Eine kurze Geschichte der Betroffenheits(kritik) in der Bundesrepublik

Anfang des Jahres entbrannte eine rege Debatte um Identitätspolitik, deren Hitze immer noch nicht erloschen ist. Im Zentrum des Feuers stand Wolfgang Thierse mit seiner Warnung vor den Gefahren einer »cancel culture«, welche die Gesellschaft spalte. In einem Radio-Interview hatte Thierse unter anderem erklärt: »Aber unsere Tradition seit der Aufklärung ist doch die, nicht die Betroffenheit, nicht das subjektive Empfinden darf entscheidend sein, sondern das vernünftig begründende Argument, das muss uns miteinander verbinden, das muss den Diskurs strukturieren. Denn sonst ist klar: Thierse ist ein alter weißer heterosexueller Mann. Seine Ansichten sind so definiert und damit ist der Fall erledigt.« 1

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2021, Merkur # 871 erschienen.)

Was Thierse in diesem Auszug verhandelt, ist die Legitimität von Diskriminierungserfahrungen im politischen Diskurs. Dass er dafür den Begriff »Betroffenheit« verwendet, ist kein Zufall. Vielmehr verweist dessen wechselvolle Begriffsgeschichte auf Voraussetzungen, welche die aktuelle Debatte prägen.

Ursprünglich war »Betroffenheit« vor allem in der bundesrepublikanischen Verwaltungssprache gebräuchlich. Damit wurde der »soziale Umfang von Planungen und Entscheidungen umrissen«. In den 1970er Jahren wanderte der Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und erlebte eine »atemberaubende Karriere«. Verwendet wurde er vor allem im alternativen Milieu, von Selbsthilfegruppen, neuen sozialen Bewegungen, Bürgerinitiativen und den diese neuen Phänomene beobachtenden Sozialwissenschaften. 2 In diesem Prozess bewegte sich »Betroffenheit« aus der Enge eines »metrisch objektivierbaren Definitionskriteriums« heraus und bekam zusätzlich die subjektive Dimension der Selbsteinschätzung: Betroffen war man nicht nur, sondern häufig fühlte man sich auch so. 3

Diese emotionale Qualität, auf die auch Thierse anspielt, knüpfte an ältere Verwendungsformen an, wonach Betroffenheit etwa in Trauerbekundungen eine mitfühlende Anteilnahme meinte, die auf einmal aber eine politische Bedeutung bekam: Mit Bezug auf das individuelle Gefühlsempfinden wurden nun politische Forderungen formuliert. Deshalb galt es, die eigenen Gefühle zu erforschen und wertschätzen zu lernen. Dies war Ausdruck eines veränderten Verhältnisses zum Selbst, das sich in unterschiedlichen Subjektivierungspraktiken konstituierte.

Bezeichnungen wie »neue Subjektivität« und »neue Sensibilität«, mit denen literarische Strömungen der 1970er Jahre beschrieben wurden, verweisen auf die neue emotionale Expressivität dieser Zeit. Allerdings kann Betroffenheit nicht auf diese subjektive Dimension reduziert werden beziehungsweise war das Gefühl eingebunden in vielfältige politische Projekte. Weil sich Menschen betroffen fühlten, kamen sie zusammen, um sich politisch zu behaupten, um Unterdrückung zu bekämpfen oder um gegen Großprojekte wie den Bau von Atomkraftwerken oder neuen Landebahnen zu protestieren.

Betroffenheit war eine Ressource, um Solidarität zu mobilisieren, und teilweise auch ein Instrument, um Problemlagen überhaupt erst erkennen zu können. Verwandt mit Aussprüchen wie »Das Private ist politisch« und »Politik der ersten Person« markierte Betroffenheit eine Neuaushandlung der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. In den Zerfallsprodukten der Achtundsechzigerbewegung der Frankfurter Spontis etwa oder in der neuen Frauenbewegung und insgesamt im alternativen Milieu verwies Betroffenheit auf eine Ablehnung von Stellvertreterpolitik. Weil sie etablierten politischen Akteuren misstrauten, wollten Betroffene selbst ihre Interessen artikulieren und politisch einfordern. Damit war auch ein Bewusstwerdungsprozess gemeint, der die Gruppe als politisches Subjekt und Gemeinschaft erschuf. So erfahre eine Frau zum Beispiel ihre Unterdrückung nicht mehr nur als individuelles, privates Problem, sondern sehe die gesellschaftlichen Strukturen der Diskriminierung, die dadurch angreifbar werden. 4

