Die Mittelschichtsgesellschaft als Projektion: Wie soziologische Zeitdiagnose gesellschaftliche Selbstbilder nachzeichnet und dabei ihren Gegenstand verfehlt

Soziologische Zeitdiagnosen sind – wo sie erfolgreich sind – Beiträge zur gesellschaftlichen Selbstverständigung, wirken also an der Konstitution ihres Gegenstands mit. Die Anschlussfähigkeit einer Zeitdiagnose in der öffentlichen Debatte erweist sich darin, inwiefern sie der Gesellschaft hilft, ihr Selbstverständnis zu finden. Die Zeitdiagnose muss ein Deutungsangebot vorlegen, das den praktischen Alltagserfahrungen der Rezipientinnen und Rezipienten nicht grundlegend widerspricht und auch theoretisch nah genug am Vertrauten bleibt, um nachvollzogen werden zu können; und sie muss zugleich eine neue Sicht der Dinge anbieten, die dabei hilft, gesellschaftliche Probleme so zu fassen, dass sie bearbeit- oder zumindest hinnehmbar werden. Das bedeutet, dass eine erfolgreiche Zeitdiagnose, unabhängig von ihrer fachlichen Qualität, immer auch ideologisch in dem Sinn wirkt, dass sie standpunktgebundene Sichtweisen und Bewertungen bestätigen muss, um wirken zu können. Das macht es aber auch für eine Soziologie soziologischer Zeitdiagnosen interessant, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: Warum wird eine Zeitdiagnose gesellschaftlich aufgenommen? Was lernt eine Gesellschaft über sich selbst, und was versäumt sie zu lernen, wenn sie sich darin wiederzuerkennen meint?

(Dieser Text ist im Januarheft 2022, Merkur # 872 erschienen.)

Mit solch einem Blick wollen wir uns dem in den letzten Jahren breiten Diskurs über die »Krise« der Mittelschichten und insbesondere Andreas Reckwitz’ Krisendiagnose, als avanciertestem und einflussreichstem Beitrag, nähern. Es gibt wohl kein soziologisches Buch der vergangenen Dekade, das derart breit in der politischen Landschaft rezipiert wurde, wie dessen Studie zum Ende der Illusionen. 1 Politiker wie Christian Lindner, Robert Habeck und Lars Klingbeil haben das Buch in ihre öffentliche Selbstdarstellung einbezogen. 2 Auch Friedrich Merz 3 und Sahra Wagenknecht 4 beziehen sich explizit auf Reckwitz’ Diagnose. 5

Die empirischen und theoretischen Unschärfen dieser Diagnose wurden an anderer Stelle behandelt. 6 Wir wollen uns hier stattdessen wissenssoziologisch darauf konzentrieren, was den offenbar überparteilichen politischen Reiz von Reckwitz’ Deutungsangebot ausmacht. Voraussetzung seines beeindruckenden Erfolgs in der öffentlichen Debatte, so unser Argument, ist ein Beobachtungsfehler: Gegenstand der Diagnose ist – anders als in der Rezeption oft unterstellt – nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit, sondern die gesellschaftliche Selbstbeobachtung. Reckwitz prägt also nicht deshalb die Debatte, weil seine Diagnose »stimmt«, sondern weil sie »passt«. Nicht ihre Realitätsangemessenheit überzeugt, sondern die diskursive Problemlösungskapazität, die sie daraus zieht, dass sie den Selbstdeutungen der Rezipientinnen und Rezipienten entgegenkommt.

Dabei rekonstruiert Reckwitz die derzeitige gesellschaftliche Selbstbeobachtung durchaus korrekt, was aber gerade den Blick dafür verstellt, wie tiefgreifend sich die gesellschaftlichen Verhältnisse inzwischen verändert haben. Wer diese Diagnose der Selbstbilder für »die Sache selbst« nimmt, missversteht infolgedessen die daraus hervorgehenden politischen Konflikte der Gegenwart in einer Weise, die den politischen Kräften aller Seiten entgegenkommt. Wir teilen Reckwitz’ Impetus, als Soziologen zur gesellschaftlichen Selbstverständigung beizutragen, wie auch seine Schwerpunktsetzung auf ein besseres Verständnis der Verbindung von politischen und kulturellen Konflikten der Gegenwart mit den ökonomischen Veränderungen der vergangenen Dekaden. Diese Frage auf die Tagesordnung gesetzt zu haben, ist kein geringes Verdienst. Allerdings sind wir der Ansicht, dass gerade wenn dieser Anspruch eingelöst werden soll, eine Perspektivverschiebung in Bezug auf Reckwitz’ Diagnose erforderlich ist.

Die Wurzeln der Mittelschichtsgesellschaft

Um die Gründe dafür nachvollziehen zu können, muss man bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik zurückgehen, als die Mittelschichtsgesellschaft zum breit geteilten Selbstbild der Gesellschaft wurde. Hier kann man zunächst an Reckwitz selbst anknüpfen. 7 In seiner Rekonstruktion der »Subjektkulturen« der Moderne zeigt er auf, wie die elitäre hegemoniale Kultur der bürgerlichen Moderne seit Anfang des 20. Jahrhunderts in die egalitärere Kultur des »Angestelltensubjekts« überging – forciert in der Weimarer Republik. 8 Sozialstrukturelle Träger dieser »Subjektkultur« waren die sich vergrößernden mittleren Einkommensschichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm diese »Subjektkultur« die kulturelle Hegemonie, so dass man – analog zur »bürgerlichen Gesellschaft« des langen 19. Jahrhunderts – durchaus sinnvoll von der Mittelschichtsgesellschaft der 1950er bis in die erste Hälfte der 1970er Jahre sprechen kann. Diese – auch in anderen westlichen Gesellschaften des »Golden Age« 9 entstandene – Gesellschaftsform ging aus ineinandergreifenden ökonomischen, kulturellen und politischen Veränderungen hervor.

