• Crossy Road (Ein Text über Liebe)

    Ich hatte gefragt, ob er lesen wolle, was ich hier über Crossy Road schreiben würde. Nicht unbedingt. Aber wenn du darin vorkommst? Was ich denn schreiben würde, wollte er wissen.

    Der mir zufällig zugewiesene Name bei Crossy Road lautet »Singender Entdecker 48«, und als solcher erziele ich langsame Lernerfolge dabei, durch hektisches Tippen auf den Touchscreen meines Smartphones Spielfiguren dazu zu nötigen, durch eine Landschaft aus Straßen, Flüssen, Wiesen und Eisenbahnschienen zu hopsen. Crossy Road ist ein Videospiel, das man auf ein Smartphone lädt und das davon handelt, dass wir alle irgendwann sterben werden. Ich spiele es seit unserem Urlaub im Sommer, als er sich mit dem Spiel von seiner Flugangst ablenkte und ich wissen wollte, womit. (mehr …)

  • Was heißt hier modern? Das Kaiserreich und die Arbeiterbewegung

    Die Diskussion um die in der Geschichtsschreibung angeblich bislang zu kurz gekommene »Modernität« des Kaiserreichs ist durchaus zu begrüßen.1 Ich möchte mich auf einen Aspekt dieser von Hedwig Richter zuletzt prominent ins Spiel gebrachten Modernitätsthese konzentrieren, nämlich die im Kaiserreich nicht nur aufkommenden, sondern geradezu aufblühenden zivilgesellschaftlichen Massenorganisationen: Parteien sowie Frauen- und Arbeiterbewegung, vor allem Gewerkschaften. Richter schreibt: »Die Schlagkraft der Vereinigungen wurde immer größer, als sie in den neunziger Jahren begannen, die Massen zu organisieren. Die Gewerkschaften nutzten den Aufwind der Arbeiterbewegung und entwickelten sich nach dem Ende der Sozialistengesetze zu einer der mächtigsten Massenorganisationen.«2 Von einer »grundsätzlichen ›Reformblockade‹ im Kaiserreich« könne darum nicht die Rede sein. (mehr …)

  • Schwitters und Beuys: Stile der ästhetischen Weltverbesserung

    Kurt Schwitters’ und Joseph Beuys’ künstlerische Werke wurden bisher nicht allzu oft verglichen. In gewisser Hinsicht ist das auch nicht verwunderlich. Das Aussehen ihrer konkreten Arbeiten ermuntert nicht zu einem stilistischen Vergleich. Es ist das jeweils leitende Kunstverständnis, das diese Künstler zusammenrückt: Beide verteidigen einen erweiterten Kunstbegriff, der mit den Grenzen traditioneller Werkvorstellungen bricht. Glaubt man Schwitters und Beuys, so besteht die Aufgabe von Künstlern nicht in der Produktion von autonomen, abgezirkelten Werken, wie etwa Bildern oder Skulpturen, die sich gegenüber einer Wirklichkeit durch organische Geschlossenheit – durch Anfang, Mitte und Ende – auszeichnen. (mehr …)

  • Wählen gehen

    Nach den Bundestagswahlen 2013 hatte das Max-Planck-Institut zwei bemerkenswerte Trends festgestellt. Zunächst einen Rückgang der Wahlbeteiligung – dabei sei, erfahren wir, insbesondere bedenklich, dass diese »niedriger als jemals zuvor« gewesen sei und außerdem zum allgemeinen Trend passe, bei »Bundestags- und Landtagswahlen genauso wie bei Kommunal- und Europaparlamentswahlen«. Dann die andere Misere: eine Schwächung der traditionell staatstragenden Kräfte, denn »gemessen an den Wahlberechtigten ist der Stimmenanteil der beiden Volksparteien seit den siebziger Jahren dramatisch zurückgegangen« – was auch »an der wachsenden Zahl der Nichtwähler« liege.1 So oder so geraten also jene ins Visier und machen Sorgen, die nicht wählen gehen. (mehr …)

  • (K)eine Mondreise, oder: Astronoetik nach Kepler

    Sperrig. Politisch. Magisch. Johannes Keplers TRAUM, || oder || Nachgelassenes Werk || über die Astronomie des Mondes (Somnium seu opus posthumum de astronomia lunari, Frankfurt am Main 1634) – diese frühe Science-Fiction einer Reise zum Mond als Verteidigung des seinerzeit umkämpften Kopernikanischen Weltbilds – kam nie auf irgendeine Bestenliste und ist nun doch, pünktlich zum 450. Geburtstag des Astronomen, neu aufgelegt worden.1 Und das zu Recht. Denn aktuell ist dieses merkwürdige Hybrid aus Erzählung und Traktat auf seine Weise auch. (mehr …)