Die Beseitigung allgemeinen Unrechts war mit dem Bezug auf Betroffenheit mindestens genauso wichtig wie gesellschaftliche Anerkennung in einem bestimmten Bereich selbstbewusst einzufordern. Die Soziologin Maria Mies warb bei ihren Kolleginnen darum, sich zunächst als Frau und danach als Wissenschaftlerin zu sehen, weil sonst die Identifikation »mit den Privilegien ihrer Klasse […] häufig ihre Betroffenheit als Frau (d.h. als Unterdrückte)« überwiegen. Für eine feministische Sozialwissenschaft reiche es eben nicht aus, dass Frauen zum Thema würden, die Haltung der Forscherin zu ihren Gegenständen müsse sich verändern: »Der Forschungsprozess wird zu einem Bewusstwerdungsprozess, sowohl für die bisherigen Forschungs›subjekte‹ als auch für die bisherigen Forschungs›objekte‹.« 5

Ebenso entwarfen etwa – um ein weniger bekanntes Beispiel zu nennen – die Autoren Franco Biondi und Rafik Schami 1981 ein schriftstellerisches Programm für das, was bis dahin eher abwertend als Gastarbeiterliteratur verhandelt wurde. In Literatur der Betroffenheit machten sie nicht nur darauf aufmerksam, dass dem Literaturbetrieb die ästhetischen Kategorien fehlten, um dieses besondere literarische Feld zu bewerten, sondern thematisierten auch die gemeinsame Erfahrung, die Literaten mit unterschiedlichem Migrationshintergrund vereine: Erlebnisse von Entwurzelung, Anfeindung und die Suche nach Heimat.

Diese Betroffenheit zu erkennen, markierte für Biondi und Schami einen Schritt hin zur politischen Bewusstseinsbildung, »denn sie bietet die Möglichkeit, unser Problem nicht als ein individuelles Problem eines Mustafa aus Istanbul oder eines Jannis aus Kilkis anzusehen, der Pech hatte, zur falschen Zeit gekommen zu sein, in der falschen Fabrik gearbeitet und im falschen Ort gewohnt zu haben, sondern als ein gemeinsames Problem von über 4 Millionen, ja von 60 Millionen Bürgern der Bundesrepublik«.

Aus der Diskriminierungserfahrung heraus erschien die Gesellschaft nicht als harmonische Einheit, in der sich das vernünftige Argument durchsetzt, sondern als Ort der Selbstbehauptung, deshalb solle die Literatur der Betroffenheit »nicht nach Versöhnung suchen, denn es hat den Unterdrückten nie geholfen, den Unterdrücker um Milde zu bitten«. Selbstbewusst und solidarisch kämpften die Autoren nicht nur für gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern zugleich für einen Platz im Literaturbetrieb. 6

Auch in Selbsthilfegruppen, die sich zu dieser Zeit dezidiert als politisch verstanden, organisierten sich Menschen und demonstrierten das »Expertentum des Betroffenseins« (Michael Lukas Moeller), um die Hierarchie im Arzt-Patienten-Verhältnis zu problematisieren. Es ging dabei darum, individuelle Gefühle und Erfahrungen ernst zu nehmen und zum Ausgangspunkt für politische Ansprüche zu verstehen. 7

Indirekter auf Unterdrückungserfahrungen bezog sich Betroffenheit in der damaligen Diskussion um Geschichtsvermittlung und in der »Dritte-Welt«-Bewegung. Für die in den frühen achtziger Jahren aufblühenden Geschichtswerkstätten war Betroffenheit eine Referenz, um vor Ort die Geschichte von unterdrückten und marginalisierten Menschen (vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus) zu erzählen. Es ging den Geschichtsbewegten aber nicht nur um Aufklärung, sondern auch darum, sich selbst in eine widerständige Tradition zu stellen, im »Erinnerungsprotest« (Jenny Wüstenberg) subjektive Erfahrungen in der Gemeinschaft zu sammeln und die Erinnerungslandschaft der Bundesrepublik zu demokratisieren.