Ökonomisch wurden durch den »Fahrstuhleffekt« eines rapide und verlässlich steigenden Lebensstandards verelendete oder auch nur prekäre Lebenslagen zu Ausnahmen. 10 Fast alle konnten sich immer mehr leisten – Waschmaschine, Fernseher, PKW, Restaurantbesuche, Sommerurlaub. Der »Pauperismus«, der im 19. Jahrhundert den antagonistischen Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit lebensweltlich plausibel gemacht hatte – im Kommunistischen Manifest spielt er eine zentrale Rolle –, schien der Vergangenheit anzugehören. Der herauffahrende Fahrstuhl transportierte zwar auch diejenigen weiter nach oben, die sich bereits in den oberen Stockwerken der Gesellschaft befanden; doch das waren eben weit weniger als diejenigen, die aus dem Souterrain nach oben fuhren.

So transformierte sich die Gesellschaft von einer Pyramide mit breitem Erdgeschoss und schnell kleiner werdenden Obergeschossen zur berühmten »Bolte-Zwiebel« mit ihrem markanten »Mittelschichten-Bauch«. 11 Mitte der 1960er Jahre zählte man demnach 48 Prozent der deutschen Bevölkerung zu den Mittelschichten; weitere 29 Prozent – die »unterste Mitte« plus das »obere Unten« – gehörten entweder auch noch dazu oder befanden sich in der Position einer Anwartschaft auf baldige Aufnahme in die Mittelschicht. Mehr noch: Selbst aus den übrigen Unterschichten, die 17 Prozent der Bevölkerung ausmachten, konnten sich nicht bloß Glückspilze ernsthafte Hoffnungen darauf machen, durch eigene Anstrengung zum Lebensstandard der Mittelschichten aufzuschließen – und wenn nicht sie selbst, dann ihre Kinder, sofern sie die Chancen der einsetzenden Bildungsexpansion nutzten. Übrig blieben ganz oben 2 Prozent Oberschicht und ganz unten 4 Prozent »sozial Verachtete«, die es allenfalls mit großer Selbstdisziplin und nicht wenig Glück schaffen konnten, in die untere Unterschicht vorzustoßen. Anders gesagt: Der Lebensstandard der Mittelschicht schien für die übergroße Mehrheit der Gesellschaft, wenn sie nicht schon dazugehörte, zumindest in greifbare Nähe gerückt.

Kulturell ging mit diesen Veränderungen der Strukturen ökonomischer Ungleichheit einher, dass eine bestimmte, in der »Angestelltenkultur« der Weimarer Republik bereits Konturen gewinnende Vorstellung des »guten Lebens« sich verbreitete und zum hegemonialen Ethos der Lebensführung wurde: investive Statusarbeit als selbstzweckhaftes stetiges Streben danach, den eigenen beruflichen Status im Hinblick auf Einkommen und Karriere zu steigern, also Aufstiegsaspirationen zu realisieren. 12 Dahinter steckte ein Leistungsethos: Aufstiege dürfen nicht bloß auf Glück oder Förderungen oder gute Beziehungen zurückgehen, sondern müssen subjektiv glaubhaft eigener Anstrengung zuschreibbar sein. Dieses Leistungsethos kombinierte sich mit einem Planungsimperativ: Es geht darum, die eigenen Aufstiegsaspirationen systematisch, diszipliniert und Schritt für Schritt langfristig zu verfolgen. Dieses Ethos passte zu den veränderten ökonomischen Gelegenheitsstrukturen und den damit gemachten Erfahrungen. Die Allermeisten lebten nicht länger von der Hand in den Mund, verfügten also über disponible finanzielle Ressourcen, die sie nicht nur als Konsumenten und in der Vermögensbildung – etwa dem Eigenheim – zu neuen Ufern streben ließen. Der Ausbau des Bildungssystems ermöglichte ihnen überdies, in die eigene Karriere und die Bildungs- und Berufschancen der eigenen Kinder zu investieren. Dass sich das lohnte, bewiesen zahlreiche Aufstiegsbiografien.

Politisch war schließlich bedeutsam, dass diese Aufstiegshoffnungen als Interessen der Mittelschicht aufgrund des Wählerpotentials, das diese inzwischen darstellte, von den großen Volksparteien aufgegriffen wurden. Die CDU, die FDP und – spätestens seit ihrem Godesberger Programm aus dem Jahr 1959 – auch die SPD, die um die Mitte kämpften, offerierten, überspitzt gesagt, Variationen über ein Thema: die Verwaltung des Gemeinwohls unter besonderer Berücksichtigung des »Wohlfahrtsstaats der Mittelschichten«. 13 Dessen Ausbau ging über statussichernde Versicherungen gegen die Risiken von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Unfällen sowie Altersarmut hinaus und schloss schnell auch wohnungs-, kultur- und vor allem bildungspolitische Leistungen ein. Basierend auf einem stabilen Wirtschaftswachstum und nationalstaatlich eingehegt, so dass die hier gebürtige und arbeitende Bevölkerung exklusiver Nutznießer dieser Arbeitsmarktchancen und wohlfahrtsstaatlichen Angebote blieb, zeigte sich die Politik dazu in der Lage, die »Teufelsmühle« (Karl Polanyi) des Kapitalismus zumindest lokal und sozial begrenzt zu bändigen und stärker auf die Lebenschancen der Bürgerinnen und Bürger hin auszurichten. Anders als die wenigen verbliebenen marxistischen Beobachter, die sich damit in der Rolle der Ewiggestrigen wiederfanden, immer noch behaupteten, war der Staat nicht länger nur »ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet« (Kommunistisches Manifest), sondern ließ sich zumindest auch als Betriebsrat seiner Bewohner verstehen.