  • Schattengeboren. Zu Emine Sevgi Özdamar

    Einmal ist Emine Sevgi Özdamar in einen Literaturskandal geraten. Das war im Jahr 2006 und hatte mit einem Buch von ihr zunächst gar nichts zu tun. Ausgelöst wurde alles vielmehr von Feridun Zaimoglus Roman Leyla, in dem er in fiktionaler Gestalt die Geschichte seiner Mutter erzählt, von ihrer Kindheit vor allem, ihrem Aufwachsen in der ostanatolischen Stadt Malatya. Der Roman wurde rundum besprochen, allseits gelobt, sehr viel mehr besprochen und auch gelobt als etwa Özdamars drei Jahre davor erschienenes Buch, der Tagebuch-Roman Seltsame Sterne starren zur Erde. Dann aber stellte eine bis heute anonyme Germanistin eine Liste zusammen mit zahlreichen und in dieser Häufung verdächtigen, vor allem motivischen Ähnlichkeiten zwischen Zaimoglus Leyla und Özdamars erstem Roman Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein – aus der anderen ging ich raus (von 1992). (mehr …)

  • Bewaffnete Organe: Sensory Warfare. Sinneskolumne

    Der Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan im Sommer dieses Jahres wurde weithin als Kapitulation wahrgenommen. Schnell standen die zurückgelassenen »afghanischen Verbündeten« nicht nur im Fokus der Nachrichtentexte, sondern auch in dem der Kameras. Neben den Bild-Ton-Reportagen, in denen Schüsse zu hören und Menschen zu sehen waren, die sich vor dem Kabuler Flughafen drängten, während sich Einzelne in ihrer Verzweiflung an das Fahrwerk einer startenden Maschine hängten, fand ein Standbild besonders viel Aufmerksamkeit. (mehr …)

  • Gewaltherrschaft und Schoah in der Ukraine

    Der Euromajdan von 2013/14, die so genannte »Revolution der Würde«, hatte auch eine geschichtspolitische Dimension. Aktivistinnen und Mitglieder der rechtsextremistischen Partei Swoboda stürzten am 8. Dezember 2013 das zentrale Lenin-Denkmal in Kiew. Dies sollte der Ausgangspunkt für den leninopad sein, die massenhafte Beseitigung von Lenin-Denkmälern im gesamten Land, mit Ausnahme der von Russland kontrollierten Gebiete. Zwar war das kein Novum in der ukrainischen Geschichte, in den 1990er Jahren waren schließlich bereits eine Vielzahl von Lenin-Denkmälern vor allem in der Westukraine abgebaut worden, aber im Zuge des Majdan und des darauffolgenden russischen Angriffs auf die Ukraine machte die neue ukrainische Regierung unter Präsident Petro Poroschenko die Abrechnung mit der Sowjetzeit zur Chefsache. (mehr …)

  • Wettbewerb ist für Verlierer

    Peter Thiel tanzt auf so vielen Hochzeiten, dass man gelegentlich nicht mehr mitkommt. Er hat PayPal mitgegründet, womit er die Grundlage für seinen frühen Reichtum legte, wie auch für den Elon Musks. Er ist der Mann, der in Sachen Mark Zuckerberg und Facebook eine etwas unheimliche Vorahnung besaß und beiden als Investor den Weg zur globalen Vorherrschaft ebnete. Er ist der Mann, der die Online-Gerüchte-Website Gawker in den Bankrott zwang, indem er Hulk Hogans Verleumdungsprozess finanzierte. Das war der Abschluss einer jahrzehntelangen Vendetta, die damit begann, dass Thiel von Gawker als schwul geoutet wurde. Zwar hat Thiel selbst einen Stanford-Abschluss, rief aber trotzdem ein Stipendienprogramm ins Leben, das es schlauen jungen Leuten ermöglicht, aufs College zu verzichten und sogleich ins Leben ihrer Träume unter der Obhut von Peter Thiel im Silicon Valley zu starten. (mehr …)

  • Keine Lust auf niemanden

    Man sagt den Deutschen bisweilen nach, dass sie den vielbeschworenen Ingenieursgeist hätten, also einen inneren Drang zu rationalem Denken, lösungsorientiertem Handeln und nüchterner Sachanalyse. Wie immer, wenn einer Millionenbevölkerung derartige Kollektiveigenschaften zugeschrieben werden, ist das natürlich unsinnig; doch wie immer gibt es auch einen wahren Kern, und sei es nur als Autosuggestion. Umso überraschender, dass sich all diese löblichen Eigenschaften in Luft aufzulösen scheinen, konfrontiert man den man in the street in diesem Bundestagswahljahr mit Politik im Allgemeinen, Berufspolitik im Besonderen und Berufspolitikern sowieso. Ob während des Wahlkampfs oder nach dem Urnengang, ob einzeln oder im Verbund – wohin man auch schaut, verweben sich Gezeter und Geschimpfe zu einem Meinungsteppich der Unzufriedenheit. Unweigerlich denkt man an den ebenso einfältigen wie zwanghaften Slogan »Merkel muss weg!«,  der jahrelang viele Straßen und noch mehr Köpfe beherrscht hat: Jetzt liegt die Kanzlerin politisch in den letzten Zügen, ihre Partei ist waidwund geschossen, doch der redemptive Effekt scheint ausgeblieben zu sein. (mehr …)