Betroffenheit bedeutete also zum einen eine identifikatorische Haltung gegenüber den historischen Akteuren, andererseits aber auch, diese durch Oral-History-Interviews selbst zu Wort kommen zu lassen. 8 In der »Dritte-Welt«-Bewegung erschien Betroffenheit als Möglichkeit, die Kluft zwischen »Erster« und »Dritter« Welt durch ethischen Konsum und eine moralische Haltung zu überbrücken. 9

In den siebziger und frühen achtziger Jahren war Betroffenheit vor allem eine politische Kategorie und wurde von Sozialwissenschaftlern als demokratischer Mobilisierungsfaktor diskutiert. Partizipationstheorien kamen kaum noch ohne den Begriff aus, und Soziologen wie Bernd Guggenberger beschworen die »neue Macht der Minderheiten«, denn die »Bereitschaft von ›Betroffenen‹, sich sachkundig zu machen, ist signifikant höher als die der nicht betroffenen ›Normalbürger‹«. 10 »Betroffenheit und Partizipation« seien, so die Politikwissenschaftlerin Brigitte Rauschenbach, »strategisch gesehen Komplementärbegriffe«; »Betroffenheit und Akzeptanz« aber Gegensätze: »Wo Akzeptanz ist, ist Betroffenheit nicht.« 11

Als Partizipationsvokabel war »Betroffenheit« in einer durchpolitisierten Gesellschaft entstanden. Nie zuvor und nie wieder danach war etwa die Wahlbeteiligung so hoch wie in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Gespeist war diese Bezugnahme auf Betroffenheit meist aus einer Ohnmachts- oder Diskriminierungserfahrung, sie entsprach der Vorstellung, dass man sich einen Platz in der Gesellschaft gemeinsam erkämpfen müsse. Häufig ging es dabei sowohl um allgemeine Gerechtigkeitsfragen und um die Ermächtigung von bisher Ausgeschlossenen als auch um ganz konkrete Veränderungen vor Ort. Zu dieser Zeit scheint es also ein politisches Klima gegeben zu haben, das die Artikulation von Protest begünstigte und diesen nicht zwangsläufig als gesellschaftsspaltend wahrnahm.

Als politische Kategorie entstand »Betroffenheit« in der Bundesrepublik fast zeitgleich und mit einer ähnlichen Bedeutung wie »identity politics« in den USA. Das Combahee River Collective, eine sozialistische Organisation schwarzer lesbischer Frauen, beschrieb 1977 damit den Kampf gegen eine spezifisch erfahrene Unterdrückung. Auch hier ging es um eine Ablehnung von Stellvertreterpolitik und um die befreiende sowie solidarisierende Kraft, die in der Benennung von Formen der Diskriminierung liegt, die sich im vermeintlich Privaten abspielt. 12

Während im amerikanischen Fall Aktivistinnen selbst eine neue Formulierung für Protest entwickelten, bediente man sich in Deutschland begrifflich gewissermaßen bei der Obrigkeit. Anders als in den Vereinigten Staaten handelte es sich bei »Betroffenheit« auch nicht um ein rein linkes Projekt. Bürgerinitiativen gründeten sich etwa auch, um die Umwandlung eines Gymnasiums in eine Gesamtschule zu verhindern. 13 Ebenso kam die Kritik nicht nur von Konservativen. Der Bedeutungsaufschwung von »Betroffenheit« war Ausdruck einer Neusortierung der politischen Landschaft in der Bundesrepublik, wie er sich auch in der Gründung der Grünen zeigte, die ihre Andersartigkeit zu den etablierten Parteien durch den Rückgriff auf die Sprache und Praktiken der neuen sozialen Bewegungen demonstrierten und Betroffenheit dabei einen zentralen Platz einräumten. 14

Kritische Stimmen verengten Betroffenheit auf eine emotionale Einfühlung, die im Gegensatz zu Rationalität stünde und deren Aufrichtigkeit sie anzweifelten; sie verstanden sie lediglich als Pose, die keinen politischen Gehalt besaß. Für Konservative, die sich allgemein gegen eine Erweiterung des Politikverständnisses stellten und für die »Demokratisierung« ein Schreckgespenst war, stellte auch Betroffenheit ein Problem dar. Der bayrische Kultusminister Hans Maier etwa sorgte sich 1977, dass »der Vorwurf, die Betroffenen seien nicht beteiligt oder nicht gehört worden, bereits heute zu den schlimmsten emotionalen Verdikten in unserer Gesellschaft« zu zählen sei, und sprach sich explizit dafür aus, politische Entscheidungen gewählten Repräsentanten zu überlassen. 15