Hinsichtlich der so konstituierten Mittelschichtsgesellschaft stimmten soziologische Gesellschaftsbeobachtung – vor der »Bolte-Zwiebel« bereits prominent in Helmut Schelskys Formel von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« gefasst – und der öffentliche Diskurs gesellschaftlicher Selbstbeobachtung in den wesentlichen Punkten überein. Die Soziologie – die auch Teil des öffentlichen Diskurses war – bescheinigte den Gesellschaftsmitgliedern, kein »falsches Bewusstsein« ihrer sozialen Lage zu haben. Was man sich fürs eigene Leben erhoffte und in seiner Lebensführung anstrebte, war realitätsgerecht, weil es ökonomisch, kulturell und politisch praktisch funktionierte. Die Früchte investiver Statusarbeit waren keine »abstrakte«, sondern, mit Ernst Bloch gesprochen, eine mehrheitsfähige »konkrete Utopie«; und wie man danach zu streben hatte, das mochte anstrengend sein und viel Konformismus abverlangen, aber konnte auf breite gesellschaftliche Anerkennung zählen.

Die erodierende Mittelschichtsgesellschaft

Seit Mitte der 1970er Jahre haben einander überlagernde Veränderungsdynamiken westlicher Gesellschaften im Zusammenwirken an allen drei Grundpfeilern der Plausibilität des Selbstbilds der Mittelschichtsgesellschaft – steigender Wohlstand und gewachsene Mittelschichten, investive Statusarbeit als realistische und vor allem geteilte Mittelschichts-Lebensführung sowie der Wohlfahrtsstaat als politische Repräsentation der Mittelschicht – genagt. Diese Dynamiken sind wohlbekannt, so dass wir hier nur ihre geballte Wirkung auf die Mittelschichtsgesellschaft herausstellen müssen.

So setzte bereits im »Golden Age« kulturell ein Individualisierungsschub ein, der zu einer Pluralisierung von Lebensentwürfen und einer Infragestellung des bis dahin herrschenden »Normalismus« der Lebensführung führte. 14 Die »Gegenkulturen«, etwa der Hippies, die Frauenbewegung, die »neuen sozialen Bewegungen«, aber auch die Konsumdiversifizierung von Lebensstilen einer »Erlebnisgesellschaft« (Gerhard Schulze) unterminierten die kulturelle Hegemonie einer eindimensionalen investiven Statusarbeit.

Zugleich ließ ein geringeres und instabiler werdendes Wirtschaftswachstum ab Mitte der 1970er Jahre erneut die ökonomischen Unsicherheiten und Prekaritäten der »Lohnarbeitsgesellschaft« (Robert Castel) hervortreten. Das gerade erst etablierte und so genannte »Normalarbeitsverhältnis« – gesicherter Arbeitsplatz, gute Bezahlung, so dass bereits ein Einverdienerhaushalt auskömmlich leben konnte und alles darüber hinaus weiteren Komfort ermöglichte, sowie kontinuierliche Einkommenssteigerungen und berufliche Aufstiegschancen – wurde als Versprechen und damit als Entscheidungsgrundlage wieder brüchig.

Kaum hatte man die Devise ausgegeben, der Lebensstandard sei gesichert und man könne sich nunmehr stärker der »Lebensqualität« zuwenden, hieß es für viele: Kommando zurück! Die bis dahin gewachsene Mittelschicht wuchs nicht weiter. Zwar fand keine Schrumpfung in größerem Ausmaß statt. Doch zum einen befürchteten viele, sie könnten innerhalb der Mittelschicht oder gar in die Unterschicht absteigen, und mussten sich mit ihren Praktiken investiver Statusarbeit immer mehr anstrengen – bei sinkenden Erträgen. Zum anderen verloren viele ihre nicht zuletzt am Vorbild der eigenen Eltern erlernten Aufstiegshoffnungen – innerhalb der Mittelschicht, aber vor allem auch in die Mittelschicht hinein. Die für sicher gehaltenen Anwartschaften lösten sich vielfach buchstäblich in Nichts auf.

Dass solche Verunsicherungen von Lebensstandards- und Aufstiegsambitionen um sich griffen, hing schließlich politisch damit zusammen, dass der Wohlfahrtsstaat infolge sinkender Steuereinnahmen aufgrund weniger verlässlichen Wirtschaftswachstums – und gestiegener Exit-Optionen von Unternehmen – sein Leistungs-Portfolio reduzieren und umstellen musste. Immer mehr Geld musste zur Unterstützung derer eingesetzt werden, die kein »Normalarbeitsverhältnis« mehr genossen, und zugleich wurden diesen die Leistungen gekürzt. Im Gegenzug fehlte das Geld für jene wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, die nicht bloß Risiken abfederten, sondern Chancen eröffneten – also vor allem für den Ausbau des Bildungssystems.

