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n der Türschwelle zum Badezimmer kann man es zum Beispiel genau sehen: Hier war einmal ein kleines Hindernis, das es für gehbehinderte Personen oder solche, die im Rollstuhl sitzen, schwierig oder unmöglich gemacht hätte, ins Bad zu kommen. Die Blende an der Türschwelle ist dementsprechend abgenommen worden, und der Teil, an dem sie fehlt, ist versiegelt. Neben der Toilette befinden sich zwei große Bügel, die beim Abstützen helfen. In dem einen ist auch der Knopf für die Spülung angebracht. Das kannte ich schon, als ich in die Gastwohnung mit diesem Badezimmer einzog, die mir während eines Forschungsaufenthalts gestellt wird. Die Räume sind sehr groß, und man hat überall viel Platz zum Rangieren, ganz unabhängig von der jeweiligen körperlichen Verfassung, ganz unabhängig davon, ob man Hilfsmittel zum Gehen benutzt oder nicht.

(Dieser Text ist im Januarheft 2022, Merkur # 872 erschienen.)

Gegenüber allen, denen ich von meiner Unterkunft erzählte, erwähnte ich diese Details, und auch, dass ich es an sich sehr begrüßenswert fände, dass es in dem Gebäude eine Wohnung gebe, die rollstuhlgerecht eingerichtet ist. Ich konnte selbstverständlich davon ausgehen, dass dabei jeweils stillschweigend mitgesagt war, dass ich selbst auf diese Ausstattung gar nicht angewiesen bin, ich könnte ebenso gut mit einem Badezimmer zurechtkommen, das für Menschen mit Behinderungen wiederum unbenutzbar wäre.

Mich erinnerten die neuen Räume an eigene Krankenhausaufenthalte oder an Besuche im Pflegeheim. Sie erinnerten mich an meine Angst davor, einen Körper zu haben, der nicht problemlos funktioniert, einen Körper, der in jedem Raum auf Widerstände trifft, die er unter Umständen nicht allein überwinden kann. Dabei könnte dieser mein Körper genauso wie alle anderen in vergleichbarer Situation natürlich nichts dafür, mit welchen Fähigkeiten und welchen Schwächen er ausgestattet wäre, und auch nichts dafür, wie die Räume beschaffen sind, durch die er sich bewegen würde.

Eine eher schlichte Einsicht schien mir auf einmal schwer zu ignorieren, einfach, weil ich ein neues Badezimmer benutzte, das mir fremd war und schwierige Gefühle einflößte: Diejenigen, die unüberwindbare Schwellen, enge Toiletten oder Stufen an allen möglichen Orten einbauen, sind das Problem, nicht der Körper, der nicht mit ihnen klarkommt. Ganz allgemein besteht schwellenloser Zugang zur Welt nur darin, sich diesen Punkt nicht immer wieder vergegenwärtigen zu müssen.

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