Das scheint innerhalb des konservativen Milieus aber eine Extremposition gewesen zu sein, verbreiteter war wohl eher die Haltung des Publizisten Rüdiger Altmann, der anerkannte, dass Betroffene an Entscheidungen vor Ort beteiligt werden müssten, allerdings betonte: »Wenn in Wiesbaden 100 000 Leute gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens demonstrierten, dann stammten davon allenfalls 20 000 aus der Region selbst, sie allein waren also Betroffene im eigentlichen Sinn, während 80 000 von irgendwo anders herkamen.« 16

Auch von links kam Kritik: Auf dem Weg zum Parlamentarismus war-fen die ehemaligen Spontis Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit nicht nur ihre Anti-Stellvertreterpolitik über Bord, sondern distanzierten sich allgemein von Betroffenheit als politischer Praxis. Fischer fragte 1984: »Seien wir doch ehrlich: Wer von uns interessiert sich denn für Wassernotstände im Vogelsberg, für Stadtautobahnen in Frankfurt, für Atomkraftwerke irgendwo, weil er sich persönlich betroffen fühlt?« 17 Innerhalb der Frauenbewegung wurden Stimmen laut, die zwar nicht komplett mit dem Konzept brachen, aber nachdenklich fragten, ob die Bewegung sich durch die Norm »Betroffenheit-geht-vor-Inhalt« einer notwendigen Form der Selbstkritik beraube. 18 Mit der Erosion des alternativen Milieus in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wurde die Kritik an Betroffenheit lauter und schärfer.

Aus der »Literatur der Betroffenheit« wurde Ende der achtziger Jahre »Betroffenheitsliteratur« – eine abschätzige Bezeichnung der Kritik, um Büchern den literarischen Wert abzusprechen und ihren Inhalt auf persönliche Befindlichkeiten oder das politische Engagement zu reduzieren. Der Literaturbetrieb schien sich doch nicht so bereitwillig neuen Formen zu öffnen, wie Schami und Bondi gehofft hatten. So konstatierte die Literaturwissenschaftlerin Immacolata Amodeo noch 1996, dass »eine Analyse der ästhetischen Strukturen der Texte ausländischer Autoren in der Bundesrepublik noch aussteht«. 19

»Die Sprache der ›Betroffenheit‹« war Ende der 1980er Jahre jedoch so weit in den Alltagsgebrauch eingedrungen, dass sie zum Gegenstand linguistischer Untersuchungen wurde. Der Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs ging 1988 davon aus, dass sie dem alternativen Milieu mit seiner eigentümlichen Kombination aus Umgangssprache und psychologischem Fachjargon entsprungen war und erklärte ihre Popularität mit einer emotionalen Überschussreaktion: Die jahrzehntelange Nichtbetroffenheit der Deutschen von der NS-Vergangenheit habe in den 1980er Jahren zur Gegenreaktion geführt, zu einer Sprache, die permanent Emotionalität auszudrücken versuche, aber letztlich vor dem eigentlichen Gefühl zurückschrecke. Es sei eine Sprache, die »vom zwanghaften Wunsch nach Übereinstimmung, nach gefühlsmäßiger Harmonie« geprägt sei und »immer Schwierigkeiten mit der Sachlichkeit« habe. 20

Henryk M. Broder erkannte in dem Begriff »ein Wort für alle Lebens- und Gemütslagen«. 21 Cora Stephan, ehemaliges Mitglied der Frankfurter Spontiszene, sprach 1993 gar von einem »Betroffenheitskult«. Demnach habe sich die Bundesrepublik seit 1968 in einem behaglichen und moralischen Lebensgefühl eingerichtet, das angesichts der politischen Notwendigkeiten der Wiedervereinigung überholt sei. Betroffenheit verstand die Autorin als Gesprächs- und Verhaltensmuster, das auf Konsens zielt, die Auseinandersetzung scheut und Gemeinschaft suggeriert. Es habe politische Führungskompetenz mit ihren Sekundärtugenden durch eine Politisierung des Privaten ersetzt, deren Währung in »Befindlichkeitsvokabeln« wie »Glaubwürdigkeit« und »Gefühlssprech« gemessen werde und einen »Opferkult« befördere, der sich unterdrückt fühlenden Menschen den Status der Unanfechtbarkeit einräume. Die Lösung sah die Autorin in der Rückbesinnung auf ein klassisches Verständnis von Politik, einer »Demokratie mit strengem Regelwerk anstelle einer ›Demokratisierung‹, die die Grenzen des Engagements der Bürger längst überschritten hat«. 22