Zwar ist die Basis der Mittelschichtsgesellschaft bis heute nicht vollständig abgeräumt worden – nicht zuletzt deshalb, weil größere gesellschaftliche Gruppen nach wie vor versuchen, sich den genannten Dynamiken mit Blick auf die je eigenen Interessenlagen entgegenzustemmen. Damit ist auch der Realitätsanker des Selbstbilds der heutigen Gesellschaft als Mittelschichtsgesellschaft noch nicht komplett gekappt. Dennoch gibt es seit längerem gute Gründe für das Krisengefühl nicht weniger Mittelschichtsangehöriger – auch wenn sozialstatistische Beobachtungen, die sich vor allem auf die Einkommensentwicklungen konzentrieren, immer wieder feststellen, die Mittelschicht sei doch eigentlich »stabiler als gedacht«. 15 Das Krisengefühl nähren nämlich nicht nur absolute oder relative tatsächliche oder befürchtete Einkommensverluste, sondern es rührt vielleicht sogar noch stärker daher, dass man ahnt, mit dem Selbstbild der Mittelschichtsgesellschaft die erfahrene ökonomische, kulturelle und politische gesellschaftliche Realität nicht länger in den Griff zu bekommen.

Zeitdiagnostische Beobachtungsfehler

Bis hierhin haben wir gängige Argumentationslinien, wie sie von Reckwitz prägnant zugespitzt worden sind, nachgezeichnet. Unsere Vermutung, diese Dynamiken könnten darauf hinauslaufen, dass man soziologisch bald oder vielleicht jetzt schon nicht länger von einer Mittelschichtsgesellschaft sprechen kann, hat unseres Wissens so explizit allerdings noch niemand geäußert. Reckwitz jedenfalls sieht die Mittelschichtsgesellschaft zwar in einer Krise, die aber bewältigbar sei – und er weiß auch, wie das geschehen müsste. Mit dieser Diagnose springt er aus unserer Sicht entschieden zu kurz; spätestens hier wird deutlich, dass ein Perspektivwechsel nottut.

In Das Ende der Illusionen macht Reckwitz zwei neue gesellschaftliche Bruchlinien aus. Für ihn gab es im »Golden Age« eine große, zwar differenzierte, aber doch in sich integrierte »Mittelklasse«, die sich seitdem in drei stark separierte »Klassen« zerlegt habe, von denen eine gar nicht mehr zur »Mitte« gehört: »Während die Dynamik der Postindustrialisierung und der Bildungsexpansion die neue aus der alten Mittelklasse nach oben emporhebt, treiben die gleichen Mechanismen von Postindustrialisierung und Bildungsexpansion nach unten eine neue prekäre Klasse aus der alten Mittelklasse heraus.« Die »neue Mittelklasse« stellt bei Reckwitz dann gewissermaßen die Avantgarde gesellschaftlicher Dynamik dar: akademisch gebildet und in zukunftsträchtigen Berufen der Wissensarbeit tätig. Demgegenüber sind die Angehörigen der »prekären Klasse« in der steten Bedrohung, zu »Überflüssigen« zu werden und damit gänzlich abzurutschen; 16 und die »alte Mittelklasse« wird zwar noch gesellschaftlich gebraucht, aber gleichsam als Dienstpersonal der »neuen Mittelklasse«, und zum Teil davon bedroht, in die »prekäre Klasse« abzusteigen. Aus dieser »Drei-Klassen-Gesellschaft«, vor allem aus dem Konflikt zwischen »alter« und »neuer Mittelklasse«, schließt Reckwitz auf die gesellschaftliche Krise der Gegenwart als einem Gegeneinander schließender »Kommunitaristen« und öffnender »Kosmopoliten«, von dem er hofft, dass es sich im nun angesagten »historischen Kompromiss« eines »einbettenden Liberalismus« aufheben wird.

Warum findet diese Deutung sowohl als Diagnose als auch als daraus abgeleiteter Therapievorschlag so viel Anklang im gesellschaftlichen Diskurs, vor allem unter Politikern aller Parteien? Unsere Antwort lautet: Es handelt sich um ein Deutungsangebot, das deshalb attraktiv ist, weil es eine Fehldeutung ist und als solche ein »falsches Bewusstsein« vieler Mittelschichtangehöriger – und vor allem ihrer Sprachrohre im Feuilleton – bedient. Es findet deshalb Anklang, weil Reckwitz trotz aller von ihm ausgemachten Probleme daran festhält, dass wir weiterhin in einer Mittelschichtsgesellschaft leben. Das ist es, was breite gesellschaftliche Kreise heute nach wie vor hören möchten – gerade weil vielen von ihnen insgeheim schwant, dass es ein Ende mit dieser Gesellschaftsform haben könnte, in der sie sich eingerichtet hatten beziehungsweise sich einzurichten gedachten.

Der für die Attraktivität von Reckwitz’ Deutungsangebot ausschlaggebende zeitdiagnostische Beobachtungsfehler wäre somit das Modell einer »Drei-Klassen-Gesellschaft«. Es suggeriert bei aller Konflikthaftigkeit zu viel Ordnung – und damit trotz der unterstellten Konfliktlinien, die aber eben nichtantagonistischer Natur sind, dass bei gutem Willen aller Seiten Einigung auf eine Neuauflage der Mittelschichtsgesellschaft erzielt werden kann. Zentral ist hier seine Charakterisierung der beiden »Mittelklassen«: die »alte« als kulturell »normalistisch« homogenisiert, von einer befürchteten kulturellen »Fremdbestimmung« und ökonomischer Abstiegsangst getrieben und politisch daher auf die Schließung des Nationalstaats, insbesondere seines wohlfahrtsstaatlichen Angebots, vor allem gegen Armuts- und Fluchtmigration setzend; die »neue Mittelklasse« hingegen als kulturell individualistisch und kosmopolitisch, ökonomische Aufstiegschancen in Zukunftsbranchen wahrnehmend oder, insbesondere in den »socio-cultural professions«, mit sicheren Arbeitsplätzen im Staatsdienst, und politisch globale Öffnung und die Förderung von Lebensstildiversität fordernd.

