Crossy Road (Ein Text über Liebe)

Ich hatte gefragt, ob er lesen wolle, was ich hier über Crossy Road schreiben würde. Nicht unbedingt. Aber wenn du darin vorkommst? Was ich denn schreiben würde, wollte er wissen.

Der mir zufällig zugewiesene Name bei Crossy Road lautet »Singender Entdecker 48«, und als solcher erziele ich langsame Lernerfolge dabei, durch hektisches Tippen auf den Touchscreen meines Smartphones Spielfiguren dazu zu nötigen, durch eine Landschaft aus Straßen, Flüssen, Wiesen und Eisenbahnschienen zu hopsen. Crossy Road ist ein Videospiel, das man auf ein Smartphone lädt und das davon handelt, dass wir alle irgendwann sterben werden. Ich spiele es seit unserem Urlaub im Sommer, als er sich mit dem Spiel von seiner Flugangst ablenkte und ich wissen wollte, womit.

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2021, Merkur # 871 erschienen.)

Das Sterben ist in Crossy Road im Gegensatz zu Flugreisen unausweichlich. Irgendwann bei nicht vollkommen gespannter Aufmerksamkeit oder durch einen ermüdeten Daumen kommt ein Auto von rechts oder ein Laster von links und nietet die niedliche Figur um, die man für diese Runde gewählt hat. Oft entsteht dabei ein nur so gerade eben nicht ekelhaftes, schmatzendes Geräusch. Manchmal ploppt auch eine Art Polaroid auf, das den Unfall in den groben Details dokumentiert, die die Ästhetik des Spiels zulässt: Zwei weiße Ausrufezeichen akzentuieren das Missgeschick beispielsweise des Weihnachtselfs, der eben noch keckernd und behagliche Laute ausstoßend über die Straße trollte, nun aber als undefinierbarer grün-weiß-roter Roadkill immer weiter von fühllosen Fahrzeugen überrollt wird, sofern man sich nicht entscheidet, ihn oder eine andere Figur durch erneutes Drücken von »Play« wieder zum Leben zu erwecken.

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