An den Universitäten hatte die Geschichtsbewegung mit der Erforschung der Alltagsgeschichte Nischen besetzen können, wurde aber von etablierten Gatekeepern massiv kritisiert. Der einflussreiche Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler bemängelte an diesem Ansatz, dass er Engagement über wissenschaftliche Methodik stelle und zugleich nur Aufschluss über »punktuelle individuelle ›Betroffenheit‹« biete statt über strukturelle Probleme. 23

In der Holocaust-Forschung wiederum war von Anfang an umstritten, wie emotional beziehungsweise sachlich über die schwer vorstellbaren Verbrechen geschrieben werden sollte. Seit Ende der 1980er Jahre spitzte sich diese Debatte auf den Gegensatz Betroffenheit versus Nüchternheit und Sachlichkeit zu. Am Rande drückte sich das schon im Historikerstreit aus. Besonders deutlich wurde es in der Auseinandersetzung deutscher Historiker mit Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker Mitte der 1990er Jahre. »Betroffenheit« erschien in dieser Debatte als das Gegenteil von Aufklärung und als hochproblematische Identifikation der Deutschen mit den Opfern der Nationalsozialisten, die eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen verhinderte. Eine jüngere Generation von Historikern, welche die NS-Vernichtungspolitik nun endlich empirisch erforschte, versuchte sich mit Nüchternheit und Sachlichkeit von den stark moralisch argumentierenden Ansätzen abzusetzen, welche die Auseinandersetzung mit dem Faschismus zuvor geprägt hatten.

Allgemein schien in den neunziger Jahren eine distanzierte Coolness en vogue, die sich auch von der zuvor im alternativen Milieu beschworenen warmen Nähe abgrenzte. Der ehemalige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs prägte 1995 in einem Spiegel-Interview das journalistische Selbstverständnis nachfolgender Generationen mit folgendem Ausspruch: »Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.« 24

Spätestens Mitte der neunziger Jahre entickelte sich die emphatische Beschwörung von Betroffenheit zu einem Phänomen, das der Vergangenheit angehörte und nur noch lächerlich wirkte. Die Punkband … But Alive verspottete es 1995 in dem Lied Betroffen aufessen, drei Jahre später, in der zweiten Auflage des Wörterbuch des Gutmenschen, war es Joseph von Westphalen fast schon zu blöd, »Betroffenheit« zu kritisieren, da »die Kritik am Betroffenheitsgerede schon ebenso zu einem Klischee wie das Betroffenheitsgerede selbst« geworden sei.

Von einer Ressource für gemeinschaftliche Anerkennungskämpfe schrumpfte die Bedeutung des Begriffs zusammen auf eine unpolitische Gefühlskommunikation. Sie erschien als Ausdruck einer Gemeinschaft, die nicht Gesellschaft sein wollte und der es an Streitlust mangelte. Mit »Betroffenheit« wurde aber nicht nur eine emotionale Sprache kritisiert, sondern – ob bewusst oder nicht – eine Form des politischen Protests diskreditiert, der auf eigene Erfahrungen rekurrierte.

Dafür gibt es heute den Begriff »Identitätspolitik«, doch war der Weg dahin verschlungen und von Beginn an steinig. Als »Betroffenheit« Mitte der 1990er Jahre seine Bedeutung als Protestvokabel eingebüßt hatte, tauchte »Identitätspolitik« in Debatten feministischer und lesbischer Bewegungen sowie bei Autonomen vereinzelt auf. Allerdings blieb diese Bezugnahme vor allem auf den akademischen Raum begrenzt und der Begriff von Anfang an umstritten, so konnte er nicht die gesellschaftliche Breite wie »Betroffenheit« in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre erreichen. Mir scheint sogar, dass »Identitätspolitik« im neuen Jahrtausend in pejorativer Verwendung überhaupt erst popularisiert wurde.