Bei genauerem Hinsehen wird allerdings schnell erkennbar, dass diese Frontstellung zwischen zwei und nur zwei kulturell-ökonomisch-politischen Profilen in den Mittelschichten real in ganz vielen Hinsichten nicht aufgeht. So umfasst die »alte Mittelklasse« bei Reckwitz unter anderem sowohl das Kleinbürgertum der selbständigen Kleinunternehmer als auch Facharbeiter – zwei Gruppen, die sozialpolitisch sehr wenige gemeinsame Interessen haben dürften. Viel mehr Interessendivergenzen als -übereinstimmungen finden sich auch in der »neuen Mittelklasse«, zum Beispiel bei Bankern, Managern und Organisationsberatern auf der einen gegenüber Lehrern, Sozialarbeitern und Krankenhausärzten auf der anderen Seite.

Diese Beispiele deuten nicht nur erhebliche Einkommensdifferenzen und unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse innerhalb ein und derselben »Mittelklasse« an, sondern auch entsprechend differente politische Orientierungen: in der »alten Mittelklasse« teils CDU oder FDP, teils traditionelle Sozialdemokratie, auch bei den Grünen mag der eine oder die andere eine Heimat gefunden haben; in der »neuen« teils FDP, teils Grüne oder »moderne« Sozialdemokratie bei Linkspartei und SPD, und auch die CSU scheint dieses Klientel – Stichwort Laptop und Lederhose – nicht nur von sich zu stoßen. Im schwarz-grünen Baden-Württemberg wird die Gemengelage endgültig unübersichtlich. Wenn man – worauf wir noch zu sprechen kommen – hinzunimmt, dass sowohl in der »alten« als auch in der »neuen« Mittelklasse in kultureller Hinsicht sehr unterschiedliche Modi der Lebensführung, also der biografischen Rahmung von investiver Statusarbeit, vorzufinden sind, die sich keineswegs jeweils eindeutig den genannten Teilgruppen zuordnen lassen, 17 kommt man nicht umhin, eine weitaus größere Heterogenität und Unübersichtlichkeit der ökonomischen Lagen, der kulturellen Modi der Lebensführung sowie der politischen Interessen zu konstatieren, als es Reckwitz mit seinem dualistischen Konstrukt postuliert.

Wenn man nun, wie nicht nur er es tut, die ökonomischen, kulturellen und politischen Dynamiken der zurückliegenden fünfzig Jahre auf zwei »Mittelklassen« in eindeutiger Frontstellung zueinander plus eine »prekäre Klasse« hinauslaufen sieht, dann legt dieser Diagnosefehler einen Therapievorschlag nahe, der sich in der politischen Umsetzung schnell als strukturell unmöglich erwiese. Für Reckwitz sind die geschilderten Dynamiken auf eine gesellschaftliche »Überdynamisierung« hinausgelaufen, womit die notwendig gewordene Kurskorrektur klar ist. Es bedarf eines »einbettenden Liberalismus«, der allerdings nicht einfach die Verhältnisse der 1960er Jahre wiederherstellt: »Die Dynamik der Identitäten und der Märkte, die Dynamik der Globalisierung werden hier nicht eliminiert, sondern in neu zu schaffende Rahmenbedingungen eingebettet.« Es geht also um die politische Re-Regulierung eines aus dem Ruder gelaufenen kulturellen und ökonomischen Liberalismus. Etwas konkreter heißt das etwa, es bedürfe eines »neuen Gesellschaftsvertrags«, der die Menschen nicht länger in Erfolgreiche und Versager unterteilt, sondern »die gesellschaftliche Notwendigkeit gleichermaßen aller Tätigkeiten prinzipiell anerkennt«. Auch die staatliche Bereitstellung vieler Infrastrukturen – nach einer Ökonomisierungs- und Privatisierungspolitik – müsse revitalisiert werden, und angesichts des Ausmaßes kultureller Heterogenität müsse eine »Arbeit an kulturellen Grundwerten und einer von allen geteilten kulturellen Praxis« geleistet werden.

Es ist nicht so, dass Reckwitz sich diese Aufgaben einfach vorstellt – aber dennoch in der entscheidenden Frage, wer denn die Koalition der Träger dieser Re-Regulierung sein könnte, viel zu einfach, wenn er die »Chance« erblickt, dass es einen »aufgeklärten und selbstkritischen Teil« der »neuen Mittelklasse« gibt, mit dem sich »Teile der alten Mittelklasse sowie der prekären Klasse« verbünden könnten. Genauer wird er nicht, und hätte er es versucht, wäre ihm sicher selbst aufgefallen, dass ein solcher »historischer Kompromiss« ein Luftschloss ist. Ganz abgesehen davon, dass Reckwitz hier nur der »neuen Mittelklasse« die Fähigkeit zur Selbstkritik zuspricht, während die anderen beiden Klassen offenbar – drastisch formuliert – so tumb, wie sie sind, genommen werden müssen (ein Angehöriger der »alten Mittelklasse« müsste hier berechtigterweise einwenden: Noch in der Selbstkritik überheblich!). Kann man eigentlich von einem nennenswerten selbstkritischen Segment der »neuen Mittelklasse« ausgehen? Weder beim FDP-Flügel der Banker und schon gar nicht beim Grünen-Flügel der Psychotherapeuten hört man sonderlich zerknirschte Töne.

