Bewaffnete Organe: Sensory Warfare. Sinneskolumne

Der Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan im Sommer dieses Jahres wurde weithin als Kapitulation wahrgenommen. Schnell standen die zurückgelassenen »afghanischen Verbündeten« nicht nur im Fokus der Nachrichtentexte, sondern auch in dem der Kameras. Neben den Bild-Ton-Reportagen, in denen Schüsse zu hören und Menschen zu sehen waren, die sich vor dem Kabuler Flughafen drängten, während sich Einzelne in ihrer Verzweiflung an das Fahrwerk einer startenden Maschine hängten, fand ein Standbild besonders viel Aufmerksamkeit.

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2021, Merkur # 871 erschienen.)

Das hochformatige Foto datiert vom 15. August 2021 und zeigt das Innere einer U.S. Air Force C-17 Globemaster III, eines Transportflugzeugs, das sich laut Bildlegende auf dem Weg ins Emirat Qatar befindet. Männer, Frauen und Kinder in ziviler Bekleidung füllen die Fläche des Laderaums restlos aus. Nach Angaben der Agentur Reuters handelt es um 640 Personen in der für maximal 134 Passagiere ausgelegten Globemaster. Auf dem Foto laufen die Bordwände der Maschine als zwei Bilddiagonalen im 45-Grad-Winkel aufeinander zu, zwischen ihnen verliert sich die Menschenmenge, aus der im Vordergrund noch Gesichter herausstechen, zur anonymen Masse. Der Fluchtpunkt befindet sich mittig im oberen Bilddrittel in der Rückwand des Laderaums: ein schwarzes Rechteck, aus dem die Menschen herausgeströmt zu sein scheinen.1

Auch wenn zum Zeitpunkt der Veröffentlichung über die genauere Bestimmung und das weitere Schicksal der Flüchtenden nichts bekannt sein konnte, kehrte das Foto die Kausalität bildlich geradezu um: Afghanistan als schwarzes Loch, aus dem die US-Airforce unter unbürokratischer Ignorierung der Beförderungsbestimmungen Leitplanken in die Freiheit gewiesen hatte. Diese Umkehrung ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil das historische Momentum des Truppenabzugs genau gegenteilig gewertet wurde. Den Kommentaren zufolge hatte der »überhastete« Abzug erst das Machtvakuum geschaffen, dem die Menschen nun schutzlos ausgeliefert waren. Jene 640 Personen ins Bild zu setzen hieß gleichzeitig, die vielfache Zahl von Menschen auszublenden, denen eine Ausreise eben nicht möglich war.

Die emotionale Wucht des Fotos war enorm. Es wurde tausendfach in Netzwerken geteilt und kommentiert, besonders in Deutschland, denn hier traf es mit einer Meldung zusammen, derzufolge die Luftwaffe der Bundeswehr eine Maschine mit nur 17 Menschen in Kabul hatte starten lassen. In etlichen Posts wurde das US-Foto mit demjenigen aus dem Innenraum einer deutschen Maschine kontrastiert, in der nur eine Handvoll Menschen saßen. Dass dieses Foto allerdings bereits aus dem Jahr 2017 stammte, ging dabei ebenso unter wie die Quelle des US-Fotos.

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