Die Kritik an der Identitätspolitik knüpfte dann auch nahtlos an die Betroffenheitskritik an. 25 Die positive Besetzung des Begriffs scheint vielmehr eine Reaktion auf die Kritik gewesen zu sein: Wessen Ziele als identitätspolitisch angegriffen werden, verteidigt »Identitätspolitik«. 26 Ironischerweise wird nun Identitätspolitik, die nur von wenigen vertreten wird, das Potential für soziale Spaltung zugesprochen. Die Begriffsgeschichte allerdings legt eher nahe, dass die Gesellschaft nicht notwendigerweise auseinanderbricht, nur weil Gruppen aufgrund gemeinsamer Erfahrungen gesellschaftliche Anerkennung fordern. Man kann das ebensogut auch als Ausdruck einer gesunden Demokratie verstehen, in der unterschiedliche Interessen im Wettstreit stehen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. »Ziemlich demokratiefremd«. Wolfgang Thierse im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann. In: Deutschlandfunk vom 25. Februar 2021 (www.deutschlandfunk.de/wolfgang-thierse-spd-ueber-identitaetspolitik-ziemlich.694.de.html?dram:article_id=493111).
  2. Otthein Rammstedt, Betroffenheit – was heißt das? In: Hans-Dieter Klingemann (Hrsg.), Politische Psychologie (Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft Nr. 12/1981). Wiesbaden: Springer Fachmedien 1981.
  3. Brigitte Rauschenbach, Betroffenheit als Kategorie der Politischen Psychologie. In: Helmut König (Hrsg.), Politische Psychologie heute (Leviathan, Sonderheft 9/1988). Opladen: Westdeutscher Verlag 1988.
  4. Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Berlin: Suhrkamp 2014.
  5. Maria Mies, Methodische Postulate zur Frauenforschung – dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr. 1, 1978.
  6. Franco Biondi /Rafik Schami, Literatur der Betroffenheit. Bemerkungen zur Gastarbeiterliteratur. In: Christian Schaffernicht (Hrsg.), Zu Hause in der Fremde. Ein bundesdeutsches Ausländer-Lesebuch. Fischerhude: Verlag Atelier im Bauernhaus 1981.
  7. Maik Tändler, Das therapeutische Jahrzehnt. Der Psychoboom in den siebziger Jahren. Göttingen: Wallstein 2016.
  8. Jenny Wüstenberg, Zivilgesellschaft und Erinnerungspolitik in Deutschland seit 1945. Berlin: LIT-Verlag 2020.
  9. Vgl. David Kuchenbuch, »Fernmoral« – Zur Genealogie des glokalen Gewissens. In: Merkur, Nr. 807, August 2016; Benjamin Möckel, Postkolonialwaren. »Dritte-Welt-Läden« – Utopie und Heterotopie eines gerechten Handels. In: Zeithistorische Forschungen, Nr. 3, 2020 (zeithistorische-forschungen.de/3-2020/5880).
  10. Bernd Guggenberger, Die neue Macht der Minderheit. In: Merkur, Nr. 416, Februar 1983.
  11. Brigitte Rauschenbach, Betroffenheit als Kategorie der Politischen Psychologie. In: Helmut König (Hrsg.), Politische Psychologie heute.
  12. Kevin Vennemann, In der Nähe sprechen. In: Merkur, Nr. 868, September 2021.
  13. Patrick Wagner, Bürgerinitiative – Betroffenheit – Selbstbestimmung. Die »Partizipatorische Revolution« in der Bundesrepublik der 1970er Jahre und ihre Sprache. In: Manfred Hettling /Tino Schölz (Hrsg.), Bürger und shimin. Wortfelder, Begriffstraditionen und Übersetzungsprozesse im Deutschen und Japanischen. München: Iudicium 2015.
  14. Silke Mende, »Nicht rechts, nicht links, sondern vorn«. Eine Geschichte der Gründungsgrünen. München: Oldenbourg 2011.
  15. Hans Maier, Sprache und Politik. Essay über aktuelle Tendenzen – ein Briefdialog mit Heinrich Böll. Zürich: Edition Interfrom 1977.
  16. Rüdiger Altmann zit. n. dem Protokoll zum 70. Bergedorfer Gesprächskreis 1981.