Der zentrale Einwand gegen Reckwitz’ Therapievorschlag aber lautet: Ein Kompromiss setzt Akteure voraus, die sich ihrer Interessen bewusst sind und diese vertreten können. Wenn es aber die »neue« und die »alte Mittelklasse«, wie erläutert, als handlungsfähige Großgruppen gar nicht gibt, und man dies auch für die »prekäre Klasse« zeigen könnte: Wer soll denn dann wie und worüber mit wem reden? Reckwitz könnte sagen: Es reicht doch, wenn bestimmte Teilgruppen der »neuen Mittelklasse« dieselbe Partei wählen wie Teilgruppen der »alten Mittelklasse« und der »prekären Klasse« – oder eine Parteienkonstellation, die eine mehrheitsfähige Koalitionsregierung bilden kann. Damit wäre aber das Problem nur auf die Ebene parteiinterner oder zwischenparteilicher Strömungen verlagert. Deren Wortführer könnten zwar vielleicht miteinander reden – aber was berechtigt zu der Hoffnung, dass das anders ausgeht als das, was wir inzwischen zur Genüge kennen? Kompromissfähigkeit ist etwas ganz anderes als die Kuhhandel, in denen jede Seite der politischen »Konfliktunternehmer« ihr Lieblingsprojekt durchkriegt, weil es ihnen zähneknirschend um der gemeinsamen Mehrheitsfähigkeit willen von der anderen Seite zugestanden wird, und vice versa. Ein Kompromiss, der mehr als ein Tauschgeschäft wäre, müsste drei Bedingungen erfüllen, die alle als empirisch offene Fragen zu behandeln sind.

Erstens: Sprechen die, die sprechen, überhaupt für diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die sie als legitimierendes Publikum anführen, sind deren Bedürfnisse und Interessen also Thema und nicht nur lästige Randbedingungen des Kräftemessens? Zweitens: Wenn die Sprecher und Sprecherinnen »authentische« Repräsentanten ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe sind: Sind sie willens und in der Lage, über ein bloßes strategisches Kalkulieren der Positionen der Verhandlungspartner hinaus wechselseitige Empathie aufzubringen, so dass »verständigungsorientiertes Verhandeln«, 18 also »arguing« statt »bargaining«, möglich wird? Und drittens: Ist »arguing« erfolgversprechend? Solange eine Seite meint, mit »bargaining« weiter – oder zumindest schneller – voranzukommen, wird sie die Mühen des »arguing« scheuen.

Die Attraktivität von Reckwitz’ Deutungsangebot dürfte nicht zuletzt darin liegen, dass er genau diese Fragen nicht stellt. Er greift das Unbehagen in der sich womöglich überlebt habenden Mittelschichtsgesellschaft auf, setzt an der Selbstwahrnehmung ihrer verschiedenen Teilgruppen an und vermittelt am Ende die Hoffnung, dass man seinen je eigenen Vorstellungen des »guten Lebens« durch einen vernünftigen Kompromiss mit den anderen gesellschaftlichen Gruppen wieder Geltung verschaffen könnte. (Das schließt die »prekäre Klasse« ein, der man eine neue Anwartschaft auf Aufstieg in die Mittelschichten verspricht.) Die Illusion, die am Ende der Illusionen übrigbleibt, ist, dass die Krise der Mittelschichten hausgemacht ist – ein paar Übertreibungen hier, ein paar Übertreibungen dort, und keiner hängt daran – und deswegen auch von ihnen gelöst werden könnte. Wir befürchten, dass wir so leicht nicht davonkommen werden.

Soziologische Aufklärung

Es ist Reckwitz’ unbestreitbares Verdienst, die Frage nach der ökonomischen Verankerung der politischen und kulturellen Konflikte der Gegenwart und deren Rückwirkung auf die gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen als eigentlich interessanten Kern der Debatte um die vielproklamierte Krise der Mittelschichtsgesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt zu haben; und die breite Resonanz seiner Diagnose bestätigt, dass es sich dabei nicht nur um eine Frage für das soziologische Fachpublikum handelt. Wenn aber Reckwitz’ Antworten auf diese Frage ungenügend sind: Wo könnte man nach besseren suchen? Wir meinen, dass man dazu das Selbstbild der Mittelschichtsgesellschaft zunächst empirisch viel grundlegender irritieren muss. Und das bedeutet, die politischen Konfliktlagen, die Vorstellungen des guten Lebens und die divergierenden ökonomischen Interessen, die von dem viel zu einfachen Bild zweier »Mittelklassen« in die Latenz gebannt werden, erst einmal explizit zu machen.

Wir schlagen vor, entlang der drei auch von Reckwitz ausgewiesenen Dimensionen – ökonomische Lage, kulturelle Orientierungen und politische Interessen – zunächst je für sich zu ermitteln, welche Ausprägungen sich finden lassen, um dann Gemengelagen zu erkennen, aus denen sich aktuelle Konflikte speisen. Ein solches Forschungsprogramm kann auf empirische und konzeptionelle Arbeiten zurückgreifen, die in den letzten Jahren – zumeist auf jeweils eine Dimension fokussiert – den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand vermessen haben. Diese dimensionsspezifischen Analysen in einen theoretischen und empirischen Dialog miteinander zu bringen, scheint uns ein vielversprechender Weg der soziologischen Gegenwartsdiagnose zu sein.

