Was heißt hier modern? Das Kaiserreich und die Arbeiterbewegung

Die Diskussion um die in der Geschichtsschreibung angeblich bislang zu kurz gekommene »Modernität« des Kaiserreichs ist durchaus zu begrüßen.1 Ich möchte mich auf einen Aspekt dieser von Hedwig Richter zuletzt prominent ins Spiel gebrachten Modernitätsthese konzentrieren, nämlich die im Kaiserreich nicht nur aufkommenden, sondern geradezu aufblühenden zivilgesellschaftlichen Massenorganisationen: Parteien sowie Frauen- und Arbeiterbewegung, vor allem Gewerkschaften. Richter schreibt: »Die Schlagkraft der Vereinigungen wurde immer größer, als sie in den neunziger Jahren begannen, die Massen zu organisieren. Die Gewerkschaften nutzten den Aufwind der Arbeiterbewegung und entwickelten sich nach dem Ende der Sozialistengesetze zu einer der mächtigsten Massenorganisationen.«2 Von einer »grundsätzlichen ›Reformblockade‹ im Kaiserreich« könne darum nicht die Rede sein.

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2021, Merkur # 871 erschienen.)

Wer, wie Richter, die Erfolgsgeschichte der Massenorganisationen in den 1890er Jahren – und das heißt: mit dem Außerkrafttreten des Sozialistengesetztes – beginnen lässt, verfehlt allerdings eine entscheidende Pointe. Denn für die Beziehung des Kaiserreichs zur Arbeiterbewegung war das Sozialistengesetz keineswegs ein archaisch-tragischer Anfang, von dem aus es nur aufwärtsgehen konnte. Vielmehr gab es einen langen, wechselhaften Vorlauf von prägender Wirkung für alles Folgende.

Im Deutschen Reich (beziehungsweise vor 1871 in Preußen) erreichte die Industrialisierung ihre volle Dynamik deutlich später als in Großbritannien. Dieser Zeitverzug bildet sich auch in der Geschichte der politischen Auseinandersetzungen um eine institutionalisierte Interessenvertretung der Arbeiterschaft ab. Während in Preußen 1845 erstmals überhaupt ein ausdrückliches Koalitionsverbot erging – eine Maßnahme gegen Gewerkschaften, die es zu diesem Zeitpunkt dort noch gar nicht gab –, war ein solches in Großbritannien bereits 1824 aufgehoben worden.3 Preußen /Deutschland zog erst 1869 beziehungsweise 1871 mit der Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund und anschließend für das Deutsche Reich gleich. Unmittelbar danach vollzog Großbritannien bereits einen weiteren Schritt: 1875 wurden strafrechtliche Sondervorschriften gegen Streiks aufgehoben, 1906 wurden die Gewerkschaften von Schadensersatzansprüchen der von Streiks betroffenen Unternehmen befreit. Eine vergleichbare Anerkennung erlangten die Gewerkschaften in Deutschland erst 1918 mit der Novemberrevolution, also dem Untergang des Kaiserreichs.

Zwar hat Bismarck im Jahr 1869 das Koalitionsverbot aufheben lassen, man darf nur sein Motiv dabei nicht übersehen. Angesichts der unvermeidlichen Konflikte, bis hin zum Krieg, die die ins Auge gefasste Reichsgründung begleiten würden, ging es ihm darum, alle Bevölkerungsgruppen hinter sich zu wissen. Dazu gehörte auch die zahlenmäßig noch nicht umfangreiche Arbeiterschaft, deren Bedeutungszuwachs jedoch unübersehbar war. Bismarcks Verhältnis zu ihr war durchaus auch von – später aufgegebenen – Vorstellungen eines »sozialen Königtums« getragen. Zudem erfolgte die Aufhebung des Koalitionsverbots mit der ausdrücklichen Zustimmung der Unternehmer. Ihnen war klar, dass es dadurch zunächst zu einer Häufung von Streiks kommen könnte, sie gingen aber davon aus, dass sich die Gefahr, ähnlich wie in Großbritannien, letztlich würde einhegen lassen.

(…)


1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Die Thesen von Hedwig Richter treffen sich durchaus mit Hobsbawm oder Polanyi, was die Modernisierung in dieser Zeit angeht. Wenn man als originäre Quelle Dewey ‎Buch „Sozialphilosophie“ heranzieht, das aus Vorträgen unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg in China besteht und Aussagen zu den drängendsten Defiziten und Fragen der Zeit hat, passt das Buch von Richter durchaus und ist treffend von den Aussagen. Er greift ja alles auf was Frau Richter aussagt, genauso auf, Frauenrechte, Demokratie, etc., bei Deweys Buch könnte man auch meinen es wäre 2017 geschrieben.
    Dass es Ideologen gibt, die den Nationalsozialismus Im Bismarckreich verorten ist ja bekannt, diese Ideologen kennen aber nicht die von Richter beschriebenen Demokratie Defizite im Rest der Welt. Man muss immer sehen, das nach dem Nationalsozialismus Menschen weiter gelehrt haben, die ihren Aufstieg in dieser Zeit begonnen hatten und die in irgend einer Form das Geschehen bewältigen mussten, also musste man alles anders integrieren, zum Beispiel im Rahmen des deutschen Sonderwegs.
    Das der Nationalsozialismus aus der Demokratie heraus entstehen kann oder aus der Modernisierung ist nichts neues, aber vor allem bei Marcuse, Horkheimer, Adorno zu finden, aber wenn es um Schuldfragen geht muss man sich Mythen basteln.
    Die Wirklichkeit im Kaiserreich kann man bei Heinrich Mann, Oskar Maria Graf oder Leonhard Frank lesen, letztere beide Aufsteiger aus einfachen Welten. Ludwig Renn hat seinen Beitrag zu Sachsen und dem Militär geleistet.
    Ansonsten gibt es von Jack London noch das Buch „König Alkohol“, in dem er schreibt, er hat für das Frauenwahlrecht gestimmt, damit das Alkoholverbot kommt.
    Dass die Grundlage in dieser Zeit für die Moderne gelegt wurde ist eine richtige These. In den USA wo man keine Kriegszerstörung hatte, gingen dann entsprechende Entwicklungen viel früher los.
    Friedrich von Bodelschwingh den Richter erwähnt, ist eines der interessantesten Beispiel für einen konservativen Modernisierer.
    Ein Aufbruch in die Moderne fand ohne Zweifel statt, aber der ist eben begleitet, von allen Widersprüchen und Problemen die bekannt sind, aber deswegen sind die Oswald Spenglers, Ortega y Gassets, Malapartes, Evolas nicht Teil der Regierungen, deren Vordenker sie waren.
    Insoweit sind die Thesen von Richter interessant und richtig, aber sie kommen aus einem pragmatischen Verständnis heraus und Pragmatismus hat einen schlechten Ruf in Deutschland, obgleich genau dieser das moderne positive Amerika geschaffen hat.

Schreibe einen Kommentar zu Reiner Girstl Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.