  17. Zit. n. Wolfgang Kraushaar, Die Frankfurter Sponti-Szene. Eine Subkultur als politische Versuchsanordnung. In: Archiv für Sozialgeschichte, Nr. 44, 2004; Daniel Cohn-Bendit, Tyrannei der Mehrheit – Tyrannei der Betroffenheit. In: Lutz Erbring u.a. (Hrsg.), Medien ohne Moral. Variationen über Journalismus und Ethik. Berlin: Argon 1988.
  18. Hilge Landweer, Politik der Subjektivität – Praxis ohne Theorie? In: Ruth Großmaß /Christiane Schmerl (Hrsg.), Philosophische Beiträge zur Frauenforschung. Bochum: Germinal 1981.
  19. Immacolata Amodeo, »Die Heimat heißt Babylon«. Zur Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996.
  20. Uwe Hinrichs, Die Sprache der »Betroffenheit«. In: Sprachreport, Nr. 4/3, 1988; vgl. auch den selbstironischen Eintrag in: Wolfgang Prosinger, Das rabenstarke Lexikon der Scene-Sprache. Der große Durchblick für alle Freaks, Spontis, Schlaffis, Softies, Flipper und Hänger sowie deren Verwandte und sonstige Fuzzis. Frankfurt: Eichborn 1984. Dagegen beißender Spott bei Eckhard Henscheid, u.a., Dummdeutsch. Ein satirisch-polemisches Wörterbuch. Frankfurt: Fischer 1985.
  21. Henryk M. Broder, Über jüdische Distanzierung und deutsche Betroffenheit. In: Andreas Wojak (Hrsg.), Schatten der Vergangenheit. Deutsche und Juden heute. Gütersloher Verlagshaus Mohn 1985.
  22. Cora Stephan, Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte. Berlin: Rowohlt 1993.
  23. Hans-Ulrich Wehler, Alltagsgeschichte. Königsweg zu neuen Ufern oder Irrgarten der Illussion? In: Ders., Aus der Geschichte lernen? Essays. München: Beck 1987.
  24. »Cool bleiben, nicht kalt«. Interview mit Hanns Joachim Friedrichs. In: Spiegel vom 26. März 1995. Vgl. auch Ulf Poschardt, Cool. Reinbek: Rowohlt 2002. Oder Paul Noltes Beschreibung seiner eigenen Generation als »Neuauflage einer ›skeptischen Generation‹«, die über die Wirklichkeit nur noch mit ironischer Distanz sprechen könne (Paul Nolte, Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik. München: Beck 2004). Die Wiederentdeckung von Helmuth Plessners Grenzen der Gemeinschaft, auf das sich Cora Stephan stark bezog, scheint mir auch darauf hinzudeuten.
  25. Thomas Meyer verwendet allerdings den Begriff »Betroffensein«(Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede. Frankfurt: Suhrkamp 2001). Im Spiegel führte der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer den Begriff »Identitätspolitik« ein und verband ihn mit einer Kritik an Betroffenheit. Jan Fleischhauer, Westerwelle – eine antizyklische Verteidigung. In: Spiegel Online vom 24. Januar 2011 (www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-der-schwarze-kanal-westerwelle-eine-antizyklische-verteidigung-a-740811.html); ders., Qualifikation? Sie ist doch Deutsch-Türkin! In: Spiegel Online vom 9. Mai 2011 (www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-der-schwarze-kanal-qualifikation-sie-ist-doch-deutsch-tuerkin-a-761402.html).
  26. Das zeigt sich z.B. im Missy Magazine: Bis 2016 erschienen dort nur Artikel, in denen Autoren und Autorinnen ihre Ablehnung gegenüber Identitätspolitik ausdrückten. Literaturwissenschaftlerin Dominique Haensell bricht in Der böse, böse Essenzialismus mit dieser Linie, die schon im Untertitel deutlich als Reaktion auf Angriffe verstanden werden kann: »Warum die Kritik an antirassistischen Identitätspolitiken nicht nur unsolidarisch ist, sondern auch echte Koalitionen verunmöglicht«. In: Missy Magazine vom 4. November 2016 (missy-magazine.de/blog/2016/11/04/der-boese-boese-essenzialismus/).

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