In der ökonomischen Dimension gibt es den Vorschlag von Daniel Oesch, feiner aufgeschlüsselte Teilgruppen von Beschäftigten zu unterscheiden: Selbstständige und Unselbstständige, verschiedene Qualifikationsniveaus und die Art der Arbeitslogik (technisch, organisational und interpersonell). 19 Insbesondere letzterer Aspekt verdient Beachtung: Ob jemand als Lehrer eine interpersonelle Dienstleistung verrichtet oder als Computerspezialistin – auf gleichem Qualifikationsniveau und ebenfalls unselbstständig – technische Probleme löst, macht einen Unterschied der Arbeitserfahrungen, der sich in Orientierungen und Interessenlagen niederschlägt. 20 So sind beispielsweise die auf interpersonelle Dienstleistungen ausgerichteten »socio-cultural professions«, die eine Pluralisierung der Lebensstile, Unterstützung der europäischen Integration und Offenheit für Migration mit einer Ausweitung des Sozialstaats kombinieren, eine Kernklientel des linken Flügels der SPD, der Linkspartei und der Grünen. Kernklientel der Mitte-Rechts-Parteien (FDP und CDU /CSU), die einen in Umverteilungsfragen zurückhaltenden Sozialstaat, eine begrenzte Offenheit für die Diversifizierung von Lebensentwürfen und für Migration sowie eine Unterstützung der europäischen Integration vertreten, ist das gehobene Wirtschaftsbürgertum (Unternehmer, Manager). Beides wird bei Reckwitz teilweise als »neue Mittelklasse« in einen Topf geworfen, die tiefgreifenden Interessendivergenzen dieser beiden Gruppen werden also übersehen.

Unsere eigenen Forschung zur Lebensführung der deutschen Mittelschichten haben ergeben, dass sich die grundlegenden kulturellen Rahmungen der Lebensführung, an denen Mittelschichtenangehörige ermessen, was ein »gutes Leben« ausmacht, in drei basalen Typen verdichten lassen, die quer zu Reckwitz’ Gegenüberstellung von »alter« und »neuer Mittelklasse« liegen: die berufsstolzzentrierte Lebensführung, die sich an Anerkennung fachlicher Versiertheit in abgegrenzten Feldern beruflicher Praxis – zum Beispiel als Wissenschaftlerin oder als Handwerker – orientiert; die investive Statusarbeit, die sich an ökonomischem Erfolg in Gestalt von Einkommenssteigerungen und Aufstiegskarrieren orientiert; sowie die gemeinschaftszentrierte Lebensführung, die sich an Anerkennung im sozialen Nahumfeld von Familie, Verwandtschaft, Freundeskreisen, Nachbarschaft, Kollegen, Freizeit- und Eventgemeinschaften ausrichtet. Wir sehen wenige Anzeichen für eine kulturelle oder politische Polarisierung zwischen diesen Modi der Lebensführung. Dennoch machen sie einen Unterschied in Bezug auf die Frage, wie man die eigene ökonomische Lage und die eigenen politischen Interessen einschätzt.

Schließlich zeichnen Untersuchungen, die aktuelle politische Konfliktlinien betrachten, ebenfalls ein komplexes Bild. 21 Wie jemand ökonomische Ungleichheiten, die Diversität von Lebensweisen und Migration einschätzt, hängt nicht sehr stark miteinander zusammen; und bei der Frage nach der Diversität von Lebensweisen ergibt sich kein empirischer Zusammenhang mit ungleichen Lebensverhältnissen, wie man sie aus der Gegenüberstellung von »Kommunitaristen« und »Kosmopoliten« erwarten würde. Angesichts dieses Forschungsstands sind – um keinen Kurzschlüssen aufzusitzen – erst einmal theoriegeleitete Untersuchungen vonnöten, die auf der Grundlage qualitativer Fallstudien helfen würden, besser zu verstehen, wie aus den durch ökonomische Lage und kulturelle Orientierungen präformierten Erfahrungen politische Präferenzen hervorgehen und wie diese an politische Programme anschließen.

Gerade wenn eine Diagnose entlang dieser Forschungsagenda zum Schluss käme, dass man sich von der Mittelschichtsgesellschaft – wie sie von Reckwitz als Analyseschema immer noch hochgehalten wird – verabschieden muss: Den von ihm auf die Tagesordnung gesetzten Anspruch, zur gesellschaftlichen Selbstverständigung über Wege zum »größten Glück der größten Zahl« beizutragen, sollte die soziologische Gegenwartsdiagnose auf keinen Fall aus dem Blick verlieren.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Berlin: Suhrkamp 2019.
  2. Robert Pausch /Bernd Ulrich, Andreas Reckwitz: Was hat er, was alle wollen? In: Zeit vom 12. August 2020.
  3. Interview mit Michael Schlieben vom 2. Mai 2020 in der Zeit.
  4. Sahra Wagenknecht, Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt. Frankfurt: Campus 2021.
  5. Sogar Alexander Gauland von der AfD – um alle im Bundestag vertretenen Parteien zu benennen – legte am 6. Oktober 2018 unter dem Titel Warum muss es Populismus sein? einen Gastbeitrag in der FAZ vor, der – ohne Reckwitz zu nennen – Grundzüge von dessen Diagnose soweit teilt, dass es unwahrscheinlich scheint, Gauland hätte dessen entsprechende Ausführungen nicht zur Kenntnis genommen.
  6. Nils Kumkar /Uwe Schimank, Drei-Klassen-Gesellschaft? Bruch? Konfrontation? Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der »Spätmoderne« sowie Andreas Reckwitz, Auf der Suche nach der neuen Mittelklasse – Replik auf Nils Kumkar und Uwe Schimank. Beides in: Leviathan, Nr. 49/1, 2021.
  7. Andreas Reckwitz, Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist: Velbrück 2006.
  8. Vgl. Siegfried Kracauer, Die Angestellten (1930). Allensbach /Bonn: Verlag für Demoskopie 1959.
  9. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. München: Hanser 1994.
  10. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt: Suhrkamp 1986.
  11. Karl-Martin Bolte /Dieter Kappe /Friedhelm Neidhardt, Soziale Schichtung der Bundesrepublik Deutschland. In: Karl Martin Bolte (Hrsg.), Deutsche Gesellschaft im Wandel. Opladen: Westdeutscher Verlag 1967.
  12. Olaf Groh-Samberg /Steffen Mau /Uwe Schimank, Investieren in den Status: Der voraussetzungsvolle Lebensführungsmodus der Mittelschichten. In: Leviathan, Nr. 42/2, 2014. Uwe Schimank /Steffen Mau /Olaf Groh-Samberg, Statusarbeit unter Druck? Zur Lebensführung der Mittelschichten. Weinheim: Juventa 2014.
  13. Dagmar Hilpert, Wohlfahrtsstaat der Mittelschichten? Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012.
  14. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997.
  15. Judith Niehues, Die Mittelschicht in Deutschland – vielschichtig und stabil. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft 2017.
  16. Heinz Bude /Andreas Willisch (Hrsg.), Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige. Hamburger Edition 2006.
  17. Nils Kumkar /Stefan Holubek-Schaum /Karin Gottschall /Betina Hollstein /Uwe Schimank, Die beharrliche Mitte: Wenn investive Statusarbeit funktioniert. Wiesbaden: Springer VS (im Erscheinen).
  18. Arthur Benz, Kooperative Verwaltung. Funktionen, Voraussetzungen und Folgen. Baden-Baden: Nomos 1994.
  19. Daniel Oesch, Redrawing the Class Map: Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland. London: Palgrave Macmillan 2006.
  20. Daniel Oesch /Line Rennwald, Electoral competition in Europe’s new tripolar political space: Class voting for the left, centre-right and radical right. In: European Journal of Political Research, Nr. 57/4, Januar 2018.
  21. Steffen Mau /Thomas Lux /Fabian Gülzau, Die drei Arenen der neuen Ungleichheitskonflikte. Eine sozialstrukturelle Positionsbestimmung der Einstellungen zu Umverteilung, Migration und sexueller Diversität. In: Berliner Journal für Soziologie, Nr. 30, Dezember 2020.

