren andauernden Pandemie. Das Schwimmen war schön genug, wie auch nicht, fern der Heimat glitzert das Meer besonders prächtig. Aber die erhoffte Überwältigung, Endorphinrauschen, Glückstränen: Sie kamen nicht.

(Dieser Text ist im Novemberheft 2021, Merkur # 870 erschienen.)

Abgesehen davon, dass bestellte Gefühle besonders häufig mit Auslieferungsschwierigkeiten zu kämpfen haben, konnte ich meine Gedanken nicht von einem Text abwenden, den ich direkt vor meiner Abreise zum erhofften Schwimmglück fertiggestellt hatte. Darin hatte ich Teile der Merkur-Kolumne aus dem April aufgegriffen, in der ich die Sehnsüchte einer langen Pandemie (wie zum Beispiel die nach einem Urlaub in Italien) dem Privileg der Isolation in eigenen Räumen (in denen man immerhin Reisen im Kopf unternehmen kann, wenn man ansonsten nicht zu große andere Sorgen hat) gegenübergestellt hatte. Konfrontiert hatte ich diese Überlegungen mit einem Bericht über die katastrophale Lage Geflüchteter in Sammelunterkünften in Großbritannien und Deutschland, die auch während der Pandemie eng zusammengepfercht und ohne Distanzierungsmöglichkeit interniert wurden.

Ich schwamm im Mittelmeer und dachte das Wort Massengrab, zugleich fuhr ich mir selbst in Gedanken über den Mund dafür. Wie ernst kann es einem mit dieser Beschreibung des Mittelmeers sein, wenn man dort nach Belieben ein- und aussteigen kann, an Stränden, an denen man sich zum leisen Wummern weiter entfernter Bluetoothboxen dem süßen Nichtstun überlässt? Aber ich beharrte vor meiner inneren Zensur. Zu meinem frohen Bahnenziehen ins Offene gehört eine Kehrseite, die ich nach Belieben niemals zu spüren bekommen muss. Grausam genug. Ich wollte dann nicht mehr übers Schwimmen schreiben.

Die Gleichzeitigkeit von privatem Glück und politisch verschuldetem Elend, Naturkatastrophen oder bloß kleineren Kümmernissen ist eine triviale und zeitlose Tatsache. Wer sich dieser Erkenntnis zu entziehen vermag, ist vermutlich ein rundum zufriedener Mensch, aber keiner, mit dem man ein befriedigendes Gespräch führen kann. Das erdrückende Gefühl, ständig relativ hilf- oder zumindest einfallslos der Gleichzeitigkeit von völlig konträren Zuständen beizuwohnen, bei denen man selbst immer auf der Seite derjenigen steht, die selbst im größtmöglichen Unglück privilegiert sind, hat sich in der Zeit, seit ich das letzte Mal schwimmen war, eigentlich nicht verstärkt.

Verstärkt hat sich nur meine Bereitschaft, diese Gleichzeitigkeit als einen medialen Effekt insbesondere einer Quelle zu beobachten. Ich habe mein Twitter so eingerichtet, dass ich einen ständigen Zustrom von schlechten Nachrichten erlebe. Ganz andere Twitterkonfigurationen, beispielsweise solche, in denen man ausschließlich, und nicht nur gelegentlich von Tierbabys, den besten Quicherezepten oder launigen Alltagsbeobachtungen liest, wären ebenso möglich (und ebenso legitim). Verschärft wird die Lage durch meine Bereitschaft, mich durch alles Bedrückende und Quälende mitreißen zu lassen. Ist es nicht eine ethische Verpflichtung, hinzuschauen?

(…)


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