3 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Man kann kaum Glauben, das dieses Thema noch einmal so eine Bedeutung bekommt.
    Im Prinzip hat Joseph Schumpeter, besser als andere die Dynamik des Kapitalismus beschrieben.
    Jetzt sind eben unter anderen die Medien, sowie die Politik in den Focus der schöpferischen Zerstörung geraten, in den 70 Jahren waren es Werften, Druckereien und die Stahlindustrie.
    Ulrich Beck hat mit seinem Buch „die Risikogesellschaft“ die zunehmende Unsicherheit des Lebens aller nicht Wohlhabenden 1986 vorrausschauend beschrieben.
    Das Buch erschien in einer Zeit, in der ein mitarbeiterstarker Öffentlicher Sektor noch für viele Sicherheit und Schutz bedeute. Das Wissen über die Unsicherheit ist seit 1986 im Wissensraum.
    Gleichzeitig schaffte der Aufschwung der IT Branche, ab diesen Zeitpunkt, neue dynamische Arbeitsplätze, für Vertriebsmitarbeiter, genauso, wie für Computer Nerds.
    Aber Polizisten, Soldaten, Post, Bahn, sowie das öffentliche Gesundheitswesen und Universitäten, genauso wie Schulen wurden immer neuen Spardiktaten oder der Privatisierung unterworfen.
    Der Niedergang der Mittelschicht erlebte 1991 seinen kulturellen Höhepunkt, es erschien der Film City Slacker, der die Nutzlosigkeit erwachsen zu werden darstellte, gefolgt von Nirvana „Smells like Teen Spirit“, mit der klaren Aussage, „wir sind hier, ernährt uns“ und Couplands Darstellung der neuen kalten Bürowelt in Generation X. War die Revolte von 1981 (Kursbuch 65 Der große Bruch – Revolte 81), der Anfang des coolen Jahrzehnts der Yuppies und des anything goes, so war das Jahr 1991, das depressive Ende und für manchen aus der Generation X, kam es wie in den vorgenannten Buch beschrieben.
    Aber im Großen und Ganzen war es so, dass die meisten Westdeutschen noch sorgsam eingepackt im Cocoon des Sozialstaats lebten, bis zur Agenda 2010.
    Nur Menschen die mit Becks Risikogesellschaft und den Verlust der Sicherheit in schöpferisch zerstörten Wirtschaftsbereichen, früh in Berührung gekommen waren, gingen mit größerer Sicherheit durch die Zeitabläufe einer dynamisierten Welt.
    Das Fazit ist, die unendliche Welle der schöpferischen Zerstörung Schumpeters ist in die gesellschaftliche Mitte gekommen und betrifft nicht mehr nur den Paket- und Postboden, den Lokführer und die Mitarbeiter des Handels.

  2. Christoph Strebel sagt:

    Werden alle gesellschaftlichen Schichten angemessen im Politischen Diskurs vertreten? Oder werden einige innerhalb der wählbaren Parteien oberhalb der 5%-Hürde bei den parteiinternen Vorwahlen nicht berücksichtigt?

    1. Reiner Girstl sagt:

      Die Antwort ergibt sich aus dem Steuerrecht und umgekehrt aus der Absicherung von Menschen gegen Risiken des Lebens. Wer in den SGB II fällt wird einer totalen Überwachung unterworfen und unendlichen Offenlegungspflichten. Während die Vermögenssteuer wegen zu großen bürokratischen Aufwand abgeschafft worden ist. Allein das nicht reagieren auf die CUM/EX – Lücke zeigt wessen Interessen im Vordergrund stehen. Amerikanische Soziologen und Politologen finden klare Worte zu dem was ist. Aber geht man nach dem Steuerrecht ist klar wessen Interessen im Bundestag und in der Bundesregierung vertreten werden.

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